Es schneit. Sanft segeln die winzigen Flocken durch die kalte Luft, werden hin und her geworfen und immer wieder aufgewirbelt, bis sie schließlich auf dem feuchten Boden auftreffen, wo sie ihren letzten Atemzug hauchen, bevor sie mit der Asche Ihresgleichen zu einem dünnen Wasserfilm zusammenschmelzen.

Wie wir, denkt er. Ob sie wohl Angst haben?

Ein hartes Ruckeln lässt ihn die Frage vergessen, als der Lkw durch ein Schlagloch brettert.

„Au! Können die nicht vorsichtiger fahren, Mann?“

Das ist der Glatzkopf mit den schwieligen Händen.

„Ich glaube kaum, dass es sie kümmert, wenn wir hier grün und blau geschüttelt werden.“

Der sarkastische Kommentar kommt von dem Jungen ganz hinten, der immer noch seine Mütze umklammert hält.

Von vorne ist ein Schluchzen zu hören: „Ich will nach Hause! Ich will doch nur wieder nach Hause…“

Konrad wendet sich wieder dem Schlitz in der Plane zu. Das Spiel des Schnees zu betrachten beruhigt ihn auf bizarre Weise. Weil er weiß, dass Oskar dasselbe getan hätte. Und wohin sie auch fahren, er kann nur hoffen, dass er Oskar nie wieder sieht. Denn das würde bedeuten, dass sie ihn auch haben, und allein der Gedanke daran bringt ihn beinahe um den Verstand. Sein Oskar in der Hand dieser…

Schneeflocken. Schnee und Oskar und die Stille.

Eine einsame Träne rollt seine Wange hinunter und tropft in den Staub.

„Schwuchtel, he?“

Der Uniformierte mit dem gehässigen Grinsen greift in einen Korb und drückt Konrad ein blau-weiß gestreiftes Bündel an die nackte Brust. Seine Kleidung musste er im Lkw lassen, nur die Unterhose durfte er behalten.

„Da rein und anziehen. Und dass du mir bloß deine Finger bei dir behältst, du ekelhaftes Schwein!“

Unwillkürlich zuckt Konrad zusammen. Dann folgt er dem ausgestreckten Arm des Mannes durch eine Tür in einen Raum, in dem die restlichen Jungen und Männer bereits fertig angezogen sind. Zitternd steigt er in die gestreifte Hose und zieht sich dann das dünne, schlabbrige Hemd über den Kopf, auf dessen linker Brust ein rosa Dreieck aufgestickt ist, gleich neben einer sechsstelligen Nummer.

„Scheiße, bist du etwa schwul???“

Der Mann neben ihm weicht ein Stück zurück und hält schützend seine Arme vor sich, als befürchte er, Konrad könne ihn anstecken.

„Das ist echt eklig, Mann! Du bist widerwärtig. Halt dich bloß fern von mir!“

Konrad fühlt sich, als hätte man ihm in den Bauch geboxt. Sein Mund steht offen, doch es kommt kein Ton heraus.

Was habe ich ihm nur getan? Wie kann er denn…?

„Lass ihn bloß in Ruhe!“, braust eine piepsige Stimme neben Konrad plötzlich auf. „Ja, ich meine dich!“

Da steht doch tatsächlich ein kleiner Junge – höchstens zwölf oder dreizehn – in einer riesigen gestreiften Leinenhose und bietet einem erwachsenen Mann die Stirn.

„So wie ich das sehe, sind wir hier alle gleichermaßen die Gelackmeierten. Also halt dich zurück mit deinen blöden Sprüchen!“

Konrad ist schon wieder sprachlos. Der Junge erinnert ihn an Oskar. Oskar weiß auch immer, was man wann sagen sollte.

Fast als wäre er sein Sohn. Unser Sohn.

Eine Glocke läutet, und die Hintertür wird geöffnet.

„D..danke“, stammelt Konrad, während die anderen Männer nach draußen strömen.

„Nicht der Rede wert“, sagt der Junge, während er sein Hemd überstreift. Konrad schluckt. Auf dem Stoff prangt ein rosafarbenes Dreieck.

Deshalb also.

Mit großen Augen und geröteten Backen streckt der Junge ihm die Hand hin.

„Ich bin Toddi.“

Liebes Tagebuch…

Schrecklich. Es ist schrecklich. Harte Arbeit, schlechtes Essen und schlaflose Nächte, zusammengepfercht in winzigen Baracken. Ich muss die Hände über der Decke halten, sonst schellt es eine. Die anderen Häftlinge meiden mich, keiner möchte neben mir schlafen. Außer Toddi natürlich. Der Knirps hat es noch schwerer. Ich übernehme seine Arbeit, wenn ich es kann. Auch wenn ich dafür Prügel einstecke. Gestern haben sie ihn gezwungen sich vor allen auszuziehen, und dann haben sie ihn windelweich geprügelt, weil er um etwas Wasser gebeten hat. Ich dachte, das war es nun, aber der Kleine ist zäh. Wer weiß, vielleicht schafft er es ja irgendwann hier heraus. Solange er nur seinen Mut nicht verliert.

Liebes Tagebuch…

Ich muss immerzu an Oskar denken. Er fehlt mir. Und mit jeder Wagenladung, die eintrifft, steigt meine Angst, er könnte unter den Neuankömmlingen sein. Ich würde alles dafür geben, jetzt bei ihm zu sein. Sein Gesicht zu sehen, seine Stimme zu hören. Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Ich liebe dich, Oskar.

Liebes Tagebuch…

Toddi ist fort. Gestern war er noch da und heute Morgen…

Er ist nicht der Einzige. Viele wurden weggeschafft. Einige versuchen sich einzureden, sie wären noch am Leben. Aber ich weiß es besser. Jetzt wird es nicht mehr lange dauern, bis ich auch dran bin. Ich habe Angst. Oh Oskar, ich habe so schreckliche Angst. Aber ich werde das hier durchstehen. Für dich und mich, und für Toddi. Möge er in Frieden ruhen.

Toddi und Konrad sind nur zwei von tausenden Homosexuellen, die während dieser Zeit dem blinden Hass zum Opfer fielen. Wir wurden diskriminiert und verachtet, und viel zu viele haben ihr Leben gegeben für einen Kampf, den wir nie austragen wollten. Doch wir haben gewonnen, und heute steht der „Rosa Winkel“ nicht länger für unsere Schande, sondern für unseren Stolz. Denn wir sind stärker als die Scham und die Schläge und die Vorurteile. Und wir haben keine Angst mehr. Denn gemeinsam erheben wir uns aus der Asche unserer Helden, und wir stehen das durch – für Konrad und Oskar und Toddi. Und für alle, die nach uns kommen. Wir sind mehr als Schnee.

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