Gestern hatte Ralf seinen Bruder nach Hause geholt. Als er nun, das Tablett in den Händen balancierend, durch den holzvertäfelten Flur schritt, kam ihm das Haus bereits verändert vor. Es war noch immer dunkel, groß und voller Staub. Doch es war Leben zurückgekehrt. Wenn auch nur für kurze Zeit.
Die wehenden Vorhänge begrüßten ihn. Langsam ging er auf die Terrassentür zu, spürte bereits die Wärme, die ihre Finger nach ihm ausstreckte.
Draußen empfingen ihn ein Rauschen und Zwitschern und Zirpen, ein Tanz und ein Reigen und Leben. All diese Farben. Für einen Moment blieb er stehen. Der Himmel. Gebadet in ein tiefes Rosa, ein flüchtiges Lila. Davor die schwingenden Baumwipfel, die Blumenbeete. Die Bienen und Hummeln, die von Blüte zu Blüte hüpften, die einen verträumt summend, die anderen angestrengt brummend.
Gerüche. Der undefinierbare Geruch von Wärme, die Süße der Blumen, der Rauch des Grills vom Nachbarn. Ein Sommerabend. Ein wunderschöner –
„Verdammte Scheiße.“
Ralf erschreckte sich so sehr, dass er beinahe das Tablett fallenließ. Nur mit Mühe gelang es ihm, es mit einem lauten Klirren unsanft auf dem Glastisch abzusetzen, ehe er sich vorwurfsvoll zu dem Liegestuhl umdrehte, auf dem sein Bruder vorgeblich schlief. Doch Karl sah ihn hellwach an, die dunklen Augen bohrten sich feurig und drängend in seine.
„Warum kann ich nicht im Winter sterben? Was soll denn das? Da fühlt man sich doch wirklich verarscht.“
Ralf drehte sich wortlos um und goss seinem Bruder ein Glas Wasser aus der Karaffe ein. Dann setzte er sich neben ihn.
„Versuch es zu genießen. Es gibt nichts schöneres als das hier, meinst du nicht auch?“, murmelte er schließlich.
„Ach hör mir auf damit.“, winkte Karl unwirsch ab. „Da will mich jemand verkackeiern und ich weiß es.“
Ralf schwieg, hatte er doch in den letzten 65 Jahren gelernt, dass man mit seinem Bruder nicht diskutieren musste. 65 Jahre. Das war einiges. Bald würde es niemanden mehr geben, den er so lange kannte.
Da saßen sie nun beide und hingen ihren Gedanken nach. Irgendwann streckte Ralf die Hand zur Seite und streichelte das warme Fell des Collies, der zwischen ihren Stühlen auf seiner weichen Decke lag. Müde hob Balu den Kopf und blinzelte ihn an, ehe er seine Schnauze mit einem lauten Seufzen wieder in eine Falte in seiner Decke steckte. Karl hatte es nicht ausgesprochen, bis heute nicht. Aber Ralf wusste: Das war das schlimmste für ihn. Den Hund im Stich zu lassen, nachdem Balu in seinem ganzen Hundeleben nicht ein einziges Mal von Karls Seite gewichen war. Ralf konnte das nicht von sich behaupten, und er bedauerte es. Aber 65 Jahre waren eine lange Zeit. Menschen machten Fehler, sie lebten sich auseinander, sie empfanden Neid und Eifersucht. Sie hatten Geheimnisse.
Der Himmel wurde dunkler, die Bienen und Hummeln ruhiger. Derweil nahm das Zirpen zu, es schien die Luft zu füllen. Dazu sangen die Vögel.
„Es… gibt einen Grund, warum ich nie geheiratet habe.“
Fast hoffte Ralf, sein Bruder würde schlafen. Er hatte leise gesprochen, absichtlich, damit sein Bruder ihn nicht hörte. Doch als er zu ihm hinübersah, blickte er wieder in Karls dunkle Augen.
„Denkst du noch immer, das wüsste ich nicht?“ War es ein Lächeln, das Karls Lippen umspielte? Genau konnte Ralf es nicht erkennen, dazu war es bereits zu dunkel. Nun folgte ein Hustenanfall seines Bruders, nach dem dieser sich halb aus seinem Stuhl erhoben hatte, um mit den Fingerspitzen nach der Zigarettenpackung zu fischen, die auf dem Tisch lag. Als er sich schließlich Eine zwischen die Lippen geschoben und angezündet hatte, sah er wieder zu seinem Bruder hinüber und lachte keckernd, als er Ralfs missbilligenden Blick sah.
