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Skandal um Hermann
von Jessica Rösler

„Renate, das glaubst du nicht. Der Hermann hat bei Facebook was von der AFD geteilt. Das hätte ich nicht von ihm gedacht“, entrüstete sich Papa Klaus. Wie jeden Abend saß er am Küchentisch und surfte im Internet. Mama deckte derweil mit einer nicht enden wollenden Liebe zum Detail den Tisch. Der Teekessel zischte auf dem Herd, Brötchen im Ofen verbreiteten einen warmen Duft von appetitanregender Gemütlichkeit. Ich hockte im Schneidersitz auf der Eckbank, spielte Candy Crush und überlegte, wer Hermann war.
„Nee, Klaus, das glaube ich nicht. Der ist doch so herzlich und hilfsbereit. Bist du dir denn sicher?“, fragte meine Mutter, die die Angewohnheit besaß, jedem Menschen nur die besten Absichten zu unterstellen.
„Na, wenn ich dir es doch sage, Renate. Ich bin ja selbst genauso verblüfft wie du, dass Hermann so ein brauner Lump ist. Da spielt man über Jahre zusammen in der Schänke Skat und erst durch Facebook erfährt man, wie die Leute wirklich ticken. Aber jetzt weiß ich ja zum Glück Bescheid und kann ihn von meiner Freundesliste entfernen.“
„Willst du denn nicht erst einmal mit ihm reden? Ihr kennt euch doch schon so lange und habt euch immer gut verstanden“, warf meine Mutter ein.
„Nix da, der wird gelöscht! Nachher denken noch die anderen Leute, ich würde mit der AFD sympathisieren, weil ich den in meiner Liste habe. Das kann ich mir nicht leisten als Büroleiter der Stadtverwaltung. Stell dir vor, das spricht sich herum. Du weißt doch, wie das mit Gerüchten ist – nachher werden sie als Wahrheit gehandelt. Ich muss im öffentlichen Dienst auf so etwas achten.“
Das war mein Vater. Immer bemüht, im guten Licht dazustehen. Ein Beamter mit verantwortungsvollem Posten, der nicht beabsichtigte, je Verantwortung zu übernehmen. Dieses Paradox verlor sich häufig in einer gewissen Borniertheit. Mutter belächelte diese Eigenart und ließ ihn, wie er war, ohne daran zu mäkeln. Sie war eine tolerante Frau, die vor der Begegnung mit meinem Vater Häuser für eine bessere Welt besetzt hatte.
Oft fragte ich mich, wie meine Eltern, eine Revoluzzerin und ein Spießer, jemals ein Liebespaar wurden. Offenbar kannten sie ein Geheimnis.
Erwartungsvoll sah Paps seine Frau an, die gelassen zunächst die Brötchen aus dem Ofen nahm, bevor sie antwortete: „Wenn du es für erforderlich hältst, Hermann aus deiner Facebook-Freundesliste zu schmeißen, damit ja keiner auf die Idee kommt, dir eine rechte Gesinnung anzudichten, ist es das Eine. Wir reden hier unterm Strich bloß über eine App. Aber wenn du beabsichtigst, deinen langjährigen Skat-Freund wegen eines AFD-Postings in einem Internetmedium aus dem echten Leben zu entfernen, dann widerspreche ich dir strikt“.
Sie nahm den Teekessel vom Herd und goss das dampfende Wasser in die vorbereitete Kanne. Ein Hauch Minze wehte an meiner Nase vorbei.
„Seit wann reduzieren wir Menschen auf ihre Social-Media-Beiträge und entliken, ohne Diskurs, ohne zu hinterfragen?“ Sie sah ihn durchdringend an. „Besinne dich, Klaus. Du kennst Hermann, du schätzt ihn. Du trinkst gern ein Bier mit ihm und schwadronierst mit ihm über Fußball. Ihr lacht beim Skat und kommt zusammen, obwohl ihr beide unterschiedliche Leben führt, du im Büro und er auf dem Bau. Und jetzt regst du dich über sein vermeintlich politisches Statement auf?“
Wütend packte Vater den Laptop, stellte ihn zur Seite, griff zum Glas Bier, das bisher unangetastet vor ihm auf dem Tisch gestanden hatte, und trank es in einem Zug leer. Wortlos fing er an, sich ein Brot zu schmieren.
