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„Hätt´st dir halt ´ne andere Mutter ausgesucht! Wir suchen uns unsere Eltern doch selber aus, hätt´st ja nich mich nehmen müssen!“ Die Frau, die mich mit 17 Jahren zur Welt gebracht hatte, verzog ihr Gesicht zu einem schrägen Grinsen. Ich war 18 und diese Aussage hörte ich nicht zum ersten Mal. Ich wusste, dass sie glaubte, was sie von sich gab. Und ich wusste, mit ihr reden konnte man nicht.

Die ersten 18 Jahre meines Lebens waren … nun, dafür fehlen mir auch heute noch die passenden Worte. Nach meiner Geburt hatte mich meine Mutter so schwer vernachlässigt, dass ich fast gestorben wäre, doch ich wurde gerettet. „Gerettet“ – das ist ein schönes Wort, ein tröstliches. Es feiert das Überleben, das I n-Sicherheit-Sein. Es verleiht die Hoffnung, dass es besser wird, dass die schlimme Zeit vorbei ist. Doch wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, dann sage ich es lieber so: Ich überlebte.

Die zwei Jahre, die folgten, verbrachte ich bei meinen Großeltern – bis meine Großmutter starb. Mein Großvater war überfordert mit den eigenen noch jugendlichen Töchtern und dem dreijährigen Enkelkind – und so kam es, wie es kommen musste: Eines Tages fuhr eine fremde Frau in einer verrosteten roten Ente vor, sprach kurz mit meinem Großvater, verfrachtete mich ohne Erklärung ins Auto und startete den Wagen. Ich weiß noch, wie mein Großvater in der Tür zum einzigen Zuhause stand, das ich kannte, und sich die Hände an seiner Bäckersschürze abwischte, während er mir nachsah und in der Heckscheibe kleiner und kleiner wurde.

Aus der fremden Frau, die meine Mutter war, war in den Jahren, die ich bei meinen Großeltern leben durfte, kein neuer Mensch geworden.
Sie ließ mich meine Kindheit hindurch ganze Tage und Nächte allein. Wenn ich, wie so oft, von einem Albtraum schweißgebadet aufwachte, schrie und weinte, kam Niemand. Nein, „Niemand“ ist nicht falsch geschrieben. Diese Leere, dieser „Niemand“, wurde fast zu Jemand, jemand, der immer da war, wenn meine Mutter es nicht war. Zuerst versuchte ich diesem „Niemand“ zu entgehen, suchte bei Kuscheltieren Trost und Zuwendung und weinte so lange weiter, bis schließlich nichts mehr in mir war – keine Verzweiflung, keine Sehnsucht, keine Hoffnung. Wieder überlebte ich – und lernte, dass Stofftiere eben doch nur Dinge waren, in ihnen kein Leben, keine Wärme, keine Fähigkeit zur Bindung. Ich war allein.
Zu essen bekam ich nur, wenn meine Mutter für sich kochte. Den Rest der Zeit musste ich mich selbst versorgen – auch, wenn das bedeutete, „ihre Sachen zu klauen“, wie sie das nannte. Nachdem sie mich dessen zum ersten Mal beschuldigt hatte, nahm ich nur noch geschnittenes Brot aus der Plastikpackung und einen möglichst kleinen Löffel Gelee aus dem Marmeladenglas, weil ich hoffte, meine Mutter würde die Scheiben nicht zählen und das Glas nicht wiegen. Zur nächtlichen Einsamkeit gesellte sich die Angst, die sich mir tagsüber an die Fersen heftete.
Meine Mutter schlug mich, schrie mich an, benutzte Schimpfwörter statt meines Namens, lachte mich aus. Einmal warf sie einen Topf mit kochendem Essen von der heißen Herdplatte nach mir, ein anderes Mal zerrte sie mich in ihr Zimmer, schubste mich herum und brüllte mich nieder.

Fürs Leben habe ich von meiner Mutter wenig gelernt – fürs Überleben viel. Heute, fast 30 Jahre später, erzähle ich nur noch selten von dem Schlimmen. Ich habe aufgeräumt, habe das Bedürfnis nicht mehr. Und doch war es mir wichtig, hier und heute noch einmal zurückzuschauen in mein Gestern und Vorgestern. Denn an diesem Abend, an dem mir meine Mutter abermals sagte, ich hätte sie mir ja nicht aussuchen müssen, veränderte sich der Lauf der Welt.

Damals lebten wir in einer klitzekleinen Wohnung. Darin konnte ich den Blicken meiner Mutter nicht entgehen, egal wie sehr ich es auch versuchte. Und so wunderte es mich nicht, als ich an diesem Abend auf dem Weg in die Küche plötzlich von meiner Mutter am Arm gepackt wurde. Sie riss mich herum und schrie mich an: „Ich hab dir schon tausendmal gesagt, du sollst meine Sachen in Ruhe lassen!“ Bevor ich wusste, wie mir geschah, schoss eine Hand auf mein Gesicht zu. Und da passierte es: Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich wütend! Diesmal wendete ich meinen Blick nicht ab, ich hielt dem ihren stand! Diesmal fiel ich nicht in mich zusammen, ich richtete mich auf! Eine Kraft, die ich nicht kannte und die doch aus den Tiefen meiner selbst zu kommen schien, schoss hinein in jede Faser, jede Zelle meines Seins. Mir war, als würden sich meine Schutzmauern, die beim Anblick meiner Mutter zu bröckeln begonnen hatten, wieder zusammensetzen, jedes Staubkorn, jedes Steinchen den Weg zurückfinden an seinen ureigensten Platz.
Plötzlich schnellte mein Arm nach oben. Ich bekam das Handgelenk meiner Mutter im Flug zu fassen. Meine Finger umklammerten es, gaben keinen Millimeter nach. Und für den Bruchteil einer Sekunde stand die Erde still.
Ich atmete tief und gleichmäßig, blinzelte nicht. Das linke Augenlid meiner Mutter zuckte, ihre Pupillen weiteten sich. Dann verzerrte sich ihr Gesicht. Sie zitterte.
Ich lockerte meinen Griff, gab ihr Handgelenk frei. Ihr Arm fiel leblos nach unten, baumelte an ihrer Schulter.
Ich hob meine Hand und holte aus. Meine Mutter kniff die Augen zusammen, drehte den Kopf zur Seite, duckte sich. Als nichts geschah, öffnete sie die Augen einen Spalt breit und sah sich um, meine Hand noch immer neben ihrem Gesicht in der Luft. Sie atmete flach.
„Wenn du mich noch einmal schlägst“, sagte ich mit klarer, fester Stimme und betonte dabei jedes Wort, als wäre es ein eigenständiger Satz. „Wenn du mich noch einmal schlägst, schlag ich zurück.“ Meine Mutter schluckte. „Hast du das verstanden?“ Sie nickte.

Woher diese Kraft so plötzlich kam? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber eines wurde mir an diesem Abend glasklar: Meine Mutter konnte ich mir zwar nicht aussuchen, aber die Welt anhalten, das konnte ich! Und sie in neue Bahnen lenken! Und seitdem gehört mein Leben mir!

