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Die Bescherung
von Thomas Michael Keller

Es war der 24. Dezember und alles war wie immer. Des Morgens hatte Professor T. mit seinem „kleinen“ Sohn den Christbaum aus der Garage ins Haus geholt und geschmückt, während der „große“ noch geschlafen hatte. Danach die üblichen Anrufe bei der Mutter und den Schwiegereltern in Deutschland; die ganze Familie ging ran, fast zumindest, denn die Frau sprach nicht mit ihren Eltern.

Nach kurzer Mittagspause fing Professor T. an, das Abendessen vorzubereiten. Als die Ente im Ofen war, nahm er seine Söhne, wie jedes Jahr, mit zum Gottesdienst am Spätnachmittag. Beide Buben hatten sich fein gemacht, und es gab keine Scherereien, wie sonst in früheren Jahren. Kein Gequengel über die Teilnahmepflicht oder die zu tragende Kleidung, keine Diskussion, dass der ganze Glaube sowieso Unsinn sei. Denn in der Glaubensvermittlung war Professor T., ohnehin weitgehend auf sich allein gestellt, krachend gescheitert, Kirche am Heiligen Abend hin oder her. Dennoch war der Kirchgang eine heilige Pflicht, ohne den ein Heiliger Abend in seinem Haus nicht stattfinden konnte. Das wussten seine Buben offenbar inzwischen und hatten sich damit abgefunden.

Aufgrund der Corona-Pandemie war die Messe wesentlich kürzer als sonst. Das Krippenspiel war abgesagt, und es war nur etwa ein Viertel der gewöhnlichen Anzahl an Besuchern da. Jede zweite Bank war gesperrt, um den Mindestabstand wahren zu können. Dieses Arrangement wurde sowohl dazu genutzt, die Kollekte einzusammeln, indem Helfer mit Körben durch die leeren Reihen gingen, als auch dazu, die Kommunion zu verteilen: der Pfarrer und die Helfer traten einfach vor jeden hin.

Professor T. und seine Buben nahmen teil und beteten ordnungsgemäß. Danach tuschelten die zwei ein bisschen, doch als Professor T. sie sanft ermahnte, waren sie sofort still. Auch das einfacher als in früheren Jahren, stellte er zufrieden fest.

Zu Hause ging alles planmäßig weiter. Die Ente briet zu Ende und wurde schließlich serviert, zusammen mit köstlichem Gemüse und erlesenem Nachtisch. Anschließend verschwanden die Buben pflichtgemäß in einem der Kinderzimmer, um Videos zu schauen, während die Frau die zahllosen Geschenke um den Weihnachtsbaum herum verteilte und Professor T. das Räuchermännchen am Ofen versorgte, die Wellensittiche vor dem Rauch in Sicherheit brachte und die Kerzen am Adventskranz und der Weihnachtspyramide ansteckte.

Dann ließ seine Frau das Glöckchen klingeln, die Kinder kamen -langsamer als früher – aus dem Zimmer; das alljährliche Familienfoto mit Stativ und Selbstauslöser wurde gemacht, im vierten Anlauf klappte es. Die Kinder spielten auf ihren Instrumenten im Duett ein österreichisches Weihnachtslied und die Frau filmte das seltene Ereignis.

Es folgte das Familiensingen mit der Frau (nicht-singend) am Klavier. Allerdings hatte Professor T. hierbei nie strenge Disziplin durchgesetzt, und entsprechend hörte es sich an. Niemand außer ihm war textsicher, der Große rollte sich am Boden herum, der Kleine lungerte auf dem Sofa, und nur selten war hie und da etwas von ihren Stimmen zu vernehmen. Anschließend war es endlich so weit: die eigentliche Bescherung konnte beginnen!

Es ging reihum. Professor T. und seine Frau schenkten einander seit Jahren nur Kleinigkeiten. Und sie hatten den Geschenkstress auch für die Kinder stets minimiert. Die Brüder mussten sich gegenseitig oder den Eltern nie etwas schenken. Sie durften aber natürlich und machten davon hauptsächlich Gebrauch, wenn sie in der Schule zum Basteln angeleitet wurden. Umso überraschter war Professor T., dass der Kleine ein Geschenk für ihn und auch eines für seine Frau hatte. Es war je ein kleines selbstgemachtes Origami-Tier. Welche Freude!