Schweigend aßen wir, bis es aus ihm herausplatzte: „Nein, Renate, rechtem Gedankengut muss man klare Kante zeigen, das müsste dir doch klar sein?“
Er spielte damit auf die Vergangenheit meiner Mutter an, die mit einem Seufzer auf den Lippen dagegenhielt: „Ach Klaus, meine Zeit früher, als ich dachte, ich müsste gegen das System kämpfen, hat mich vor allem gelehrt, dass es auch andere Meinungen gibt, mit vielen Grautönen und nicht nur schwarz-weiß. Und dass es so ist, davon lebt doch eine Demokratie. Debatte, Diskussion, Diskurs. Streiten, Kompromisse finden, Konsens bilden im Austausch dieser Meinungsvielfalt. Das ist doch besser, als in einer Blase moralischer Überheblichkeit die jeweils Andersdenkenden zu ächten, oder nicht?“ Die Frage stand muffig im Raum und warf Schatten.
Das linke Augenlid meines Vaters zuckte. „Mit Nazis im Dialog bleiben? Bitte? Die haben keine Meinung, dass sind Verbrecher!“
Renate atmete tief durch, stand auf und räumte den Tisch ab. „Ja, da hast du absolut recht. Hass ist eine unnötige Sache, aber die Reaktion kann nicht Gegenhass sein. Wir sind alle eins, und indem wir uns spalten, verletzen wir uns letztendlich selbst. Wir können klare Kante zeigen, wenn es gerechtfertigt ist, aber ich halte es für falsch, einen alten Freund klammheimlich, ohne ihn vorher zur Rede zu stellen, in eine Schublade zu pressen. Er hat schließlich keine Flüchtlingsunterkunft niedergebrannt, sondern hat nur einen Facebook-Post von der AFD geteilt. Was stand denn da überhaupt? Du kannst doch nicht im Ernst den Mann, mit dem du wöchentlich Skat spielst, von jetzt auf gleich wegen so etwas zum Nazi ausweisen?“ Sie drehte sich um und betätigte den Wasserhahn der Spüle.
Prasselndes Rauschen unterstrich meine Vermutung, dass Mama rhetorisch fragte. Das Gespräch war beendet.
Klaus musterte seine Frau einige Sekunden, erwiderte aber nichts mehr und griff zur Tageszeitung. Das war die Chance. Ich schnappte mir den Laptop, um Candy Crush im größeren Maßstab zu zocken. Beim Hochklappen des Bildschirms bemerkte ich, dass das Facebook-Profil des skandalösen Hermann mit dem berüchtigten Beitrag noch geöffnet war.
„Papa, ich will ja nix sagen, aber das ist kein AFD-Post, sondern von einer Satireseite, die die Partei verarscht. Da haste dich wohl verguckt.“
Mein Vater entriss mir den Computer und starrte auf den Bildschirm.
Mama eilte zu ihm und schmunzelte. „Tja, Mister Cancel-Culture-Klaus will klare Kante zeigen … Du weißt doch, dass es mit Vorurteilen und Fehlinterpretationen genauso ist wie mit Gerüchten. Schnell behandeln wir etwas als Wahrheit, was bei näherer Betrachtung vielleicht bloß Lug und Trug ist. Es lohnt sich, zumindest nachzufragen, bevor man sein Urteil fällt.“ Sie hauchte ihrem Mann einen Kuss auf die Wange, bevor sie wieder an die Spüle trat.
Der Büroleiter, etwas errötet vor Scham, erwiderte kleinlaut: „Ja, du hast Recht, Renate. Vor lauter Angst, man könne mich diffamieren, habe ich selbst jemanden verunglimpft und nicht genau hingesehen. Danke, dass du mir den Spiegel meiner zuweilen gezwungenen Angepasstheit vorhältst.“ Er stand auf, ging zu seiner Frau und umarmte sie zärtlich.
In diesem Moment verstand ich das Geheimnis, das meine Eltern verband. Streit und Versöhnung. Respekt und Toleranz. Kommunikation, anstatt Schweigen in Arroganz.

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