Es ist kalt. Es ist grausam. Es ist scheinheilig. Es lässt mich Dinge sagen, die ich nicht sagen will, Dinge tun, die ich nicht tun will. Der Name: Anorexia Nervosa. Das Opfer: ich.

Sechsundsechzig Kilogramm – okay, aber mehr sollten es nicht sein, überlegte sie im November. Sie gefiel sich wie sie war, aber es war ja allgemein bekannt, dass man über die Weihnachtsfeiertage zunahm. Also beschloss sie, ein paar Kilo müssten runter. Viermal die Woche ein kleines Workout, keine Süßigkeiten mehr zwischen den Mahlzeiten, und nicht mehr als zwei Portionen beim Abendessen. So würde es klappen, hoffte sie.

Es ist kalt.

Zweiundsechzig Kilogramm – es funktionierte tatsächlich, sie nahm vier Kilo ab und genau dieses Gewicht über Weihnachten auch wieder zu. Noch an Silvester fasste sie den Beschluss, es noch einmal zu probieren – aber diesmal das niedrigere Gewicht zu halten. Denn etwas in ihr sagte ihr, sie sei nur schön, wenn sie wieder abnehme und diesmal die Kontrolle behielt.

Es ist grausam.

Vierundfünfzig Kilogramm – ihr Ziel war inzwischen die Fünfzig. Jedes Kilo, das sie verlor, machte sie stolz und glücklich, sie arbeitete hart dafür: Nicht mehr als 900 Kalorien am Tag, mindestens zwei Stunden Sport. Keine Ruhetage. Doch mit jedem Kilo, das sie verlor, hasste sie sich mehr. Immer mehr Fett fiel ihr auf, sie konnte kaum noch in den Spiegel sehen. Wie ein hässliches Schwein kam sie sich vor. Weniger Essen, mehr Bewegung, nahm sie sich vor, um endlich schön zu sein.

Es ist scheinheilig.

Fünfzig Kilo – ihr Ziel hatte sie damit erreicht, zufrieden war sie noch lange nicht. Ihre Eltern bemerkten, dass sie ein Problem hatte, immer öfter wurde sie auf ihren Gewichtsverlust angesprochen. Sie nahm sich vor, nur noch zwei Kilo abzunehmen, weil sie von einer Frau gelesen hatte, die bei diesem Gewicht in eine Klinik für Essstörungen gekommen sei. Dann müsste sie ja dünn sein. Aber auch das reichte ihr nicht. Noch ein Kilo, dann höre ich auf. Es reichte nicht. Noch ein Kilo, dann erlaube ich mir zu essen. Aber sie erlaubte es sich nie.

Es lässt mich Dinge sagen, die ich nicht sagen will.

Sechsundvierzig Kilo – danke, ich bin satt. Ich habe keinen Hunger. Ich esse zu Hause. Ich habe in der Schule gegessen. Mir schmeckt kein Ei. Ich vertrage keine Milch. Ich bin Vegetarierin. Für mich nur einen Salat. Sie log viel, aber eine Lüge überragte alles: Mir geht es gut.

Dinge tun, die ich nicht tun will.

Sechsundvierzig Kilo – ihre Mutter machte ihr jeden Morgen ein Schulfrühstück, das routinemäßig seinen Weg in den Mülleimer fand. Sie nahm Essen aus der Küche und deponierte es unter ihrem Bett, damit es den Anschein hatte, sie würde etwas zu sich nehmen. Morgen esse ich, nahm sie sich jeden Abend vor, aber mehr als 400 Kalorien am Tag schaffte sie nie. Vor dem Wiegen trank sie, ihre Therapeutin und Eltern belog sie. Ihren Freund quälte sie mit ihrem Verhalten, aber sie konnte es nicht lassen. Sie war süchtig.

Der Name: Anorexia Nervosa.

Fünfundvierzig Kilo – das erste Mal sah sie die Diagnose auf Papier gedruckt und das erste Mal nahm sie wahr, dass sie krank war. Magersucht, sie kannte den Ausdruck. Aber sie, magersüchtig? Dafür müsste sie doch dünner sein. Sie wollte es nicht glauben. Jeder wollte sie überreden, in eine Klinik zu gehen. Sie sei krank. Sie sei tödlich krank. Aber sie wollte es nicht glauben.

Das Opfer: ich.

Vierundvierzig Kilo – sie war schwach. Die Krankheit hatte eine lebende Leiche aus ihr gemacht. Jeden Tag schleppte sie sich müde in die Schule, schaute zu, wie ihre Freundinnen lachten und ihre Pausenbrote aßen, ging wieder nach Hause. Sie lächelte jeden an, ihr Gesicht war verzerrt und grau. Ihre Haare dünn und strohig, ihre Gedanken verschwommen, ihre Augen müde, ihr Lebenswille am Ende. Sie hatte Angst einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen, aber essen konnte sie trotzdem nicht. Sie wollte erst dünn sein.

Der Mut: in mir.

