4.7
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Geistreich
von Katja Kobusch

„Sag mal, bist du von allen guten Geistern verlassen, Theo?“ Mein kleiner Bruder stand vor mir, mit dreckverschmiertem Gesicht und blutenden Knien. Er sah aus wie ein Häufchen Elend, aber ich war zu aufgebracht, um ihn zu trösten. „Wie bist du auf die bescheuerte Idee gekommen, in den Kohlenkeller der Richters zu klettern?“ Mein Puls raste. „Dir hätte da unten sonst was passieren können.“

„Quatsch.“ Theo schob trotzig das Kinn vor. „Da ist es nicht gefährlich, Tom.“

„Ach ja?“ Ich deutete auf seine Knie. „Ich hätte dich echt für schlauer gehalten.“

„Ich bin schlau“, schrie er. Seine Lippe fing an zu zittern, dann schlug er die Hände vors Gesicht und schluchzte auf.

„Nicht auch das noch.“ Ich blies die Wangen auf. „Du hast mich heute echt schon genug Nerven gekostet.“

Als Frau Richter Theo rübergebracht hatte, war Vera sofort gegangen. Sie hatte ein schlechtes Gewissen gehabt, weil wir zu beschäftigt damit gewesen waren, uns gegenseitig schöne Augen zu machen, statt eins auf ihn zu haben. Verdammt, wer hätte auch damit rechnen können, dass er gleich so einen Mist anstellte?

Theo weinte jetzt so bitterlich, dass sein kleiner Körper bebte. Ich war immer noch wütend, gab mir aber einen Ruck. „Komm schon her.“

Er schmiss sich in meine Arme. Manchmal vergaß ich, dass er so viel jünger war als ich. Die Stelle, an der sein Kopf an meiner Schulter lag, wurde langsam nass. Ich hoffte, dass es nur Tränen waren und kein Schnodder.

Es dauerte eine Weile, bis sein Schluchzen abebbte und er sich von mir löste. Sein Gesicht war jetzt nicht mehr nur schmutzig, sondern auch aufgequollen.

„Also, Freundchen?“ Ich musterte ihn streng. „Was wolltest du da unten?“

„Geister fangen“, sagte er bockig.

„Geister fangen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ehrlich, Theo. Das entgeistert mich.“

„Wie meinst du das?“ Die Tränen hatten Spuren durch den Ruß auf seinen Wangen gezogen. „Frau Richter sagt, dass es in ihrem Keller spukt. Kannst du ruhig glauben, Tom.“

„Aha.“ Ich zupfte Spinnweben aus seinen Haaren. „War dafür die Gabel gedacht, die du aus der Küche gemopst hast? Wolltest du damit die Geister aufspießen?“

Ich hatte ihn hopsnehmen wollen, aber er nickte. „Meinen Kescher habe ich nicht gefunden.“

„Verstehe.“ Obwohl ich immer noch verstimmt war, musste ich mir ein Lächeln verkneifen. „Und, hast du einen gefangen, bevor Frau Richter dich erwischt hat?“

„Nö.“ Er zog geräuschvoll die Nase hoch und seufzte frustriert. „Es gab da nur Kohle, Spinnen und jede Menge Kellerasseln.“

„Hmm.“ Da mein T-Shirt ohnehin versaut war, wischte ich mit dem Saum über seine Wangen. „Dann bist du wohl von allen Geistern verlassen. Nicht nur von den guten.“

„Ja“, er zuckte mit den schmalen Schultern, „stimmt.“

Theo wirkte so niedergeschlagen, dass ich langsam Mitleid bekam. „Was hältst du davon, wenn wir dich jetzt erstmal waschen und deine Knie verarzten? Sonst bin ich bald ein Geist, wenn Mama dich so sieht.“ Ich hob ihn hoch. „Es ist nämlich so, kleiner Mann: Du machst den Mist, aber ich kriege den Ärger.“

„Mist?“ Er funkelte mich mit seinen riesigen Augen an, die in dem dreckverschmierten Gesicht noch blauer wirkten. „Ich habe doch keinen Mist gemacht, Tom. Ich …“, seine Stimme schnappte fast über, „ich wollte dir helfen.“

„Mir helfen?“ Ich setzte ihn wieder ab und schob ihn eine Armlänge von mir weg. „Das wird ja immer schöner. Wie um alles in der Welt soll es mir helfen, wenn du in einen verfluchten Kohlenkeller kletterst?“

„Na, mit Vera.“

Ich spürte, wie neuer Zorn in mir aufstieg. „Wolltest du mir mit der Aktion einen Gefallen tun, indem du Mama beweist, dass sie sich besser einen anderen Babysitter sucht, oder was?“

„Nein“, Theo klang verwirrt, „wieso?“

„Na, damit ich mehr Zeit für Vera habe.“

„Nee.“ Neue Tränen stiegen ihm in die Augen. „Das wäre ja voll doof. Ich mag es, wenn du auf mich aufpasst. Du nicht?“

„Doch.“ Ich bereute meine Worte. „Doch, natürlich!“ Theo war die falsche Adresse für meine Wut. Wenn ich besser auf ihn aufgepasst hätte, wäre er gar nicht erst in diesen dämlichen Keller geklettert. Das Mindeste war, dass ich herausfand, wieso ich anscheinend sogar der Grund dafür war.

„Also?“, ich legte ihm die Hände auf die Schultern, „wie genau wolltest du mir helfen?“

„Ich wollte Geister fangen, damit Vera dich immer noch mag.“

„Was hat das eine denn mit dem anderen zu tun, Theo?“ Langsam bekam ich Kopfschmerzen.

„Man, Tom.“ Er sah mich an, als wäre all das nicht nur streng logisch, sondern auch ein riesiges Fiasko. „Also, vorhin …“, er kratzte sich an der Nase und wischte dabei noch mehr Schmutz von seinen Händen ins Gesicht, „vorhin hat Vera doch gesagt, dass sie nur auf geistreiche Jungs steht. Darum wollte ich welche für dich fangen.“

Für einige Herzschläge starrte ich ihn an, dann lachte ich leise und zog Theo fest in meine Arme. Meine Wut verglomm wie eine Flamme, die man ausblies. Jetzt, wo ich seine Seite der Geschichte kannte, schämte ich mich fast ein bisschen dafür, so hart zu ihm gewesen zu sein.

„Weißt du was, Theo?“ Ich stupste ihm auf die Nase. „Du gehst mir manchmal zwar gewaltig auf den Geist, aber ich bin trotzdem begeistert, einen kleinen Bruder wie dich zu haben.“

Sein Gesicht hellte sich auf. „Du, Tom?“

„Hmm?“

„Meinst du, es reicht Vera, wenn du nur einen Geist hast?“

„Vermutlich. Warum?“

„Ganz einfach.“ Er wirkte plötzlich erleichtert und sehr zufrieden. „Du hast doch mich.“

„Stimmt.“ Ich grinste und griff nach seiner Hand. „Komm, nach der ganzen Aufregung haben wir uns ein Eis verdient. Meinst du nicht auch, mein kleiner Quälgeist?“

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