Ungelenk liest sie ein Ahornblatt auf, lässt sich dann schwerfällig auf die Parkbank sinken. Ihre Fingerspitzen reiben das lederne Rotbraun, Relikt des Herbstes im letzten Winterweiß am Wegrand. Tränen tropfen darauf. Tränen, deren Ströme sie längst versiegt glaubte.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Sie blickt ins besorgte Gesicht einer älteren Frau. „Nein danke, alles in Ordnung. Es geht schon wieder“, antwortet sie mit mechanischem Lächeln. Müdes, verbrauchtes Lächeln, fürs Umfeld in Monaten eingeübt. Die Frau geht weiter, schaut sich noch einmal um.

Nichts ist in Ordnung! Er ist tot, tot, tot! Und sie muss weiterleben. Leben? Von einer Sekunde zur anderen ist ihres zerbrochen. Ein unachtsamer Autofahrer, ohrenbetäubendes Krachen, alles verschlingende Finsternis. Er ist tot! Warum nicht auch sie? Der Wille zum Weiterleben harsch erstickt.

Monatelang hatte man sie zusammengeflickt, dann die Reha. Liebevoll umsorgten sie Ärzte, Schwestern. Freunde und Familie bedachten sie mit Trost, halfen ihr, regelten für sie die notwendigen Dinge. All das hatte sie abgestumpft über sich ergehen lassen, hatte zum Schein brav mitgespielt. „Es geht mir schon viel besser“, hatte sie ständig beteuert. Gleich einem Mantra, begleitet von dem unechten, aufgesetzten Lächeln. Geheuchelte Gefasstheit am Grab. Die ihr gereichten Hände, die tröstenden Worte nahm sie mit tränenlosem Nicken entgegen. Doch ihr Wunsch, zu ihm in die Gruft zu springen, mit ihm begraben zu werden, war magnetisch stark. Verlockend zog die ausgehobene schwarze Erde an Herz und Gliedern.

Geduld müsse sie haben, wurde ihr wieder und wieder von den Ärzten versichert. Zwar würde ihr Bein nie mehr vollkommen tauglich werden, doch wenn sie fleißig trainiere, würde es sich erheblich bessern. Als Antwort zeigte sie stets das vorgetäuschte, vermeintlich dankbare Lächeln, kaschierte so die abgrundtiefe Verzweiflung. Ihre Gedanken jedoch kreisten und kreisen beharrlich nur um das Eine: Er ist tot und ich muss ungefragt weiterleben!

Ein endlos sich wiederholender Kehrreim.

Die Trümmer ihres Lebens noch einmal zusammenfügen? Ein neues aufbauen? Für wen? Für was? Wozu? Er ist tot, tot, tot! Nur das hämmert beharrlich in ihrem Kopf, lässt sie jeden Morgen aufs Neue schaudern. Jeder Tag eine sinnlose Herausforderung.

Ein behagliches Heim hatten sie sich geschaffen. Und um ihre tiefe Liebe zueinander zu krönen, planten sie nun, sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Noch waren sie jung.

Der Traum jetzt zerbrochen! Unerfüllt zerstört! Zerplatzt! Mit leeren Händen und leerem Herzen durchwandert sie rastlos Tag für Tag die leeren Räume. Sie verhöhnen sie unerträglich hartnäckig, ohne jedes Mitleid.

Sie stiert auf das Herbstblatt in ihren Händen, reibt es ruhelos ohne Unterlass. Wischt über das Tränennass.

„Als meine Oma gestorben ist, habe ich auch ganz, ganz doll geweint!“ Sie blickt in ein vertrautes Kindergesicht. Woher kennt sie es? Kleine Hände legen sich sanft auf ihre Knie.

„Im Kindergarten haben sie uns erzählt“, fährt das Kind fort, „warum du nicht mehr zum Vorlesen kommst. Das ist ja schrecklich schlimm! Wir sind alle mit dir ganz furchtbar traurig. Aber kommst du trotzdem wieder? Wir warten so, so sehr auf dich!“

Ihre Vorlesekinder! Natürlich! Mit ihnen hatte sie stets unendlich viel Spaß, so große Freude! Tief waren sie ihr ans Herz gewachsen … damals … Inzwischen sind sie ihrem Gedächtnis entglitten.