Dreiundvierzig Kilo – 100g weniger und sie würde zwangseingewiesen werden. Ihre Mutter kaufte ihr Flüssignahrung, 800 Kalorien am Tag sollte sie trinken. Aus Angst vor der Zunahme stellte sie das Essen daraufhin ganz ein. Aber irgendwoher – und sie verstand nie, was es war und wie es passierte – kam ein Funke Wille zurück zu ihr. Sie begann, drei kleine Mahlzeiten am Tag zu essen. Nahm sich vor, jeden Tag auf 1200 Kalorien zu kommen. Dann 1500, dann 1800. Langsam konnte sie akzeptieren, etwas Gewicht zuzunehmen. Sie weinte tagelang, schrie und tobte, hasste sich selbst und alles, was sie tat, aber sie gab nicht auf. Etwas in ihr wollte leben.

Die Heldin: ich.

Fünfundvierzig Kilo – sie entschied sich, nicht länger das Opfer ihrer Sucht zu sein. Zu kämpfen, als ginge es um ihr Leben. Und langsam begriff sie, dass es tatsächlich ihr Leben war, das auf dem Spiel stand. Sie aß, sie nahm zu, sie ging raus, versuchte normal zu sein. Sie weinte noch immer viel, aber sie begann zu bemerken, dass es besser wurde. Und sie schwor sich selbst, nie aufzugeben.

Das Leben: es wartet.

Dreiundfünfzig Kilo – heute kämpft sie immer noch. Und mit jedem Tag wächst die Zuversicht, dass sie es irgendwann geschafft haben wird. Die Krankheit wollte ihren Tod und sie ließ die Krankheit zu ihrer Identität werden. Jetzt will sie leben. Und herausfinden, wer sie wirklich ist.

Es ist kalt. Es ist grausam. Es ist scheinheilig. Ich lasse mich nicht mehr dazu bringen, Dinge zu sagen, die ich nicht sagen will, Dinge zu tun, die ich nicht tun will. Die Krankheit: Anorexia Nervosa. Der Mut: in mir. Die Heldin: ich.

Das Leben: es wartet.

Es war ein ganz normaler Samstag im Mai, als dieses Wesen plötzlich Einzug nahm. Obwohl der Nachmittag bereits anbrach, war ich erst aufgewacht und hatte mich vom Bett, ohne Umwege, direkt auf das Sofa im Wohnzimmer begeben. Dort lag ich nun, fühlte durch den dünnen Pyjamastoff das kalte Leder, den Blick nach oben auf die Zimmerdecke gerichtet. Mein Puls war viel schneller als sonst, mein Körper kribbelte. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, das Atmen fiel mir schwer. Die Gedanken kreisten um die Vergangenheit, um das Jetzt, um die Zukunft – und alles schien aussichtslos. Mein Leben lief perfekt, aber ich wusste nicht weiter. Hatte Angst, wollte weinen und schreien, es kam allerdings nichts. Was war geschehen? Gestern Abend war ich mit Freundinnen unterwegs gewesen. Ich hatte mich nicht gut gefühlt, war unerwartet traurig geworden und deshalb früh nach Hause gegangen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass der Dämon an jenem Abend sein Ziel – meinen Kopf – erreicht hatte. Ich hätte ihn kommen sehen müssen, doch war in meinem perfektionistischen Leben kein Platz für Aufmerksamkeit gewesen. Ich durfte schließlich nicht müde sein, abschalten oder entspannen. Ich war noch jung, musste Energie in meine Zukunft investieren, feiern, leben und sollte keine Gelegenheit verpassen – so konnte er sich unbemerkt anschleichen.

„Mama, du musst kommen, irgendwas stimmt nicht mit mir“, hauchte ich in mein Handy, nachdem ich mich nach Stunden aufgerafft und die Kurzwahltaste gedrückt hatte.

An diesem und dem darauffolgenden Tag konnte ich nichts mehr essen. Das lähmende Gefühl fesselte mich ans Bett. Sicher die Hormone, dachte ich, stand nicht meine Periode bevor? Nach und nach realisierte ich jedoch, dass ich das Opfer eines Dämons geworden war, den ich ab sofort immer besser kennenlernen würde – denn nun hatte er meine ganze Aufmerksamkeit gewonnen.

Der Frühling verging, es wurde Sommer. Morgens kam die Sonne zum Fenster herein und ich sollte eigentlich geweckt werden – eigentlich. Der Dämon nahm mir stattdessen das Licht, außerdem den Atem und die Tränen. Wie gerne hätte ich geweint, doch ich fühlte nichts. Und das seit vielen Wochen.

„Depressionen sind heilbar!“ Mir gingen die Worte von Doktor Fröhlich durch den Kopf, den ich nun regelmäßig besuchte. Ich wusste, er konnte den Dämon nicht töten, dafür konnte er mir sagen, wie Dämonen zu zähmen waren.

Ich traf eine Freundin, hörte aber nur diesem Biest in meinem Kopf zu. Sie erzählte mir von ihrer Arbeit, der Dämon flüsterte: „Nachher bist du wieder allein.“

Er wusste genau, wie er mir Angst machen konnte. Alleinsein bedeutete Lähmung. Im schlimmsten Fall eine Panikattacke. Nicht einmal das Stück Schoko-Sahne-Torte, das vor mir stand, nährte meine Seele. Für mich war es wie die ganze Welt um mich herum: einfach nur dunkel. In etwa so, als würde man sich die Schoko-Sahne-Torte in schwarz-weiß vorstellen. Da verlor sie ganz schnell ihren Reiz. Ich versuchte zuzuhören, wenn mit mir geredet wurde, der Dämon redete lauter. Ich sollte ihn nicht beachten, mich stattdessen auf das Außenleben fokussieren, wie mir Doktor Fröhlich geraten hatte.

