„Hätt´st dir halt ´ne andere Mutter ausgesucht! Wir suchen uns unsere Eltern doch selber aus, hätt´st ja nich mich nehmen müssen!“ Die Frau, die mich mit 17 Jahren zur Welt gebracht hatte, verzog ihr Gesicht zu einem schrägen Grinsen. Ich war 18 und diese Aussage hörte ich nicht zum ersten Mal. Ich wusste, dass sie glaubte, was sie von sich gab. Und ich wusste, mit ihr reden konnte man nicht.

Die ersten 18 Jahre meines Lebens waren … nun, dafür fehlen mir auch heute noch die passenden Worte. Nach meiner Geburt hatte mich meine Mutter so schwer vernachlässigt, dass ich fast gestorben wäre, doch ich wurde gerettet. „Gerettet“ – das ist ein schönes Wort, ein tröstliches. Es feiert das Überleben, das I n-Sicherheit-Sein. Es verleiht die Hoffnung, dass es besser wird, dass die schlimme Zeit vorbei ist. Doch wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, dann sage ich es lieber so: Ich überlebte.

Die zwei Jahre, die folgten, verbrachte ich bei meinen Großeltern – bis meine Großmutter starb. Mein Großvater war überfordert mit den eigenen noch jugendlichen Töchtern und dem dreijährigen Enkelkind – und so kam es, wie es kommen musste: Eines Tages fuhr eine fremde Frau in einer verrosteten roten Ente vor, sprach kurz mit meinem Großvater, verfrachtete mich ohne Erklärung ins Auto und startete den Wagen. Ich weiß noch, wie mein Großvater in der Tür zum einzigen Zuhause stand, das ich kannte, und sich die Hände an seiner Bäckersschürze abwischte, während er mir nachsah und in der Heckscheibe kleiner und kleiner wurde.

Aus der fremden Frau, die meine Mutter war, war in den Jahren, die ich bei meinen Großeltern leben durfte, kein neuer Mensch geworden.
Sie ließ mich meine Kindheit hindurch ganze Tage und Nächte allein. Wenn ich, wie so oft, von einem Albtraum schweißgebadet aufwachte, schrie und weinte, kam Niemand. Nein, „Niemand“ ist nicht falsch geschrieben. Diese Leere, dieser „Niemand“, wurde fast zu Jemand, jemand, der immer da war, wenn meine Mutter es nicht war. Zuerst versuchte ich diesem „Niemand“ zu entgehen, suchte bei Kuscheltieren Trost und Zuwendung und weinte so lange weiter, bis schließlich nichts mehr in mir war – keine Verzweiflung, keine Sehnsucht, keine Hoffnung. Wieder überlebte ich – und lernte, dass Stofftiere eben doch nur Dinge waren, in ihnen kein Leben, keine Wärme, keine Fähigkeit zur Bindung. Ich war allein.
Zu essen bekam ich nur, wenn meine Mutter für sich kochte. Den Rest der Zeit musste ich mich selbst versorgen – auch, wenn das bedeutete, „ihre Sachen zu klauen“, wie sie das nannte. Nachdem sie mich dessen zum ersten Mal beschuldigt hatte, nahm ich nur noch geschnittenes Brot aus der Plastikpackung und einen möglichst kleinen Löffel Gelee aus dem Marmeladenglas, weil ich hoffte, meine Mutter würde die Scheiben nicht zählen und das Glas nicht wiegen. Zur nächtlichen Einsamkeit gesellte sich die Angst, die sich mir tagsüber an die Fersen heftete.
Meine Mutter schlug mich, schrie mich an, benutzte Schimpfwörter statt meines Namens, lachte mich aus. Einmal warf sie einen Topf mit kochendem Essen von der heißen Herdplatte nach mir, ein anderes Mal zerrte sie mich in ihr Zimmer, schubste mich herum und brüllte mich nieder.

Fürs Leben habe ich von meiner Mutter wenig gelernt – fürs Überleben viel. Heute, fast 30 Jahre später, erzähle ich nur noch selten von dem Schlimmen. Ich habe aufgeräumt, habe das Bedürfnis nicht mehr. Und doch war es mir wichtig, hier und heute noch einmal zurückzuschauen in mein Gestern und Vorgestern. Denn an diesem Abend, an dem mir meine Mutter abermals sagte, ich hätte sie mir ja nicht aussuchen müssen, veränderte sich der Lauf der Welt.

Damals lebten wir in einer klitzekleinen Wohnung. Darin konnte ich den Blicken meiner Mutter nicht entgehen, egal wie sehr ich es auch versuchte. Und so wunderte es mich nicht, als ich an diesem Abend auf dem Weg in die Küche plötzlich von meiner Mutter am Arm gepackt wurde. Sie riss mich herum und schrie mich an: „Ich hab dir schon tausendmal gesagt, du sollst meine Sachen in Ruhe lassen!“ Bevor ich wusste, wie mir geschah, schoss eine Hand auf mein Gesicht zu. Und da passierte es: Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich wütend! Diesmal wendete ich meinen Blick nicht ab, ich hielt dem ihren stand! Diesmal fiel ich nicht in mich zusammen, ich richtete mich auf! Eine Kraft, die ich nicht kannte und die doch aus den Tiefen meiner selbst zu kommen schien, schoss hinein in jede Faser, jede Zelle meines Seins. Mir war, als würden sich meine Schutzmauern, die beim Anblick meiner Mutter zu bröckeln begonnen hatten, wieder zusammensetzen, jedes Staubkorn, jedes Steinchen den Weg zurückfinden an seinen ureigensten Platz.
Plötzlich schnellte mein Arm nach oben. Ich bekam das Handgelenk meiner Mutter im Flug zu fassen. Meine Finger umklammerten es, gaben keinen Millimeter nach. Und für den Bruchteil einer Sekunde stand die Erde still.
Ich atmete tief und gleichmäßig, blinzelte nicht. Das linke Augenlid meiner Mutter zuckte, ihre Pupillen weiteten sich. Dann verzerrte sich ihr Gesicht. Sie zitterte.
Ich lockerte meinen Griff, gab ihr Handgelenk frei. Ihr Arm fiel leblos nach unten, baumelte an ihrer Schulter.
Ich hob meine Hand und holte aus. Meine Mutter kniff die Augen zusammen, drehte den Kopf zur Seite, duckte sich. Als nichts geschah, öffnete sie die Augen einen Spalt breit und sah sich um, meine Hand noch immer neben ihrem Gesicht in der Luft. Sie atmete flach.
„Wenn du mich noch einmal schlägst“, sagte ich mit klarer, fester Stimme und betonte dabei jedes Wort, als wäre es ein eigenständiger Satz. „Wenn du mich noch einmal schlägst, schlag ich zurück.“ Meine Mutter schluckte. „Hast du das verstanden?“ Sie nickte.

Woher diese Kraft so plötzlich kam? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber eines wurde mir an diesem Abend glasklar: Meine Mutter konnte ich mir zwar nicht aussuchen, aber die Welt anhalten, das konnte ich! Und sie in neue Bahnen lenken! Und seitdem gehört mein Leben mir!

