Heute Morgen war alles anders. Die Sonne schien mir auf die Haut, doch ihre Wärme erreichte mich nicht. Umgeben von einer Schicht aus dichtem Eis ging ich die Straße entlang. Menschen kamen mir entgegen, doch sie trugen keine Gesichter. Ich wagte es nicht, ihnen in ihr Antlitz zu sehen, aus Angst, deine Züge könnten sich in ihren spiegeln. Gleichzeitig nährte mich die Hoffnung: Solange ich sie nicht ansah, könnten sie du sein. Egal wie lächerlich es klingt: dies war ein Gedanke, der mich bei Verstand hielt.

Krampfhaft hänge ich an jeder Erinnerung, während ich gleichzeitig schon das Gefühl habe zu vergessen, wie deine Stimme klingt. Wie dein Lachen sich anfühlt. Wie tief die See deiner Augen war.

Ich weiß nicht genau, warum es ausgerechnet heute so weit ist; aber als ich aufgestanden bin, beschloss ich zu der Kreuzung zu gehen. Seit fast drei Monaten habe ich sie gemieden, bin Umwege gelaufen oder gefahren. Habe mich bemüht, nicht zu sehr an dieses Ereignis zu denken, das ein Loch in mein Leben gerissen hat. Doch heute ist es soweit. Heute Morgen wusste ich es mit solch einer Gewissheit, dass ich nicht einmal die Zeit aufgebracht habe zu frühstücken. Die Blumen halte ich fest in meiner Hand. Es wird Zeit für einen Abschied, der längst überfällig ist. Einen Abschied, den mir ein Autofahrer genommen hat.

Warum ist er zu schnell gefahren?

Warum hat er dich nicht gesehen?

Warum bist du einfach weitergegangen?

Die Erinnerung frisst sich durch alles, was von dir noch übrig ist. Dein Gesicht war fast vollkommen mit dem Schal verdeckt, und doch erreichte mich dein strahlendes Lächeln auf der anderen Seite der Straße. Deine Hand, eingehüllt in einen Fäustling, streckte sich in die Luft, um mir zuzuwinken. Doch dann kam das Auto und der Fahrer sah dich nicht. Der Fahrer fuhr zu schnell. Ich konnte sehen, wie dein Lächeln starb.

Die Tränen trocknen auf meinen Wangen, die Sonne will mich trösten, doch es gibt keinen Trost für das, was ich empfinde. Jeder hat versucht mich zu trösten und ist bisher gescheitert. Während Mama mir ständig irgendwelche schlauen Bücher hinlegt, versucht meine Schwester mich nach draußen zu holen, etwas mit mir zu unternehmen. Meine Freunde haben aufgegeben, mich einzuladen. Ich sitze ja doch lieber in unserer Wohnung und starre die Wände an.

Die Wände, die früher deine Worte aufnahmen, dein Lachen laut klingen ließen und jetzt stillschweigend meine Trauer einfach hinnehmen. Es ist befreiend, nichts sagen zu müssen. Die Wände fragen mich nicht, wie es mir geht. Sie fragen mich nicht, ob sie etwas für mich tun könnten. Und wenn ich sie anschreie, dass alles, was ich will, nur ist, dass du wieder da bist, dann schauen sie mich nicht mitleidig an. Stoisch tragen sie weiterhin deine Bilder an sich, drängen mich nicht dazu sie abzunehmen. Drängen mich nicht dazu, dich zu vergessen, so wie alle anderen es tun.

Je näher ich der Kreuzung komme, desto langsamer werden meine Schritte. Immer wieder bleibe ich stehen, zögere. Ich weiß, dass deine Eltern ein Kreuz an die Stelle gestellt haben, deine Freunde Blumen, aber ich konnte nicht zurückkommen. Ich konnte die Schuld nicht ertragen.

Hast du meinetwegen nicht auf die Straße geachtet?

Hättest du mir nicht gewunken, wärest du dann noch am Leben? Wenn ich zu spät gekommen wäre – wie immer –, hättest du dann auf der anderen Straßenseite auf mich gewartet?