„Du wirst einem sterbenden Mann doch wohl nicht seine einzige Freude verbieten? Wo ich mir nun Schwester Mariannes schwingenden Prachthintern nicht mehr jeden Tag ansehen kann?“
Ralf warf nur die Hände in die Höhe und schwieg. Das war nun wirklich eine Diskussion, die keinen Sinn hatte.
„Aber nun zu dir.“, nahm Karl das Gespräch nach einigen tiefen Zügen wieder auf. „Du warst gerade mitten in deiner Lebensbeichte. Bitte, ich will dir das Vergnügen nicht nehmen.“ Wieder lachte er. Dieses ansteckende, freche Lachen. So hatte er bereits als Knabe gelacht, und so lachte er noch heute.
„Es… es ist nicht so wichtig.“ Der Mut hatte Ralf verlassen. Sie sollten endlich miteinander reden, über alles. Das hatte er sich vorgenommen. Dafür mussten sie die nächsten Wochen nutzen. Doch nicht heute Abend. Bloß nicht.
„Natürlich ist es das.“ Karl trat die Zigarette mit seinem braunen Schlappen auf den Steinen aus. „Erstaunlich, dass ich das überhaupt noch erleben darf.“, er klatschte kurz in die Hände. „Seit so vielen Jahren warte ich darauf, dass du mir erzählst, dass du eine Schwuchtel bist, und nun, wo ich in den letzten röchelnden Zügen liege, willst du einen Rückzieher machen?“
Das Rauschen der Bäume, das Zirpen der Grillen. Und doch nahm Ralf nur vollkommene Stille war. Er war froh über die Dämmerung, froh, weil sein Bruder sein Gesicht nicht richtig sehen konnte.
„Du…“, setzte er schließlich an, aber Karl unterbrach ihn sogleich.
„Mensch. Natürlich habe ich es gewusst. Und ich weiß nicht einmal seit wann. Es war einfach immer da. Aber du kriegst ja das Maul nicht auf. Ein sterbender Mann hat nicht viel Zeit, du Egoist.“ Er lachte. Ralf spürte, wie die Anspannung von ihm abfiel. Ein Kribbeln breitete sich in seinem Nacken aus.
„Ich habe so viel nachgedacht in den letzten Monaten. Warum spricht man denn nicht miteinander? Warum fragt man nicht mehr? Warum vergeht ein ganzes Leben, bis man Dinge ausspricht? Warum muss erst einer von uns sterben? Warum?“ Bei den letzten Worten war Karls Stimme nur noch ein Krächzen. Wieder begann er zu husten, diesmal dauerte der Anfall länger. Danach lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, strich sich fahrig über die Stirn und murmelte schließlich etwas, das verdächtig nach „Verdammte Scheiße“ klang.
„Du… es macht dir nichts aus? Ich meine… es hat dich nie gestört?“ Ralf fiel erst jetzt auf, dass er nervös an dem Bändchen herumzupfte, mit dem das Sitzkissen an seinem Stuhl festgebunden war. Er versuchte es zu unterlassen, fing jedoch Sekunden später von neuem an.
„Hätte ich dich sonst abkommandiert, um mich zu pflegen und mir den Hintern abzuwischen?“ Wieder dieses Lachen. Doch schon bald ging es erneut in den Husten über, den krachenden, hässlichen Husten. Laut und zerstörend und böse. Am Ende dieses Anfalles sagte Karl nichts mehr. Er saß nur dort, den Kopf leicht nach vorn gebeugt. Ralf sah in der Dunkelheit nur seinen Umriss, dennoch spürte er, dass die Kraft seinen Bruder verlassen hatte. Plötzlich und ohne Vorwarnung wurde er von einer Welle der Zuneigung erfasst, wie er sie schon lange nicht mehr empfunden hatte.
„Ich bring euch ins Bett. Na kommt.“ Karl widersprach nicht, als Ralf ihm unter die Arme griff und ihn aufrichtete. Das war ein deutliches Zeichen dafür, wie erschöpft er war. Ralf spürte, wie sein Bruder sich gegen ihn lehnte, als er ihn ins Haus geleitete. Drinnen war es still. Nur Balus Krallen verursachten ein Klackern auf dem Parkett, als er ihnen unaufgefordert folgte.

