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Dieser Tage fiel mir ein Sonderdruck von 1978 in die Hände – es ging um meine Reportage „Abenteuer Frankfurt“ über die rasante Wandlung Frankfurts zur Stadt der Wolkenkratzer. Der Bericht in der „Frankfurter Rundschau“ hatte gerade den Theodor-Wolff-Preis erhalten.

Ach ja, die Siebziger Jahre. Ein aufregende Zeit für Journalisten, und ich war als Redakteur und Korrespondent der Rundschau und später der „Süddeutschen Zeitung“  mit dabei. In Frankfurt zeigten sich die Nachwehen der 68er-Bewegung, fast täglich gab es gewaltsame Demonstrationen und Straßenschlachten, das Wort vom „unregierbaren Frankfurt“ machte die Runde. In Hessen tobte zwischen SPD und CDU eine Art Religionskrieg um die Bildungspolitik, auf Bundesebene um die Ostpolitik. Der Fortschrittsglaube erhielt erste Dämpfer durch die Ölkrise 1973, doch 1974 wurden „wir“ wenigstens Fußball-Weltmeister. Außerdem waren wir alle Fans der Popgruppe „Abba“.

Den Tageszeitungen ging es wirtschaftlich gut, sie hatten verlässliche Einnahmen über ihre riesigen Anzeigenplantagen und treue Abonnenten. Und ihre Journalisten konnten sich abseits der aktuellen Berichterstattung auch in aller Ruhe Analysen und Hintergrundreportagen a la „Abenteuer Frankfurt“ widmen.

Früher war jedoch nicht nur schöner. Beim Schreiben mussten wir sehr konzentriert arbeiten, bei komplexen Texten wie in der Schule handschriftlich vorab eine Gliederung erstellen. Die IBM Kugelkopf-Schreibmaschine war Stand der Technik und niemand hatte Lust, einen Text immer wieder per TippEx zu korrigieren.

Wenn ich als Journalist unterwegs war, ob bei den Demonstrationen gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens oder an einem Wahlabend im Hessischen Landtag, hatte ich kein Handy oder Notebook, über das ich der Zentralredaktion elektronisch meine Berichte übermitteln konnte. Das ging manchmal per Fernschreiber, doch meist diktierte man seine Texte per Festnetztelefon  einer Sekretärin der Zentrale. Drohte am Abend der Redaktionsschluss, musste man anhand von Stichworten auch frei formulieren. Das war Stress pur.

Die heutigen Journalisten haben in manchem viel leichter. Die elektronische Textverarbeitung war ein Quantensprung für das Schreiben, ebenso die Kommunikation per Email und andere Techniken. Das mühsame Recherchieren in staubigen Archiven wird heute durch ein paar Clicks im Internet ersetzt.

Und doch möchte ich mit der jungen Generation nicht tauschen. Der Journalismus hat sich radikal verändert und sicher nicht zum Guten. Die klassische, gedruckte Tageszeitung kämpft ums Überleben – heute erhielte ich nicht mehr die Zeit wie 1977, um große Reportagen zu recherchieren und zu schreiben. Der Kampf der Medien um Aufmerksamkeit beim Leser spielt sich immer mehr im Netz ab, die schrillste Schlagzeile hat die besten Chancen. Die „News“ werden oft kaum geprüft auf den Markt geworfen, Hauptsache, man generiert „User“. Die nachwachsende Lesergeneration liebt kleine, leicht verdauliche Infohäppchen, längere Texte werden als Anstrengung empfunden oder gar nicht erst verstanden.

Doch es gibt ein anderes Medium, das sich erstaunlich gut behauptet. Es ist das gute, alte Buch, gebunden, mit Seiten zum Anfassen und Blättern, zum Riechen – es lebt, trotz Internet und E-Books. In Deutschland macht der Buchmarkt jährlich noch immer soviel Umsatz wie Kino, Musik und Computerspiele zusammen, nämlich rund 10 Milliarden Euro.

Das hat es mir erleichtert, den Weg vom Journalisten zum Buchautor zu gehen. Wie im Journalismus habe ich es mit Menschen zu tun, etwa wenn es um die Geschichte ihres Lebens oder ihrer Familie geht. In Büchern finde ich den Raum, um  Menschen einfühlsam zu porträtieren, um vergangene Zeiten fundiert wieder lebendig werden zu lassen.

Im Buch kann ich den Dingen auf den Grund gehen und ihnen einen Namen geben.

 

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