Erleichtert atmet sie auf. Seit Monaten das erste Mal wieder allein. Die anderen meinen es nur gut, das weiß sie. Trotzdem ist es belastend, nie seine Ruhe haben zu können und immer wieder die gleiche Frage beantworten zu müssen: „Wie geht es dir?“ Na wie soll es ihr schon gehen? Gut bestimmt nicht. Aber es ging ihr auch schon schlechter.
Ihr Therapeut hat ihr dazu geraten, mal wieder das Haus zu verlassen. Heute ist der erste Tag, an dem sie sich stark genug dazu fühlt. Stark und zuversichtlich.
Als sie aus der Straßenbahn steigt wird ihr bewusst, wie sehr ihr das Treiben in der Stadt gefehlt hat. Überall Menschen die Besorgungen machen, durch die Straßen und Gassen schlendern oder ihre Hunde ausführen. Ein Geschäft reiht sich ans andere, und sie kann sich kaum satt sehen an den vielen verschiedenen Farben, die ihr entgegen leuchten. Die bunten Kleider im Schaufenster, die gelben und orangefarbenen Tulpen vor dem Blumenladen, das strahlende Blau des Himmels mit den weißen Wolkentupfen und die roten Dächer, die in der Sonne glitzern. Kurz bleibt sie stehen, um alles in sich aufzunehmen und um den unverwechselbaren Geruch der Stadt einzuatmen. Es riecht nach einer undefinierbaren Mischung der verschiedensten Essensgerüche, nach dem Wasser des Flusses, der sich durch die Stadt windet, nach sonnenbeschienenem Stein und ein wenig nach Abgasen. Was für eine Wohltat, nach all den sterilen Farben und Gerüchen der letzten Monate.
Sie geht weiter und sieht schon von Weitem ihr Ziel. Eine kleine Bäckerei, in der es die besten Brötchen der Stadt gibt. Während sie auf die Bäckerei zugeht, merkt sie, wie ein nervöses Kribbeln langsam von ihrem Bauch aufsteigt. Sie kann es schaffen.
Im Laden muss sie kurz warten und währenddessen spricht sie sich weiter Mut zu. Der Duft nach frischen Backwaren und die vielen wartenden Menschen machen sie noch nervöser. Dann ist sie an der Reihe. Der Verkäufer fragt freundlich: „Was darf es bei Ihnen sein?“ „Ich…ich…“, die Worte wollen einfach nicht kommen. Erwartungsvoll blickt der Mann sie an. Noch einmal versucht sie es. Doch diesmal kommt gar nichts aus ihrem Mund. Sie spürt nur, wie der Luftstrom, der eigentlich aus ihren Worten bestehen sollte, leer an ihren Lippen vorbei strömt. Röte überzieht ihr Gesicht und sie fängt an zu schwitzen. Hinter ihr reihen sich einige Menschen und es kommen immer weitere hinzu. Der Verkäufer scheint zu erkennen, dass sie Probleme mit der Sprache hat und bedeutet ihr kurz zu warten. Als er im Hinterraum verschwindet, hört sie, wie sich hinter ihr ein mürrisches Gemurmel breit macht. Nur ein paar Sekunden später ist er wieder da und hält ihr Papier und Stift hin. Resigniert schaut sie auf ihren rechten Arm, der nutzlos an ihrer Seite hängt. Sie blickt den Verkäufer an und schüttelt den Kopf. „Was dauert da vorne denn so lang?“ „Geht das nicht schneller?“ Gereizte Stimmen dringen an ihr Ohr. Das Kribbeln hat nun von ihrem ganzen Körper Besitz ergriffen und sie fängt leicht an zu zittern. Sie tritt einige Schritte zur Seite und lässt den Mann hinter sich vor. Der Verkäufer wirft ihr einen entschuldigenden Blick zu und wendet sich seinem neuen Kunden zu. Wenn die Leute in der Schlange weniger werden , wird sie es noch einmal versuchen, spricht sie sich erneut Mut zu und wartet an der Seite. Einige Wartende werfen ihr Blicke zu, denen sie ausweicht. Sie will ihre Ungeduld, ihr Mitleid oder ihre Verachtung nicht sehen. Solche Blicke hat sie in den letzten Monaten viel zu oft auf sich gespürt. Nach einer Weile sieht sie ein, dass die Schlange einfach nicht kürzer wird. Und auch, wenn niemand im Laden wäre, wüsste sie nicht, ob sie ihre Bestellung machen könnte. Mit hängenden Schultern verlässt sie den Laden. Das Treiben der Stadt, das ihr zuvor so herrlich erschienen war, bedrängt sie nun.
Auf der Fahrt nach Hause treten ihr Tränen in die Augen. Was hat sie sich nur dabei gedacht? Die Stärke und Zuversicht vom Morgen sind wie weggewischt. Mutlosigkeit und Angst haben mit ihnen die Plätze getauscht. Was, wenn sie nie wieder zum Bäcker gehen kann? Wird sie für immer auf die Hilfe und das Verständnis anderer angewiesen sein? Wird sie immer als die hilflose Frau gesehen werden, die nicht mehr richtig sprechen kann? Sie lässt den Kopf gegen die Fensterscheibe sinken und starrt nach draußen.
Nach Hause. Verstecken. Verkriechen.
Einige Tage später sitzt sie trübsinnig am Frühstückstisch. Noch immer hat sie sich nicht von dem Rückschlag in der Bäckerei erholt.
Wie jeden Morgen gibt es Vollkornbrötchen. Ihr Mann holt sie morgens beim Bäcker um die Ecke. Nach fünfunddreißig Jahren Ehe weiß er immer noch nicht, dass sie diese nicht mag . Sie starrt auf das Brötchen in ihrer Hand. Innerlich verflucht sie ihr trauriges Schicksal, das sie zwingt, jeden Morgen diese, nach nichts riechenden und nach Pappe schmeckenden Brötchen zu essen. Jeden Morgen. Immer Vollkornbrötchen.
Doch dann wird sie wütend. Sie will nicht Opfer ihrer eigenen Sprachlosigkeit sein. Der verdammte Schlaganfall, der sie vor zwei Jahren heimgesucht hat, beherrscht sie und ihr Leben. Sie will sich nichts von ihm vorschreiben lassen. Nicht mehr. Sie lässt das Brötchen auf den Teller fallen. Dann steht sie auf und nimmt, ohne sich um den verwirrten Blick ihres Mannes zu kümmern, die Einkaufstasche vom Haken. Heute wird sie Laugenbrötchen zum Frühstück essen. Und zwar die von der besten Bäckerei der Stadt.
„Was bekommen Sie?“ Die junge Frau hinter dem Verkaufstresen lächelt sie höflich an. „Ich möchte…“, beginnt sie. Doch das Wort, das sie eben noch wusste, entgleitet ihr. Wieder einmal. Kurz sucht sie danach. Da sie aber merkt, wie sich hinter ihr langsam eine Schlange bildet, zeigt sie einfach in einen der Körbe, der voll mit Backwaren hinter der Frau steht. „Laugenbrötchen?“ Sie nickt erleichtert. „Wie viele möchten Sie?“ „Drei“, presst sie hervor und schüttelt im gleichen Moment den Kopf. „Drei?“ fragt die Verkäuferin nach und erneut schüttelt sie den Kopf. Sie hält ihr ihre linke Hand hin und spreizt die Finger. „Also vier.“ Diesmal nickt sie. Die Frau holt vier Laugenbrötchen aus dem Korb und packt sie in eine Tüte.
Als sie wieder draußen auf der Straße steht, kann sie es kaum glauben. Sie hat es tatsächlich geschafft! Die Brötchen in der Tüte duften verheißungsvoll.

Hübsch ist sie, groß und schlank, Modelmaße, die Beine gefühlt endlos. Der Teint ist ebenmäßig, das ganze Jahr über leicht gebräunt. Es ist ihr Erscheinungsbild, das die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht und doch ist es nicht ihr genormter, kommerziell umworbener Typus, der sie unvergesslich macht. Es ist diese ganz besondere, taffe Art, die charakteristische Kreativität, welche ihr eine unverblümte Schlagfertigkeit und Wortgewandtheit ermöglicht. Scheinbar perfekt, unbekümmert und sorglos.

Erst kürzlich hat er seinen Dreiundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Die ganze Dorfgemeinde lobt allgemein seine Sportlichkeit, noch so fit in dem Alter, das finden sie fantastisch! Wie er morgens um acht, direkt nach dem Frühstück, mit dem Elektrobike seine tägliche Runde an der frischen Luft dreht, mindestens fünf Kilometer legt er dabei zurück. Oftmals dehnt er die Fahrt noch in das nächstgelegene Dorf aus, um im Supermarkt Einkäufe zu erledigen. Schon seit Jahren verfolgt er den gleichen Speiseplan. Und donnerstags wird gebacken, Vollkornbrot.

Hier im Ort kennt man sich, man grüßt sich auf der Straße. Sein Haus hat vier Stockwerke und einen Wintergarten. Seit der ersten Knieoperation seiner Frau vor sechs Jahren hält diese sich fast ausschließlich im Erdgeschoss auf. Im Untergeschoss befindet sich eine selbstgezimmerte Sauna. Gerne schwitzt er hier im 15-Minuten-Takt, um anschließend im Kneipbecken des Nebenraumes unterzutauchen. Diesen Vorgang wiederholt er täglich mehrmals, die revitalisierende Wirkung erfreut ihn.

