„Immerhin“, sagt mein Mann, ohne von seiner Zeitung aufzublicken. „Unsere Frau Merkel macht sich Sorgen.“

„Ich auch“, seufze ich.

„Wieso?“, fragt die Stimme hinter der Zeitung. „Was hast du mit den Türken zu schaffen?“

„Mit den Türken nicht, aber mit den Schotten.“

„Die heißen Briten, mein Schatz. Die treten aus der EU aus, nicht die Schotten.“ Raschelnd faltet mein Mann zunächst akkurat die Zeitung und danach seine Hände. „Was gibt es zu essen?“

Ein gutes Stichwort. „Unser Sohn ernährt sich falsch. Und Schuld daran sind seine schottischen Freunde.“

„Briten, sie heißen Briten“, korrigiert mich mein Mann. „Nun, die britische Küche ist nicht die beste, aber …“

„Kurz und gut: Sie bringen ihn um, schleichend.“ Nach achtzehn Ehejahren weiß ich, wie man schlichte Gemüter am ehesten erreicht.

„Was? Wer bringt wen um?“ Die Reaktion meines Mannes entspricht nicht ganz meinen Erwartungen.

„Die Schotten!“

„Muss ich mir Sorgen machen?“

„Nicht nötig, das macht schon Frau Merkel für dich.“

„Ach, Frau Merkel macht sich Sorgen um unseren Sohn?“

Ich schließe kurz die Augen: „Nein, sie sorgt sich für dich um die Türken, und ich mich für dich um unseren Sohn.“

Die Tür öffnet sich, und Leon kommt herein: „Hi Mama, hi Papa! Was gibt’s zu essen?“

„Sohn“, richtet mein Mann beschwörend das Wort an Leon, „deine Mutter macht sich Sorgen, wegen der Schotten, sie wollen dich umbringen.“

„Hä? Wie jetzt?“ Leon plumpst wie ein nasser Sack auf einen Stuhl und mustert fassungslos den Überbringer der Todesnachricht.

Mein Mann hebt abwehrend die Hände. „Zu Details frage deine Mutter.“

„Herrgott! Wie kann man nur derart unsensibel sein?“, tadle ich meinen Mann. „Leon, ich muss mit dir über deine Ernährung sprechen.“

„Und was haben die Schotten damit zu tun?“ Leon erscheint mir bleicher als sonst.

„Na, Mäck Wrapp, Mäck Schicken, und dann dieser Big Mäck. Ihr esst doch ausschließlich Hambürger bei diesem Mäck Donald. Auf Dauer ist das nicht gesund, dieses Fasstfutt!“

„Mama. Du weißt gar nicht, wie lecker das ist.“

Mein Mann hebt den Zeigefinger: „Das sagen die Briten auch, aber die haben schließlich Betonmägen.“

„Siehst du? Papa versteht mich.“

„Schön, dass ihr euch so einig seid, dann kocht Papa ab heute.“

Der Zeigefinger meines Mannes sinkt langsam herab: „Äh …“

„Mama, das kannst du mir nicht antun!“, protestiert Leon.

Das werte ich jetzt mal als Kompliment. Dennoch setze ich ein schmollendes Gesicht auf.

„Bitte, Mama“, bettelt Leon, „ich helfe dir auch beim Kochen!“

Das überrascht mich.

„Also, ich finde den Vorschlag sehr gut“, pflichtet mein Mann seinem Sohn bei.

Das überrascht mich nicht.

„Dann fangen wir sofort damit an!“, fordere ich Leon auf, seinen großen Worten ebensolche Taten folgen zu lassen.

Während mein Mann tiefenentspannt an seinem Platz verharrt, bewegt sich Leon mit einer für einen Pubertierenden geradezu atemberaubenden Geschmeidigkeit in die Küche. Getrieben von der Vorstellung, sein Vater könnte es sich anders überlegen, macht sich mein Sohn augenblicklich über die Zutaten unseres Mittagessens her. Meine klugen Vorbereitungen, die meiner weiblichen Intuition entspringen, tragen ihren Teil zum Gelingen bei.

Wenig später beobachte ich mit Zufriedenheit, wie mein Sohn drei seiner selbstgebauten Hambürger verdrückt. Sogar mit Tomate und Salat!