Ralf blickte auf den Stuhl neben sich. Er war seit dreizehn Tagen leer. Langsam erhob er sich. Das Knacken seiner Knie weckte Balu, der nun ebenfalls aufstand. Zärtlich fuhr Ralf durch das Fell des Hundes, während dieser seinen Kopf an Ralfs Bein rieb. Nach einer Weile gingen sie gemeinsam ins Haus.


Vita

Leander Milbrecht ist 26 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren in Berlin. Er hat an der Freien Universität Germanistik studiert und jobbt derzeit in einer Bar. Die vielfältige Inspiration, die Berlin einem bietet und die Hassliebe, die sie in einem weckt, verarbeitet er in seinen Geschichten.

Seine Mutter reichte ihm das Kuvert.
Er öffnete es.
Es war ein Trauerbillett, umrahmt mit einem schwarzen Rand. Ein Zwanzig-Euro-Schein war darin. Irritiert las er:

Du hast all mein Mitgefühl!
Dann nahm er verwundert den Zwanziger heraus. “Was soll denn das?“
„Ja, und der Hunderter? Wo ist denn der Hunderter?“, fragte sie erschrocken.
Er wedelte mit dem Schein. „Es war nur der drinnen!“
„So was! Das ist mir aber zu blöd. Ich muss die Kuverts verwechselt haben!“
Er sah sie verständnislos an.
„Nein, dass mir so etwas passiert!“, meinte sie. „Einer Bekannten, der Sophie, ist doch der Mann gestorben. Ich muss ihr dein Kuvert geschickt haben.“
„Na, dann nehm ich mal den Zwanziger. Danke Mutter.“
„Was sich die denken muss!“
„Wieso? Ein Hunderter ist doch nicht schlecht!“
„Na, was ich auf das Billett geschrieben habe.“
„Was denn?“
Sie schüttelte nur den Kopf. „Soll ich sie anrufen?“, fragte sie dann. „Die Sophie.“
„Keine Ahnung“, meinte er nur und wandte sich wieder seiner Zeitung zu.
„Die wird meinen, dass ich geschmacklos bin.“
„Höchstens senil.“
„Ja! Senil! Wenn man alt ist, ist man gleich senil heutzutage.“
„Was stand denn drauf? Sag halt.“
„Ich hab die Karte schon länger in der Schublade gehabt. Ich weiß gar nicht mehr, was drauf war. Sie war halt bunt und lustig. Ich glaub, es stand Alles Gute darauf, oder Glückwunsch. Mein Gott! Und ihr Mann ist gerade gestorben. Ist das peinlich!“
„Schon gut. Du bist vierundachtzig, Mutter.“
„Versauf das Geld aber nicht gleich! Hab ich dazu geschrieben.“
„Na, die wird schauen, wenn sie das liest. Die Sophie.“ Er lachte, sah dann von seiner Zeitung auf. „Was heißt da: Versauf das Geld aber nicht gleich?“
„Sieh dich doch an! Eine Wampe hast du! Willst du mir sagen, das kommt nicht vom Saufen?“
„Hör mal, Mutter …“
„Ich geb dir doch nicht Geld, damit du es zum Wirt trägst. Du sollst was Sinnvolles damit machen, das habe ich damit gemeint.“
„Mit dem Hunderter, den deine Freundin Sophie hat?“
„Genau! Jetzt halt nur mit dem Zwanziger von ihr. Die Sophie säuft ja nicht. Und so ein Begräbnis kostet. Das weiß ich nur allzu gut. Wie mein Franzl damals starb … das war nicht leicht. Der Zwanziger hätte ihr schon geholfen.“
Pause.
„Wampe!“, wiederholte er geistesabwesend ihre Worte und starrte in die Zeitung.
„Seit du in Pension bist, seh ich dich überhaupt nicht mehr. Du könntest mich ja wieder einmal besuchen“, meinte sie, schlürfte den letzten Rest Kaffee und stellte scheppernd die Tasse ab. „Ich geh dann wieder. Mein Zug fährt. Du kannst dich von deiner Zeitung eh nicht trennen.“
Er stand genervt auf und umarmte sie kompliziert.
„Verlauf dich nicht auf dem Weg zum Bahnhof.“
„Könntest mich ja begleiten. Deinem Bauch würde es auch nicht schaden.“
„Du hast ja Recht. Ich besuch dich. Bald. Versprochen.“
„Das ich das noch erleben darf. Nächste Woche?“

Er nickte, gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ja, nächste Woche.“

„Bist ein braver Bub.“
Dann trat sie einen Schritt zurück und besah sich ihren Sohn nochmals eingehend.
„Ich bin mir sicher, dass du dein Zipferl gar nicht mehr siehst beim Lulumachen“, sagte sie dann kopfschüttelnd.

 


 

Vita Andreas Perner

Schreiben ist Telepathie (lt. Stephen King, und er hat natürlich Recht). Ich bin gespannt, welche Gechichten von mir die Zeit überstehen!

Was gebe es über mich, als Autor, zu sagen?

Z.B. dass ich seit ziemlich genau drei Jahren wieder schreibe (nachdem ich als 17 Jähriger damit aufgehört habe). In diesem Frühjahr eine meiner Kurzgeschichten in einer Anthogie erschienen ist. Und ich mit Freude weiterhin dran bleiben werden. Und einen Verlag für einen Roman/Erzählung suche, wenn jemand also einen wüsste …