In den vergangenen Wochen glichen meine Gefühle einem Turm, der immer wieder zusammenbricht. Ich errichtete ihn aus Trauer, Schuld und Angst, bis ihn die Wut wieder zum Einstürzen brachte. Ein ewiger Kreislauf, der mich an unsere Kindergartenzeit erinnerte. Das erste Mal, als du mich angelächelt hast, war, als ein anderes Kind meinen Turm umgestoßen und mich damit zum Weinen gebracht hatte.

Was würdest du jetzt tun, da ich meinen Turm selbst zum Einstürzen bringe?

Die Autos fahren an mir vorbei. Teilweise zu schnell. Am liebsten würde ich die Fahrer von ihren Sitzen ziehen, ihnen die Erinnerungen an deine letzten Sekunden zeigen, damit sie verstehen, was passiert ist. Damit sie sehen, wie es ist, wenn eine Person ein letztes Mal lächelt, bevor sie für immer die Augen schließt. Dieses Bild wird mich für immer verfolgen. Selbst wenn ich dich irgendwann vergessen sollte und nicht mehr auf Anhieb weiß, wie deine Stimme klingt, dann werde ich noch immer dieses Bild von dir haben. Dein Lächeln, umringt von fließendem Blut, gemischt mit meinen Tränen, die auf dich fielen, als wäre ich nur eine Regenwolke, die über dich hinwegzieht. Ich konnte nichts sagen. Mich nicht entschuldigen, dass ich diesmal pünktlich war. Wäre ich doch unpünktlich gewesen…

Bist du böse auf mich?

Wenn du noch hier wärest, würdest du mir verzeihen?

Darf ich weiterleben? Weiter lachen?

Weiter ich sein? Auch ohne dich?

Die Erkenntnis, dass ich die Strass entlang zu weit gelaufen bin, trifft mich so plötzlich, wie das Auto angefahren kam, das dich damals traf. Ich drehe mich um und sehe das Kreuz. Dein Name, dein Geburtsdatum und der Tag des Unfalls hämmern sich in mein Gehirn. Es stehen rote Blumen um das Kreuz, was das Ganze nur noch schlimmer macht. Sie erinnern an das Blut.

Ich atme ein, ich atme aus, bis ich die Kraft habe, die letzten Schritte zu deinem Andenken zu machen. Dein Grab konnte ich besuchen. Aber diesen Ort hier? Ich stehe genau dort, wo du gestanden hast, bevor du auf die Straße getreten bist. Ich kann genau sehen, an welchem Platz ich war, um dir zuzuwinken.

Wieso bist du nicht mehr bei mir?

Wieso hat dich der Fahrer nicht gesehen?

Bist du böse auf mich?

Die Blumen in meinen Händen lassen ihre Köpfe hängen, zu sehr hielt ich sie umklammert. Trotzdem knie ich mich hin und lege sie zu den anderen. Es sind gelbe Tulpen, deine Lieblingsblumen und die einzigen, die hier herausstechen. Ich möchte dich so vieles fragen, dich um so vieles bitten, aber stattdessen sitze ich nur hier und warte. Warte, dass die Trauer versiegt. Warte, dass die Gefühle verschwinden. Warte, dass du zurückkommst.

Doch alles, was passiert, ist, dass die Sonne untergeht und meine Kälte sich mit der Nacht vermischt, bevor deine Eltern kommen und mich in ihr Auto setzen, um mich nach Hause zu fahren.

Darf ich wieder ich sein, auch ohne dich? Es tut mir leid. Ich vermisse dich.

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Vor dreizehn Tagen hatte ich den Schritt gewagt, meinen Eltern ihren tatsächlichen Sohn zu präsentieren. Mich, wie ich war und in Zukunft leben wollte. Das einstudierte Bündel genormter Erwartungshaltungen hatte ich – aus Angst vor Ablehnung – schon viel zu lange getragen. Nun war es mir zu schwer geworden, und ich hatte damit begonnen, es abzulegen.

