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Oft hört man (mit Erschrecken) von aussterbenden Völkern und Sprachen. Hier berichte ich nun von dem Idiom eines Völkchens weit abseits vom Amazonas, aber ebenso exotisch wie indigene Spezies der Regenwälder:  Die Sudetendeutschen .

Hier die neue Folge >>>

 

Meine Vorfahren väterlicherseits stammen aus dem Nordböhmischen und benutzten ihr vom sogenannten Hochdeutschen (welches bekanntermaßen auch nur ein Dialekt ist, welcher als Hochsprache definiert wurde) sehr stark abweichendes Idiom noch bis in die Generation meiner Großmutter.
Diese meine Oma Anni legte ihren Dialekt auch nach Vertreibung und nochmaliger Flucht nie wirklich ab. In Gotha hatten meine Großeltern Klinger noch viele Sprecher ihrer Sprache um sich, waren doch viele Verwandte, Geschäftspartner und auch Arbeiter aus der Heimat dorthin nachgezogen. Nach Heppenheim übergesiedelt  war es hingegen für Anni anfangs noch sehr mühsam sich sprachlich zurechtzufinden. Meine Großmutter erzählte mir, als ich klein war, regelmäßig und immer wiederkehrend Geschichten aus ihrer Heimat, und so konnten wir diesen Dialekt alsbald verstehen, und selbst heute benutzen wir Begriffe aus Omas Welt immer noch gern.
Der Sudetendeutsche Dialekt aus der Rumburger Gegend ist geprägt durch ein rollendes – nein grummeldendes R, vielleicht vergleichbar mit dem Englisch texanischer Prägung. Auch werden wie im Bayrischen Vokale willkürlich vertauscht. In der nachfolgen, beispielhaften Aufzählung wird der Leser auch österreichische Wörter finden; kein Wunder, war doch die Gegend lange Zeit Teil der k.und k. Monarchie. Keinerlei Verwandtschaft oder wenigstens Anklänge hat der Dialekt mit dem Sächsischen, obwohl das Heimatdorf meiner Großeltern Alt-Ehrenberg – gerufen „Arrmerrch“ – lediglich 5 km von der sächsischen Grenze und 40 km Luftlinie von Dresden entfernt liegt.

Wischehoder = Scheuerlappen
Hebebehmel = Kran
Borschtewiesch = Besen
Dudelhubel = feiner Gemüsehobel
Treibehölzel = Teigroller
Seeger = Wanduhr
Pootschen = Hausschuhe, Füße
Zieche = Bettbezug
Hietroobraadl = Tablett (Hintragbrett)
Aaräppelmauke = Kartoffelbrei
S Fraas kriegen = verrückt werden
Dr Pummer = Kurzmantel für Herren
Ribisel = Johannisbeeren
Paradeiser = Tomate
Uffduslich = Brotbelag
Schiesepinkel = Gehrock
Dolgern = trödeln
Gapse = Tasche
Brieslich = Schnittlauch
S bleedert = es ist windig
Schmeeten = Sahne, Rahm

Einige Redewendungen haben sich mir eingeprägt, so

„Ock nee jechen!“ – nur mal langsam!

Gottanrufungen  kamen bei Oma Anni häufig vor:

„Oh Jerum doche!“, welches „Mein Gott!“ bedeutet. Ein „Jessas Maaarria!“ (mit der Betonung auf der ersten Silbe von Maria) begleitete ein Missgeschick, und selbst der wohlbekannte heilige Mann wurde verfremdet: „Jessas, Maaria und Jasef!“.

Philosophische Wahrheiten konnte Anni in ihrer Sprache trefflich ausdrücken:

„S kimmt alles am Rande rim!“. Abgeleitet offensichtlich vom Umrühren der Suppe: Alles wiederholt sich ….

Liebe Besucher des Blog, liebe Freunde des sudetendeutschen Dialekts,

kürzlich erreichte mich ein Hilferuf aus New York. Man hat dort einen kleinen Film im Archiv – die Wiedergabe eines sudetendeutschen Puppentheaters aus dem Jahre 1938.
Man wollte den Text verstehen und untertiteln, kam aber nicht so recht weiter.
Dank Herrn Wohlrab von www.egerlaender.de 
Er konnte uns  und den New Yorkern weiterhelfen.

Hot ok Dank!

Thomas Klinger

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Originalmundart / Egerländer Volkslied

Übersetzung ins Hochdeutsche

Jetzt will ich eines singen

  1. Jetzt will ich eines singen, wie fang ich es an,

sind im Egerland zwölf Mädchen, bekommt keine einen Mann.

Refrain: Mädchen gebt doch Ruhe, Mädchen gebt doch Ruhe,

es bekommt keine einen Mann, Mädchen gebt doch Ruhe es bekommt keine einen Mann.

  1. Die erste ist faul, die zweite hat einen schiefen Mund,

die dritte ist dick und die vierte taugt nichts.

Refrain: Mädchen gebt doch Ruhe, Mädchen gebt doch Ruhe,

es bekommt keine einen Mann, Mädchen gebt doch Ruhe es bekommt keine einen Mann.

  1. Die fünfte hat Hunger, die sechste hat Durst

die siebte möchte ein Brötchen, die achte möchte eine Wurst.

Refrain: Mädchen gebt doch Ruhe, Mädchen gebt doch Ruhe,

es bekommt keine einen Mann, Mädchen  gebt doch Ruhe es bekommt keine einen Mann.

  1. Die neunte möchte tanzen, die zehnte steht herum,

die elfte möchte heimgehen, bringt die zwölfte möchte nicht fort.

Refrain: Mädchen gebt doch Ruhe, Mädchen gebt doch Ruhe,

es bekommt keine einen Mann, Mädchen  gebt doch Ruhe es bekommt keine einen Mann.

  1. Zum Tanz sind sie gekommen, haben Stöckelschuhe an,

haben gedacht, sie bekommen Tänzer, derweil schaut sie niemand an.

Refrain: Mädchen gebt doch Ruhe , Mädchen gebt doch Ruhe,

es bekommt keine einen Mann, Mädchen  gebt doch Ruhe es bekommt keine einen Mann.

  1. Und als sie eine Weile stehen, tun die Füße so weh,

sagt die Eine zu der Andern „Wenn du mitgehst, ich geh.

Refrain: Mädchen gebt doch Ruhe, Mädchen gebt doch Ruhe,

es bekommt keine einen Mann, Mädchen  gebt doch Ruhe es bekommt keine einen Mann.

  1. Und als sie Nachhause kommen, sind die Betten aufgedeckt

sie haben gedacht es kommt einen Freier, dabei haben sie einen Dreck.

Refrain: Mädchen gebt doch Ruhe, Mädchen gebt doch Ruhe,

es bekommt keine einen Mann, Mädchen gebt doch Ruhe es bekommt keine einen Mann.

  1. Ich sehe es von meinem Fenster aus, wie hart ihnen geschieht

ich hab mit ihnen Erbarmen, aber hin geh ich nicht.

Refrain: Mädchen gebt doch Ruhe, Mädchen gebt doch Ruhe, es bekommt keine einen Mann, Mädchen gebt doch Ruhe es bekommt keine einen Mann

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