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Vom Pelzmantel über Hefeteig zum Schlaflager

Beitrag zur Blogparade des Q5-Blogs mit dem Thema: Erinnerungen + Gerüche

Die Augen geschlossen, lasse ich mich abermals in meine Kindheit versetzen, diesmal, um die vergessenen Gerüche hervorzuholen und sie einzuatmen.
Ein warmer, etwas herber, etwas staubiger, aber keineswegs unangenehmer Geruch weht mir in die Nase und verbindet mich augenblicklich mit einem weiten Land – mit Sibirien, Sibirien der Winterzeit …

Mein Vater (vielmehr die ganze Familie) besaß einen riesigen Pelzmantel, der nicht einmal zum Anziehen benutzt werden konnte, so groß wie er war. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass Vater ihn jemals anhatte. Er war aus dunkelbraunen Lederstücken – mit dem Fell nach innen – zusammengenäht und hatte einen weiten Kragen. Ich nehme an, dass es Schafspelz war. Der Mantel wurde zu vielerlei Zwecken verwendet – im Winter, zum Beispiel, wenn eine Reise mit dem Pferdegespann bevorstand, – um sich in einer kalten Droschke einzumummen, was ja auch der Sinn der Sache war.
Ihr fragt: wieso Pferde? Wann war das denn? … Tja, Anfang der Sechziger waren private Autos in Russland nicht gerade alltäglich. In Vaters Besitz befand sich zwar ein Motorrad, sogar mit Beiwagen, jedoch im Winter damit zu fahren kam nicht infrage. Erstens wegen der tiefen Minustemperaturen, zweitens würde man es nicht einmal aus dem Hof auf die Straße schaffen, denn da türmten sich Berge über Berge an Schnee … Sibirien eben

Doch zurück zum Pelz. Manchmal wickelte meine Mutter das Riesenteil um eine große Schüssel mit Hefeteig, damit er es schön warm hatte und besser gehen konnte. Ach, was waren dann die Küchlein, auf einem langen großen Blech gebacken und frisch aus dem Ofen, köstlich! Küchelchen nannten wir sie. In Herzform, mit Mohn, oder gebuttert und gezuckert, verbreiteten sie ihren Duft im ganzen Haus. Oh ja, dieses Gebäck, von meiner Mama zubereitet, hätte ich gern wenigstens noch ein einziges Mal probiert …

Aber, aber – ich bin erneut vom Weg abgekommen, wenn auch nur auf einen kleinen Duftabzweig, wenn man es so sagen darf. Ich gehe auch gleich wieder zurück zum eigentlichen Thema.

Der Schafspelz … Am häufigsten wurde er als Matratze benutzt. Man stellte zwei breitere Holzbänke nebeneinander an die noch warme Ofenwand und bettete darauf den Pelz – fertig war ein Schlafplatz. Ich weiß noch, dass meine elf Jahre ältere Schwester und ich oft darauf schliefen. In dem kleinen „alten Haus“ (so nennen wir es gewöhnlich, wenn Aneta und ich darüber sprechen) gab es nicht genügend Betten für die vielen Kinder und soweit ich mich erinnern kann, hatte ich keinen festen Schlafplatz …

Im „neuen Haus“ schlief ich auch manchmal auf dem Pelz, wenn wir Besuch hatten und ich mein Bett (da besaß ich schon ein eigenes) dem Gast zu Verfügung stellen musste. Eine Zeitlang diente diese pelzige Liege sogar als Schlafplatz für meinen drei Jahre älteren Bruder. Warum, weiß ich nicht. Möglicherweise fehlte auch im neuen Haus zeitweise ein Bett. (Kojka, von Koje abgeleitet, hieß übrigens in Russland so ein Metallgestell mit Stahlfedern). Es kann jedoch sein, dass der Junge gern darauf schlief; vielleicht fühlte er sich ein bisschen wie ein Krieger in alten Zeiten oder ein Indianer, der in der Wildnis sein Lager für die Nacht aufschlug. Ich könnte ihn danach fragen … Ja, das könnte ich … und kann es doch nicht, denn schon seit vielen Jahren pflegt er keinen Kontakt mehr zu mir. Aus welchem Grund – darüber zu erzählen würde wiederum in eine neue Richtung und zu einer ganz anderen Geschichte führen. Diese jedoch – die zum Thema „Pelzmantel“ findet mit dem alten Foto unter diesen Zeilen ihr Ende.

Eins fällt mir noch ein. In den späteren Jahren gab es den Pelzmantel nicht mehr und ich habe keine Ahnung, wo er abgeblieben ist. Schade …

https://rosasblog54.wordpress.com/2020/01/08/vom-pelzmantel-uber-hefeteig-zum-schlaflager/

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