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Die Tropfen der Traubensaftschorle rannen langsam über ihre Haare in den Nacken, vorne über die Stirn und die Wangen, bis sie ihren Hals erreichten und sich dann ganz vorsichtig am Oberkörper verteilten. Er ließ die 1,5-Liter-PET-Flasche mit einer Ruhe über ihr auslaufen, als hätte er im Detail geplant, wie sie durch diese Handlung mit all seiner tiefen, aufgestauten Verachtung bedeckt werden sollte. Jeder einzelne dieser Tropfen flüsterte ihr ganz leise Botschaften ins Ohr. Auf eine paradoxe Art gleichzeitig sanft und doch vernichtend: „Siehst du, zu welchem Verhalten DU mich gebracht hast mit deiner Widerspenstigkeit?“ „Wenn deine Freunde dich wirklich kennen würden, würde dich keiner mehr mögen“ „Sogar deine Mutter findet, dass du nichts kannst“ „Du Schlampe“ „Du Parasit“ Zwischen diesen sehr laut in ihrem Kopf vernehmbaren Botschaften meldeten sich andere Stimmen zu Wort, die aus einer anderen  Richtung zu kommen schienen: „Noch nicht mal ein Mittagessen kann ich kochen“ „Irgendwie hat er recht. Egal, was ich mache, ich mache dabei Fehler“ „Kein einziges Zimmer ist aufgeräumt – eine absolute Schande für eine Hausfrau und Mutter“
Langsam wurde es ruhiger. Die Tropfen klebten an ihrem Körper und ebenso die damit angekommenen Aussagen. Was genau geschah, als sie dieser unwirklichen und doch fühlbaren Starre des Mit-sich-Geschehen-Lassens wieder entkam, konnte sie nicht mehr sagen. Sie erinnerte sich nicht mehr. Wahrscheinlich war es der Übergang von einer Art Trance –  als würde man sich in einem Traum befinden – hin zu einem Zustand, der dem eines körperlichen Schocks nach einem Autounfall gleicht. Der Körper müsste wehtun und Signale senden, zeigen, was gerade gebrochen oder verletzt wurde, wo eine Wunde blutet und versorgt werden müsste. Aber der Körper fühlt einfach nicht. Gar nichts. Und so auch nach diesem Moment das Innere. „Nichts“ ist das beste Wort, um zu beschreiben, wie es sich anfühlt. Es mussten weder Rettungswagen noch Notarzt geholt werden. Es hatte einen ja niemand geschlagen oder getreten. Es gab keine blauen Flecken oder gebrochenen Rippen. Andererseits… dass etwas gebrochen war, fühlte sie. Sie konnte es nur nicht benennen. Sie konnte rein gar nichts mehr benennen. Wie sie einschlief und am nächsten Morgen wieder aufstand, die Kinder für den Kindergarten fertig machte, Mittagessen kochte, das nur allzu oft als „Fraß“ bezeichnet wurde, weiß sie nicht mehr. Auch, ob es noch Monate oder Jahre der Beleidigungen, des Schreiens waren, kann sie im Nachhinein nicht sagen. Auch nicht, wie sie das eine Jahr – war es vor oder nach der „Traubensaftschorle“ – überlebte, in dem die Verachtung eine Stufe weiter ging. Auch dann noch keine gebrochene Rippen – aber blaue Flecken. Oder eine Ecke, in die sie hinein gestoßen wurde und aus der sie nur mit Beteuerungen ihrer Schuld wieder herauskam. Oder eine zerrissene Jacke, nachdem sie mal wieder angeblich dreist gelogen hatte.
Dann irgendwann der Start in den letzten gemeinsamen Urlaub. Die Kinder freuten sich – der erste bewusste Flug für ihren Sohn Ben. Er war vier Jahre alt in diesem Frühling. Leni kam diesen Sommer in die Schule, einige Monate nach dem Urlaub. Auch wenn alles nach außen hin ruhig wirkte und sie eine normale Familie zu sein schienen, wusste sie doch, dass sie unter strengen Regeln in ihr All-Inclusive-Hotel reisten. Sie hatte vorher mehrmals mit der Gästebetreuung des Hotels geschrieben, damit sichergestellt war, dass sie dort Alternativen zu Milch- und Glutenprodukten hatten. Fleisch und Fisch würden sie sowieso meiden. Nein, sie hatten keine Unverträglichkeiten, sondern der Vater der Kinder hatte durch sorgfältige Recherche herausgefunden, was wirklich gut für sie alle war. Widerspruch war dabei natürlich nicht geduldet. Wie sie –  angekommen im Normalo-5-Sterne-Pauschaltouristen-Paradies – herausfinden durfte, waren auch ein großer Teil der gluten- und milchfreien Speisen tabu. „Mama, dürfen wir das essen?“ „Da musst du den Papa fragen.“ Sie „genossen“ also, was ihnen erlaubt wurde.
Dass sie Lenis Schulanfang als getrenntes Paar erleben würden, war Traum und Albtraum in einem. Er sagte, er sei verzweifelt, er könne nicht mehr mit einer Frau wie ihr zusammenleben, und dass diese Familie wegen ihr zerbrach. Und konstatierte ihr mehrere psychische Störungen, bezahlte ihr Beratungs-Sitzungen bei einem selbsternannten – mit ihm gut befreundeten – „Hobby“-Psychologen. Aber ER ging in diesem Sommer. Er GING. Es war wieder eine Zeit des Fast-nicht-Fühlens, der vorangegangenen weiteren verbalen Zerstörung ihres Ichs, ihrer Berechtigung und ihrer Fähigkeiten als Mutter. Und des Zerbrechens einer Familie, die sie unbedingt als Familie mit vier Personen behalten wollte. Wollte, dass sie aufwachte aus dem bösen Traum und auf einmal alles heile und schön und einfach so NORMAL wäre; wie bei den „anderen“. Und doch fing sie auch an zu spüren, dass ein Funken Hoffnung in der Luft lag. Sie fing vielleicht überhaupt wieder an zu fühlen. Weil Fühlen wieder Sinn machte. Eine Freundin schenkte ihr den aus Holz ausgesägten Begriff „Mut“, der bis heute in ihrer Küche steht. Damit konnte sie in der ersten Zeit nicht viel anfangen. Sie fand, sie war nicht mutig, nur eine, die überleben wollte. Frei und alleine mit ihren Kindern zusammen sein wollte. Irgendwie wollte, dass irgendetwas besser wurde. Es war dieses Wieder-Anfangen-zu-fühlen, was sie Schritt für Schritt immer lebendiger machte. Wieder fühlen zu WOLLEN, weil fühlen sich eben jetzt wieder lohnte. Manchmal fragte sie sich, wenn sie ihre selbstbewussten und durch die Trennung selbständig gewordenen Kinder beobachte: Was ist es, was du ihnen überhaupt geben kannst? Ist das nicht alles Fake? Haben sie nicht alles, was sie können, von ihrem Papa? Dann kommen wieder die Stimmen, die mit der Traubensaftschorle in ihren Körper eindrangen: „Wer bist du denn überhaupt?“ „Sogar deine Mutter denkt, dass man dir helfen muss. Du schaffst auch wirklich gar nichts alleine.“