Manchmal gelang es mir. Dann konzentrierte ich mich zum Beispiel auf eine schöne Blume, analysierte die Menschen in der Bahn oder lenkte meinen Blick einfach nur auf einen Punkt in meinem Zimmer. Ich entdeckte das Schreiben für mich, tauchte ein in Fantasiewelten. Dort war ich stark, schon längst der Held, kannte keinen Dämon. Dort musste ich aber auch nicht erwachsen sein, musste nicht funktionieren, hatte keine Pflichten – und doch funktionierte ich dort mehr als in der Realität. Ich konnte beobachten, wie der Dämon sich anfing zu langweilen, wenn er keinen Zuhörer hatte. Dann verstummte er plötzlich. Manchmal akzeptierte ich, dass er in mir sein Unwesen trieb. Ich merkte, dass Annahme eine weitere effektive Methode war, die den Dämon ruhigstellte. Womöglich, weil so kein Kampf zwischen uns zustande kommen konnte.

Es kamen Tage, an denen sich die Gefühlslosigkeit in Wut umwandelte. Man sollte meinen, Wut sei ein negatives Gefühl, doch wenn ein Mix aus Trauer und Gefühllosigkeit plötzlich in Wut umschlägt, ist das ein ziemlicher Erfolg. Vielleicht war diese Wut stark genug, den Dämon zu verjagen? Mir erschien es jedenfalls effektiver, ihn anzuschreien, als mich von ihm unterdrücken zu lassen.

Ich erinnere mich genau an diesen einen Moment, als ich spazieren ging, es muss ungefähr im November gewesen sein. Kalt war es geworden, aber die Sonne strahlte. Es sollte einer dieser kraftspendenden meditativen Spaziergänge werden. Den Dämon würde ich ignorieren, meinen Blick auf die Bäume lenken, welche gerade ihre bunten Blätter verloren und auf jene, die schon komplett kahl waren und den Beginn des Winters aufzeigten. Dennoch wusste ich, es würde nicht funktionieren – ein schwarzes Tuch lag über der Welt und machte sie für mich farblos. „Trainiere, gib nicht auf“, sagte Doktor Fröhlich und deshalb hatte ich meine wenigen, übrig gebliebenen Energiereserven angezapft und war nach draußen gegangen. Aufgeben würde ich garantiert nicht. Ich lief vorbei an den Wohnhäusern, mein Weg bahnte sich in Richtung See, dorthin, wo das Dorf endete und mich ein kleiner Feldweg im Nirgendwo von dem Nachbardorf trennte. Heute war etwas anders, das merkte ich bereits nach wenigen Metern. Roch die Luft heute nicht viel frischer? Wirkte nicht alles irgendwie … lebendiger? Ich lief und lief und plötzlich passierte etwas, was ich bis heute nicht vergessen habe. Auf einmal spürte ich, wie mich die Strahlen der Sonne trafen, sie kamen gebündelt von oben, breiteten sich aus und umfingen mich mit ihrer Wärme. Ich lächelte, nicht so, wie ich es die letzten Monate gemacht hatte, um den Leuten zu zeigen, dass es mir gut ging. Das Lächeln kam von Herzen und es fühlte sich richtig an. Und zudem so, als würde es plötzlich die Welt wieder zum Leben erwecken, nachdem diese seit Monaten geruht hatte. War der Dämon besiegt?

Heute, einige Jahre später, kann ich sagen: Nein, zu dem damaligen Zeitpunkt war der Dämon nicht besiegt – er kam wenige Stunden später zurück. Allerdings hatte ich das erste Mal so richtig die Kontrolle über ihn gehabt und dadurch Hoffnung geschöpft, ihn irgendwann zähmen zu können. Das ist mir gelungen, nach etlichen Kämpfen mit diesem Ding – mal hatte er die Oberhand, mal ich. Zweitere Phasen wurden immer häufiger. Seit bestimmt vier Jahren hat er sich nicht mehr gemeldet. Vielleicht sind wir sogar zu einem eingespielten Team geworden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mich jemals wieder provozieren wird. Und wenn ich mich täusche, weiß ich jetzt, wie ich mir mein Licht zurückhole!

Das Leben beginnt und ich steh mitten drin
Es ist kalt. Der Wind fährt mir durch alle Glieder. Ich sitze auf einer alten Mauer und betrachte den nebelüberzogenen Wald vor mir. Er sieht unwirklich aus und jagt mir Angst ein. Meine Beine baumeln in der Luft, während ich in meine Jackentasche greife und meinen Tabak hervorziehe. Geschickt drehe ich mir eine Zigarette. Ich muss sie gegen den Wind abschirmen, um sie anzubekommen. Schließlich springe ich von der Mauer. Es ist spät. Die Schule geht weiter. Sehr langsam schlendere ich zurück. Ich hasse dieses Gebäude. Es erstreckt sich vor mir in all seiner Hässlichkeit. Schlammgrüne Wände und versiffte Türen. Ein einziger Betonklotz. Aber was ich noch mehr hasse, sind die Schüler. Seit drei Wochen bin ich jetzt hier. Drei Wochen zu lang. Ich werde gemobbt. Ich hätte nicht gedacht, dass mir so etwas mal passiert. Eigentlich bin ich nämlich jemand, der mobbt. Eigentlich bin ich der Böse. Und die ganze Scheiße tut mir leid. Wirklich. Man versteht wohl immer erst später, was man da überhaupt angerichtet hat. Ich schmeiße meinen Zigarettenstummel auf den Boden und trete ihn aus, bevor ich mir meine Kapuze tief ins Gesicht ziehe. Als ob das was bringen würde. Ich mache es trotzdem, weil es mir ein Gefühl der Sicherheit gibt. Es ist ja nicht so, dass ich offensichtlich das Opfer bin. Nein, die machen das total geschickt. Hier mal ein Bein stellen, da mal das Tablett runterhauen. Und wenn du das petzt, geht’s dir noch schlimmer als davor. Also ertrage ich es. Irgendwie habe ich das ja auch verdient, denke ich mir. Schließlich habe ich jahrelang kleinen Knirpsen das Pausenbrot abgenommen oder mich über sie lustig gemacht. Ich war kein guter Mensch. Ich bin kein guter Mensch. Deshalb akzeptiere ich meine Strafe.