Seit diesem Tag fühlte es sich an, als gäbe es in unserem Haus nicht mehr genügend Luft zum Atmen. Oder als würde sie mir nicht länger zugestanden. Meine Eltern und ich, wir saßen im selben Boot, in dieser jämmerlichen Nussschale von Familie. Ich hatte das Rudern übernommen und war dabei über Bord gegangen. Als winkender Nichtschwimmer. Jetzt war es an ihnen, das Steuer zu übernehmen, mich einzusammeln, den Kurs zu korrigieren und das Riff zu umschiffen.

Nie zuvor hatte ich mich so verletzlich gefühlt. Dabei war ich groß, stark; in meiner Klasse eilte mir ein gewisser Ruf voraus, den ich mir durch vereinzelte Schlägereien hart erarbeitet hatte.

Ich ließ meinen Bleistift sinken und blickte auf. Die Atmosphäre im Klassenzimmer hatte sich in den letzten Sekunden merklich verändert. Als sei ein kalter, schneidender Luftzug hindurch gefegt. Das blutüberströmte Vampirmädchen, das ich noch eben in mein Heft gekritzelt hatte, entließ mich aus seinem Bann.

„Echt, du bist lesbisch?“ Das war Ahmad. Ein Macho wie aus dem Lexikon. In seiner Frage schwang Ekel mit. Er schaute in Leylas Richtung, mied aber ihren Blick.

Leyla war vor Kurzem neu in unsere Klasse gekommen, ein toughes Mädchen: zerrissene Jeans, schwarzgefärbte Haare, Nasenpiercing. Ständig trug sie Pullover irgendwelcher Bands, von denen noch nie jemand gehört hatte. Sie war selbstbewusst, ein bisschen wie Super Girl. Bloß sympathischer. Und ja, sie war lesbisch. Für die Aufmerksamen hatte sie daraus von Beginn an kein Geheimnis gemacht. Der kleine regenbogenfarbene Aufkleber auf ihrer Federmappe, ihr Armband: Wie Brotkrümel hatte sie die Botschaft an alle gesendet, die zuhören wollten, ohne dass sie es hatte aussprechen müssen. Für sie gab es auch gar nichts, was unbedingt hätte ausgesprochen werden müssen. Man kommt schließlich auch nicht neu in eine Klasse und outet sich als Hetero.

Ahmad sah das anders und viele standen hinter ihm. Auch die schweigende Masse stand ihm nicht im Weg.

Er versuchte, sich an irgendeine Passage aus dem Koran zu erinnern. Christina, Leylas rechte Sitznachbarin, bediente sich an der Bibel und rückte etwas von ihr ab. Gott sollte ihr keine Komplizenschaft unterstellen können. Zwei Wochen lang hatte sie den Aufkleber vor ihrer Nase gehabt und ignoriert – wie konnte sie diesem Detail plötzlich solche Bedeutung beimessen?

Erst versuchte Leyla noch, sich der Diskussion zu stellen. Dieser Diskussion, die mit jedem weiteren Beitrag den Deckmantel der sensationslüsternen Neugierde abstreifte und zunehmend feindlich wurde. Ein richtiger Mindfuck. Für sie. Und für mich. Dann begann sie zu schluchzen, Stimmen prasselten von allen Seiten auf sie ein. Selbst die größte Stärke ist begrenzt, jeder hat sein Kryptonit.

Ich sah ihr an, dass sie am liebsten aufgestanden wäre und den Raum verlassen hätte. Doch sie blieb sitzen. Wie ich. Ich wollte ihr so gerne helfen. Doch hatte ich bisher noch nie auch nur ein einziges Wort mit ihr gewechselt. Ich war ein stiller Bewunderer, aber kein Beistand.

Sophie, Leylas linke Sitznachbarin, reichte ihr ein Taschentuch und streichelte kurz über ihren Arm.