„Mama, darf ich mit der Anna backen?“ Leni, jetzt schon 11 Jahre alt, reißt mich aus meinem Flashback in die  Vergangenheit. „Ja, klar könnt ihr backen. Räumt nur danach alles wieder in die Spüle“ Denke mir dabei: Was auch immer das Ergebnis ist, es ist gut – manchmal ein grandioses Kunstwerk kreativer Backkunst, manchmal ist es einfach für die Tonne, wie die Kinder lachend selbst schon hin und wieder feststellten. Das ist egal. Alles ist erlaubt. Wir sind frei. Ich realisiere, dass ich aufgewacht bin. Dass es „sie“ nicht mehr so richtig gibt. „Ich“ habe weitergelebt, weitergefühlt, war die ganze Zeit wirklich und im realen Leben Bezugsperson für meine Kinder – trotz allem.
Vielleicht ist er dieser Spruch am Ende doch wahr: Das Mutigste, was ich je getan habe, war weiterzuleben, obwohl ich sterben wollte.

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Es schneit. Sanft segeln die winzigen Flocken durch die kalte Luft, werden hin und her geworfen und immer wieder aufgewirbelt, bis sie schließlich auf dem feuchten Boden auftreffen, wo sie ihren letzten Atemzug hauchen, bevor sie mit der Asche Ihresgleichen zu einem dünnen Wasserfilm zusammenschmelzen.

Wie wir, denkt er. Ob sie wohl Angst haben?

Ein hartes Ruckeln lässt ihn die Frage vergessen, als der Lkw durch ein Schlagloch brettert.

„Au! Können die nicht vorsichtiger fahren, Mann?“

Das ist der Glatzkopf mit den schwieligen Händen.

„Ich glaube kaum, dass es sie kümmert, wenn wir hier grün und blau geschüttelt werden.“

Der sarkastische Kommentar kommt von dem Jungen ganz hinten, der immer noch seine Mütze umklammert hält.

Von vorne ist ein Schluchzen zu hören: „Ich will nach Hause! Ich will doch nur wieder nach Hause…“

Konrad wendet sich wieder dem Schlitz in der Plane zu. Das Spiel des Schnees zu betrachten beruhigt ihn auf bizarre Weise. Weil er weiß, dass Oskar dasselbe getan hätte. Und wohin sie auch fahren, er kann nur hoffen, dass er Oskar nie wieder sieht. Denn das würde bedeuten, dass sie ihn auch haben, und allein der Gedanke daran bringt ihn beinahe um den Verstand. Sein Oskar in der Hand dieser…

Schneeflocken. Schnee und Oskar und die Stille.

Eine einsame Träne rollt seine Wange hinunter und tropft in den Staub.

„Schwuchtel, he?“

Der Uniformierte mit dem gehässigen Grinsen greift in einen Korb und drückt Konrad ein blau-weiß gestreiftes Bündel an die nackte Brust. Seine Kleidung musste er im Lkw lassen, nur die Unterhose durfte er behalten.

„Da rein und anziehen. Und dass du mir bloß deine Finger bei dir behältst, du ekelhaftes Schwein!“

Unwillkürlich zuckt Konrad zusammen. Dann folgt er dem ausgestreckten Arm des Mannes durch eine Tür in einen Raum, in dem die restlichen Jungen und Männer bereits fertig angezogen sind. Zitternd steigt er in die gestreifte Hose und zieht sich dann das dünne, schlabbrige Hemd über den Kopf, auf dessen linker Brust ein rosa Dreieck aufgestickt ist, gleich neben einer sechsstelligen Nummer.

„Scheiße, bist du etwa schwul???“

Der Mann neben ihm weicht ein Stück zurück und hält schützend seine Arme vor sich, als befürchte er, Konrad könne ihn anstecken.

„Das ist echt eklig, Mann! Du bist widerwärtig. Halt dich bloß fern von mir!“

Konrad fühlt sich, als hätte man ihm in den Bauch geboxt. Sein Mund steht offen, doch es kommt kein Ton heraus.

Was habe ich ihm nur getan? Wie kann er denn…?

„Lass ihn bloß in Ruhe!“, braust eine piepsige Stimme neben Konrad plötzlich auf. „Ja, ich meine dich!“

Da steht doch tatsächlich ein kleiner Junge – höchstens zwölf oder dreizehn – in einer riesigen gestreiften Leinenhose und bietet einem erwachsenen Mann die Stirn.

„So wie ich das sehe, sind wir hier alle gleichermaßen die Gelackmeierten. Also halt dich zurück mit deinen blöden Sprüchen!“

Konrad ist schon wieder sprachlos. Der Junge erinnert ihn an Oskar. Oskar weiß auch immer, was man wann sagen sollte.

Fast als wäre er sein Sohn. Unser Sohn.

Eine Glocke läutet, und die Hintertür wird geöffnet.

„D..danke“, stammelt Konrad, während die anderen Männer nach draußen strömen.

„Nicht der Rede wert“, sagt der Junge, während er sein Hemd überstreift. Konrad schluckt. Auf dem Stoff prangt ein rosafarbenes Dreieck.

Deshalb also.

Mit großen Augen und geröteten Backen streckt der Junge ihm die Hand hin.

„Ich bin Toddi.“

Liebes Tagebuch…

Schrecklich. Es ist schrecklich. Harte Arbeit, schlechtes Essen und schlaflose Nächte, zusammengepfercht in winzigen Baracken. Ich muss die Hände über der Decke halten, sonst schellt es eine. Die anderen Häftlinge meiden mich, keiner möchte neben mir schlafen. Außer Toddi natürlich. Der Knirps hat es noch schwerer. Ich übernehme seine Arbeit, wenn ich es kann. Auch wenn ich dafür Prügel einstecke. Gestern haben sie ihn gezwungen sich vor allen auszuziehen, und dann haben sie ihn windelweich geprügelt, weil er um etwas Wasser gebeten hat. Ich dachte, das war es nun, aber der Kleine ist zäh. Wer weiß, vielleicht schafft er es ja irgendwann hier heraus. Solange er nur seinen Mut nicht verliert.

Liebes Tagebuch…

Ich muss immerzu an Oskar denken. Er fehlt mir. Und mit jeder Wagenladung, die eintrifft, steigt meine Angst, er könnte unter den Neuankömmlingen sein. Ich würde alles dafür geben, jetzt bei ihm zu sein. Sein Gesicht zu sehen, seine Stimme zu hören. Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Ich liebe dich, Oskar.