Ich durchquere das große Eingangstor. Meine Füße laufen wie von selbst. Automatisch tragen sie mich in Richtung Klassenzimmer. Plötzlich rammt mir jemand seinen Ellenbogen mit voller Wucht in die Rippengegend. Ich keuche auf. Ein Lachen erklingt, gefolgt vom Gejohle anderer. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer das war. Gekrümmt laufe ich weiter. „Feigling!“ ertönt ein lachender Ruf von hinten. Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Wut schießt in mir hoch. Ich schließe die Augen, bleibe kurz stehen. Schnell versuche ich meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen. Nicht aufregen, denke ich mir. Das ist es nicht wert. Ich weiß ja, wie die ticken. Sobald ich mich wehre, bin ich noch mehr dran. Das ist eine ganze Clique, die zusammenhält. Ich frage mich, wann ich so ein Weichei geworden bin. Eigentlich kenne ich die Antwort. Meine Freunde sind nicht mehr da. Niemand, der hinter mir steht, der mich puscht. Jeder Mobber lebt von der Aufmerksamkeit und der Angst anderer. Ich habe das alles verloren. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.

Am nächsten Tag lassen die mich größtenteils in Ruhe. Ich ziehe meine Bahnen über den Pausenhof. Einer aus meiner Klasse winkt mich zu sich. Er fragt, wie es mir geht. Ob ich mich gut eingelebt habe. Ich nicke, aber ich weiß, dass er mir das nicht abkauft. Sein Blick ist zu forsch. Seufzend erzähle ich ihm alles. Er erwidert nur, dass das irgendwann aufhört. Wenn sie das Interesse verlieren. Ich muss lachen. Nein, das werden sie nicht. Erst, wenn sie ein anderes Opfer finden. Dennoch bin ich verwundert, da sie mich heute noch kein einziges Mal gemobbt haben. Nach der Pause komme ich ohne besondere Zwischenfälle in mein Klassenzimmer. Verwirrt setze ich mich auf meinen Platz und streife mir die Kapuze vom Kopf. Meine Sitznachbarin sieht mich amüsiert an. Sie meint, sie habe mich noch nie ohne Kapuze gesehen. Ich lächle, und sie lächelt zurück. Auch die Lehrer sind erfreut. Ich passe das erste Mal seit drei Wochen im Unterricht auf. Wenn nicht sogar das erste Mal in meinem Leben. Es ist zäh, aber irgendwie ist es schön etwas zu tun zu haben. Die Schule geht zu Ende und ich kann es nicht fassen einen ganzen Tag ohne Mobbing überstanden zu haben.

Als ich den darauffolgenden Morgen auf das schlammgrüne Gebäude zusteuere, erkenne ich den Grund. Vier meiner ehemaligen Feinde stehen um ein etwa zwölfjähriges Mädchen herum. Sie schubsen sie hin und her, nehmen ihre Tasche und schmeißen den Inhalt auf den Boden. Das Mädchen lässt alles stumm über sich ergehen. Meine Hände ballen sich erneut zu Fäusten. Ich will mein Verhalten nicht schönreden . Das, was ich getan habe, war schrecklich. Aber ich habe immer eine Regel gehabt: Ich werde keine Mädchen verletzen. Die vier Jungs packen sie am Arm und ihr laufen stumm die Tränen hinunter. Der Anführer spuckt ihr vor die Füße und sagt irgendetwas. Bei mir brennt eine Sicherung durch. Ich gehe auf die Jungs zu. Niemand sieht mich kommen. Keiner rechnet damit. Erst, als ich direkt vor ihnen stehe, sehen sie zu mir auf. Sie lachen. Was ich Freak denn jetzt will. Die Worte prallen an mir ab. Das Mädchen sieht mich ängstlich an. Auch ein paar andere Schüler sind stehen geblieben. Ich schlage nicht zu, ich sage nichts. Ich strecke meine Hand aus und halte sie dem Mädchen hin. Zögernd greift sie zu. Die Jungs stehen verwirrt daneben. Ich drehe mich um, und das Mädchen folgt mir. Hand in Hand gehen wir davon. Langsam. Ich spüre die Blicke in meinem Rücken. Niemand kommt uns hinterher. Das Mädchen fragt, was mit ihrem Rucksack sei. Ich antworte, dass ich mich darum kümmern werde. Sie bleibt plötzlich stehen und umarmt mich. Sie reicht mir nur bis zum Bauch. Ich lächle.