In der Schule war sie stets beliebt, die Ausbildung zur Kindergartenpädagogin förderte die soziale Veranlagung. Sie hatte viele Freundinnen, manche naiv oder faul, doch fast ausschließlich immer gut gelaunt. Oberflächliche Erzählungen in den Pausen als begleitende Routine bis zum Abschluss vor ein paar Jahren. Dieses letzte Zeugnis war ein Erfolg.  Nun, mit ihren vierundzwanzig Jahren, blickt sie mit Stolz, jedoch ohne Wehmut zurück. Den gewünschten Job im auserwählten privaten Kindergarten hat sie bekommen und begeistert die Kinder mit ihrer unerschöpflichen, gut durchdachten Auswahl an Spielen.

Niemand kann ahnen, wie gebrochen sie innerlich einmal gewesen ist. Er war es, der sie gebrochen hatte. Er hatte ihr die Kindheit genommen.

Die Wochenenden, die sie stets bei den Großeltern verbringen sollte, waren dazu prädestiniert, ihren Puls zwei Tage lang vor Angst rasant ansteigen zu lassen. Niemand konnte wissen, dass die Verweigerung, den Großvater bei seiner täglichen Radtour zu begleiten, zur Bestrafung führen würde. Ein Schlag ins Gesicht, der die Wange der damals Fünfjährigen bereits zum Glühen brachte. Das vertraute Gefühl der salzigen Tränen, die in Strömen die Wangen nässten, das eigene durchdringliche Schluchzen, dass er unterband. Die zornigen Worte, die er ihr entgegenschleuderte, die Fragen, warum sie bloß seinen Lebensstil nicht teilte und das darauffolgende Auflachen, mit dem er sein verachtendes Unverständnis für sie ausdrückte.

Niemand konnte ahnen, dass er, als sie sechs Jahre alt war, das erste Mal in der Sauna ihre Beine auseinander gedrückt hatte. Sieh hin, hatte er gesagt, als er sie anfasste. Wie die Angst sie packte. Wie sie den Mund hielt, wie die Verzweiflung die Lippen zusammenschnürte und sie still leiden lies. Er sagte ihr, sie müsse ihn ebenfalls anfassen. Niemand konnte nachvollziehen, dass sie den unerträglichen Zwang verspürte, alles über sich ergehen lassen zu müssen. Weil er beliebt war, weil er ihr Großvater war, weil niemand etwas gesagt hatte. Weil ihre Eltern es befürworteten, wenn er sie mit in die Sauna nach unten nahm, weil sie nichts Unangenehmes daran zu sehen schienen. Monatlich tätigte er Überweisungen auf ihr Konto, variierend je nach Folgsamkeit. Bestrafung und Belohnung.

Es hatte vier Jahre gedauert, bis sie zusammengebrochen war. Bitte, ich will nicht hinfahren. Bitte, Mama.

So brach der Kontakt ab. Die Überweisungen endeten, das Taschengeld sei ja ohnehin hoch genug. Bei darauffolgenden Besuchen, nun höchstens zweimal im Jahr, sperrte er sich im Arbeitszimmer ein. Sie weinte, Unverständnis und Furcht vor der ganzen Welt fanden zu diesem Zeitpunkt den Platz in der Kindesseele.

Oft schreckte sie die darauffolgenden Jahre nachts hoch, die Albträume kamen und gingen.

Es gab auch bessere Phasen. Beziehungen, die tiefer gingen als oberflächliches Gerede, baute sie nur schwer auf. Die Umarmungen der Freundinnen in der Schule ertrug sie, ihren ersten Kuss ließ sie über sich ergehen. Oft zuckte sie vor Berührungen weg, Unverständnis ihrer Mitmenschen führte bei vielen zur Entfremdung.

Die Zeit und der eigene Wille halfen ihr zu lernen, damit umzugehen.

Und so steht sie mit ihren vierundzwanzig Jahren vor ihrer Gruppe im Kindergarten, als David zu einem Mädchen sagt, wenn ich dich nicht nackt sehen darf, sperr ich dich im Klo ein. Als er auf die Kleine zugeht und ihr zwischen die Beine greift. Als diese nicht weiß, was sie sagen soll, sie nur flehend ansieht.

Jedes Kind bekommt nun ein Blatt Papier. Darauf ist der Umriss eines Menschen skizziert. Grün angemalt werden die Bereiche, an denen man berührt werden möchte, rot werden die Zonen markiert, an denen man nicht angefasst werden darf. Die „Tabu-Zonen“. Die „Stopp-Zonen“. Hier darf man das Stopp auch ganz laut rufen, wo man sich doch sonst oftmals so ruhig verhalten soll. Die Kinder dürfen Bilderbücher zum Thema gemeinsam durchblättern.

Der empörte Anruf einer Mutter, warum ihr Kind mit so vielen Fragen heimkäme, unverschämt sei das.

Als ausgebildete Pädagogin weiß sie, auch damit umzugehen. Ihren Einfluss auf die nächste Generation wird sie zweifellos nutzen.

Sie ist meine Heldin, die meiner Kinder und deren Kinder. Sie ist die Heldin des kleinen Mädchens, das sich nicht traut „Stopp“ zu sagen und die des Jungens, der die Tragweite seines unüberlegten Handelns noch nicht begreifen kann.

Freiheit ist Gerechtigkeit.

„Die Angeklagte wird freigesprochen. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.“
Monas Beine zittern, ihre Finger umklammern die hölzerne Anklagebank, damit sie nicht umfällt. Der Richter erzählt jede Menge über Haustyrannen und Notstand. Juristisches Geschwätz, das sie nicht versteht.
„Herzlichen Glückwunsch, Frau Ruß. Sie sind jetzt frei.“
Die Worte von Herrn Spieker, ihrem Verteidiger, klingen mitleidig. Mona nickt mechanisch. Frei. Als sie auf ihre Hände schaut, meint sie, das Blut zwischen ihren weiß hervorstehenden Fingerknöcheln noch zu sehen.

Freiheit ist der Mut der Verzweiflung.

Monas Finger umklammern das Heft des Messers.
Ich bringe dich um. Dieses Mal bringe ich dich wirklich um! Seine Worte hallen durch ihren Kopf. Ihr ist schlecht und ihr zugeschwollenes linkes Auge pocht unangenehm.
„Diesmal nicht“, murmelt sie. Er schnarcht und dreht den Kopf zur Seite. Mona schaut ihn fest an und sticht zu. Mehrmals. Das Laken sieht aus, als sei sein billiger Rotwein darauf ausgekippt. Sie erbricht sich zitternd neben das Bett.

Freiheit ist ein Neuanfang.

Presselichter flammen auf. Mörderin. Mörderin. Mörderin. „Verzweifelte Frau tötet nach jahrelanger Misshandlung ihren schlafenden Mann – und wird freigesprochen.“ Der Reporter zitiert den reißerischen Titel, bevor er ihr das Mikrofon unter die Nase hält.
Herr Spieker schiebt sich zwischen Mona und die Presseaasgeier und bringt sie zu einem Nebenausgang.
„Passen Sie auf sich auf“, sagt er. Mona sieht ihm hinterher und hat keine Ahnung, wohin sie gehen soll. Was sie machen soll. Wie sie auf sich aufpassen soll. Sie lächelt, ganz vorsichtig, als sie nach draußen schleicht, und die Sonne über ihrem neuen Leben lacht.

Freiheit ist eine Bürde.

Mona lächelt die Verkäuferin versteinert an.
„Ich möchte nicht neugierig sein, Frau Ruß, aber…“
Mona will die Hände auf die Ohren pressen, um die Worte nicht mehr zu hören. Frau Weiler möchte nicht neugierig sein. Ebenso wenig wie Frau Müller, die Friseurin und Herr Polka, der Metzger oder Janet, die Fitnesstrainerin. Mona sieht die Neugierde in ihren Blicken, den Ekel, die Faszination.

Freiheit ist eine Illusion.

„Du bist Abschaum.“ Tritt. „Ein Niemand.“ Tritt. „Eine billige Hure.“ Tritt. „Ein nutzloses Dreckstück.“
Ted schwenkt die zerbrochene Weinflasche über ihr. Mona kauert in der Ecke.
„Du wirst mich nie los, nie! Außer du verreckst“, lacht er. Fußtritt. Lachen. Fußtritt.
„Aber selbst dafür bist du zu blöd.“ Rettende Schwärze.

Freiheit ist die bittere Pille der Flucht.

