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Der Frühjahrsputz

Ich verstand nie, warum meine Mutter jedes Jahr den gefürchteten Frühjahrsputz ankündigte, der sich mir so überhaupt nicht erschloss. Ich lebte mit meiner ordentlichen Mutter und meinen ordentlichen Geschwistern in einer ordentlichen Wohnung. Also warum ein Frühjahrsputz? Den es natürlich auch vor Ostern und Weihnachten nochmals gab. Vielleicht hatte ich ja bereits begriffen, dass bei uns das eigentlich nicht mehr nötig war, denn wir wohnten bereits mit einer modernen Zentralheizung, denn der Frühjahrsputz hatte tatsächlich Gründe und damit hat er eine Geschichte.

Als Kind habe ich mich immer gefragt, warum gerade ich die Einzige in der Familie war, bei der Ordnung tolle neue Ideen hervorrief, wie ein weißes Blatt Papier mit einem Mäppchen Buntstifte daneben. Bei der Umsetzung mancher Idee, fand ich keine Zeit, sofort dieses oder jenes zurück zu räumen. Wenn ich mich dann befriedigt auf die Resultate schaute, konnte ich sehen wie fleißig ich war und fühlte mich sehr unverstanden, wenn ich von meiner sehr ordentlichen Familie für diese Arbeit gescholten wurde. Ich fand Ordnung doof. Auch als junge Frau konnte ich mich in einer ordentlichen Wohnung innerhalb von Minuten wie eine Schrotladung verteilen. Mühelos. Beim Nachhausekommen, die Schuhe ausziehen, die Schlüssel irgendwo ablegen, beim durch die Wohnung gehen die Jacke über den Stuhl werfen. Ein Kinderspiel! Ich bekenne: Es hat sich bis heute nichts daran geändert. Siehe Beitrag Gleich und Gleich gesellt sich gern

#Zeitreisen

So wurden die meisten Wohnungen in den 50ziger Jahren noch mit Kohleöfen beheizt. Dieses ewige Hochschleppen der Briketts, und das unendliche Hinuntertragen der Asche. Da stand noch auf den Mülltonnen „Keine heiße Asche einfüllen“. und diese Tonnen waren natürlich aus Metall und nicht wie heute aus Plastik. Ein langer Winter verteilte nun sehr feinen Kohle- und Aschestaub, der sich wie ein Schleier auf alles legte. War die Heizperiode vorbei, dann räumte man die Teppiche in den Hof, warf sie über die Teppichstange und klopfte sie mit dem Teppichklopfer aus, die Wäsche wurde auf das Bett gesetzt, die Schränke ausgewaschen und mit neuem Papier ausgelegt. Bei dieser Gelegenheit wurde die frisch gewaschene Winterkleidung in Kisten mit Mottenkugeln gepackt, die wirklich einzigartig grauselig rochen. Die Fenster und die Rahmen wurden abgewischt, und der Drogist freute sich, denn er hatte rechtzeitig für die Saison Schmierseife, Salmiak und Fleckenwasser auf Lager. Microfasertücher gab es noch nicht und jede Hausfrau meinte ‚die einzig wahre Methode‘ zum Reinigen zu wissen. Die meisten bevorzugten ‚Vaters olle Unterhemden‘ , meist weiße Baumwolle mit Ripp – andere meinten, dass man mit alten Zeitungen oder Fensterleder nachreiben musste – egal, am Ende musste alles genauso sauber sein, wie bei der Nachbarin. Erstrebenswert war in diesem Hausfrauen-Wettbewerb immer einen kleinen Tick besser zu sein.

Mit ein paar Tricks mehr Schein als Sein

Da man sich in den 50ziger Jahren als junge Familie noch nicht so viel leisten konnte, gab es einen regelrechten Kult um Gardinen. Von außen sah es dann gleich sehr viel besser situiert oder nach gesellschaftlichen Aufstieg aus, und daher wurden die Gardinen noch mit Wäscheblau nachgewaschen, um ein strahlendes Weiß zu erzielen. Es gab in den Waschmitteln noch keine optischen Aufheller. Das verdeckte den leichten Grauschleier, der durch Ablagerungen von Kalkseife entsteht. Auch Vergilbungen, jene leicht gelbliche Verfärbung von gealterten Woll-, Baumwoll- und Leinenstoffen, wurden abgedeckt. Der Wäsche wurde ein leichter Blaustich verabreicht. Dieser Blaustich wirkte als Komplementärfarbe zum „Gilb“, wodurch die Gardinen wieder weiß erschienen. Meistens wurde Weißwäsche vorher eingeweicht, dann mit Soda gekocht und später auf dem Bleichrasen zum Trocknen ausgebreitet. Man besprengte sie mit einer Gießkanne und ließ die Sonne ihre Arbeit machen. Aber wie ärgerlich, wenn dann auf der Tuchbleiche alles besetzt war, und wie froh war man später über diese kleinen Helfer. Ich erinnere mich, dass mir eine Frau erzählte, dass man auf dem Land aufpasste, dass keine Hühner in der Nähe waren.
Natürlich musste man Gardinen nass aufhängen und wer Glück hatte, dem half der Mann, denn nasse Gardinen aufzuhängen – das war schon richtiger Kraftakt.
Das Kochen hatte unter dem Frühjahrsputz schon das eine oder andere Mal zum Leidwesen der verwöhnten Männer zurückstehen, da gab es dann auch mehrere Tage Eintopf, oder ein Griesbrei mit dem letzten eingemachten Kompottgläsern.
Heute ist ein Frühjahrsputz nicht mehr nötig, weil fast mindestens einmal in der Woche gesaugt wird, und (fast) jeder Zentralheizung hat.

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