Kategorien

Neue Beiträge

Neue Kommentare

Schlagwörter

Hübsch ist sie, groß und schlank, Modelmaße, die Beine gefühlt endlos. Der Teint ist ebenmäßig, das ganze Jahr über leicht gebräunt. Es ist ihr Erscheinungsbild, das die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht und doch ist es nicht ihr genormter, kommerziell umworbener Typus, der sie unvergesslich macht. Es ist diese ganz besondere, taffe Art, die charakteristische Kreativität, welche ihr eine unverblümte Schlagfertigkeit und Wortgewandtheit ermöglicht. Scheinbar perfekt, unbekümmert und sorglos.

Erst kürzlich hat er seinen Dreiundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Die ganze Dorfgemeinde lobt allgemein seine Sportlichkeit, noch so fit in dem Alter, das finden sie fantastisch! Wie er morgens um acht, direkt nach dem Frühstück, mit dem Elektrobike seine tägliche Runde an der frischen Luft dreht, mindestens fünf Kilometer legt er dabei zurück. Oftmals dehnt er die Fahrt noch in das nächstgelegene Dorf aus, um im Supermarkt Einkäufe zu erledigen. Schon seit Jahren verfolgt er den gleichen Speiseplan. Und donnerstags wird gebacken, Vollkornbrot.

Hier im Ort kennt man sich, man grüßt sich auf der Straße. Sein Haus hat vier Stockwerke und einen Wintergarten. Seit der ersten Knieoperation seiner Frau vor sechs Jahren hält diese sich fast ausschließlich im Erdgeschoss auf. Im Untergeschoss befindet sich eine selbstgezimmerte Sauna. Gerne schwitzt er hier im 15-Minuten-Takt, um anschließend im Kneipbecken des Nebenraumes unterzutauchen. Diesen Vorgang wiederholt er täglich mehrmals, die revitalisierende Wirkung erfreut ihn.

In der Schule war sie stets beliebt, die Ausbildung zur Kindergartenpädagogin förderte die soziale Veranlagung. Sie hatte viele Freundinnen, manche naiv oder faul, doch fast ausschließlich immer gut gelaunt. Oberflächliche Erzählungen in den Pausen als begleitende Routine bis zum Abschluss vor ein paar Jahren. Dieses letzte Zeugnis war ein Erfolg.  Nun, mit ihren vierundzwanzig Jahren, blickt sie mit Stolz, jedoch ohne Wehmut zurück. Den gewünschten Job im auserwählten privaten Kindergarten hat sie bekommen und begeistert die Kinder mit ihrer unerschöpflichen, gut durchdachten Auswahl an Spielen.

Niemand kann ahnen, wie gebrochen sie innerlich einmal gewesen ist. Er war es, der sie gebrochen hatte. Er hatte ihr die Kindheit genommen.

Die Wochenenden, die sie stets bei den Großeltern verbringen sollte, waren dazu prädestiniert, ihren Puls zwei Tage lang vor Angst rasant ansteigen zu lassen. Niemand konnte wissen, dass die Verweigerung, den Großvater bei seiner täglichen Radtour zu begleiten, zur Bestrafung führen würde. Ein Schlag ins Gesicht, der die Wange der damals Fünfjährigen bereits zum Glühen brachte. Das vertraute Gefühl der salzigen Tränen, die in Strömen die Wangen nässten, das eigene durchdringliche Schluchzen, dass er unterband. Die zornigen Worte, die er ihr entgegenschleuderte, die Fragen, warum sie bloß seinen Lebensstil nicht teilte und das darauffolgende Auflachen, mit dem er sein verachtendes Unverständnis für sie ausdrückte.

Niemand konnte ahnen, dass er, als sie sechs Jahre alt war, das erste Mal in der Sauna ihre Beine auseinander gedrückt hatte. Sieh hin, hatte er gesagt, als er sie anfasste. Wie die Angst sie packte. Wie sie den Mund hielt, wie die Verzweiflung die Lippen zusammenschnürte und sie still leiden lies. Er sagte ihr, sie müsse ihn ebenfalls anfassen. Niemand konnte nachvollziehen, dass sie den unerträglichen Zwang verspürte, alles über sich ergehen lassen zu müssen. Weil er beliebt war, weil er ihr Großvater war, weil niemand etwas gesagt hatte. Weil ihre Eltern es befürworteten, wenn er sie mit in die Sauna nach unten nahm, weil sie nichts Unangenehmes daran zu sehen schienen. Monatlich tätigte er Überweisungen auf ihr Konto, variierend je nach Folgsamkeit. Bestrafung und Belohnung.

Es hatte vier Jahre gedauert, bis sie zusammengebrochen war. Bitte, ich will nicht hinfahren. Bitte, Mama.

So brach der Kontakt ab. Die Überweisungen endeten, das Taschengeld sei ja ohnehin hoch genug. Bei darauffolgenden Besuchen, nun höchstens zweimal im Jahr, sperrte er sich im Arbeitszimmer ein. Sie weinte, Unverständnis und Furcht vor der ganzen Welt fanden zu diesem Zeitpunkt den Platz in der Kindesseele.

Oft schreckte sie die darauffolgenden Jahre nachts hoch, die Albträume kamen und gingen.