Mona verlässt die Party, auf der sie nur ihrer Freundin Silke zuliebe ist. Silke, die fröhlich lacht und ihr ein Sektglas in die Hand drückt.
„Gut, dass du ihn endlich los bist.“
Silke, die ihren so attraktiven Kollegen aus dem Tennisclub vorstellt und dabei zwinkert. „Hab‘ doch mal Spaß.“, „Lach‘ doch mal.“ „Leb‘ doch endlich.“ Als ob das ginge.
Mona ist so wütend, dass der Kokon der Gleichgültigkeit ein bisschen aufbricht. Nicht viel. Aber so weit, dass die kalte Luft, die vom Rhein weht, hineinkriecht und sie ruft.

Freiheit ist die Verlockung des Loslassens.

Mona sitzt auf dem breiten Geländer der großen Rheinbrücke. Das Wasser lockt mit süßem Vergessen. Komm schon. Du willst doch vergessen. Panta rhei. Alles fließt. Fließ fort mit mir. Sei frei. Keine Blicke mehr, keine Fragen.
„Sie sollten da runterkommen, sonst fallen Sie noch.“
Eine alte Frau mit öliger Mütze und tiefen Furchen im Gesicht zerrt an ihrem Ärmel.
„Was geht Sie das an?“, fährt Mona sie an.
„Ich weiß, wer Sie sind.“ Die Frau mustert sie. Ihr Blick ist wissender, als Mona lieb ist.
„Na toll.“ Mona dreht ihr wieder den Rücken zu.
„Glauben Sie, es ist besser, wenn einen niemand kennt?“, fragt die Frau. Ihre Stimme klingt bitter.
„Dann könnte ich wenigstens neu anfangen“, murrt Mona und sieht sie doch wieder an. Ihr Murren ist halbherzig.
„Man kann das Leben nicht zurückspulen und neu bespielen wie eine alte Kassette. Man kann es nur ändern. So wie Sie damals. Machen Sie doch was draus.“
Ihr Blick gleitet suchend über Monas Gesicht. Die kalte Luft vom Wasser lockt nicht mehr, sie lässt Mona frösteln.
„Geben Sie ihm keine Macht mehr“, sagt die Frau. Dann schlurft sie weiter.
Mona rutscht ein Stück zurück, weg vom Wasser. Sie schaut in den Himmel. Die Sterne leuchten hell in der klaren Nacht. Ab und an werden sie von einer Wolke verdeckt. Es kümmert sie nicht. Sie funkeln einfach weiter und warten, bis die Wolke vorbei zieht.

Freiheit ist der Geschmack der Hoffnung.

„Ich habe beschlossen, es noch mal zu versuchen. Das mit dem Leben. Gewinnen hat Ted nicht verdient“, beendet Mona ihre Erzählung in der Gruppe. Jedes Wort hat ihren Schutzkokon ein bisschen mehr zerrissen, und als er am Ende komplett aufbricht, fühlt sie sich nicht nackt. Sie ist erleichtert. So als hätte er sie gar nicht geschützt, sondern ihre Brust eingeschnürt.
„Das erste Mal ist es am schwersten“, meint Lisa, ein Mädchen mit Narbe auf der Wange und leuchtenden Augen, später zu ihr. „Aber dranbleiben lohnt sich. Es kann auch ziemlich gut sein, das mit dem Leben.“
Mona lächelt ganz leicht. So schmeckt also Hoffnung.

Gestern hatte Ralf seinen Bruder nach Hause geholt. Als er nun, das Tablett in den Händen balancierend, durch den holzvertäfelten Flur schritt, kam ihm das Haus bereits verändert vor. Es war noch immer dunkel, groß und voller Staub. Doch es war Leben zurückgekehrt. Wenn auch nur für kurze Zeit.
Die wehenden Vorhänge begrüßten ihn. Langsam ging er auf die Terrassentür zu, spürte bereits die Wärme, die ihre Finger nach ihm ausstreckte.
Draußen empfingen ihn ein Rauschen und Zwitschern und Zirpen, ein Tanz und ein Reigen und Leben. All diese Farben. Für einen Moment blieb er stehen. Der Himmel. Gebadet in ein tiefes Rosa, ein flüchtiges Lila. Davor die schwingenden Baumwipfel, die Blumenbeete. Die Bienen und Hummeln, die von Blüte zu Blüte hüpften, die einen verträumt summend, die anderen angestrengt brummend.
Gerüche. Der undefinierbare Geruch von Wärme, die Süße der Blumen, der Rauch des Grills vom Nachbarn. Ein Sommerabend. Ein wunderschöner –
„Verdammte Scheiße.“
Ralf erschreckte sich so sehr, dass er beinahe das Tablett fallenließ. Nur mit Mühe gelang es ihm, es mit einem lauten Klirren unsanft auf dem Glastisch abzusetzen, ehe er sich vorwurfsvoll zu dem Liegestuhl umdrehte, auf dem sein Bruder vorgeblich schlief. Doch Karl sah ihn hellwach an, die dunklen Augen bohrten sich feurig und drängend in seine.
„Warum kann ich nicht im Winter sterben? Was soll denn das? Da fühlt man sich doch wirklich verarscht.“
Ralf drehte sich wortlos um und goss seinem Bruder ein Glas Wasser aus der Karaffe ein. Dann setzte er sich neben ihn.
„Versuch es zu genießen. Es gibt nichts schöneres als das hier, meinst du nicht auch?“, murmelte er schließlich.
„Ach hör mir auf damit.“, winkte Karl unwirsch ab. „Da will mich jemand verkackeiern und ich weiß es.“
Ralf schwieg, hatte er doch in den letzten 65 Jahren gelernt, dass man mit seinem Bruder nicht diskutieren musste. 65 Jahre. Das war einiges. Bald würde es niemanden mehr geben, den er so lange kannte.
Da saßen sie nun beide und hingen ihren Gedanken nach. Irgendwann streckte Ralf die Hand zur Seite und streichelte das warme Fell des Collies, der zwischen ihren Stühlen auf seiner weichen Decke lag. Müde hob Balu den Kopf und blinzelte ihn an, ehe er seine Schnauze mit einem lauten Seufzen wieder in eine Falte in seiner Decke steckte. Karl hatte es nicht ausgesprochen, bis heute nicht. Aber Ralf wusste: Das war das schlimmste für ihn. Den Hund im Stich zu lassen, nachdem Balu in seinem ganzen Hundeleben nicht ein einziges Mal von Karls Seite gewichen war. Ralf konnte das nicht von sich behaupten, und er bedauerte es. Aber 65 Jahre waren eine lange Zeit. Menschen machten Fehler, sie lebten sich auseinander, sie empfanden Neid und Eifersucht. Sie hatten Geheimnisse.
Der Himmel wurde dunkler, die Bienen und Hummeln ruhiger. Derweil nahm das Zirpen zu, es schien die Luft zu füllen. Dazu sangen die Vögel.
„Es… gibt einen Grund, warum ich nie geheiratet habe.“
Fast hoffte Ralf, sein Bruder würde schlafen. Er hatte leise gesprochen, absichtlich, damit sein Bruder ihn nicht hörte. Doch als er zu ihm hinübersah, blickte er wieder in Karls dunkle Augen.
„Denkst du noch immer, das wüsste ich nicht?“ War es ein Lächeln, das Karls Lippen umspielte? Genau konnte Ralf es nicht erkennen, dazu war es bereits zu dunkel. Nun folgte ein Hustenanfall seines Bruders, nach dem dieser sich halb aus seinem Stuhl erhoben hatte, um mit den Fingerspitzen nach der Zigarettenpackung zu fischen, die auf dem Tisch lag. Als er sich schließlich Eine zwischen die Lippen geschoben und angezündet hatte, sah er wieder zu seinem Bruder hinüber und lachte keckernd, als er Ralfs missbilligenden Blick sah.
„Du wirst einem sterbenden Mann doch wohl nicht seine einzige Freude verbieten? Wo ich mir nun Schwester Mariannes schwingenden Prachthintern nicht mehr jeden Tag ansehen kann?“
Ralf warf nur die Hände in die Höhe und schwieg. Das war nun wirklich eine Diskussion, die keinen Sinn hatte.
„Aber nun zu dir.“, nahm Karl das Gespräch nach einigen tiefen Zügen wieder auf. „Du warst gerade mitten in deiner Lebensbeichte. Bitte, ich will dir das Vergnügen nicht nehmen.“ Wieder lachte er. Dieses ansteckende, freche Lachen. So hatte er bereits als Knabe gelacht, und so lachte er noch heute.
„Es… es ist nicht so wichtig.“ Der Mut hatte Ralf verlassen. Sie sollten endlich miteinander reden, über alles. Das hatte er sich vorgenommen. Dafür mussten sie die nächsten Wochen nutzen. Doch nicht heute Abend. Bloß nicht.
„Natürlich ist es das.“ Karl trat die Zigarette mit seinem braunen Schlappen auf den Steinen aus. „Erstaunlich, dass ich das überhaupt noch erleben darf.“, er klatschte kurz in die Hände. „Seit so vielen Jahren warte ich darauf, dass du mir erzählst, dass du eine Schwuchtel bist, und nun, wo ich in den letzten röchelnden Zügen liege, willst du einen Rückzieher machen?“
Das Rauschen der Bäume, das Zirpen der Grillen. Und doch nahm Ralf nur vollkommene Stille war. Er war froh über die Dämmerung, froh, weil sein Bruder sein Gesicht nicht richtig sehen konnte.
„Du…“, setzte er schließlich an, aber Karl unterbrach ihn sogleich.
„Mensch. Natürlich habe ich es gewusst. Und ich weiß nicht einmal seit wann. Es war einfach immer da. Aber du kriegst ja das Maul nicht auf. Ein sterbender Mann hat nicht viel Zeit, du Egoist.“ Er lachte. Ralf spürte, wie die Anspannung von ihm abfiel. Ein Kribbeln breitete sich in seinem Nacken aus.
„Ich habe so viel nachgedacht in den letzten Monaten. Warum spricht man denn nicht miteinander? Warum fragt man nicht mehr? Warum vergeht ein ganzes Leben, bis man Dinge ausspricht? Warum muss erst einer von uns sterben? Warum?“ Bei den letzten Worten war Karls Stimme nur noch ein Krächzen. Wieder begann er zu husten, diesmal dauerte der Anfall länger. Danach lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, strich sich fahrig über die Stirn und murmelte schließlich etwas, das verdächtig nach „Verdammte Scheiße“ klang.
„Du… es macht dir nichts aus? Ich meine… es hat dich nie gestört?“ Ralf fiel erst jetzt auf, dass er nervös an dem Bändchen herumzupfte, mit dem das Sitzkissen an seinem Stuhl festgebunden war. Er versuchte es zu unterlassen, fing jedoch Sekunden später von neuem an.
„Hätte ich dich sonst abkommandiert, um mich zu pflegen und mir den Hintern abzuwischen?“ Wieder dieses Lachen. Doch schon bald ging es erneut in den Husten über, den krachenden, hässlichen Husten. Laut und zerstörend und böse. Am Ende dieses Anfalles sagte Karl nichts mehr. Er saß nur dort, den Kopf leicht nach vorn gebeugt. Ralf sah in der Dunkelheit nur seinen Umriss, dennoch spürte er, dass die Kraft seinen Bruder verlassen hatte. Plötzlich und ohne Vorwarnung wurde er von einer Welle der Zuneigung erfasst, wie er sie schon lange nicht mehr empfunden hatte.
„Ich bring euch ins Bett. Na kommt.“ Karl widersprach nicht, als Ralf ihm unter die Arme griff und ihn aufrichtete. Das war ein deutliches Zeichen dafür, wie erschöpft er war. Ralf spürte, wie sein Bruder sich gegen ihn lehnte, als er ihn ins Haus geleitete. Drinnen war es still. Nur Balus Krallen verursachten ein Klackern auf dem Parkett, als er ihnen unaufgefordert folgte.