„Meine Mama ruft schon nach mir.“ Das Kind zeigt auf eine junge Frau am Ende des Parkwegs, die die Arme lachend schwingt. „Ich muss jetzt weg“, sagt das Kind.

Sie antwortet nicht.

„Kommst du wieder?“, fragt das Kind erneut. Sie zuckt apathisch mit den Schultern, bringt dann ihr hartes einstudiertes Lächeln zustande: „Vielleicht…“

„Bitte! Wir kitzeln dich dann alle auch ganz lange ganz feste. Dann musst du wieder lachen“, ruft das Kind flehentlich.

Für einen Augenblick herrscht Stille. Während das Kind sie unentwegt eindringlich anblickt, widmet sie sich mit gesenktem Kopf erneut dem Herbstblatt.

„Ja“, erwidert sie plötzlich entschlossen, „ich komme bald zu euch!“. Dieses Mal mit einem ehrlichen, weichen Lächeln. Sie weiß, dass sie ihr Wort halten muss, die Kinder nicht enttäuschen darf. Und das wird sie auch tun. Gleich wenn sie nach Hause kommt, wird sie nach neuen lustigen oder verzaubernden Kinderbüchern im Internet surfen und in den nächsten Tagen im Buchladen herumstöbern.

Sie spürt, wie ein winziges Glimmen von Mut in ihrem zersplitterten Herzen aufflammt.

Das Kind springt winkend davon: „Wir kitzeln dich dann ganz, ganz dolle! Versprochen!“, ruft es noch einmal zurück.

Da entringt sich ihrer Brust unerwartet ein kleines, scheues Lachen, fast nur ein Glucksen. Das erste seit unermesslich langer dunkler Zeit…