Es gab auch bessere Phasen. Beziehungen, die tiefer gingen als oberflächliches Gerede, baute sie nur schwer auf. Die Umarmungen der Freundinnen in der Schule ertrug sie, ihren ersten Kuss ließ sie über sich ergehen. Oft zuckte sie vor Berührungen weg, Unverständnis ihrer Mitmenschen führte bei vielen zur Entfremdung.

Die Zeit und der eigene Wille halfen ihr zu lernen, damit umzugehen.

Und so steht sie mit ihren vierundzwanzig Jahren vor ihrer Gruppe im Kindergarten, als David zu einem Mädchen sagt, wenn ich dich nicht nackt sehen darf, sperr ich dich im Klo ein. Als er auf die Kleine zugeht und ihr zwischen die Beine greift. Als diese nicht weiß, was sie sagen soll, sie nur flehend ansieht.

Jedes Kind bekommt nun ein Blatt Papier. Darauf ist der Umriss eines Menschen skizziert. Grün angemalt werden die Bereiche, an denen man berührt werden möchte, rot werden die Zonen markiert, an denen man nicht angefasst werden darf. Die „Tabu-Zonen“. Die „Stopp-Zonen“. Hier darf man das Stopp auch ganz laut rufen, wo man sich doch sonst oftmals so ruhig verhalten soll. Die Kinder dürfen Bilderbücher zum Thema gemeinsam durchblättern.

Der empörte Anruf einer Mutter, warum ihr Kind mit so vielen Fragen heimkäme, unverschämt sei das.

Als ausgebildete Pädagogin weiß sie, auch damit umzugehen. Ihren Einfluss auf die nächste Generation wird sie zweifellos nutzen.

Sie ist meine Heldin, die meiner Kinder und deren Kinder. Sie ist die Heldin des kleinen Mädchens, das sich nicht traut „Stopp“ zu sagen und die des Jungens, der die Tragweite seines unüberlegten Handelns noch nicht begreifen kann.

Vor dreizehn Tagen hatte ich den Schritt gewagt, meinen Eltern ihren tatsächlichen Sohn zu präsentieren. Mich, wie ich war und in Zukunft leben wollte. Das einstudierte Bündel genormter Erwartungshaltungen hatte ich – aus Angst vor Ablehnung – schon viel zu lange getragen. Nun war es mir zu schwer geworden, und ich hatte damit begonnen, es abzulegen.

Seit diesem Tag fühlte es sich an, als gäbe es in unserem Haus nicht mehr genügend Luft zum Atmen. Oder als würde sie mir nicht länger zugestanden. Meine Eltern und ich, wir saßen im selben Boot, in dieser jämmerlichen Nussschale von Familie. Ich hatte das Rudern übernommen und war dabei über Bord gegangen. Als winkender Nichtschwimmer. Jetzt war es an ihnen, das Steuer zu übernehmen, mich einzusammeln, den Kurs zu korrigieren und das Riff zu umschiffen.

Nie zuvor hatte ich mich so verletzlich gefühlt. Dabei war ich groß, stark; in meiner Klasse eilte mir ein gewisser Ruf voraus, den ich mir durch vereinzelte Schlägereien hart erarbeitet hatte.

Ich ließ meinen Bleistift sinken und blickte auf. Die Atmosphäre im Klassenzimmer hatte sich in den letzten Sekunden merklich verändert. Als sei ein kalter, schneidender Luftzug hindurch gefegt. Das blutüberströmte Vampirmädchen, das ich noch eben in mein Heft gekritzelt hatte, entließ mich aus seinem Bann.

„Echt, du bist lesbisch?“ Das war Ahmad. Ein Macho wie aus dem Lexikon. In seiner Frage schwang Ekel mit. Er schaute in Leylas Richtung, mied aber ihren Blick.

Leyla war vor Kurzem neu in unsere Klasse gekommen, ein toughes Mädchen: zerrissene Jeans, schwarzgefärbte Haare, Nasenpiercing. Ständig trug sie Pullover irgendwelcher Bands, von denen noch nie jemand gehört hatte. Sie war selbstbewusst, ein bisschen wie Super Girl. Bloß sympathischer. Und ja, sie war lesbisch. Für die Aufmerksamen hatte sie daraus von Beginn an kein Geheimnis gemacht. Der kleine regenbogenfarbene Aufkleber auf ihrer Federmappe, ihr Armband: Wie Brotkrümel hatte sie die Botschaft an alle gesendet, die zuhören wollten, ohne dass sie es hatte aussprechen müssen. Für sie gab es auch gar nichts, was unbedingt hätte ausgesprochen werden müssen. Man kommt schließlich auch nicht neu in eine Klasse und outet sich als Hetero.

Ahmad sah das anders und viele standen hinter ihm. Auch die schweigende Masse stand ihm nicht im Weg.

Er versuchte, sich an irgendeine Passage aus dem Koran zu erinnern. Christina, Leylas rechte Sitznachbarin, bediente sich an der Bibel und rückte etwas von ihr ab. Gott sollte ihr keine Komplizenschaft unterstellen können. Zwei Wochen lang hatte sie den Aufkleber vor ihrer Nase gehabt und ignoriert – wie konnte sie diesem Detail plötzlich solche Bedeutung beimessen?