„Scheiße, und mit der habe ich nach Sport geduscht“, warf Natascha in den Raum, so als hätte Leyla diesen tatsächlich verlassen.

Unser Lehrer stand Leyla zur Seite und übernahm wieder die Gesprächsleitung. Er war ein liberaler Typ, der sich dem täglichen Chaos unserer Klasse meistens mit stoischer Gelassenheit stellte, jedoch wichtige Grenzen aufzeigte und unsinnige überwand. Doch manchmal ist ein Lehrer eben nur Lehrer und seine Worte finden kein Gehör, wie rational oder vernünftig sie auch sein mögen.

Er wandte sich Steven zu, der durch einen weiteren, beinahe geflüsterten Kommentar in seine Schusslinie geraten war.

Ich kannte Steven seit der Grundschule und wir waren so etwas wie beste Freunde. Doch manchmal war er einfach ein riesiges Arschloch und ein noch größerer Idiot. Wie jetzt gerade: „Meinetwegen können die Homos machen, was sie wollen. Solange sie mich nicht anschwulen. Sind ja trotzdem Menschen. Ich mein, ich find das eklig, aber ich bin ja tolerant, ich schlag die nicht gleich oder so. Aber wehe, die kommen mir zu nah …“

Unser Lehrer versuchte, die Stimmung etwas zu entspannen: „Steven, du hast also Angst, dass alle Schwulen auf der Straße über dich herfallen könnten. Wie oft passiert dir das denn bei Mädchen?“

„Hä?“

„Du traust dich ja auch raus, obwohl es da draußen Mädchen geben könnte, die auf dich stehen. Hältst du dich wirklich für so attraktiv, dass du dir darüber Gedanken machen musst?“ Ein paar Lacher, aber keine Entspannung. „In Ordnung, ich versuche es mal anders. Aber bevor du antwortest, überlege dir bitte genau, was du sagst. Stell dir vor, dein bester Freund wäre schwul – Wie könnte er sich dir da anvertrauen? Und meinst du wirklich, das würde etwas daran ändern, dass ihr seit Jahren beste Freunde seid?“

„Ja, dann wäre er ein anderer Mensch und ich würde ihm die Freundschaft kündigen …“

Unser Lehrer schüttelte resigniert den Kopf und versuchte, sein Anliegen durch ein persönliches Beispiel zu verdeutlichen. In seiner Clique gab es zwei Mädchen, die ihre Beziehung selbst vor den engsten Freunden mehrere Jahre geheim gehalten hatten. Als sie den Mut fanden, fanden ihn auch drei weitere, was am Ende den halben Freundeskreis ausmachte.

Nach diesem Beispiel wiederholte unser Lehrer seine Frage. Und Steven wiederholte seine Antwort.

In mir rumorte es, meine Hände zitterten. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Für diese klägliche Nussschale von Familie. Für Leyla, die Tapfere. Für alles, was vernünftig war. Und am meisten … für mich!

Ich stand auf. Und laut, ganz ohne Räuspern sagte ich: „Ich bin übrigens schwul.“

Ich wunderte mich selbst, wie groß ich war. Wie stark ich war. Ich war ein Fels in der Brandung.

Leyla lächelte. Steven errötete.

Die feindseligen Stimmen verstummten.