Die Tropfen der Traubensaftschorle rannen langsam über ihre Haare in den Nacken, vorne über die Stirn und die Wangen, bis sie ihren Hals erreichten und sich dann ganz vorsichtig am Oberkörper verteilten. Er ließ die 1,5-Liter-PET-Flasche mit einer Ruhe über ihr auslaufen, als hätte er im Detail geplant, wie sie durch diese Handlung mit all seiner tiefen, aufgestauten Verachtung bedeckt werden sollte. Jeder einzelne dieser Tropfen flüsterte ihr ganz leise Botschaften ins Ohr. Auf eine paradoxe Art gleichzeitig sanft und doch vernichtend: „Siehst du, zu welchem Verhalten DU mich gebracht hast mit deiner Widerspenstigkeit?“ „Wenn deine Freunde dich wirklich kennen würden, würde dich keiner mehr mögen“ „Sogar deine Mutter findet, dass du nichts kannst“ „Du Schlampe“ „Du Parasit“ Zwischen diesen sehr laut in ihrem Kopf vernehmbaren Botschaften meldeten sich andere Stimmen zu Wort, die aus einer anderen  Richtung zu kommen schienen: „Noch nicht mal ein Mittagessen kann ich kochen“ „Irgendwie hat er recht. Egal, was ich mache, ich mache dabei Fehler“ „Kein einziges Zimmer ist aufgeräumt – eine absolute Schande für eine Hausfrau und Mutter“
Langsam wurde es ruhiger. Die Tropfen klebten an ihrem Körper und ebenso die damit angekommenen Aussagen. Was genau geschah, als sie dieser unwirklichen und doch fühlbaren Starre des Mit-sich-Geschehen-Lassens wieder entkam, konnte sie nicht mehr sagen. Sie erinnerte sich nicht mehr. Wahrscheinlich war es der Übergang von einer Art Trance –  als würde man sich in einem Traum befinden – hin zu einem Zustand, der dem eines körperlichen Schocks nach einem Autounfall gleicht. Der Körper müsste wehtun und Signale senden, zeigen, was gerade gebrochen oder verletzt wurde, wo eine Wunde blutet und versorgt werden müsste. Aber der Körper fühlt einfach nicht. Gar nichts. Und so auch nach diesem Moment das Innere. „Nichts“ ist das beste Wort, um zu beschreiben, wie es sich anfühlt. Es mussten weder Rettungswagen noch Notarzt geholt werden. Es hatte einen ja niemand geschlagen oder getreten. Es gab keine blauen Flecken oder gebrochenen Rippen. Andererseits… dass etwas gebrochen war, fühlte sie. Sie konnte es nur nicht benennen. Sie konnte rein gar nichts mehr benennen. Wie sie einschlief und am nächsten Morgen wieder aufstand, die Kinder für den Kindergarten fertig machte, Mittagessen kochte, das nur allzu oft als „Fraß“ bezeichnet wurde, weiß sie nicht mehr. Auch, ob es noch Monate oder Jahre der Beleidigungen, des Schreiens waren, kann sie im Nachhinein nicht sagen. Auch nicht, wie sie das eine Jahr – war es vor oder nach der „Traubensaftschorle“ – überlebte, in dem die Verachtung eine Stufe weiter ging. Auch dann noch keine gebrochene Rippen – aber blaue Flecken. Oder eine Ecke, in die sie hinein gestoßen wurde und aus der sie nur mit Beteuerungen ihrer Schuld wieder herauskam. Oder eine zerrissene Jacke, nachdem sie mal wieder angeblich dreist gelogen hatte.
Dann irgendwann der Start in den letzten gemeinsamen Urlaub. Die Kinder freuten sich – der erste bewusste Flug für ihren Sohn Ben. Er war vier Jahre alt in diesem Frühling. Leni kam diesen Sommer in die Schule, einige Monate nach dem Urlaub. Auch wenn alles nach außen hin ruhig wirkte und sie eine normale Familie zu sein schienen, wusste sie doch, dass sie unter strengen Regeln in ihr All-Inclusive-Hotel reisten. Sie hatte vorher mehrmals mit der Gästebetreuung des Hotels geschrieben, damit sichergestellt war, dass sie dort Alternativen zu Milch- und Glutenprodukten hatten. Fleisch und Fisch würden sie sowieso meiden. Nein, sie hatten keine Unverträglichkeiten, sondern der Vater der Kinder hatte durch sorgfältige Recherche herausgefunden, was wirklich gut für sie alle war. Widerspruch war dabei natürlich nicht geduldet. Wie sie –  angekommen im Normalo-5-Sterne-Pauschaltouristen-Paradies – herausfinden durfte, waren auch ein großer Teil der gluten- und milchfreien Speisen tabu. „Mama, dürfen wir das essen?“ „Da musst du den Papa fragen.“ Sie „genossen“ also, was ihnen erlaubt wurde.
Dass sie Lenis Schulanfang als getrenntes Paar erleben würden, war Traum und Albtraum in einem. Er sagte, er sei verzweifelt, er könne nicht mehr mit einer Frau wie ihr zusammenleben, und dass diese Familie wegen ihr zerbrach. Und konstatierte ihr mehrere psychische Störungen, bezahlte ihr Beratungs-Sitzungen bei einem selbsternannten – mit ihm gut befreundeten – „Hobby“-Psychologen. Aber ER ging in diesem Sommer. Er GING. Es war wieder eine Zeit des Fast-nicht-Fühlens, der vorangegangenen weiteren verbalen Zerstörung ihres Ichs, ihrer Berechtigung und ihrer Fähigkeiten als Mutter. Und des Zerbrechens einer Familie, die sie unbedingt als Familie mit vier Personen behalten wollte. Wollte, dass sie aufwachte aus dem bösen Traum und auf einmal alles heile und schön und einfach so NORMAL wäre; wie bei den „anderen“. Und doch fing sie auch an zu spüren, dass ein Funken Hoffnung in der Luft lag. Sie fing vielleicht überhaupt wieder an zu fühlen. Weil Fühlen wieder Sinn machte. Eine Freundin schenkte ihr den aus Holz ausgesägten Begriff „Mut“, der bis heute in ihrer Küche steht. Damit konnte sie in der ersten Zeit nicht viel anfangen. Sie fand, sie war nicht mutig, nur eine, die überleben wollte. Frei und alleine mit ihren Kindern zusammen sein wollte. Irgendwie wollte, dass irgendetwas besser wurde. Es war dieses Wieder-Anfangen-zu-fühlen, was sie Schritt für Schritt immer lebendiger machte. Wieder fühlen zu WOLLEN, weil fühlen sich eben jetzt wieder lohnte. Manchmal fragte sie sich, wenn sie ihre selbstbewussten und durch die Trennung selbständig gewordenen Kinder beobachte: Was ist es, was du ihnen überhaupt geben kannst? Ist das nicht alles Fake? Haben sie nicht alles, was sie können, von ihrem Papa? Dann kommen wieder die Stimmen, die mit der Traubensaftschorle in ihren Körper eindrangen: „Wer bist du denn überhaupt?“ „Sogar deine Mutter denkt, dass man dir helfen muss. Du schaffst auch wirklich gar nichts alleine.“