Liebes Tagebuch…

Toddi ist fort. Gestern war er noch da und heute Morgen…

Er ist nicht der Einzige. Viele wurden weggeschafft. Einige versuchen sich einzureden, sie wären noch am Leben. Aber ich weiß es besser. Jetzt wird es nicht mehr lange dauern, bis ich auch dran bin. Ich habe Angst. Oh Oskar, ich habe so schreckliche Angst. Aber ich werde das hier durchstehen. Für dich und mich, und für Toddi. Möge er in Frieden ruhen.

Toddi und Konrad sind nur zwei von tausenden Homosexuellen, die während dieser Zeit dem blinden Hass zum Opfer fielen. Wir wurden diskriminiert und verachtet, und viel zu viele haben ihr Leben gegeben für einen Kampf, den wir nie austragen wollten. Doch wir haben gewonnen, und heute steht der „Rosa Winkel“ nicht länger für unsere Schande, sondern für unseren Stolz. Denn wir sind stärker als die Scham und die Schläge und die Vorurteile. Und wir haben keine Angst mehr. Denn gemeinsam erheben wir uns aus der Asche unserer Helden, und wir stehen das durch – für Konrad und Oskar und Toddi. Und für alle, die nach uns kommen. Wir sind mehr als Schnee.

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Vor dreizehn Tagen hatte ich den Schritt gewagt, meinen Eltern ihren tatsächlichen Sohn zu präsentieren. Mich, wie ich war und in Zukunft leben wollte. Das einstudierte Bündel genormter Erwartungshaltungen hatte ich – aus Angst vor Ablehnung – schon viel zu lange getragen. Nun war es mir zu schwer geworden, und ich hatte damit begonnen, es abzulegen.

Seit diesem Tag fühlte es sich an, als gäbe es in unserem Haus nicht mehr genügend Luft zum Atmen. Oder als würde sie mir nicht länger zugestanden. Meine Eltern und ich, wir saßen im selben Boot, in dieser jämmerlichen Nussschale von Familie. Ich hatte das Rudern übernommen und war dabei über Bord gegangen. Als winkender Nichtschwimmer. Jetzt war es an ihnen, das Steuer zu übernehmen, mich einzusammeln, den Kurs zu korrigieren und das Riff zu umschiffen.

Nie zuvor hatte ich mich so verletzlich gefühlt. Dabei war ich groß, stark; in meiner Klasse eilte mir ein gewisser Ruf voraus, den ich mir durch vereinzelte Schlägereien hart erarbeitet hatte.

Ich ließ meinen Bleistift sinken und blickte auf. Die Atmosphäre im Klassenzimmer hatte sich in den letzten Sekunden merklich verändert. Als sei ein kalter, schneidender Luftzug hindurch gefegt. Das blutüberströmte Vampirmädchen, das ich noch eben in mein Heft gekritzelt hatte, entließ mich aus seinem Bann.

„Echt, du bist lesbisch?“ Das war Ahmad. Ein Macho wie aus dem Lexikon. In seiner Frage schwang Ekel mit. Er schaute in Leylas Richtung, mied aber ihren Blick.

Leyla war vor Kurzem neu in unsere Klasse gekommen, ein toughes Mädchen: zerrissene Jeans, schwarzgefärbte Haare, Nasenpiercing. Ständig trug sie Pullover irgendwelcher Bands, von denen noch nie jemand gehört hatte. Sie war selbstbewusst, ein bisschen wie Super Girl. Bloß sympathischer. Und ja, sie war lesbisch. Für die Aufmerksamen hatte sie daraus von Beginn an kein Geheimnis gemacht. Der kleine regenbogenfarbene Aufkleber auf ihrer Federmappe, ihr Armband: Wie Brotkrümel hatte sie die Botschaft an alle gesendet, die zuhören wollten, ohne dass sie es hatte aussprechen müssen. Für sie gab es auch gar nichts, was unbedingt hätte ausgesprochen werden müssen. Man kommt schließlich auch nicht neu in eine Klasse und outet sich als Hetero.

Ahmad sah das anders und viele standen hinter ihm. Auch die schweigende Masse stand ihm nicht im Weg.

Er versuchte, sich an irgendeine Passage aus dem Koran zu erinnern. Christina, Leylas rechte Sitznachbarin, bediente sich an der Bibel und rückte etwas von ihr ab. Gott sollte ihr keine Komplizenschaft unterstellen können. Zwei Wochen lang hatte sie den Aufkleber vor ihrer Nase gehabt und ignoriert – wie konnte sie diesem Detail plötzlich solche Bedeutung beimessen?

Erst versuchte Leyla noch, sich der Diskussion zu stellen. Dieser Diskussion, die mit jedem weiteren Beitrag den Deckmantel der sensationslüsternen Neugierde abstreifte und zunehmend feindlich wurde. Ein richtiger Mindfuck. Für sie. Und für mich. Dann begann sie zu schluchzen, Stimmen prasselten von allen Seiten auf sie ein. Selbst die größte Stärke ist begrenzt, jeder hat sein Kryptonit.

Ich sah ihr an, dass sie am liebsten aufgestanden wäre und den Raum verlassen hätte. Doch sie blieb sitzen. Wie ich. Ich wollte ihr so gerne helfen. Doch hatte ich bisher noch nie auch nur ein einziges Wort mit ihr gewechselt. Ich war ein stiller Bewunderer, aber kein Beistand.

Sophie, Leylas linke Sitznachbarin, reichte ihr ein Taschentuch und streichelte kurz über ihren Arm.

„Scheiße, und mit der habe ich nach Sport geduscht“, warf Natascha in den Raum, so als hätte Leyla diesen tatsächlich verlassen.

Unser Lehrer stand Leyla zur Seite und übernahm wieder die Gesprächsleitung. Er war ein liberaler Typ, der sich dem täglichen Chaos unserer Klasse meistens mit stoischer Gelassenheit stellte, jedoch wichtige Grenzen aufzeigte und unsinnige überwand. Doch manchmal ist ein Lehrer eben nur Lehrer und seine Worte finden kein Gehör, wie rational oder vernünftig sie auch sein mögen.

Er wandte sich Steven zu, der durch einen weiteren, beinahe geflüsterten Kommentar in seine Schusslinie geraten war.