Erst versuchte Leyla noch, sich der Diskussion zu stellen. Dieser Diskussion, die mit jedem weiteren Beitrag den Deckmantel der sensationslüsternen Neugierde abstreifte und zunehmend feindlich wurde. Ein richtiger Mindfuck. Für sie. Und für mich. Dann begann sie zu schluchzen, Stimmen prasselten von allen Seiten auf sie ein. Selbst die größte Stärke ist begrenzt, jeder hat sein Kryptonit.

Ich sah ihr an, dass sie am liebsten aufgestanden wäre und den Raum verlassen hätte. Doch sie blieb sitzen. Wie ich. Ich wollte ihr so gerne helfen. Doch hatte ich bisher noch nie auch nur ein einziges Wort mit ihr gewechselt. Ich war ein stiller Bewunderer, aber kein Beistand.

Sophie, Leylas linke Sitznachbarin, reichte ihr ein Taschentuch und streichelte kurz über ihren Arm.

„Scheiße, und mit der habe ich nach Sport geduscht“, warf Natascha in den Raum, so als hätte Leyla diesen tatsächlich verlassen.

Unser Lehrer stand Leyla zur Seite und übernahm wieder die Gesprächsleitung. Er war ein liberaler Typ, der sich dem täglichen Chaos unserer Klasse meistens mit stoischer Gelassenheit stellte, jedoch wichtige Grenzen aufzeigte und unsinnige überwand. Doch manchmal ist ein Lehrer eben nur Lehrer und seine Worte finden kein Gehör, wie rational oder vernünftig sie auch sein mögen.

Er wandte sich Steven zu, der durch einen weiteren, beinahe geflüsterten Kommentar in seine Schusslinie geraten war.

Ich kannte Steven seit der Grundschule und wir waren so etwas wie beste Freunde. Doch manchmal war er einfach ein riesiges Arschloch und ein noch größerer Idiot. Wie jetzt gerade: „Meinetwegen können die Homos machen, was sie wollen. Solange sie mich nicht anschwulen. Sind ja trotzdem Menschen. Ich mein, ich find das eklig, aber ich bin ja tolerant, ich schlag die nicht gleich oder so. Aber wehe, die kommen mir zu nah …“

Unser Lehrer versuchte, die Stimmung etwas zu entspannen: „Steven, du hast also Angst, dass alle Schwulen auf der Straße über dich herfallen könnten. Wie oft passiert dir das denn bei Mädchen?“

„Hä?“

„Du traust dich ja auch raus, obwohl es da draußen Mädchen geben könnte, die auf dich stehen. Hältst du dich wirklich für so attraktiv, dass du dir darüber Gedanken machen musst?“ Ein paar Lacher, aber keine Entspannung. „In Ordnung, ich versuche es mal anders. Aber bevor du antwortest, überlege dir bitte genau, was du sagst. Stell dir vor, dein bester Freund wäre schwul – Wie könnte er sich dir da anvertrauen? Und meinst du wirklich, das würde etwas daran ändern, dass ihr seit Jahren beste Freunde seid?“

„Ja, dann wäre er ein anderer Mensch und ich würde ihm die Freundschaft kündigen …“

Unser Lehrer schüttelte resigniert den Kopf und versuchte, sein Anliegen durch ein persönliches Beispiel zu verdeutlichen. In seiner Clique gab es zwei Mädchen, die ihre Beziehung selbst vor den engsten Freunden mehrere Jahre geheim gehalten hatten. Als sie den Mut fanden, fanden ihn auch drei weitere, was am Ende den halben Freundeskreis ausmachte.

Nach diesem Beispiel wiederholte unser Lehrer seine Frage. Und Steven wiederholte seine Antwort.

In mir rumorte es, meine Hände zitterten. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Für diese klägliche Nussschale von Familie. Für Leyla, die Tapfere. Für alles, was vernünftig war. Und am meisten … für mich!

Ich stand auf. Und laut, ganz ohne Räuspern sagte ich: „Ich bin übrigens schwul.“

Ich wunderte mich selbst, wie groß ich war. Wie stark ich war. Ich war ein Fels in der Brandung.

Leyla lächelte. Steven errötete.

Die feindseligen Stimmen verstummten.

Es schneit. Sanft segeln die winzigen Flocken durch die kalte Luft, werden hin und her geworfen und immer wieder aufgewirbelt, bis sie schließlich auf dem feuchten Boden auftreffen, wo sie ihren letzten Atemzug hauchen, bevor sie mit der Asche Ihresgleichen zu einem dünnen Wasserfilm zusammenschmelzen.

Wie wir, denkt er. Ob sie wohl Angst haben?

Ein hartes Ruckeln lässt ihn die Frage vergessen, als der Lkw durch ein Schlagloch brettert.

„Au! Können die nicht vorsichtiger fahren, Mann?“

Das ist der Glatzkopf mit den schwieligen Händen.

„Ich glaube kaum, dass es sie kümmert, wenn wir hier grün und blau geschüttelt werden.“

Der sarkastische Kommentar kommt von dem Jungen ganz hinten, der immer noch seine Mütze umklammert hält.

Von vorne ist ein Schluchzen zu hören: „Ich will nach Hause! Ich will doch nur wieder nach Hause…“

Konrad wendet sich wieder dem Schlitz in der Plane zu. Das Spiel des Schnees zu betrachten beruhigt ihn auf bizarre Weise. Weil er weiß, dass Oskar dasselbe getan hätte. Und wohin sie auch fahren, er kann nur hoffen, dass er Oskar nie wieder sieht. Denn das würde bedeuten, dass sie ihn auch haben, und allein der Gedanke daran bringt ihn beinahe um den Verstand. Sein Oskar in der Hand dieser…

Schneeflocken. Schnee und Oskar und die Stille.