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Es wird wieder passieren. Ich spüre es. Ich weiß es. Ich weiß es ganz genau. Sie ist weg. Und wir sind allein. Er und ich. Wie jedes Mal. Er wird es wieder tun. Wie jedes Mal. Und ich kann nichts dagegen tun. Mich nicht wehren. Sonst gibt es wieder Schmerzen. Schmerzen, die ich verdient habe. Weil ich kein braves Mädchen war. Er kommt zu mir und ich möchte etwas sagen, ich möchte schreien, nach Hilfe schreien, nach meiner Mama schreien, doch ich kann nicht. Denn sie ist nicht da. Hat mich allein gelassen mit ihm. Ich möchte wegrennen, doch ich darf nicht. Er ist schneller, er holt mich ein. Und dann gibt’s wieder Schmerzen. Ich möchte flehen, dass er es nicht tut, möchte sagen, dass ich das nicht möchte, aber das bringt nichts. Denn mein Willen hat keinen Wert. Ich bin egal, ich bin nur ein Spielzeug, das er haben möchte. Ich bin nur da, um benutzt zu werden.
Und plötzlich ist er da und er ist überall. Überall Hände, Hände dort, wo ich sie nicht haben möchte, Hände, Hände, überall Hände. T-Shirt und Strumpfhose scheinen verschwunden zu sein, denn plötzlich ist es kalt und er ist überall. Ich habe Angst, ich wage kaum zu atmen, bitte hör auf, bitte, bitte hör auf, aber er tut‘s nicht. Alles in mir verkrampft, ich bin ohnmächtig. Ich kann nichts tun, nichts dagegen tun, überall sind Hände, ich nehme kaum noch wahr wo, ich spüre sie überall, als wäre er überall gleichzeitig. Er ist über mir, er will immer mehr. Immer und immer und immer mehr. Und es reicht ihm nicht, an mir dran zu sein. Es reicht ihm nicht, alles an mir anzufassen, alles an mir zu besitzen, nein, er will auch in mich hinein. In mich eindringen, um mir alles zu nehmen, was je mir gehört hat. Ich gehöre ihm. Mein Gehirn packt alles in einen Nebel, doch es reicht nicht, um all das nicht mitzubekommen. Wie er sich auszieht, wie er in mich hinein dringt. Wie er auf mir liegt, mich mit seinem ganzen Gewicht gegen den kratzigen Teppich drückt. Wie er mir befiehlt, zu tun, was er will. Ich bin kein Mensch. Ich bin ein Spielzeug. Sein Spielzeug. Und ich muss tun, was er sagt. Sonst gibt es Schmerzen. Und noch Schlimmeres. Ich muss tun, was er sagt, immer und immer wieder. Dinge, die ich nicht tun will. Dinge, die ich nicht zulassen will. Aber das ist egal. Was ich will, war schon immer egal. Es tut weh, so weh, dass ich schreien will, aber das darf ich nicht. Ich möchte weinen, aber das ist auch nicht erlaubt. Keinen Mucks machen, keinen einzigen Mucks. Ganz leise sein. Und aushalten. Irgendwie. Der Nebel wird dichter, der Nebel will mich beschützen, aber er ist nicht stark genug, er ist stärker. Er wird immer stärker sein.
Und irgendwann ist es vorbei. Er lässt mich los, seine Hände verlassen meinen Körper, er ist weg. Weg. Endlich weg. Vorbei. Endlich vorbei. Er geht raus. Ich liege da und kann mich nicht rühren. Alles verkrampft, alles tut weh. Mein Herz schlägt so laut, dass ich Angst habe, dass man es durch die geschlossene Tür hört, und er reinkommt und mich schlägt. Aber er hört es nicht. Langsam kann ich mich wieder bewegen. Es ist vorbei. Aber nur für heute. Nicht für immer. Ich wünsche mir jedes Mal, dass es für immer vorbei ist. Aber das wünsche ich mir schon ganz lange. Meine Mama sagt, wenn man eine Wimper verliert, dann darf man sie wegpusten und sich was wünschen. Ich wünsche mir jedes Mal, dass das aufhört. Dass er aufhört. Aber es hört nicht auf. Ich hoffe, es funktioniert bei der nächsten Wimper.