„Mama, darf ich mit der Anna backen?“ Leni, jetzt schon 11 Jahre alt, reißt mich aus meinem Flashback in die  Vergangenheit. „Ja, klar könnt ihr backen. Räumt nur danach alles wieder in die Spüle“ Denke mir dabei: Was auch immer das Ergebnis ist, es ist gut – manchmal ein grandioses Kunstwerk kreativer Backkunst, manchmal ist es einfach für die Tonne, wie die Kinder lachend selbst schon hin und wieder feststellten. Das ist egal. Alles ist erlaubt. Wir sind frei. Ich realisiere, dass ich aufgewacht bin. Dass es „sie“ nicht mehr so richtig gibt. „Ich“ habe weitergelebt, weitergefühlt, war die ganze Zeit wirklich und im realen Leben Bezugsperson für meine Kinder – trotz allem.
Vielleicht ist er dieser Spruch am Ende doch wahr: Das Mutigste, was ich je getan habe, war weiterzuleben, obwohl ich sterben wollte.

Heute Morgen war alles anders. Die Sonne schien mir auf die Haut, doch ihre Wärme erreichte mich nicht. Umgeben von einer Schicht aus dichtem Eis ging ich die Straße entlang. Menschen kamen mir entgegen, doch sie trugen keine Gesichter. Ich wagte es nicht, ihnen in ihr Antlitz zu sehen, aus Angst, deine Züge könnten sich in ihren spiegeln. Gleichzeitig nährte mich die Hoffnung: Solange ich sie nicht ansah, könnten sie du sein. Egal wie lächerlich es klingt: dies war ein Gedanke, der mich bei Verstand hielt.

Krampfhaft hänge ich an jeder Erinnerung, während ich gleichzeitig schon das Gefühl habe zu vergessen, wie deine Stimme klingt. Wie dein Lachen sich anfühlt. Wie tief die See deiner Augen war.

Ich weiß nicht genau, warum es ausgerechnet heute so weit ist; aber als ich aufgestanden bin, beschloss ich zu der Kreuzung zu gehen. Seit fast drei Monaten habe ich sie gemieden, bin Umwege gelaufen oder gefahren. Habe mich bemüht, nicht zu sehr an dieses Ereignis zu denken, das ein Loch in mein Leben gerissen hat. Doch heute ist es soweit. Heute Morgen wusste ich es mit solch einer Gewissheit, dass ich nicht einmal die Zeit aufgebracht habe zu frühstücken. Die Blumen halte ich fest in meiner Hand. Es wird Zeit für einen Abschied, der längst überfällig ist. Einen Abschied, den mir ein Autofahrer genommen hat.

Warum ist er zu schnell gefahren?

Warum hat er dich nicht gesehen?

Warum bist du einfach weitergegangen?

Die Erinnerung frisst sich durch alles, was von dir noch übrig ist. Dein Gesicht war fast vollkommen mit dem Schal verdeckt, und doch erreichte mich dein strahlendes Lächeln auf der anderen Seite der Straße. Deine Hand, eingehüllt in einen Fäustling, streckte sich in die Luft, um mir zuzuwinken. Doch dann kam das Auto und der Fahrer sah dich nicht. Der Fahrer fuhr zu schnell. Ich konnte sehen, wie dein Lächeln starb.

Die Tränen trocknen auf meinen Wangen, die Sonne will mich trösten, doch es gibt keinen Trost für das, was ich empfinde. Jeder hat versucht mich zu trösten und ist bisher gescheitert. Während Mama mir ständig irgendwelche schlauen Bücher hinlegt, versucht meine Schwester mich nach draußen zu holen, etwas mit mir zu unternehmen. Meine Freunde haben aufgegeben, mich einzuladen. Ich sitze ja doch lieber in unserer Wohnung und starre die Wände an.