Ralf blickte auf den Stuhl neben sich. Er war seit dreizehn Tagen leer. Langsam erhob er sich. Das Knacken seiner Knie weckte Balu, der nun ebenfalls aufstand. Zärtlich fuhr Ralf durch das Fell des Hundes, während dieser seinen Kopf an Ralfs Bein rieb. Nach einer Weile gingen sie gemeinsam ins Haus.


Vita

Leander Milbrecht ist 26 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren in Berlin. Er hat an der Freien Universität Germanistik studiert und jobbt derzeit in einer Bar. Die vielfältige Inspiration, die Berlin einem bietet und die Hassliebe, die sie in einem weckt, verarbeitet er in seinen Geschichten.

Das Leben beginnt und ich steh mitten drin
Es ist kalt. Der Wind fährt mir durch alle Glieder. Ich sitze auf einer alten Mauer und betrachte den nebelüberzogenen Wald vor mir. Er sieht unwirklich aus und jagt mir Angst ein. Meine Beine baumeln in der Luft, während ich in meine Jackentasche greife und meinen Tabak hervorziehe. Geschickt drehe ich mir eine Zigarette. Ich muss sie gegen den Wind abschirmen, um sie anzubekommen. Schließlich springe ich von der Mauer. Es ist spät. Die Schule geht weiter. Sehr langsam schlendere ich zurück. Ich hasse dieses Gebäude. Es erstreckt sich vor mir in all seiner Hässlichkeit. Schlammgrüne Wände und versiffte Türen. Ein einziger Betonklotz. Aber was ich noch mehr hasse, sind die Schüler. Seit drei Wochen bin ich jetzt hier. Drei Wochen zu lang. Ich werde gemobbt. Ich hätte nicht gedacht, dass mir so etwas mal passiert. Eigentlich bin ich nämlich jemand, der mobbt. Eigentlich bin ich der Böse. Und die ganze Scheiße tut mir leid. Wirklich. Man versteht wohl immer erst später, was man da überhaupt angerichtet hat. Ich schmeiße meinen Zigarettenstummel auf den Boden und trete ihn aus, bevor ich mir meine Kapuze tief ins Gesicht ziehe. Als ob das was bringen würde. Ich mache es trotzdem, weil es mir ein Gefühl der Sicherheit gibt. Es ist ja nicht so, dass ich offensichtlich das Opfer bin. Nein, die machen das total geschickt. Hier mal ein Bein stellen, da mal das Tablett runterhauen. Und wenn du das petzt, geht’s dir noch schlimmer als davor. Also ertrage ich es. Irgendwie habe ich das ja auch verdient, denke ich mir. Schließlich habe ich jahrelang kleinen Knirpsen das Pausenbrot abgenommen oder mich über sie lustig gemacht. Ich war kein guter Mensch. Ich bin kein guter Mensch. Deshalb akzeptiere ich meine Strafe.

Ich durchquere das große Eingangstor. Meine Füße laufen wie von selbst. Automatisch tragen sie mich in Richtung Klassenzimmer. Plötzlich rammt mir jemand seinen Ellenbogen mit voller Wucht in die Rippengegend. Ich keuche auf. Ein Lachen erklingt, gefolgt vom Gejohle anderer. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer das war. Gekrümmt laufe ich weiter. „Feigling!“ ertönt ein lachender Ruf von hinten. Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Wut schießt in mir hoch. Ich schließe die Augen, bleibe kurz stehen. Schnell versuche ich meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen. Nicht aufregen, denke ich mir. Das ist es nicht wert. Ich weiß ja, wie die ticken. Sobald ich mich wehre, bin ich noch mehr dran. Das ist eine ganze Clique, die zusammenhält. Ich frage mich, wann ich so ein Weichei geworden bin. Eigentlich kenne ich die Antwort. Meine Freunde sind nicht mehr da. Niemand, der hinter mir steht, der mich puscht. Jeder Mobber lebt von der Aufmerksamkeit und der Angst anderer. Ich habe das alles verloren. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.

