4.3
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Das Gewissen
von Susanna Rasch

„Nein“, schreie ich meinem Spiegelbild im Bad entgegen, „du kannst dein Kind doch nicht einfach entsorgen.“ Dass ich dabei einen alten Sack ausgewachsener Kartoffeln aus dem Keller vor Augen habe, behalte ich lieber für mich. Aber es ist die bittere Wahrheit. Und sie schmerzt. Täglich. Mein Körper bestraft mich mit Gefühlen, als hacke eine Krähe auf meinem Kopf herum und meine Füße fühlen sich an, als nagen Trauben von hungrigen Maden daran.

Ich kann die Nachbarschaft schon hören. ‚Rabenmutter‘, ist sicher der harmloseste Kommentar. Ihre abfälligen Blicke werden verlangen, doch besser mich, die Mutter, wegzusperren.

Dieser Gedanke klopft verlockend oft bei mir an, und zu gern würde ich seinem Ruf folgen. Damit hätte sich mein Problem auf effiziente Weise gelöst. Ich müsste mich nicht mehr nächtelang im Bett herumwälzen und die Dunkelheit durchbohren, in der Hoffnung, dass eine Lösung irgendwo am Horizont aufblitzen würde. Ich müsste den verdammten Wecker nicht mehr anstarren, dessen Dienste seit Jahren so überflüssig sind wie das Zählen von Sandkörnern am Strand. Mein persönliches Wecker-Kind hat seine innere Uhr auf halb drei programmiert und macht weder am Wochenende noch an Feiertagen eine Ausnahme.

Wie eine Furie stürme ich nach dem ersten Weckschrei in sein Zimmer und brülle meinen eigenen Schlafmangel nieder: „Du verdammtes Kind, es ist mitten in der Nacht. Halt einfach die Klappe und schlaf.“ Genauso schnell fege ich wieder hinaus und schlage die Tür hinter mir zu, als könnte ich damit seine immer lauter werdenden Schreie von mir abschirmen.

Zurück in meinem Bett, höre ich sein bitteres Weinen, aber es interessiert mich nicht mehr. Ich ziehe die Bettdecke bis über beide Ohren und summe irgendwelche Melodien, um es zu übertönen.

Gegen vier Uhr gebe ich gewöhnlich auf. Schlürfe zurück in sein Zimmer und hole ihn aus dem Bett. Hastig schlingt er seine Ärmchen um meinen Bauch und zwei verquollene Augen schauen mich ängstlich und mitleidsvoll an, als wollte er sich für sein Verhalten entschuldigen. Die Zeiten, als ich ihn beruhigend in den Arm nahm und mir selbst versicherte, dass alles gut wird, sind schon lange vorbei.

„Es hilft nichts. Wir müssen eine Lösung finden“, erkläre ich ihm resigniert, obwohl ich weiß, dass er die Bedeutung meiner Worte nicht erfassen kann.

„Mama.“ Mit bibbernder Unterlippe versucht er, sein Schluchzen zu unterdrücken.

Ich schaue ihn wie durch ein Schaufenster hindurch an und empfinde nichts mehr. Ich spüre meine eigene Kälte, die wie ein Fels in der Brandung unbeeindruckt das Meer um sich herum tosen lässt.

„Entweder wird man dich mit Medikamenten vollpumpen oder du kommst in ein Heim“, spreche ich die zwei zur Verfügung stehenden Lösungsmöglichkeiten aus.

Obwohl er elf Jahre alt ist, tappt er in seinem Bärchen-Schlafanzug ins Wohnzimmer, holt sich sein Lieblingsbilderbuch und krabbelt im Schlafzimmer unter meine Decke. Ich lasse mich neben ihm nieder und schalte das Licht aus. Das mag er nicht. Da hat er Angst. Ich höre in der Dunkelheit, wie er tapfer versucht, seine Tränen hinunterzuschlucken, was nicht lange gut geht. Dann schreit er und haut mich.

‚Sich zeitlich und räumlich vom Streitgegenstand trennen‘, war ein schlauer Satz, den ich irgendwo gelesen habe. Ich sehe die Lösung genau vor mir.

Zeitlich: Am besten sofort. Räumlich: Er geht ins Wohnheim.

Meine inneren Stimmen werden aktiviert, und bevor sie lospoltern können, wehre ich ab. „Also bitte, ihr habt es gesehen, schon wieder Schreien und Hauen“, halte ich ihnen triumphierend vor und hoffe, sie damit endlich von der Notwendigkeit des Wohnheims zu überzeugen.

Mit meinem Kind kann ich die Sache nicht ausdiskutieren, deswegen führe ich seit Jahren das innere Streitgespräch, das wie eine alte Dampflok gut eingelaufen ist. Ich vertrete vehement meinen Standpunkt, aber mein inneres Team, die Opposition, ist grundsätzlich dagegen.

„Kannst du dich danach überhaupt noch selbst im Spiegel anschauen?“, fragt ein Teil meines Gewissens mit einem abfälligen Schulterzucken und angeekeltem Gesichtsausdruck.

„Er ist doch noch viel zu klein“, ist das Dauer-Mantra einer anderen frommen Stimme in mir, die sich anhört, als warte sie nur noch auf die Heiligsprechung.

„Was werden wohl die Nachbarn dazu sagen?“, fragt die Moral unverblümt und Augen rollend, während sie ihren Zigarettenrauch freisetzt und an einer Tasse Espresso nippt.

Ich ringe um Beherrschung und setze mit zusammengepressten Lippen dagegen: „Es ist mein Leben und meine Entscheidung.“

„Wie kann man nur so ein Egoist sein?“, wirft mir eine vorbeirauschende Stimme mit rotem Lippenstift und wehendem Halstuch zu.

„Dann kümmert ihr euch doch und schlaft keine Nacht mehr durch“, trotze ich.

„Jetzt werde nicht gleich so theatralisch“, raunt mir die untersetzte Dame mit dem Sonnenhut und dem Eis in der Hand zu, was mein Gewissen wieder antippt.

Stundenlang liege ich weiter nächtelang wach und diskutiere, ob mir als Mutter das Recht zusteht, mein Kind abzugeben. Auch wenn es mir das Herz bricht und ich mich vor mir selbst in Grund und Boden schäme. Mein eigenes Fleisch und Blut weggeben, damit ich selbst wieder durchschlafen kann und ein Stück Leben zurückbekomme, statt vierundzwanzig Stunden einen „besonderen“ Menschen zu betreuen?

„Wer wollte denn Kinder?“, tadelt mich die sonore Stimme des Metzgers meines Vertrauens, als er gerade im Schlafanzug mit dem Beil den Kragen einer Gans abtrennt.

Diese nie enden wollenden Debatten zerfressen mich innerlich Stück für Stück.

 

„Ja, du darfst dein Kind in ein Wohnheim geben und bist eine fürsorgliche Mutter.“ Liebevoll kann ich ein Jahr später diesen Satz mir gegenüber nun aussprechen. Ich fühle mich nicht mehr schlecht, seit ich diese Entscheidung getroffen habe und sie akzeptiere. Selbst meine inneren Stimmen kommunizieren freundlicher mit mir.

„Wir können ihn ja an den Wochenenden wieder besuchen“, haben sie in Plauderlaune bei Kaffee und Kuchen vorgeschlagen, als hätten sie es ja schon immer für eine gute Lösung gehalten.

Wir haben unseren Streit beigelegt. Bleiben aber in Resonanz, ob es sich weiter gut und richtig anfühlt.

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