Ich kannte Steven seit der Grundschule und wir waren so etwas wie beste Freunde. Doch manchmal war er einfach ein riesiges Arschloch und ein noch größerer Idiot. Wie jetzt gerade: „Meinetwegen können die Homos machen, was sie wollen. Solange sie mich nicht anschwulen. Sind ja trotzdem Menschen. Ich mein, ich find das eklig, aber ich bin ja tolerant, ich schlag die nicht gleich oder so. Aber wehe, die kommen mir zu nah …“

Unser Lehrer versuchte, die Stimmung etwas zu entspannen: „Steven, du hast also Angst, dass alle Schwulen auf der Straße über dich herfallen könnten. Wie oft passiert dir das denn bei Mädchen?“

„Hä?“

„Du traust dich ja auch raus, obwohl es da draußen Mädchen geben könnte, die auf dich stehen. Hältst du dich wirklich für so attraktiv, dass du dir darüber Gedanken machen musst?“ Ein paar Lacher, aber keine Entspannung. „In Ordnung, ich versuche es mal anders. Aber bevor du antwortest, überlege dir bitte genau, was du sagst. Stell dir vor, dein bester Freund wäre schwul – Wie könnte er sich dir da anvertrauen? Und meinst du wirklich, das würde etwas daran ändern, dass ihr seit Jahren beste Freunde seid?“

„Ja, dann wäre er ein anderer Mensch und ich würde ihm die Freundschaft kündigen …“

Unser Lehrer schüttelte resigniert den Kopf und versuchte, sein Anliegen durch ein persönliches Beispiel zu verdeutlichen. In seiner Clique gab es zwei Mädchen, die ihre Beziehung selbst vor den engsten Freunden mehrere Jahre geheim gehalten hatten. Als sie den Mut fanden, fanden ihn auch drei weitere, was am Ende den halben Freundeskreis ausmachte.

Nach diesem Beispiel wiederholte unser Lehrer seine Frage. Und Steven wiederholte seine Antwort.

In mir rumorte es, meine Hände zitterten. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Für diese klägliche Nussschale von Familie. Für Leyla, die Tapfere. Für alles, was vernünftig war. Und am meisten … für mich!

Ich stand auf. Und laut, ganz ohne Räuspern sagte ich: „Ich bin übrigens schwul.“

Ich wunderte mich selbst, wie groß ich war. Wie stark ich war. Ich war ein Fels in der Brandung.

Leyla lächelte. Steven errötete.

Die feindseligen Stimmen verstummten.

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Erleichtert atmet sie auf. Seit Monaten das erste Mal wieder allein. Die anderen meinen es nur gut, das weiß sie. Trotzdem ist es belastend, nie seine Ruhe haben zu können und immer wieder die gleiche Frage beantworten zu müssen: „Wie geht es dir?“ Na wie soll es ihr schon gehen? Gut bestimmt nicht. Aber es ging ihr auch schon schlechter.
Ihr Therapeut hat ihr dazu geraten, mal wieder das Haus zu verlassen. Heute ist der erste Tag, an dem sie sich stark genug dazu fühlt. Stark und zuversichtlich.
Als sie aus der Straßenbahn steigt wird ihr bewusst, wie sehr ihr das Treiben in der Stadt gefehlt hat. Überall Menschen die Besorgungen machen, durch die Straßen und Gassen schlendern oder ihre Hunde ausführen. Ein Geschäft reiht sich ans andere, und sie kann sich kaum satt sehen an den vielen verschiedenen Farben, die ihr entgegen leuchten. Die bunten Kleider im Schaufenster, die gelben und orangefarbenen Tulpen vor dem Blumenladen, das strahlende Blau des Himmels mit den weißen Wolkentupfen und die roten Dächer, die in der Sonne glitzern. Kurz bleibt sie stehen, um alles in sich aufzunehmen und um den unverwechselbaren Geruch der Stadt einzuatmen. Es riecht nach einer undefinierbaren Mischung der verschiedensten Essensgerüche, nach dem Wasser des Flusses, der sich durch die Stadt windet, nach sonnenbeschienenem Stein und ein wenig nach Abgasen. Was für eine Wohltat, nach all den sterilen Farben und Gerüchen der letzten Monate.
Sie geht weiter und sieht schon von Weitem ihr Ziel. Eine kleine Bäckerei, in der es die besten Brötchen der Stadt gibt. Während sie auf die Bäckerei zugeht, merkt sie, wie ein nervöses Kribbeln langsam von ihrem Bauch aufsteigt. Sie kann es schaffen.
Im Laden muss sie kurz warten und währenddessen spricht sie sich weiter Mut zu. Der Duft nach frischen Backwaren und die vielen wartenden Menschen machen sie noch nervöser. Dann ist sie an der Reihe. Der Verkäufer fragt freundlich: „Was darf es bei Ihnen sein?“ „Ich…ich…“, die Worte wollen einfach nicht kommen. Erwartungsvoll blickt der Mann sie an. Noch einmal versucht sie es. Doch diesmal kommt gar nichts aus ihrem Mund. Sie spürt nur, wie der Luftstrom, der eigentlich aus ihren Worten bestehen sollte, leer an ihren Lippen vorbei strömt. Röte überzieht ihr Gesicht und sie fängt an zu schwitzen. Hinter ihr reihen sich einige Menschen und es kommen immer weitere hinzu. Der Verkäufer scheint zu erkennen, dass sie Probleme mit der Sprache hat und bedeutet ihr kurz zu warten. Als er im Hinterraum verschwindet, hört sie, wie sich hinter ihr ein mürrisches Gemurmel breit macht. Nur ein paar Sekunden später ist er wieder da und hält ihr Papier und Stift hin. Resigniert schaut sie auf ihren rechten Arm, der nutzlos an ihrer Seite hängt. Sie blickt den Verkäufer an und schüttelt den Kopf. „Was dauert da vorne denn so lang?“ „Geht das nicht schneller?“ Gereizte Stimmen dringen an ihr Ohr. Das Kribbeln hat nun von ihrem ganzen Körper Besitz ergriffen und sie fängt leicht an zu zittern. Sie tritt einige Schritte zur Seite und lässt den Mann hinter sich vor. Der Verkäufer wirft ihr einen entschuldigenden Blick zu und wendet sich seinem neuen Kunden zu. Wenn die Leute in der Schlange weniger werden , wird sie es noch einmal versuchen, spricht sie sich erneut Mut zu und wartet an der Seite. Einige Wartende werfen ihr Blicke zu, denen sie ausweicht. Sie will ihre Ungeduld, ihr Mitleid oder ihre Verachtung nicht sehen. Solche Blicke hat sie in den letzten Monaten viel zu oft auf sich gespürt. Nach einer Weile sieht sie ein, dass die Schlange einfach nicht kürzer wird. Und auch, wenn niemand im Laden wäre, wüsste sie nicht, ob sie ihre Bestellung machen könnte. Mit hängenden Schultern verlässt sie den Laden. Das Treiben der Stadt, das ihr zuvor so herrlich erschienen war, bedrängt sie nun.
Auf der Fahrt nach Hause treten ihr Tränen in die Augen. Was hat sie sich nur dabei gedacht? Die Stärke und Zuversicht vom Morgen sind wie weggewischt. Mutlosigkeit und Angst haben mit ihnen die Plätze getauscht. Was, wenn sie nie wieder zum Bäcker gehen kann? Wird sie für immer auf die Hilfe und das Verständnis anderer angewiesen sein? Wird sie immer als die hilflose Frau gesehen werden, die nicht mehr richtig sprechen kann? Sie lässt den Kopf gegen die Fensterscheibe sinken und starrt nach draußen.
Nach Hause. Verstecken. Verkriechen.
Einige Tage später sitzt sie trübsinnig am Frühstückstisch. Noch immer hat sie sich nicht von dem Rückschlag in der Bäckerei erholt.
Wie jeden Morgen gibt es Vollkornbrötchen. Ihr Mann holt sie morgens beim Bäcker um die Ecke. Nach fünfunddreißig Jahren Ehe weiß er immer noch nicht, dass sie diese nicht mag . Sie starrt auf das Brötchen in ihrer Hand. Innerlich verflucht sie ihr trauriges Schicksal, das sie zwingt, jeden Morgen diese, nach nichts riechenden und nach Pappe schmeckenden Brötchen zu essen. Jeden Morgen. Immer Vollkornbrötchen.
Doch dann wird sie wütend. Sie will nicht Opfer ihrer eigenen Sprachlosigkeit sein. Der verdammte Schlaganfall, der sie vor zwei Jahren heimgesucht hat, beherrscht sie und ihr Leben. Sie will sich nichts von ihm vorschreiben lassen. Nicht mehr. Sie lässt das Brötchen auf den Teller fallen. Dann steht sie auf und nimmt, ohne sich um den verwirrten Blick ihres Mannes zu kümmern, die Einkaufstasche vom Haken. Heute wird sie Laugenbrötchen zum Frühstück essen. Und zwar die von der besten Bäckerei der Stadt.
„Was bekommen Sie?“ Die junge Frau hinter dem Verkaufstresen lächelt sie höflich an. „Ich möchte…“, beginnt sie. Doch das Wort, das sie eben noch wusste, entgleitet ihr. Wieder einmal. Kurz sucht sie danach. Da sie aber merkt, wie sich hinter ihr langsam eine Schlange bildet, zeigt sie einfach in einen der Körbe, der voll mit Backwaren hinter der Frau steht. „Laugenbrötchen?“ Sie nickt erleichtert. „Wie viele möchten Sie?“ „Drei“, presst sie hervor und schüttelt im gleichen Moment den Kopf. „Drei?“ fragt die Verkäuferin nach und erneut schüttelt sie den Kopf. Sie hält ihr ihre linke Hand hin und spreizt die Finger. „Also vier.“ Diesmal nickt sie. Die Frau holt vier Laugenbrötchen aus dem Korb und packt sie in eine Tüte.
Als sie wieder draußen auf der Straße steht, kann sie es kaum glauben. Sie hat es tatsächlich geschafft! Die Brötchen in der Tüte duften verheißungsvoll.