Am nächsten Tag lassen die mich größtenteils in Ruhe. Ich ziehe meine Bahnen über den Pausenhof. Einer aus meiner Klasse winkt mich zu sich. Er fragt, wie es mir geht. Ob ich mich gut eingelebt habe. Ich nicke, aber ich weiß, dass er mir das nicht abkauft. Sein Blick ist zu forsch. Seufzend erzähle ich ihm alles. Er erwidert nur, dass das irgendwann aufhört. Wenn sie das Interesse verlieren. Ich muss lachen. Nein, das werden sie nicht. Erst, wenn sie ein anderes Opfer finden. Dennoch bin ich verwundert, da sie mich heute noch kein einziges Mal gemobbt haben. Nach der Pause komme ich ohne besondere Zwischenfälle in mein Klassenzimmer. Verwirrt setze ich mich auf meinen Platz und streife mir die Kapuze vom Kopf. Meine Sitznachbarin sieht mich amüsiert an. Sie meint, sie habe mich noch nie ohne Kapuze gesehen. Ich lächle, und sie lächelt zurück. Auch die Lehrer sind erfreut. Ich passe das erste Mal seit drei Wochen im Unterricht auf. Wenn nicht sogar das erste Mal in meinem Leben. Es ist zäh, aber irgendwie ist es schön etwas zu tun zu haben. Die Schule geht zu Ende und ich kann es nicht fassen einen ganzen Tag ohne Mobbing überstanden zu haben.

Als ich den darauffolgenden Morgen auf das schlammgrüne Gebäude zusteuere, erkenne ich den Grund. Vier meiner ehemaligen Feinde stehen um ein etwa zwölfjähriges Mädchen herum. Sie schubsen sie hin und her, nehmen ihre Tasche und schmeißen den Inhalt auf den Boden. Das Mädchen lässt alles stumm über sich ergehen. Meine Hände ballen sich erneut zu Fäusten. Ich will mein Verhalten nicht schönreden . Das, was ich getan habe, war schrecklich. Aber ich habe immer eine Regel gehabt: Ich werde keine Mädchen verletzen. Die vier Jungs packen sie am Arm und ihr laufen stumm die Tränen hinunter. Der Anführer spuckt ihr vor die Füße und sagt irgendetwas. Bei mir brennt eine Sicherung durch. Ich gehe auf die Jungs zu. Niemand sieht mich kommen. Keiner rechnet damit. Erst, als ich direkt vor ihnen stehe, sehen sie zu mir auf. Sie lachen. Was ich Freak denn jetzt will. Die Worte prallen an mir ab. Das Mädchen sieht mich ängstlich an. Auch ein paar andere Schüler sind stehen geblieben. Ich schlage nicht zu, ich sage nichts. Ich strecke meine Hand aus und halte sie dem Mädchen hin. Zögernd greift sie zu. Die Jungs stehen verwirrt daneben. Ich drehe mich um, und das Mädchen folgt mir. Hand in Hand gehen wir davon. Langsam. Ich spüre die Blicke in meinem Rücken. Niemand kommt uns hinterher. Das Mädchen fragt, was mit ihrem Rucksack sei. Ich antworte, dass ich mich darum kümmern werde. Sie bleibt plötzlich stehen und umarmt mich. Sie reicht mir nur bis zum Bauch. Ich lächle.

Vor dreizehn Tagen hatte ich den Schritt gewagt, meinen Eltern ihren tatsächlichen Sohn zu präsentieren. Mich, wie ich war und in Zukunft leben wollte. Das einstudierte Bündel genormter Erwartungshaltungen hatte ich – aus Angst vor Ablehnung – schon viel zu lange getragen. Nun war es mir zu schwer geworden, und ich hatte damit begonnen, es abzulegen.

Seit diesem Tag fühlte es sich an, als gäbe es in unserem Haus nicht mehr genügend Luft zum Atmen. Oder als würde sie mir nicht länger zugestanden. Meine Eltern und ich, wir saßen im selben Boot, in dieser jämmerlichen Nussschale von Familie. Ich hatte das Rudern übernommen und war dabei über Bord gegangen. Als winkender Nichtschwimmer. Jetzt war es an ihnen, das Steuer zu übernehmen, mich einzusammeln, den Kurs zu korrigieren und das Riff zu umschiffen.

Nie zuvor hatte ich mich so verletzlich gefühlt. Dabei war ich groß, stark; in meiner Klasse eilte mir ein gewisser Ruf voraus, den ich mir durch vereinzelte Schlägereien hart erarbeitet hatte.

Ich ließ meinen Bleistift sinken und blickte auf. Die Atmosphäre im Klassenzimmer hatte sich in den letzten Sekunden merklich verändert. Als sei ein kalter, schneidender Luftzug hindurch gefegt. Das blutüberströmte Vampirmädchen, das ich noch eben in mein Heft gekritzelt hatte, entließ mich aus seinem Bann.

„Echt, du bist lesbisch?“ Das war Ahmad. Ein Macho wie aus dem Lexikon. In seiner Frage schwang Ekel mit. Er schaute in Leylas Richtung, mied aber ihren Blick.

Leyla war vor Kurzem neu in unsere Klasse gekommen, ein toughes Mädchen: zerrissene Jeans, schwarzgefärbte Haare, Nasenpiercing. Ständig trug sie Pullover irgendwelcher Bands, von denen noch nie jemand gehört hatte. Sie war selbstbewusst, ein bisschen wie Super Girl. Bloß sympathischer. Und ja, sie war lesbisch. Für die Aufmerksamen hatte sie daraus von Beginn an kein Geheimnis gemacht. Der kleine regenbogenfarbene Aufkleber auf ihrer Federmappe, ihr Armband: Wie Brotkrümel hatte sie die Botschaft an alle gesendet, die zuhören wollten, ohne dass sie es hatte aussprechen müssen. Für sie gab es auch gar nichts, was unbedingt hätte ausgesprochen werden müssen. Man kommt schließlich auch nicht neu in eine Klasse und outet sich als Hetero.

Ahmad sah das anders und viele standen hinter ihm. Auch die schweigende Masse stand ihm nicht im Weg.

Er versuchte, sich an irgendeine Passage aus dem Koran zu erinnern. Christina, Leylas rechte Sitznachbarin, bediente sich an der Bibel und rückte etwas von ihr ab. Gott sollte ihr keine Komplizenschaft unterstellen können. Zwei Wochen lang hatte sie den Aufkleber vor ihrer Nase gehabt und ignoriert – wie konnte sie diesem Detail plötzlich solche Bedeutung beimessen?

Erst versuchte Leyla noch, sich der Diskussion zu stellen. Dieser Diskussion, die mit jedem weiteren Beitrag den Deckmantel der sensationslüsternen Neugierde abstreifte und zunehmend feindlich wurde. Ein richtiger Mindfuck. Für sie. Und für mich. Dann begann sie zu schluchzen, Stimmen prasselten von allen Seiten auf sie ein. Selbst die größte Stärke ist begrenzt, jeder hat sein Kryptonit.

Ich sah ihr an, dass sie am liebsten aufgestanden wäre und den Raum verlassen hätte. Doch sie blieb sitzen. Wie ich. Ich wollte ihr so gerne helfen. Doch hatte ich bisher noch nie auch nur ein einziges Wort mit ihr gewechselt. Ich war ein stiller Bewunderer, aber kein Beistand.

Sophie, Leylas linke Sitznachbarin, reichte ihr ein Taschentuch und streichelte kurz über ihren Arm.

„Scheiße, und mit der habe ich nach Sport geduscht“, warf Natascha in den Raum, so als hätte Leyla diesen tatsächlich verlassen.

Unser Lehrer stand Leyla zur Seite und übernahm wieder die Gesprächsleitung. Er war ein liberaler Typ, der sich dem täglichen Chaos unserer Klasse meistens mit stoischer Gelassenheit stellte, jedoch wichtige Grenzen aufzeigte und unsinnige überwand. Doch manchmal ist ein Lehrer eben nur Lehrer und seine Worte finden kein Gehör, wie rational oder vernünftig sie auch sein mögen.

Er wandte sich Steven zu, der durch einen weiteren, beinahe geflüsterten Kommentar in seine Schusslinie geraten war.