Die Wände, die früher deine Worte aufnahmen, dein Lachen laut klingen ließen und jetzt stillschweigend meine Trauer einfach hinnehmen. Es ist befreiend, nichts sagen zu müssen. Die Wände fragen mich nicht, wie es mir geht. Sie fragen mich nicht, ob sie etwas für mich tun könnten. Und wenn ich sie anschreie, dass alles, was ich will, nur ist, dass du wieder da bist, dann schauen sie mich nicht mitleidig an. Stoisch tragen sie weiterhin deine Bilder an sich, drängen mich nicht dazu sie abzunehmen. Drängen mich nicht dazu, dich zu vergessen, so wie alle anderen es tun.

Je näher ich der Kreuzung komme, desto langsamer werden meine Schritte. Immer wieder bleibe ich stehen, zögere. Ich weiß, dass deine Eltern ein Kreuz an die Stelle gestellt haben, deine Freunde Blumen, aber ich konnte nicht zurückkommen. Ich konnte die Schuld nicht ertragen.

Hast du meinetwegen nicht auf die Straße geachtet?

Hättest du mir nicht gewunken, wärest du dann noch am Leben? Wenn ich zu spät gekommen wäre – wie immer –, hättest du dann auf der anderen Straßenseite auf mich gewartet?

In den vergangenen Wochen glichen meine Gefühle einem Turm, der immer wieder zusammenbricht. Ich errichtete ihn aus Trauer, Schuld und Angst, bis ihn die Wut wieder zum Einstürzen brachte. Ein ewiger Kreislauf, der mich an unsere Kindergartenzeit erinnerte. Das erste Mal, als du mich angelächelt hast, war, als ein anderes Kind meinen Turm umgestoßen und mich damit zum Weinen gebracht hatte.

Was würdest du jetzt tun, da ich meinen Turm selbst zum Einstürzen bringe?

Die Autos fahren an mir vorbei. Teilweise zu schnell. Am liebsten würde ich die Fahrer von ihren Sitzen ziehen, ihnen die Erinnerungen an deine letzten Sekunden zeigen, damit sie verstehen, was passiert ist. Damit sie sehen, wie es ist, wenn eine Person ein letztes Mal lächelt, bevor sie für immer die Augen schließt. Dieses Bild wird mich für immer verfolgen. Selbst wenn ich dich irgendwann vergessen sollte und nicht mehr auf Anhieb weiß, wie deine Stimme klingt, dann werde ich noch immer dieses Bild von dir haben. Dein Lächeln, umringt von fließendem Blut, gemischt mit meinen Tränen, die auf dich fielen, als wäre ich nur eine Regenwolke, die über dich hinwegzieht. Ich konnte nichts sagen. Mich nicht entschuldigen, dass ich diesmal pünktlich war. Wäre ich doch unpünktlich gewesen…

Bist du böse auf mich?

Wenn du noch hier wärest, würdest du mir verzeihen?

Darf ich weiterleben? Weiter lachen?

Weiter ich sein? Auch ohne dich?

Die Erkenntnis, dass ich die Strass entlang zu weit gelaufen bin, trifft mich so plötzlich, wie das Auto angefahren kam, das dich damals traf. Ich drehe mich um und sehe das Kreuz. Dein Name, dein Geburtsdatum und der Tag des Unfalls hämmern sich in mein Gehirn. Es stehen rote Blumen um das Kreuz, was das Ganze nur noch schlimmer macht. Sie erinnern an das Blut.

Ich atme ein, ich atme aus, bis ich die Kraft habe, die letzten Schritte zu deinem Andenken zu machen. Dein Grab konnte ich besuchen. Aber diesen Ort hier? Ich stehe genau dort, wo du gestanden hast, bevor du auf die Straße getreten bist. Ich kann genau sehen, an welchem Platz ich war, um dir zuzuwinken.

Wieso bist du nicht mehr bei mir?

Wieso hat dich der Fahrer nicht gesehen?

Bist du böse auf mich?

Die Blumen in meinen Händen lassen ihre Köpfe hängen, zu sehr hielt ich sie umklammert. Trotzdem knie ich mich hin und lege sie zu den anderen. Es sind gelbe Tulpen, deine Lieblingsblumen und die einzigen, die hier herausstechen. Ich möchte dich so vieles fragen, dich um so vieles bitten, aber stattdessen sitze ich nur hier und warte. Warte, dass die Trauer versiegt. Warte, dass die Gefühle verschwinden. Warte, dass du zurückkommst.