Später holt mich Mama ab. Es ist schon spät, und ich muss ins Bett. Ich würde gerne sagen, was er macht, aber das darf ich nicht, sagt er. Weil er sonst Mama und Papa und Oma wehtut. Und mir auch. Und er sagt, dass ich das verdient habe. Weil ich ein böses Mädchen bin. Vielleicht hört es auf, wenn ich ein besseres Mädchen bin. Oder vielleicht nach der nächsten Wunschwimper.
Wie man sich denken kann, hat all das nichts geholfen. Kein Hoffen, kein Bangen, keine Wunschwimpern. Es ging weiter so. Jahrelang. Und keiner hat es gesehen. Keiner wollte es sehen. Nach einigen Jahren sind wir umgezogen, und damit hatte diese Hölle endlich ein Ende. Vorerst. Mein Gehirn blendete es komplett aus. An nichts konnte ich mich erinnern. Es war einfach zu viel, zu viel für ein kleines Kind, das all das nicht versteht. Deshalb ließ mich mein Gehirn vergessen, damit ich nicht zugrunde ging daran. Doch irgendwann hörte mein Kopf auf, sich davor zu verschließen, und ließ die Erinnerungen wieder rein. In mein Bewusstsein. Sie kommen überfallartig auf mich, wie ein riesiger Tsunami, der mich überrollt und ertränkt. Ich falle um, mein Körper zuckt und krampft, was das Zeug hält, und ich sehe all das wieder. Was er getan hat. Was er an mir getan hat. Was er in mir getan hat. Was er gezwungen hat, mich zu tun. Es ist, als würde es immer und immer wieder passieren, wobei es schon lange vorbei ist. Die Erinnerungen suchen mich heim bis heute. Er schickt mich jeden Tag durch die Hölle, obwohl ich ihn seit Jahren nicht gesehen habe. Das ist das Schlimme an einem Trauma: Es lässt dich nicht los. Es lässt dich nicht vergessen. Es sucht dich heim und erinnert dich immer wieder an diese Hölle. Diese Hölle ist ein Teil von dir und wird es immer bleiben, und damit musst du dich arrangieren – für den Rest deines Lebens. Man sagt nicht umsonst, egal was die Täter für eine Strafe bekommen – die Opfer haben lebenslänglich.
Er hat keine Strafe bekommen. Ich habe mich nicht getraut. Zu groß ist die Angst, die Angst vor ihm, vor den Erinnerungen, der Polizei, den Befragungen und davor, ob man mir überhaupt glaubt. Ich versuche vorerst, überhaupt mit mir selbst klarzukommen. Ich wollte so oft all dem ein Ende setzen, springen, den Strick schnüren, die Tabletten nehmen, um all das nicht mehr sehen zu müssen, nicht mehr fühlen zu müssen. Doch das Leben wollte mich nicht loslassen, ich überlebte jedes Mal.
Und ich gab ihm noch eine Chance. Ich habe endlich adäquate Hilfe bekommen. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, die mich lieben, so wie ich bin, mit all meinen Macken und Problemen. Ich habe mir etwas aufgebaut, was langsam annähernd einem Leben gleicht. Ich muss immer noch jeden Tag kämpfen, gegen die Erinnerungen, die mich einholen, die Flashbacks, die Krampfanfälle, die unaushaltbaren Gefühle und Gedanken, und oft schleicht sich der Gedanke ein, dass es einfacher wäre, alles einfach zu beenden. Aber nein. Das will ich nicht. Ich bin dabei, die schönen Seiten des Lebens kennenzulernen. Ich möchte Zeit mit Menschen verbringen, die ich liebe und die mir das Gefühl geben, ein Mensch zu sein. Ich möchte lachen, Spaß haben und endlich das Gefühl haben, frei zu sein. Sterben wäre einfacher, ja, aber dann hätte er gewonnen, er hätte mich vernichtet. Aber das wird er nicht schaffen. Er wird nicht gewinnen. Denn ich will leben.