Eine einsame Träne rollt seine Wange hinunter und tropft in den Staub.

„Schwuchtel, he?“

Der Uniformierte mit dem gehässigen Grinsen greift in einen Korb und drückt Konrad ein blau-weiß gestreiftes Bündel an die nackte Brust. Seine Kleidung musste er im Lkw lassen, nur die Unterhose durfte er behalten.

„Da rein und anziehen. Und dass du mir bloß deine Finger bei dir behältst, du ekelhaftes Schwein!“

Unwillkürlich zuckt Konrad zusammen. Dann folgt er dem ausgestreckten Arm des Mannes durch eine Tür in einen Raum, in dem die restlichen Jungen und Männer bereits fertig angezogen sind. Zitternd steigt er in die gestreifte Hose und zieht sich dann das dünne, schlabbrige Hemd über den Kopf, auf dessen linker Brust ein rosa Dreieck aufgestickt ist, gleich neben einer sechsstelligen Nummer.

„Scheiße, bist du etwa schwul???“

Der Mann neben ihm weicht ein Stück zurück und hält schützend seine Arme vor sich, als befürchte er, Konrad könne ihn anstecken.

„Das ist echt eklig, Mann! Du bist widerwärtig. Halt dich bloß fern von mir!“

Konrad fühlt sich, als hätte man ihm in den Bauch geboxt. Sein Mund steht offen, doch es kommt kein Ton heraus.

Was habe ich ihm nur getan? Wie kann er denn…?

„Lass ihn bloß in Ruhe!“, braust eine piepsige Stimme neben Konrad plötzlich auf. „Ja, ich meine dich!“

Da steht doch tatsächlich ein kleiner Junge – höchstens zwölf oder dreizehn – in einer riesigen gestreiften Leinenhose und bietet einem erwachsenen Mann die Stirn.

„So wie ich das sehe, sind wir hier alle gleichermaßen die Gelackmeierten. Also halt dich zurück mit deinen blöden Sprüchen!“

Konrad ist schon wieder sprachlos. Der Junge erinnert ihn an Oskar. Oskar weiß auch immer, was man wann sagen sollte.

Fast als wäre er sein Sohn. Unser Sohn.

Eine Glocke läutet, und die Hintertür wird geöffnet.

„D..danke“, stammelt Konrad, während die anderen Männer nach draußen strömen.

„Nicht der Rede wert“, sagt der Junge, während er sein Hemd überstreift. Konrad schluckt. Auf dem Stoff prangt ein rosafarbenes Dreieck.

Deshalb also.

Mit großen Augen und geröteten Backen streckt der Junge ihm die Hand hin.

„Ich bin Toddi.“

Liebes Tagebuch…

Schrecklich. Es ist schrecklich. Harte Arbeit, schlechtes Essen und schlaflose Nächte, zusammengepfercht in winzigen Baracken. Ich muss die Hände über der Decke halten, sonst schellt es eine. Die anderen Häftlinge meiden mich, keiner möchte neben mir schlafen. Außer Toddi natürlich. Der Knirps hat es noch schwerer. Ich übernehme seine Arbeit, wenn ich es kann. Auch wenn ich dafür Prügel einstecke. Gestern haben sie ihn gezwungen sich vor allen auszuziehen, und dann haben sie ihn windelweich geprügelt, weil er um etwas Wasser gebeten hat. Ich dachte, das war es nun, aber der Kleine ist zäh. Wer weiß, vielleicht schafft er es ja irgendwann hier heraus. Solange er nur seinen Mut nicht verliert.

Liebes Tagebuch…

Ich muss immerzu an Oskar denken. Er fehlt mir. Und mit jeder Wagenladung, die eintrifft, steigt meine Angst, er könnte unter den Neuankömmlingen sein. Ich würde alles dafür geben, jetzt bei ihm zu sein. Sein Gesicht zu sehen, seine Stimme zu hören. Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Ich liebe dich, Oskar.

Liebes Tagebuch…

Toddi ist fort. Gestern war er noch da und heute Morgen…

Er ist nicht der Einzige. Viele wurden weggeschafft. Einige versuchen sich einzureden, sie wären noch am Leben. Aber ich weiß es besser. Jetzt wird es nicht mehr lange dauern, bis ich auch dran bin. Ich habe Angst. Oh Oskar, ich habe so schreckliche Angst. Aber ich werde das hier durchstehen. Für dich und mich, und für Toddi. Möge er in Frieden ruhen.

Toddi und Konrad sind nur zwei von tausenden Homosexuellen, die während dieser Zeit dem blinden Hass zum Opfer fielen. Wir wurden diskriminiert und verachtet, und viel zu viele haben ihr Leben gegeben für einen Kampf, den wir nie austragen wollten. Doch wir haben gewonnen, und heute steht der „Rosa Winkel“ nicht länger für unsere Schande, sondern für unseren Stolz. Denn wir sind stärker als die Scham und die Schläge und die Vorurteile. Und wir haben keine Angst mehr. Denn gemeinsam erheben wir uns aus der Asche unserer Helden, und wir stehen das durch – für Konrad und Oskar und Toddi. Und für alle, die nach uns kommen. Wir sind mehr als Schnee.