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Es kann natürlich sein, dass diese Geschichte anders ausgegangen ist. Dass die beiden nicht über die Gleise, dann aus der Stadt hinaus, durch Dickicht und schmutzige Straßen immer weiter südlich gelaufen sind, um dann in der Nähe von Rom gemeinsam eine Strandbar zu eröffnen. Kann sein, dass sie ihr Ende schon 1980 in den sanften Schwüngen des Schatt al-Arab, des Grenzflusses zwischen Iran und Irak, gefunden haben, hilflos und alleine. Kann sein, dass sie sich erst Jahre später gegenüberstanden, irgendwo unter glühender Sonne in irgendeiner Wüste, längst vom Hass zerfressen, und vergessen haben, was sie eigentlich wollten. Ich kann’s nicht sagen, denn ich war nicht dabeiund wirklich kennengelernt habe ich die beiden eigentlich auch nicht.

1980 war das Jahr, in dem wir zu viert das erste Mal in die Freiheit aufbrachen. 17 Jahre, Interrail-Ticket in der Tasche, Sommerferien und den Rucksack auf den Schultern. Abenteuer in überfüllten Bummelzügen ohne jeglichen Zeitdruck. Man lernte Leute im Vorübergehen kennen, tauschte sich aus, lachte zusammen. Unser Ziel war Griechenland, für uns lag das eine Ewigkeit entfernt, und die Strecke war voller Orte, die wir nicht kannten. Paris – ich habe Fotos, auf denen meine Freunde auf dem Blechdach der Notre Dame liegen, erschöpft, in der Sonne dösend. Venedig – die erste Dusche am Bahnhof nach vier Tagen und das erste Mal das Blau des Meeres. Von Venedig aus führte die Route nach Jugoslawien, vor uns lag ein Land in Unruhe. Tito war gerade gestorben, der Sozialismus zog seine eigene Barrikade, verschärfte Grenzkontrollen verursachten leichtes Kribbeln im Bauch und Unruhe vor dem, was vor uns lag. Es dämmerte längst, als der Zug Triest erreichte. Der letzte Bahnhof vor der Grenze sorgte für Unruhe, Reisende stiegen aus, beladen mit Koffern und Taschen, um am nahen Meer ihren Urlaub zu verbringen. Wir blieben in unserem Abteil, unser Ziel lag noch in weiter Ferne, also warteten wir darauf, dass es weiterging. Der Bahnhof leerte sich, die Zeit verging, dann auf einmal Rangierarbeiten auf unserem Gleis, hektisches Treiben, welches wir nicht erklären konnten. Der Zug bewegte sich und verschwand. Wir nicht. Wir blieben stehen. Unser Waggon war abgekoppelt und stand verlassen.

Es dauerte nicht lange, und es klopfte an unserer Abteiltür. Großraumwaggons gab es noch nicht, jedes Abteil bestand aus zwei Reihen mit vier sich gegenüberliegenden Sitzplätzen. Eine Schiebetür und Vorhänge zum Gang sorgten für ein wenig Abgeschiedenheit. Zwei arabisch aussehende junge Männer standen davor und fragten, ob es bei uns noch Platz für sie gebe, und ob wir wüssten, was mit diesem Zug passiert sei. Sie setzten sich zu uns und wuchteten ihre Reisetaschen auf die Gepäckablage über ihren Köpfen. Es gab keine peinliche Stille, wie man sie erlebt, wenn Fremde den Raum betreten. Wir waren neugierig, wollten wissen, wie das Leben an anderen Orten der Welt funktioniert. Die beiden waren freundlich und sympathisch, und so kamen wir bald ins Gespräch. Wir erzählten, lachten, waren stolz auf unseren Mut, die Welt zu erkunden. Dann haben wir die beiden nach ihrem Weg gefragt. Die Antwort darauf traf uns unerwartet. Tatsächlich habe ich erst viel später verstanden, wenn ‘verstehen’ ein nicht zu anmaßendes Wort dafür ist.