Ich kannte Steven seit der Grundschule und wir waren so etwas wie beste Freunde. Doch manchmal war er einfach ein riesiges Arschloch und ein noch größerer Idiot. Wie jetzt gerade: „Meinetwegen können die Homos machen, was sie wollen. Solange sie mich nicht anschwulen. Sind ja trotzdem Menschen. Ich mein, ich find das eklig, aber ich bin ja tolerant, ich schlag die nicht gleich oder so. Aber wehe, die kommen mir zu nah …“

Unser Lehrer versuchte, die Stimmung etwas zu entspannen: „Steven, du hast also Angst, dass alle Schwulen auf der Straße über dich herfallen könnten. Wie oft passiert dir das denn bei Mädchen?“

„Hä?“

„Du traust dich ja auch raus, obwohl es da draußen Mädchen geben könnte, die auf dich stehen. Hältst du dich wirklich für so attraktiv, dass du dir darüber Gedanken machen musst?“ Ein paar Lacher, aber keine Entspannung. „In Ordnung, ich versuche es mal anders. Aber bevor du antwortest, überlege dir bitte genau, was du sagst. Stell dir vor, dein bester Freund wäre schwul – Wie könnte er sich dir da anvertrauen? Und meinst du wirklich, das würde etwas daran ändern, dass ihr seit Jahren beste Freunde seid?“

„Ja, dann wäre er ein anderer Mensch und ich würde ihm die Freundschaft kündigen …“

Unser Lehrer schüttelte resigniert den Kopf und versuchte, sein Anliegen durch ein persönliches Beispiel zu verdeutlichen. In seiner Clique gab es zwei Mädchen, die ihre Beziehung selbst vor den engsten Freunden mehrere Jahre geheim gehalten hatten. Als sie den Mut fanden, fanden ihn auch drei weitere, was am Ende den halben Freundeskreis ausmachte.

Nach diesem Beispiel wiederholte unser Lehrer seine Frage. Und Steven wiederholte seine Antwort.

In mir rumorte es, meine Hände zitterten. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Für diese klägliche Nussschale von Familie. Für Leyla, die Tapfere. Für alles, was vernünftig war. Und am meisten … für mich!

Ich stand auf. Und laut, ganz ohne Räuspern sagte ich: „Ich bin übrigens schwul.“

Ich wunderte mich selbst, wie groß ich war. Wie stark ich war. Ich war ein Fels in der Brandung.

Leyla lächelte. Steven errötete.

Die feindseligen Stimmen verstummten.

A wie Anklopfen. Ich merke, wie mein Handgelenk die gewünschte Bewegung ausführt, ohne dass meine Fingerknöchel die Tür berühren. Die Übelkeit schießt meinen Körper empor und ich lasse die Hand fallen. Die Stimmen hinter der Tür klingen verschmiert und zermatscht. Ich kann ihren Sinn nicht erkennen, verstehe nur die Hälfte und halte mir die Ohren zu, als würde mich die Stille hier rausbringen. Aber ich bin noch da. Reglos starre ich auf die Wände, die mich umgeben. Eierschalengelb. Oder weiß, oder braun. In jedem Falle eierschalig. Mir fehlen die Farben, um sie beschreiben zu können und die Worte, um sie zu sehen. Mein Gehirn ist eine Schlange, die sich selbst verknotet hat, und blind vor Panik versucht zu fliehen. Doch ich kann nicht fliehen und so bleibt die Schlange, wo sie ist, windet sich still und leidet leise. Sie vermisst die Tänzer genauso wie ich. Vermisst ihre Pirouetten, ihre Sprünge, ihren Tanz. Fast tut sie mir leid, dabei will ich sie hassen. Dabei muss ich sie hassen. Ich versuche, ruhig zu atmen, versuche überhaupt zu atmen, obwohl ich jedes Mal aufpassen muss, dass nur Luft meinem Körper entweicht und keine Flüssigkeiten, die er versucht loszuwerden. A wie Atmen. Die Vase neben der Tür, vor der ich stehe, erinnert mich an die Tassen. Alles erinnert mich an die Tassen. Bei dem Gedanken spüre ich, wie die Schlange ihr Maul öffnet und ihre Reißzähne in den eigenen Körper bohrt. Auch sie muss an die Tassen denken und daran, was mit ihnen passiert ist. A wie Aufstoßen. Ich schlucke die Säure wieder hinunter, streiche mir über die Lippen, obwohl nichts sie verlassen hat. Keine Säure, kein Wort, keine Luft.

Meine erste Tasse Alkohol habe ich heimlich getrunken. Mehr aus Verzweiflung als aus Neugier, mehr aus Unwissen als aus Rebellion und mehr aus Dummheit als aus irgendetwas sonst. A wie Alkohol. Es war keiner da, der mich hätte aufhalten können, der den Alkohol hätte verstecken können. Und so öffnete ich die erste Bierflasche meines Lebens und schüttete den Inhalt in eine pinke Tasse mit Blumenmuster. Ich brauchte die Tasse. Eine unschuldige Verkleidung der Sünde, ein niedliches Kostüm, das seinen Träger verbirgt, ihn seiner Würde beraubt, ihn harmlos macht. In pinken Tassen mit Blumenmuster war das Bier bloß ein widerlicher Kakao. Ich habe keinen Schluck davon genossen, habe es hastig hinuntergekippt, das Gesicht dabei verzogen und die letzten Schlucke wieder ausgespuckt. A wie Ausspucken.
In der zweiten Tasse war kein Bier. Allerdings weiß ich auch nicht, was es stattdessen war. Jemand hatte es umgefüllt und mit Ananassaft verdünnt. Und jemand hatte die Flüssigkeit unter all den anderen Flaschen auf der Anrichte stehen lassen, war gegangen, hatte mich allein gelassen. A wie Allein. Jemand war zu einem Niemand geworden und niemand konnte mich von meinem Vorhaben abhalten. Die zweite Tasse Alkohol hat besser geschmeckt. Süß, ungefährlich, gut. Es war der Abend, der meine Gedanken zu Tänzern machte. Tänzer, die in grazilen Drehungen um mich schwebten, Bewegungen so flüssig wie der Alkohol, der in der Tasse schwappte, als wiege auch er sich zu einem stummen Takt. Und ich tanzte mit ihnen, ließ mich von ihnen führen und staunte über die Farben, die uns umgaben und die ebenfalls zu tanzen schienen. Es war jener Abend, an dem ich mich in die Tänzer verliebte. Und als sie mich gemeinsam mit dem Alkohol wieder verließen, den ich erbrach, ward die Schlange geboren.
Die Schlange war kein Tänzer, besaß keine Arme, die sie in die Lüfte strecken konnte, keine Flügel, die sie in ebenjene tragen würden, und auch keine Beine, die ihr das Fliegen auf dem Boden ermöglicht hätten. Doch der Wille der Schlange übertraf den meinen und so lenkte sie mich von der Stunde ihrer Geburt an. S wie Schlange. S wie Sucht. A wie Abhängig.
An meine dritte Tasse Alkohol kann ich mich nicht erinnern. Von der vierten weiß ich, dass sie mit Bier gefüllt war. Genauso wie die fünfte, die sechste und die siebte. Die Achte enthielt eine Mischung der Reste, die ich fand.
Die Schlange war gierig, ich war gehorsam und wir beide liebten die Tänzer. Nach Tasse elf hörte ich auf zu zählen und begann zu überschlagen. Ab Tasse zwanzig trank ich zwei pro Abend, brauchte mehr, um der Schlange zu geben, was sie wollte, mehr, um die Tänzer zu wecken. Sie waren nachtaktive Geschöpfe, die mich in ihren Armen wogen wie ein kleines Kind, die mich an den Händen nahmen und in ihre Welt voller Farbe zogen. Tänzer, die nach dem Leben gierten, genauso hungrig waren wie ich und niemals genug bekamen. Sie sogen die Farben in sich auf, ließen sich von der Melodie durch die Welt führen. Sie brachten mich zum Weinen, offenbarten mir den bittersüßen Geschmack der Trauer und lehrten mich das Lied des Lachens. Ich holte sie Abend um Abend zurück, brachte ihnen nach neunundneunzig Tassen bei, auch am Tage zu tanzen, zeigte ihnen die Schönheit des Sonnenaufgangs, lehrte sie unter dessen orangerotem Licht zu tanzen wie in der Dunkelheit der Nacht. Einhundertsiebzig Tassen vergingen, einhundertachtzig Tassen folgten. Einhundertneunzig Tassen jagten zweihundert nach. Ich hörte auf zu zählen, ich begann wieder bei null. Und ich fürchtete mich. Dreihundert Tassen zerbarsten an Wänden. Ihre Scherben spiegelten die Grimasse der Angst. Zweihundert weitere zersplittern am Boden. Ihre Scherben spiegelten die Fratze der Panik. Und ich tanzte weiter. Tanzte im orangeroten Licht des Sonnenaufgangs, tanzte durch die heiße Luft der Mittagshitze, tanzte in die Abenddämmerung hinein und aus der Finsternis der Nacht hinaus. Fünfhundert Tassen und die Tänzer verließen mich nicht mehr, sechshundert Tassen und ich hörte nicht mehr auf zu tanzen, siebenhundert Tassen und das Tanzen tat mir weh. Eine letzte Tasse zerbrach an der Wand. In den Scherben spiegelte sich nichts, denn ich konnte nichts mehr erkennen.

