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Dicke Luft im Pferdestall

von Leonie Maier, 10 Jahre

Streit ist etwas Furchtbares. Aber er gehört nun mal zum Leben, findet Lea. Ihre Freundin Anna ist da anderer Meinung.

„Es ist ja in Ordnung, dass wir uns mal streiten, aber es ist nicht in Ordnung, dass wir uns wochenlang in die Wolle kriegen!“, meint Anna.

Es geht um das Pflegepferd, das sie sich erst seit zwei Wochen teilen. Jeden Montag und Samstag gehen sie zu dem Pferd, das Lucky genannt wird. Lucky ist noch ein junger Hengst, aber sehr übermütig. Lea will ihn nur für sich allein haben.

Darüber ist Anna sehr enttäuscht.

Heute ist sie sogar so wütend, dass sie alles hinwirft und nach Hause geht. Das wiederum macht Lea traurig. Trotzdem sattelt sie das Pferd und steigt auf.

Zur gleichen Zeit erzählt Anna ihrer Mutter vom ständigen Streit mit Lea. Ihre Mutter hört ihr geduldig zu.

Jetzt, da Anna fertig ist, sagt ihre Mutter: „Ich erzähle dir mal von dem Streit zwischen mir und meiner besten Freundin Sabine. Also, als ich so alt war wie du, hatten ich und meine Freundin einen mächtigen Streit. Es ging um unser Taschengeld. Da ihr Vater mehr verdiente als mein Vater, bekam sie mehr Taschengeld als ich. Sie gab jeden Tag damit an. Einmal stieg Sabine in der Klasse sogar  auf eine der Bänke und sagte zu den Mitschülern: „Meine Freundin hier bekommt nur zwei Euro fünfzig Taschengeld pro Monat!“ Alle lachten mich aus. Das stimmte in Wirklichkeit gar nicht. Ich bekam nämlich jeden Monat von meinem Vater sechs Euro fünfzig. Eines Tages fragte sie mich, ob ich morgen um drei Uhr nachmittags zu ihr zum Spielen kommen würde. In meinem Inneren spürte ich plötzlich ein seltsames Kribbeln. Es fühlte sich an, als ob tausend Ameisen in meinem Bauch herumkrabbelten. Ich war einverstanden.

Am nächsten Tag entschuldigte Sabine sich bei mir und ich entschuldigte mich bei ihr. Dann war alles wieder gut.

So einfach kann das gehen. Nur muss eben einer von beiden den ersten Schritt zur Versöhnung machen“. Bei den letzten Worten schaut die Mutter ihre Tochter bedeutungsvoll an. Anna versteht und ist empört.

„Ich mache bestimmt nicht den ersten Schritt! Warum ausgerechnet ich?“

„Na, weil du genau die richtige dafür bist“, antwortet ihre Mutter und schmunzelt.

Anna findet das gar nicht lustig. Immerhin ist Lea ein Jahr älter als sie.

Am nächsten Tag machen die beiden zusammen Hausaufgaben in Leas Zimmer – das tun sie sonst auch immer. Aber diese Mal ist irgendwie der Wurm drin. Sie reden kaum miteinander und helfen sich auch nicht, wenn die andere Hilfe braucht. Auch am nächsten Tag, als sie an der Haltestelle auf ihren Bus warten, schweigen sie.

Dann hält es Anna nicht mehr aus. „Wieso reden wir nicht mehr miteinander, warum helfen wir uns nicht mehr bei den Hausaufgaben und aus welchem Grund willst du Lucky immer nur für dich allein haben?“

Plötzlich kommt ein Junge aus der siebten Klasse auf die beiden zu und mischt sich einfach ein. „Was ist denn mit euch los, zickt ihr wieder herum?“

In dem Moment, als er das letzte Wort ausgesprochen hat, tritt er Anna, die direkt neben ihm steht, auf den Fuß. Sie stöhnt.

Schnell rennt der Siebtklässler in den Bus und streckt den Mädchen auch noch die Zunge raus. Dann sagt er irgendetwas, das die beiden nicht verstehen können, dem Busfahrer. Daraufhin fährt der Bus los. Die Mädchen schauen sich gegenseitig an. Lea ahnt, was er dem Busfahrer gesagt hat.

Auf dem Heimweg : „Also, warum willst du Lucky immer nur für dich allein haben, warum reden wir nicht mehr miteinander und wieso helfen wir uns nicht mehr bei den Hausaufgaben?“

Lea wird rot im Gesicht und ihre Unterlippe fängt an zu zittern. „Es … es tut mir unendlich leid, Anna. Bitte verzeih mir.“ Damit hat Anna nicht gerechnet und bekommt zunächst kein einziges Wort heraus, doch dann fällt sie ihrer Freundin dankbar um den Hals und drückt sie so fest, wie sie nur kann.

Seitdem machen die Freundinnen wieder alles gemeinsam und Lea teilt nun auch wieder Lucky mit Anna. Sogar bei den Klassenarbeiten, wenn eine von beiden nicht weiterkommt, stecken sie sich gegenseitig Zettelchen mit den Lösungen zu. Sie helfen sich auch wieder bei den Hausaufgaben. Anna und Lea sind wieder im wahrsten Sinne die besten Freundinnen der ganzen Schule. Und Annas Mutter ist sehr froh, dass sich die beiden wieder vertragen.

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