Doch alles, was passiert, ist, dass die Sonne untergeht und meine Kälte sich mit der Nacht vermischt, bevor deine Eltern kommen und mich in ihr Auto setzen, um mich nach Hause zu fahren.

Darf ich wieder ich sein, auch ohne dich? Es tut mir leid. Ich vermisse dich.

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Es kann natürlich sein, dass diese Geschichte anders ausgegangen ist. Dass die beiden nicht über die Gleise, dann aus der Stadt hinaus, durch Dickicht und schmutzige Straßen immer weiter südlich gelaufen sind, um dann in der Nähe von Rom gemeinsam eine Strandbar zu eröffnen. Kann sein, dass sie ihr Ende schon 1980 in den sanften Schwüngen des Schatt al-Arab, des Grenzflusses zwischen Iran und Irak, gefunden haben, hilflos und alleine. Kann sein, dass sie sich erst Jahre später gegenüberstanden, irgendwo unter glühender Sonne in irgendeiner Wüste, längst vom Hass zerfressen, und vergessen haben, was sie eigentlich wollten. Ich kann’s nicht sagen, denn ich war nicht dabeiund wirklich kennengelernt habe ich die beiden eigentlich auch nicht.

1980 war das Jahr, in dem wir zu viert das erste Mal in die Freiheit aufbrachen. 17 Jahre, Interrail-Ticket in der Tasche, Sommerferien und den Rucksack auf den Schultern. Abenteuer in überfüllten Bummelzügen ohne jeglichen Zeitdruck. Man lernte Leute im Vorübergehen kennen, tauschte sich aus, lachte zusammen. Unser Ziel war Griechenland, für uns lag das eine Ewigkeit entfernt, und die Strecke war voller Orte, die wir nicht kannten. Paris – ich habe Fotos, auf denen meine Freunde auf dem Blechdach der Notre Dame liegen, erschöpft, in der Sonne dösend. Venedig – die erste Dusche am Bahnhof nach vier Tagen und das erste Mal das Blau des Meeres. Von Venedig aus führte die Route nach Jugoslawien, vor uns lag ein Land in Unruhe. Tito war gerade gestorben, der Sozialismus zog seine eigene Barrikade, verschärfte Grenzkontrollen verursachten leichtes Kribbeln im Bauch und Unruhe vor dem, was vor uns lag. Es dämmerte längst, als der Zug Triest erreichte. Der letzte Bahnhof vor der Grenze sorgte für Unruhe, Reisende stiegen aus, beladen mit Koffern und Taschen, um am nahen Meer ihren Urlaub zu verbringen. Wir blieben in unserem Abteil, unser Ziel lag noch in weiter Ferne, also warteten wir darauf, dass es weiterging. Der Bahnhof leerte sich, die Zeit verging, dann auf einmal Rangierarbeiten auf unserem Gleis, hektisches Treiben, welches wir nicht erklären konnten. Der Zug bewegte sich und verschwand. Wir nicht. Wir blieben stehen. Unser Waggon war abgekoppelt und stand verlassen.

Es dauerte nicht lange, und es klopfte an unserer Abteiltür. Großraumwaggons gab es noch nicht, jedes Abteil bestand aus zwei Reihen mit vier sich gegenüberliegenden Sitzplätzen. Eine Schiebetür und Vorhänge zum Gang sorgten für ein wenig Abgeschiedenheit. Zwei arabisch aussehende junge Männer standen davor und fragten, ob es bei uns noch Platz für sie gebe, und ob wir wüssten, was mit diesem Zug passiert sei. Sie setzten sich zu uns und wuchteten ihre Reisetaschen auf die Gepäckablage über ihren Köpfen. Es gab keine peinliche Stille, wie man sie erlebt, wenn Fremde den Raum betreten. Wir waren neugierig, wollten wissen, wie das Leben an anderen Orten der Welt funktioniert. Die beiden waren freundlich und sympathisch, und so kamen wir bald ins Gespräch. Wir erzählten, lachten, waren stolz auf unseren Mut, die Welt zu erkunden. Dann haben wir die beiden nach ihrem Weg gefragt. Die Antwort darauf traf uns unerwartet. Tatsächlich habe ich erst viel später verstanden, wenn ‘verstehen’ ein nicht zu anmaßendes Wort dafür ist.