Die Wände sind eierschalengelb. Oder weiß, oder braun. In jedem Falle eierschalig. Das Klopfen ist lauter als das Schreien der Schlange. Die matschigen Stimmen verstummen. Mir wird geöffnet. Der Flur dreht sich linksrum, mein Magen rechtsrum, mein Kopf mal so, mal so. Mir ist schlecht. Ein Mann steht vor mir. Er ist alt, doch er hat den Körper eines Tänzers.

„Tut mir leid, aber wir befinden uns mitten in einer Sitzung“, sagt er.

„Ich weiß. Ich will teilnehmen“, sage ich.

„Das ist das Treffen der Anonymen Alkoholiker“, sagt er.

„Ich weiß. Ich will teilnehmen“, sage ich.

Er schaut mich lange an. Sein Urteil fällt und stürzt auf die Schlange. Ihre Schreie zerfetzten meine Ohren, meinen Kopf, mich.

„Wie alt sind sie denn, wenn ich fragen darf?“

Ich jage dem Wort für einige Zeit nach, ehe ich es fangen kann.

„Vierzehn“, sage ich.

Es ist kalt. Es ist grausam. Es ist scheinheilig. Es lässt mich Dinge sagen, die ich nicht sagen will, Dinge tun, die ich nicht tun will. Der Name: Anorexia Nervosa. Das Opfer: ich.

Sechsundsechzig Kilogramm – okay, aber mehr sollten es nicht sein, überlegte sie im November. Sie gefiel sich wie sie war, aber es war ja allgemein bekannt, dass man über die Weihnachtsfeiertage zunahm. Also beschloss sie, ein paar Kilo müssten runter. Viermal die Woche ein kleines Workout, keine Süßigkeiten mehr zwischen den Mahlzeiten, und nicht mehr als zwei Portionen beim Abendessen. So würde es klappen, hoffte sie.

Es ist kalt.

Zweiundsechzig Kilogramm – es funktionierte tatsächlich, sie nahm vier Kilo ab und genau dieses Gewicht über Weihnachten auch wieder zu. Noch an Silvester fasste sie den Beschluss, es noch einmal zu probieren – aber diesmal das niedrigere Gewicht zu halten. Denn etwas in ihr sagte ihr, sie sei nur schön, wenn sie wieder abnehme und diesmal die Kontrolle behielt.

Es ist grausam.

Vierundfünfzig Kilogramm – ihr Ziel war inzwischen die Fünfzig. Jedes Kilo, das sie verlor, machte sie stolz und glücklich, sie arbeitete hart dafür: Nicht mehr als 900 Kalorien am Tag, mindestens zwei Stunden Sport. Keine Ruhetage. Doch mit jedem Kilo, das sie verlor, hasste sie sich mehr. Immer mehr Fett fiel ihr auf, sie konnte kaum noch in den Spiegel sehen. Wie ein hässliches Schwein kam sie sich vor. Weniger Essen, mehr Bewegung, nahm sie sich vor, um endlich schön zu sein.

Es ist scheinheilig.

Fünfzig Kilo – ihr Ziel hatte sie damit erreicht, zufrieden war sie noch lange nicht. Ihre Eltern bemerkten, dass sie ein Problem hatte, immer öfter wurde sie auf ihren Gewichtsverlust angesprochen. Sie nahm sich vor, nur noch zwei Kilo abzunehmen, weil sie von einer Frau gelesen hatte, die bei diesem Gewicht in eine Klinik für Essstörungen gekommen sei. Dann müsste sie ja dünn sein. Aber auch das reichte ihr nicht. Noch ein Kilo, dann höre ich auf. Es reichte nicht. Noch ein Kilo, dann erlaube ich mir zu essen. Aber sie erlaubte es sich nie.

Es lässt mich Dinge sagen, die ich nicht sagen will.

Sechsundvierzig Kilo – danke, ich bin satt. Ich habe keinen Hunger. Ich esse zu Hause. Ich habe in der Schule gegessen. Mir schmeckt kein Ei. Ich vertrage keine Milch. Ich bin Vegetarierin. Für mich nur einen Salat. Sie log viel, aber eine Lüge überragte alles: Mir geht es gut.

Dinge tun, die ich nicht tun will.

Sechsundvierzig Kilo – ihre Mutter machte ihr jeden Morgen ein Schulfrühstück, das routinemäßig seinen Weg in den Mülleimer fand. Sie nahm Essen aus der Küche und deponierte es unter ihrem Bett, damit es den Anschein hatte, sie würde etwas zu sich nehmen. Morgen esse ich, nahm sie sich jeden Abend vor, aber mehr als 400 Kalorien am Tag schaffte sie nie. Vor dem Wiegen trank sie, ihre Therapeutin und Eltern belog sie. Ihren Freund quälte sie mit ihrem Verhalten, aber sie konnte es nicht lassen. Sie war süchtig.

Der Name: Anorexia Nervosa.

Fünfundvierzig Kilo – das erste Mal sah sie die Diagnose auf Papier gedruckt und das erste Mal nahm sie wahr, dass sie krank war. Magersucht, sie kannte den Ausdruck. Aber sie, magersüchtig? Dafür müsste sie doch dünner sein. Sie wollte es nicht glauben. Jeder wollte sie überreden, in eine Klinik zu gehen. Sie sei krank. Sie sei tödlich krank. Aber sie wollte es nicht glauben.

Das Opfer: ich.

Vierundvierzig Kilo – sie war schwach. Die Krankheit hatte eine lebende Leiche aus ihr gemacht. Jeden Tag schleppte sie sich müde in die Schule, schaute zu, wie ihre Freundinnen lachten und ihre Pausenbrote aßen, ging wieder nach Hause. Sie lächelte jeden an, ihr Gesicht war verzerrt und grau. Ihre Haare dünn und strohig, ihre Gedanken verschwommen, ihre Augen müde, ihr Lebenswille am Ende. Sie hatte Angst einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen, aber essen konnte sie trotzdem nicht. Sie wollte erst dünn sein.

Der Mut: in mir.

Dreiundvierzig Kilo – 100g weniger und sie würde zwangseingewiesen werden. Ihre Mutter kaufte ihr Flüssignahrung, 800 Kalorien am Tag sollte sie trinken. Aus Angst vor der Zunahme stellte sie das Essen daraufhin ganz ein. Aber irgendwoher – und sie verstand nie, was es war und wie es passierte – kam ein Funke Wille zurück zu ihr. Sie begann, drei kleine Mahlzeiten am Tag zu essen. Nahm sich vor, jeden Tag auf 1200 Kalorien zu kommen. Dann 1500, dann 1800. Langsam konnte sie akzeptieren, etwas Gewicht zuzunehmen. Sie weinte tagelang, schrie und tobte, hasste sich selbst und alles, was sie tat, aber sie gab nicht auf. Etwas in ihr wollte leben.

Die Heldin: ich.

Fünfundvierzig Kilo – sie entschied sich, nicht länger das Opfer ihrer Sucht zu sein. Zu kämpfen, als ginge es um ihr Leben. Und langsam begriff sie, dass es tatsächlich ihr Leben war, das auf dem Spiel stand. Sie aß, sie nahm zu, sie ging raus, versuchte normal zu sein. Sie weinte noch immer viel, aber sie begann zu bemerken, dass es besser wurde. Und sie schwor sich selbst, nie aufzugeben.

Das Leben: es wartet.

Dreiundfünfzig Kilo – heute kämpft sie immer noch. Und mit jedem Tag wächst die Zuversicht, dass sie es irgendwann geschafft haben wird. Die Krankheit wollte ihren Tod und sie ließ die Krankheit zu ihrer Identität werden. Jetzt will sie leben. Und herausfinden, wer sie wirklich ist.

Es ist kalt. Es ist grausam. Es ist scheinheilig. Ich lasse mich nicht mehr dazu bringen, Dinge zu sagen, die ich nicht sagen will, Dinge zu tun, die ich nicht tun will. Die Krankheit: Anorexia Nervosa. Der Mut: in mir. Die Heldin: ich.

Das Leben: es wartet.

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