„Und?“, frage ich Leon. „Hat es dir geschmeckt?“

„Mama.“ Nie zuvor habe ihn das Wort in einer solch bedeutungsschweren Art sagen hören. „Das war der beste Burger, den ich seit langem gegessen habe!“ Er formt Zeige- und Mittelfinger zu einem „V“. „Mega!“

Gerade will ich mich an meinem Erfolg erwärmen, da fährt mir mein Mann in die Parade: „Aber nicht besser als beim Schotten!“ Er leckt sich die Reste seines Mittagessens von den Fingern und schaut sich nach einer Serviette um.

Es ist mein kluger Sohn, der mir zur Seite steht: „No Problem, Mama, den kannst du gern nochmal machen!“

Bevor Leon sich in sein Zimmer zurückzieht, schlägt er mir zum Dank kräftig auf die Schulter. Wenn ich ihn aus den Klauen seiner schottischen Freunde befreien kann, will ich es ihm gern nachsehen.

Kurz vor dem Abendessen steckt Leon seinen Kopf durch die Tür: „Tschüs, Mama, ich treffe mich mit Tim!“

„Halt!“, stoppe ich seinen Fluchtversuch. „Und was ist mit Abendessen? Ich habe von heute Mittag noch …“

„Mama, chill mal! Ich esse bei Mecces!“

Der Blick meines Sohnes erinnert mich an meine Mutter, wenn sie aus dem Beichtstuhl kam, nachdem der Pfarrer ihr die Absolution erteilt hatte. ‚Auf zur nächsten Sünde‘, sagte ihr Lächeln. Die Haustür fällt ins Schloss. Ich platze vor Wut und schlinge meine Hände um den Hals von Big Mäc. Ein Röcheln reißt mich aus meinen Mordfantasien.

„Was soll das?“, stöhnt mein Mann.

Ich löse meinen Griff. „Oh, entschuldige, ich dachte …“

Es ist zu spät. Big Mäc hat gewonnen, weder die Kraft meiner Hände noch meine weibliche Intuition kann ihn stoppen. Und der Herrgott schon mal gar nicht. Ich sperre Leon ein, im Keller, drohe ihm mit den schrecklichsten Folterqualen, sollte er noch ein einziges Mal …

„Du hast mich beinahe umgebracht“, beschwert sich mein Mann.

„Typisch!“, fauche ich zurück. „Du denkst nur an dich, während ich versuche, unseren Sohn zu retten!“

„Ah, verstehe, du hättest gern diesen Schotten gewürgt.“

Seine erstaunlich scharfe Analyse stimmt mich versöhnlich: „Ich denke, wir haben uns etwas Leckeres verdient.“

Zwei Stunden später haben wir unser Abendessen durch eine halbe Flasche Eierlikör ersetzt, als sich die Haustür öffnet und Leon hereinkommt. Er sieht sehr blass aus.

„Was macht ihr denn da?“, fragt er erstaunt.

„Ach, wir feiern die Schotten und Papas Überlebenskampf“, erkläre ich ihm. „Du siehst gar nicht gut aus, mein Junge!“

Leon setzt sich. „Mama, ich glaube, ich gehe nicht mehr zu ‚Mecces‘. Danach ist mir immer so schlecht.“

Mein Mann schaut Leon an, als hätte er ihn beim Klauen erwischt. Ich hingegen würde am liebsten auf die Knie sinken und dem Herrn danken.

Wenn er nur kein Mann wäre.

 


Vita Alf G. Hauser

*1964, verheiratet, vier Kinder, ein Hund

Nach verschiedenen Schreibkursen bei einer Autorin (autobiografisches Schreiben, Kurzgeschichten, Romanwerkstatt) gehört das Schreiben von Kurzgeschichten seit einigen Jahren zu meinen Hobbys. Ein Quell meiner Ideen sind mir dabei meine drei pubertierenden Söhne. Grundlage für „Fastfood“ sind ihre sehr speziellen Ernährungsgewohnheiten. Es war einer meiner Söhne, der mich mit damit überraschte, dass er seinen Lieblings-Burgerladen in Zukunft meiden wolle! Und es klang fast zu schön, um wahr zu sein …