Der Große dagegen tat sich mit Geschenken schon immer etwas schwer, schenkte allgemein uninteressierter und oft anscheinend nur, weil er seinem jüngeren Bruder nicht zu weit nachstehen wollte. Als er etwas später an diesem Abend dann aber auch ein Geschenk für Professor T. ankündigte, war dieser überrascht.

„Guck mal auf den Adventsteller. Das, was nicht dort hingehört, ist es. Eigentlich ganz leicht zu finden!“ Professor T. musste trotzdem einen Moment den prallgefüllten Teller mit den Augen absuchen, bis er ganz oben auf dem Plätzchenhaufen ein rundes Plättchen entdeckte.

Professor T. zeigte darauf: „Das da?“, und als er ein Nicken als Antwort bekam, nahm er es in die linke Hand.

„Was ist das denn?“ fragte er. „Ein Kartoffelchip?“ Es schien essbar zu sein und fühlte sich ein wenig hart an der Oberfläche an.

„Nein!“

Plötzlich dämmerte es ihm. Konnte das sein? „Die Hostie?“, fragte Professor T. unsicher.

Da lachte sein Sohn und rief: „Ja, eine geweihte Hostie, eine echte geweihte Hostie. Das war heute eine einmalige Gelegenheit, die mitzunehmen.“

Professor T. merkte, wie ein banges Gefühl der Beklemmung in ihm aufstieg, wie ihn Entsetzen befiel. „Willst du sie jetzt noch haben?“, fragte er und als der Sohn verneinte, aß Professor T. sie spontan selbst.

„Ist doch nur ein Stück Teig“, sagte der Große noch, aber Professor T. versank still auf dem Sofa, während nun der Kleine mit schiefem Lächeln anfing, den Vater zu hänseln.

„Hat dir dein Geschenk gefallen, eine geweihte Hostie?“, fragte er mehrfach, nur von seinem eigenen Gekichere unterbrochen, bis Professor T. aufbrauste. „Was bist du denn für ein Dummkopf geworden, dass du nichts anderes mehr hervorbringst als Kokolores?“

Der Kleine maulte dann etwas von Weihnachten feiern sei so nicht schön, und Professor T. feuerte zurück, wenn er sich anständig benähme, könnte es vielleicht schön sein.

Dann schwieg Professor T. Seine Frau spielte mit einem zweidimensionalen Rubiks-Puzzle herum und starrte auf den Boden, der Kleine hockte beleidigt im Sessel, der Große schwieg; niemand schaute den anderen an. Hätten sie eine Wanduhr gehabt, wäre das Ticken jetzt laut vernehmbar gewesen.

Was war geschehen? War dies ein bösartiger oder nur unbedachter Akt gewesen? Und wieso überhaupt erschütterte ihn diese Sache so sehr?

Das Schweigen dauerte eine gute halbe Stunde, bis Professor T. mit heiserer Stimme sagte: „Wollen wir weitermachen?“ und seine Frau das nächste Geschenk auspackte. Sie brachten die Bescherung hinter sich.

Als alle anderen zu Bett gingen, fuhr Professor T. noch wie jedes Jahr zur Mitternachtsmesse.

Am nächsten Tag hatte Professor T. Migräne bis drei Uhr, machte dann allein einen Weihnachtsspaziergang im Ort.

Erst am Abend hatte Professor T. sich langsam erholt, und sie spielten alle vier ein paar Gesellschaftsspiele und schauten einen Film.

Später ermahnte Professor T. seine Söhne gelegentlich und mehr im Spaß, ihm nicht wieder eine Hostie zu schenken, doch ansonsten war das Thema vom Tisch. Die Wucht aber, mit der ihn der Vorfall an jenem Abend niedergeschmettert hatte, würde er niemals ganz verstehen.

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