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Erleichtert atmet sie auf. Seit Monaten das erste Mal wieder allein. Die anderen meinen es nur gut, das weiß sie. Trotzdem ist es belastend, nie seine Ruhe haben zu können und immer wieder die gleiche Frage beantworten zu müssen: „Wie geht es dir?“ Na wie soll es ihr schon gehen? Gut bestimmt nicht. Aber es ging ihr auch schon schlechter.
Ihr Therapeut hat ihr dazu geraten, mal wieder das Haus zu verlassen. Heute ist der erste Tag, an dem sie sich stark genug dazu fühlt. Stark und zuversichtlich.
Als sie aus der Straßenbahn steigt wird ihr bewusst, wie sehr ihr das Treiben in der Stadt gefehlt hat. Überall Menschen die Besorgungen machen, durch die Straßen und Gassen schlendern oder ihre Hunde ausführen. Ein Geschäft reiht sich ans andere, und sie kann sich kaum satt sehen an den vielen verschiedenen Farben, die ihr entgegen leuchten. Die bunten Kleider im Schaufenster, die gelben und orangefarbenen Tulpen vor dem Blumenladen, das strahlende Blau des Himmels mit den weißen Wolkentupfen und die roten Dächer, die in der Sonne glitzern. Kurz bleibt sie stehen, um alles in sich aufzunehmen und um den unverwechselbaren Geruch der Stadt einzuatmen. Es riecht nach einer undefinierbaren Mischung der verschiedensten Essensgerüche, nach dem Wasser des Flusses, der sich durch die Stadt windet, nach sonnenbeschienenem Stein und ein wenig nach Abgasen. Was für eine Wohltat, nach all den sterilen Farben und Gerüchen der letzten Monate.
Sie geht weiter und sieht schon von Weitem ihr Ziel. Eine kleine Bäckerei, in der es die besten Brötchen der Stadt gibt. Während sie auf die Bäckerei zugeht, merkt sie, wie ein nervöses Kribbeln langsam von ihrem Bauch aufsteigt. Sie kann es schaffen.
Im Laden muss sie kurz warten und währenddessen spricht sie sich weiter Mut zu. Der Duft nach frischen Backwaren und die vielen wartenden Menschen machen sie noch nervöser. Dann ist sie an der Reihe. Der Verkäufer fragt freundlich: „Was darf es bei Ihnen sein?“ „Ich…ich…“, die Worte wollen einfach nicht kommen. Erwartungsvoll blickt der Mann sie an. Noch einmal versucht sie es. Doch diesmal kommt gar nichts aus ihrem Mund. Sie spürt nur, wie der Luftstrom, der eigentlich aus ihren Worten bestehen sollte, leer an ihren Lippen vorbei strömt. Röte überzieht ihr Gesicht und sie fängt an zu schwitzen. Hinter ihr reihen sich einige Menschen und es kommen immer weitere hinzu. Der Verkäufer scheint zu erkennen, dass sie Probleme mit der Sprache hat und bedeutet ihr kurz zu warten. Als er im Hinterraum verschwindet, hört sie, wie sich hinter ihr ein mürrisches Gemurmel breit macht. Nur ein paar Sekunden später ist er wieder da und hält ihr Papier und Stift hin. Resigniert schaut sie auf ihren rechten Arm, der nutzlos an ihrer Seite hängt. Sie blickt den Verkäufer an und schüttelt den Kopf. „Was dauert da vorne denn so lang?“ „Geht das nicht schneller?“ Gereizte Stimmen dringen an ihr Ohr. Das Kribbeln hat nun von ihrem ganzen Körper Besitz ergriffen und sie fängt leicht an zu zittern. Sie tritt einige Schritte zur Seite und lässt den Mann hinter sich vor. Der Verkäufer wirft ihr einen entschuldigenden Blick zu und wendet sich seinem neuen Kunden zu. Wenn die Leute in der Schlange weniger werden , wird sie es noch einmal versuchen, spricht sie sich erneut Mut zu und wartet an der Seite. Einige Wartende werfen ihr Blicke zu, denen sie ausweicht. Sie will ihre Ungeduld, ihr Mitleid oder ihre Verachtung nicht sehen. Solche Blicke hat sie in den letzten Monaten viel zu oft auf sich gespürt. Nach einer Weile sieht sie ein, dass die Schlange einfach nicht kürzer wird. Und auch, wenn niemand im Laden wäre, wüsste sie nicht, ob sie ihre Bestellung machen könnte. Mit hängenden Schultern verlässt sie den Laden. Das Treiben der Stadt, das ihr zuvor so herrlich erschienen war, bedrängt sie nun.