Sinan (Hieß er Sinan? Der Name würde gut zu ihm passen.) studierte BWL in London. Er war 23 Jahre alt, seine Familie, auf die er sehr stolz war, hatte zusammengelegt, um ihm sein Studium zu ermöglichen. Er hatte eine britische Freundin, die Ellen hieß, und die er schon jetzt vermisste. Geboren war er in Teheran und dorthin war er nun unterwegs. Ihre Reise würde weitere vier Tage dauern, und bis Athen würden wir gemeinsam unterwegs sein. An seiner Seite saß Kaya, er kam aus Paris und studierte Medizin. Er war etwas älter als Sinan, schweigsamer, und er lebte seit zwei Jahren in Frankreich. Sein Vater war Arzt in einem Krankenhaus in Bagdad, und er hatte viele Geschwister. Auf die Frage, wie lange sie schon befreundet seien, erklärten beide, sie wären erst seit Paris gemeinsam auf Reisen. Später begannen sie leise, sich in arabischer Sprache zu unterhalten. Die Nacht war warm, das Abteil stickig, der Bahnsteig öde und verlassen, und so erwarteten wir den Morgen. Das Gespräch der beiden war ernster geworden und riss schließlich ab. Ich sah zu Sinan herüber, der mir schräg gegenüber saß. Er sah sehr bedrückt aus. ‘Everything okay?’, flüsterte ich in das Halbdunkel hinein. Jetzt war es Kaya, der leise zu sprechen begann, der uns erklärte, warum die beiden unterwegs in ihre Heimat waren, und dass es nicht freiwillig geschah. Seine Stimme brach ab, mitten im Satz, er griff nach seiner Tasche und zog ein Schreiben heraus. Sinan tat es im gleich und sie reichten uns die Papiere herüber. Wir hielten zwei offizielle Dokumente in der Hand, Stempel, Unterschriften. Beide waren in arabischer Schrift verfasst. Sie zeigten uns ihre Einberufungsbefehle. Einer trug die iranische Flagge im Briefkopf, der andere kam aus dem Irak.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, eingeschlafen zu sein, ich weiß auch nicht mehr, worüber wir in den letzten Stunden dort in diesem Zugabteil gesprochen haben. Ob ich überhaupt etwas gesagt habe, ob ich in diesem Moment ahnte, was das für die beiden bedeutete. Fakt ist, am nächsten Morgen waren sie nicht mehr da. Der Waggon wurde wieder angekoppelt, ein neuer Zug setzte sich in Bewegung, ohne dass sie darin waren.

Vier Wochen später, am 4. September 1980 begann der erste persische Golfkrieg, in dessen achtjährigem Verlauf über eine halbe Million Menschen starben. Irak und Iran standen sich erbittert gegenüber. Es folgte der zweite Golfkrieg und unzählige Scharmützel mit vielen weiteren Toten, nicht nur in der arabischen Welt.

Wenn ich heute über irgendeinen Krieg nachdenke, kommt mir fast wie ein Reflex diese Begegnung in den Sinn. Sie visualisiert für mich den Anfang dessen, was jeder Auseinandersetzung vorausgeht: Die Entscheidung teilzunehmen. Oder es zu lassen. Worüber haben diese beiden gesprochen auf der Fahrt in ihr ‚Abenteuer’? Wussten sie, was kommen würde? Sie waren sich der Spannungen im Land bewusst. Hatten sie Angst? Ganz bestimmt. Freund und Feind nebeneinander. Man mag sich das nicht vorstellen. Ich nicht. Meine Hoffnung ist, dass dieses Abkoppeln des Waggons für die beiden ein Zeichen war, ein Signal, welches auf einmal ‘Halt’ geschrien hat. Sie umdenken ließ. Ich wünsche mir so sehr, dass wir vier an genau dieser Stelle in ihr Schicksal eingefügt wurden, und unsere Freundschaft eine winzige Rolle spielte, bei der Entscheidung den letzten Rest Bedenken fallen zu lassen. Dass wir ihnen die Tür aufgehalten haben, sie über die Gleise und raus aus der Stadt sind, durchs Dickicht und immer den schmutzigen Straßen entlang, bis nach Rom, wo sie heute in einer Strandbar sitzen und jeden Tag dankbar sind, damals einfach ausgestiegen zu sein.

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