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Malerische Gerüche

Wenn ich mit meiner Liebsten Erinnerungen an die Kindheit austausche, kommen oft Gerüche aus den hintersten Winkeln des Gehirns hoch. Sie stehen dann vollkommen klar vor einem – in diesem Moment in der Nase. Man könnte sie malen. Aber wie?

Es bleibt nur die Umschreibung mit Worten, darauf hoffend, dass dies vom Gesprächspartner nachvollzogen werden kann.

Ganz einfach ist ja die Geruchserinnerung an die DDR. Dieses unglaubliche Konglomerat aus Schornsteinrauch aus den Braunkohleöfen, den bläulichen Zweitaktabgasen und dem Quietschen der Straßenbahnen. OK, letzteres ist ein Geräusch, ist aber trotzdem bei mir unter Geruch abgespeichert.

Meine Großeltern mütterlicherseits nahmen mich an vielen Wochenenden zu sich, da meine Eltern, jung wie sie waren, immer viel mit Freunden vorhatten. Mir war´s recht, stand ich doch dort immer im Mittelpunkt und ließ mich nach allen Regeln der Kunst verwöhnen.

Mein Opa Otto hatte in seinem Bücherschrank allerlei bebilderte Bücher, die er mit mir ansah und erklärte. Die Tierabbildungen in Brehms Tierleben und die Zigarettenbildchen-Sammelbände über die Kolonien hatten es mir angetan. Der Bücherschrank verströmte den Geruch von Papier, Leder und Lack.

Die altmodische Küche mit dem Sofa, dem Kohleherd und dem steinernen Spülbecken habe ich höchst lebendig vor Augen, auch den Geruch von Brötchen, die Oma Gertrud  auf der Herdplatte aufbuk. Und natürlich Opa, der sich in der Küche ausgiebig wusch – ein Badezimmer gab es in der Wohnung noch nicht. Ein angenehmer Geruch nach Seife, Kölnisch Wasser und frischen Handtüchern.

In den Hof der Großeltern, wo ich oft mit Nachbarskindern oder meinen Cousinen spielte, kam selten ein Sonnenstrahl. Die Kühle dort roch nach dem Holz unseres Spielgeräts, einem alten Handleiterwagen, die Mauern moosig und ein wenig muffig, was uns aber wohl nicht störte.

Der Schrebergarten von Opa und Oma, zu dem wir bei gutem Wetter oft aufbrachen, war olfaktorisch das genaue Gegenteil! Die Stachelbeeren, meine Lieblingsfrucht, die Äpfel, die Regentonne mit dem Gewimmel von interessanten Insekten, der Komposthaufen und das Gartenhäuschen mit dem alten Sofa darin, welches nach sonnendurchglühtem Staub, Omas mitgebrachten Kuchen und Kaffee roch.

Schon schwieriger ist es, den Geruch von Religion zu beschreiben. Versuchen wir es.

In der Wohnung meiner Großeltern väterlicherseits wohnte in einem kleinen Zimmerchen auch eine alte Tante, sehr verhutzelt, sehr fromm und stets schwarz gekleidet. Da ihr Zimmer gleich neben dem Wohnungseingang lag, musste ich also immer daran vorbei. Wenn die Tür nicht ganz geschlossen war, konnte ich neugierig hineinlugen. Dabei schlug mir dieser Geruch entgegen, den ich nie vergessen werde. Es war nicht wirklich ein Gestank, aber sehr fremdartig und ein wenig unheimlich.
Selbst wenn die Tür geschlossen war, entwich er durch das Schlüsselloch – zumindest bildete ich mir das ein.

Welche Worte fallen mir ein?  Kalte Suppe, feuchter Feudel, Fensterkitt, Mottenpulver, alte Filzpantoffeln, Baldrian.

Als ich dann zum Kommunionsunterricht geschickt wurde, schlug mir im Pfarrhaus ein ähnlicher Geruch entgegen, diesmal um einen Hauch Weihrauch und eine Spur Bohnerwachs verfeinert.

Seitdem verbinde ich den Begriff Religion und Kirche mit dem Geruch der Tante Milie. Vielleicht mit ein Grund warum ich als Teenager Gottseidank zum Agnostiker wurde.

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