Sinan (Hieß er Sinan? Der Name würde gut zu ihm passen.) studierte BWL in London. Er war 23 Jahre alt, seine Familie, auf die er sehr stolz war, hatte zusammengelegt, um ihm sein Studium zu ermöglichen. Er hatte eine britische Freundin, die Ellen hieß, und die er schon jetzt vermisste. Geboren war er in Teheran und dorthin war er nun unterwegs. Ihre Reise würde weitere vier Tage dauern, und bis Athen würden wir gemeinsam unterwegs sein. An seiner Seite saß Kaya, er kam aus Paris und studierte Medizin. Er war etwas älter als Sinan, schweigsamer, und er lebte seit zwei Jahren in Frankreich. Sein Vater war Arzt in einem Krankenhaus in Bagdad, und er hatte viele Geschwister. Auf die Frage, wie lange sie schon befreundet seien, erklärten beide, sie wären erst seit Paris gemeinsam auf Reisen. Später begannen sie leise, sich in arabischer Sprache zu unterhalten. Die Nacht war warm, das Abteil stickig, der Bahnsteig öde und verlassen, und so erwarteten wir den Morgen. Das Gespräch der beiden war ernster geworden und riss schließlich ab. Ich sah zu Sinan herüber, der mir schräg gegenüber saß. Er sah sehr bedrückt aus. ‘Everything okay?’, flüsterte ich in das Halbdunkel hinein. Jetzt war es Kaya, der leise zu sprechen begann, der uns erklärte, warum die beiden unterwegs in ihre Heimat waren, und dass es nicht freiwillig geschah. Seine Stimme brach ab, mitten im Satz, er griff nach seiner Tasche und zog ein Schreiben heraus. Sinan tat es im gleich und sie reichten uns die Papiere herüber. Wir hielten zwei offizielle Dokumente in der Hand, Stempel, Unterschriften. Beide waren in arabischer Schrift verfasst. Sie zeigten uns ihre Einberufungsbefehle. Einer trug die iranische Flagge im Briefkopf, der andere kam aus dem Irak.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, eingeschlafen zu sein, ich weiß auch nicht mehr, worüber wir in den letzten Stunden dort in diesem Zugabteil gesprochen haben. Ob ich überhaupt etwas gesagt habe, ob ich in diesem Moment ahnte, was das für die beiden bedeutete. Fakt ist, am nächsten Morgen waren sie nicht mehr da. Der Waggon wurde wieder angekoppelt, ein neuer Zug setzte sich in Bewegung, ohne dass sie darin waren.

Vier Wochen später, am 4. September 1980 begann der erste persische Golfkrieg, in dessen achtjährigem Verlauf über eine halbe Million Menschen starben. Irak und Iran standen sich erbittert gegenüber. Es folgte der zweite Golfkrieg und unzählige Scharmützel mit vielen weiteren Toten, nicht nur in der arabischen Welt.

Wenn ich heute über irgendeinen Krieg nachdenke, kommt mir fast wie ein Reflex diese Begegnung in den Sinn. Sie visualisiert für mich den Anfang dessen, was jeder Auseinandersetzung vorausgeht: Die Entscheidung teilzunehmen. Oder es zu lassen. Worüber haben diese beiden gesprochen auf der Fahrt in ihr ‚Abenteuer’? Wussten sie, was kommen würde? Sie waren sich der Spannungen im Land bewusst. Hatten sie Angst? Ganz bestimmt. Freund und Feind nebeneinander. Man mag sich das nicht vorstellen. Ich nicht. Meine Hoffnung ist, dass dieses Abkoppeln des Waggons für die beiden ein Zeichen war, ein Signal, welches auf einmal ‘Halt’ geschrien hat. Sie umdenken ließ. Ich wünsche mir so sehr, dass wir vier an genau dieser Stelle in ihr Schicksal eingefügt wurden, und unsere Freundschaft eine winzige Rolle spielte, bei der Entscheidung den letzten Rest Bedenken fallen zu lassen. Dass wir ihnen die Tür aufgehalten haben, sie über die Gleise und raus aus der Stadt sind, durchs Dickicht und immer den schmutzigen Straßen entlang, bis nach Rom, wo sie heute in einer Strandbar sitzen und jeden Tag dankbar sind, damals einfach ausgestiegen zu sein.

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Lilo sieht mich und lächelt – das ist der Moment, auf den ich mich jedes Mal freue.

„Hi Patrick.“ Sie kommt zu mir herüber. „Schön, dich zu sehen.“

„Lügnerin.“ Ich zupfe an ihren Haaren. „Neue Frisur?“

„Ja, gefällt sie dir?“ Lilo dreht sich einmal um sich selber.

„Absolut. Das Silber bringt das Blau deiner Augen perfekt zur Geltung.“

Die Lametta-Perücke knistert leise, als sie lacht und dabei den Kopf bewegt. „Weißt du, was das Beste ist?“

„Dass du sie Weihnachten an den Tannenbaum hängen kannst?“

„Quatsch“, sie sieht mich tadelnd an. „Der Besitzer vom Secondhandshop versucht, mir noch eine in Gold zu besorgen.“

„Hervorragend.“ Ich grinse und führe sie zu ihrem Stuhl. „Wenn´s einer tragen kann, dann du.“

„Ganz mein Reden.“ Sie streift ihre Schuhe ab und setzt sich. „Wenn schon Schicksal, dann wenigstens mit Style.“

Chic-sal, sozusagen?“ Zufrieden bemerke ich, dass sich ihr Gesicht aufhellt.

„Exakt.“ Lilo krempelt ihren Ärmel hoch. „In Gold dann sogar Chic-sal de luxe.“

Ich lache und ziehe mir den kleinen Hocker heran. „Sänger hoffen auf die Goldene Platte, du auf die Goldene Matte.“

„Ha, ha“, äfft sie, aber ihre Augen leuchten.

„Ok.“ Ich streiche über ihren Arm. „Kann es losgehen?“

Lilo schluckt, nickt aber.

 

Jetzt kommt der Moment, den ich jedes Mal hasse: Ich ziehe Handschuhe an, desinfiziere die Haut über ihrer Vene und lege den Zugang. Wie immer lässt Lilo das Prozedere wortlos über sich ergehen, aber ich spüre, dass es ihr heute schwerfällt: Sie hat die Augen geschlossen und beißt auf ihrer Unterlippe herum.

„Hey?“ Ich ziehe die Handschuhe aus und zupfe wieder an einem der Lamettafäden. „Was geht dir durch den Kopf?“

„Nichts.“

„Komm schon, Lilo: Raus damit.“

Sie öffnet die Augen und fragt leise: „Meinst du, du könntest heute noch mal den Steward spielen? So wie beim ersten Mal, als ich hier war?“

„Für dich? Immer.“ Ich räuspere mich und sage in bester Flugbegleiter-Manier: „Herzlich Willkommen an Board der Screw-Cancer-Airlines. Da bei einer ambulanten Chemotherapie jederzeit Turbulenzen auftreten können, bleiben Sie bitte so lange auf Ihrem Stuhl sitzen, bis die Infusion vollständig durchgelaufen ist. Die Spuckschale befindet sich zu Ihrer Linken“, ich mache eine entsprechende Handbewegung, „Tee und Bonbons zu Ihrer Rechten. Ich bin jederzeit Ihr Ansprech-, bei Bedarf auch gerne Ihr Anbrechpartner.“

„Danke, Patrick.“ Sie lächelt, aber in ihren Augen schillern jetzt Tränen.

„Was ist los, Lilo?“ Ich greife nach ihrer Hand.