Auf der Fahrt nach Hause treten ihr Tränen in die Augen. Was hat sie sich nur dabei gedacht? Die Stärke und Zuversicht vom Morgen sind wie weggewischt. Mutlosigkeit und Angst haben mit ihnen die Plätze getauscht. Was, wenn sie nie wieder zum Bäcker gehen kann? Wird sie für immer auf die Hilfe und das Verständnis anderer angewiesen sein? Wird sie immer als die hilflose Frau gesehen werden, die nicht mehr richtig sprechen kann? Sie lässt den Kopf gegen die Fensterscheibe sinken und starrt nach draußen.
Nach Hause. Verstecken. Verkriechen.
Einige Tage später sitzt sie trübsinnig am Frühstückstisch. Noch immer hat sie sich nicht von dem Rückschlag in der Bäckerei erholt.
Wie jeden Morgen gibt es Vollkornbrötchen. Ihr Mann holt sie morgens beim Bäcker um die Ecke. Nach fünfunddreißig Jahren Ehe weiß er immer noch nicht, dass sie diese nicht mag . Sie starrt auf das Brötchen in ihrer Hand. Innerlich verflucht sie ihr trauriges Schicksal, das sie zwingt, jeden Morgen diese, nach nichts riechenden und nach Pappe schmeckenden Brötchen zu essen. Jeden Morgen. Immer Vollkornbrötchen.
Doch dann wird sie wütend. Sie will nicht Opfer ihrer eigenen Sprachlosigkeit sein. Der verdammte Schlaganfall, der sie vor zwei Jahren heimgesucht hat, beherrscht sie und ihr Leben. Sie will sich nichts von ihm vorschreiben lassen. Nicht mehr. Sie lässt das Brötchen auf den Teller fallen. Dann steht sie auf und nimmt, ohne sich um den verwirrten Blick ihres Mannes zu kümmern, die Einkaufstasche vom Haken. Heute wird sie Laugenbrötchen zum Frühstück essen. Und zwar die von der besten Bäckerei der Stadt.
„Was bekommen Sie?“ Die junge Frau hinter dem Verkaufstresen lächelt sie höflich an. „Ich möchte…“, beginnt sie. Doch das Wort, das sie eben noch wusste, entgleitet ihr. Wieder einmal. Kurz sucht sie danach. Da sie aber merkt, wie sich hinter ihr langsam eine Schlange bildet, zeigt sie einfach in einen der Körbe, der voll mit Backwaren hinter der Frau steht. „Laugenbrötchen?“ Sie nickt erleichtert. „Wie viele möchten Sie?“ „Drei“, presst sie hervor und schüttelt im gleichen Moment den Kopf. „Drei?“ fragt die Verkäuferin nach und erneut schüttelt sie den Kopf. Sie hält ihr ihre linke Hand hin und spreizt die Finger. „Also vier.“ Diesmal nickt sie. Die Frau holt vier Laugenbrötchen aus dem Korb und packt sie in eine Tüte.
Als sie wieder draußen auf der Straße steht, kann sie es kaum glauben. Sie hat es tatsächlich geschafft! Die Brötchen in der Tüte duften verheißungsvoll.

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Und heute Morgen war alles anders. Die Sonne schien mir auf die Haut, doch ihre Wärme erreichte mich nicht. Umgeben von einer Schicht aus dichtem Eis ging ich die Straße entlang. Menschen kamen mir entgegen, doch sie trugen keine Gesichter. Ich wagte es nicht, ihnen in die Augen zu sehen, aus Angst, deine Züge könnten sich in ihren spiegeln. Gleichzeitig auch die Hoffnung: Solange ich sie nicht ansah, könnten sie du sein. Egal wie lächerlich es klingt: dies war ein Gedanke, der mich bei Verstand hielt. (mehr …)

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