„Meine Freunde tragen sowas zu Karneval oder Uni-Partys.“ Sie reißt die Perücke herunter und streicht über ihren kahlen Kopf. „Dieses Chic-sal ist ätzend. Es ist ungemütlich und kratzt.“

„Ich weiß.“ Mein Herz bricht für diese liebenswerte, junge Frau. „Aber ich weiß noch etwas, Lilo: Kratzen ist immer noch besser als abkratzen. Meinst du nicht auch?“

„Doch.“ Sie seufzt, lächelt dann entschlossen und setzt die Perücke wieder auf.

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Freiheit ist Gerechtigkeit.

„Die Angeklagte wird freigesprochen. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.“
Monas Beine zittern, ihre Finger umklammern die hölzerne Anklagebank, damit sie nicht umfällt. Der Richter erzählt jede Menge über Haustyrannen und Notstand. Juristisches Geschwätz, das sie nicht versteht.
„Herzlichen Glückwunsch, Frau Ruß. Sie sind jetzt frei.“
Die Worte von Herrn Spieker, ihrem Verteidiger, klingen mitleidig. Mona nickt mechanisch. Frei. Als sie auf ihre Hände schaut, meint sie, das Blut zwischen ihren weiß hervorstehenden Fingerknöcheln noch zu sehen.

Freiheit ist der Mut der Verzweiflung.

Monas Finger umklammern das Heft des Messers.
Ich bringe dich um. Dieses Mal bringe ich dich wirklich um! Seine Worte hallen durch ihren Kopf. Ihr ist schlecht und ihr zugeschwollenes linkes Auge pocht unangenehm.
„Diesmal nicht“, murmelt sie. Er schnarcht und dreht den Kopf zur Seite. Mona schaut ihn fest an und sticht zu. Mehrmals. Das Laken sieht aus, als sei sein billiger Rotwein darauf ausgekippt. Sie erbricht sich zitternd neben das Bett.

Freiheit ist ein Neuanfang.

Presselichter flammen auf. Mörderin. Mörderin. Mörderin. „Verzweifelte Frau tötet nach jahrelanger Misshandlung ihren schlafenden Mann – und wird freigesprochen.“ Der Reporter zitiert den reißerischen Titel, bevor er ihr das Mikrofon unter die Nase hält.
Herr Spieker schiebt sich zwischen Mona und die Presseaasgeier und bringt sie zu einem Nebenausgang.
„Passen Sie auf sich auf“, sagt er. Mona sieht ihm hinterher und hat keine Ahnung, wohin sie gehen soll. Was sie machen soll. Wie sie auf sich aufpassen soll. Sie lächelt, ganz vorsichtig, als sie nach draußen schleicht, und die Sonne über ihrem neuen Leben lacht.

Freiheit ist eine Bürde.

Mona lächelt die Verkäuferin versteinert an.
„Ich möchte nicht neugierig sein, Frau Ruß, aber…“
Mona will die Hände auf die Ohren pressen, um die Worte nicht mehr zu hören. Frau Weiler möchte nicht neugierig sein. Ebenso wenig wie Frau Müller, die Friseurin und Herr Polka, der Metzger oder Janet, die Fitnesstrainerin. Mona sieht die Neugierde in ihren Blicken, den Ekel, die Faszination.

Freiheit ist eine Illusion.

„Du bist Abschaum.“ Tritt. „Ein Niemand.“ Tritt. „Eine billige Hure.“ Tritt. „Ein nutzloses Dreckstück.“
Ted schwenkt die zerbrochene Weinflasche über ihr. Mona kauert in der Ecke.
„Du wirst mich nie los, nie! Außer du verreckst“, lacht er. Fußtritt. Lachen. Fußtritt.
„Aber selbst dafür bist du zu blöd.“ Rettende Schwärze.

Freiheit ist die bittere Pille der Flucht.

Mona verlässt die Party, auf der sie nur ihrer Freundin Silke zuliebe ist. Silke, die fröhlich lacht und ihr ein Sektglas in die Hand drückt.
„Gut, dass du ihn endlich los bist.“
Silke, die ihren so attraktiven Kollegen aus dem Tennisclub vorstellt und dabei zwinkert. „Hab‘ doch mal Spaß.“, „Lach‘ doch mal.“ „Leb‘ doch endlich.“ Als ob das ginge.
Mona ist so wütend, dass der Kokon der Gleichgültigkeit ein bisschen aufbricht. Nicht viel. Aber so weit, dass die kalte Luft, die vom Rhein weht, hineinkriecht und sie ruft.

Freiheit ist die Verlockung des Loslassens.

Mona sitzt auf dem breiten Geländer der großen Rheinbrücke. Das Wasser lockt mit süßem Vergessen. Komm schon. Du willst doch vergessen. Panta rhei. Alles fließt. Fließ fort mit mir. Sei frei. Keine Blicke mehr, keine Fragen.
„Sie sollten da runterkommen, sonst fallen Sie noch.“
Eine alte Frau mit öliger Mütze und tiefen Furchen im Gesicht zerrt an ihrem Ärmel.
„Was geht Sie das an?“, fährt Mona sie an.
„Ich weiß, wer Sie sind.“ Die Frau mustert sie. Ihr Blick ist wissender, als Mona lieb ist.
„Na toll.“ Mona dreht ihr wieder den Rücken zu.
„Glauben Sie, es ist besser, wenn einen niemand kennt?“, fragt die Frau. Ihre Stimme klingt bitter.
„Dann könnte ich wenigstens neu anfangen“, murrt Mona und sieht sie doch wieder an. Ihr Murren ist halbherzig.
„Man kann das Leben nicht zurückspulen und neu bespielen wie eine alte Kassette. Man kann es nur ändern. So wie Sie damals. Machen Sie doch was draus.“
Ihr Blick gleitet suchend über Monas Gesicht. Die kalte Luft vom Wasser lockt nicht mehr, sie lässt Mona frösteln.
„Geben Sie ihm keine Macht mehr“, sagt die Frau. Dann schlurft sie weiter.
Mona rutscht ein Stück zurück, weg vom Wasser. Sie schaut in den Himmel. Die Sterne leuchten hell in der klaren Nacht. Ab und an werden sie von einer Wolke verdeckt. Es kümmert sie nicht. Sie funkeln einfach weiter und warten, bis die Wolke vorbei zieht.

Freiheit ist der Geschmack der Hoffnung.

„Ich habe beschlossen, es noch mal zu versuchen. Das mit dem Leben. Gewinnen hat Ted nicht verdient“, beendet Mona ihre Erzählung in der Gruppe. Jedes Wort hat ihren Schutzkokon ein bisschen mehr zerrissen, und als er am Ende komplett aufbricht, fühlt sie sich nicht nackt. Sie ist erleichtert. So als hätte er sie gar nicht geschützt, sondern ihre Brust eingeschnürt.
„Das erste Mal ist es am schwersten“, meint Lisa, ein Mädchen mit Narbe auf der Wange und leuchtenden Augen, später zu ihr. „Aber dranbleiben lohnt sich. Es kann auch ziemlich gut sein, das mit dem Leben.“
Mona lächelt ganz leicht. So schmeckt also Hoffnung.

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