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„Vorsicht, Feind!“

Seit wann die Zeit anfing, bedeutungslos zu werden, wusste der alte Mann nicht mehr. Irgendwann passierte es einfach, dass niemand mehr auf ihn zu Hause wartete. Vorher hetzten die Stunden aneinander gereiht davon, als wären sie Sekunden. Wenn er spazieren ging, zum Beispiel. Dann vergaß er, dass Hanna mit Klößen und Kohlrouladen auf ihn am Mittagstisch wartete. Am Abend schämte er sich, dass er seine Frau bei seinen Ausflügen aus den Gedanken verloren hatte.
Seit Beginn seiner Rente versuchte sie ihm immer etwas Besonderes zu kochen. Am Abend zerfiel das Mittagessen unter Hannas Tränen und er versuchte ihr zu erklären, warum er so spät nach Hause kam. Ein Eichhörnchen habe er gesehen und einen Fuchs. Nicht zugleich, aber gleichermaßen habe ihn das berührt. Beide Tiere wussten in ihrem Leben, was sie zu tun hätten: jagten, sammelten, trugen, flüchteten… und was tat er?
Nach ihrem Tod war Hanna nicht mehr aus seinen Gedanken zu entfernen, selbst wenn er einen Fuchs sah, oder ein Eichhörnchen, oder beide zur selben Zeit. Die Zeit raste auch nicht mehr davon, sondern hielt stockend an, so wie er den Atem, wenn er an Hanna dachte.
Jeden Tag saß er auf einer Holzbank am Rande einer Lichtung, auf der Wildgräser und Blumen wucherten. Die Bank stand etwas versteckt am Waldesrand. Liebespaare hatten ihre Initialen in die Sitzfläche geritzt und ein Witzbold ein Datum in der Zukunft.
Er fühlte mit dem Finger die Rillen im Holz nach und fragte sich, wo er an diesem Datum wohl im Universum sein werde.
Bereits am Morgen, wenn die ersten Spaziergänger ihre Hunde im Wald ausführten, saß der alte Mann auf der Bank und blickte auf die Lichtung, sah dem Morgennebel beim Flüchten zu und auch ein paar Hasen vor den Spaziergängern.
Eine ältere Dame setzte sich manchmal zu ihm. Sie hatte einen kleinen Foxterrier namens Faxe. Er freute sich, wenn Faxe auf ihn zulief. Manchmal hatte er eine Wurst für ihn dabei oder ein paar Kekse. Die Frau lächelte, wenn sie ihn sah, erzählte ihm, welche Faxen Faxe mache, aber er hörte nicht zu, sondern streichelte den Hund und schaute in die Ferne. Er hatte auch einen Foxterrier gehabt, als er ein Kind war. Das war in einem anderen Jahrhundert gewesen. Er hatte auf einem Bauernhof gelebt, war ein Flüchtlingskind, das dem Bauern zugewiesen wurde.
Eigentlich war der Foxterrier der Hund des Bauern. Paule hieß er und der Junge hatte ihn abgöttisch geliebt.
Als er sieben Jahre alt war, übte er mit Paule Tricks, um im Dorf ein paar Leckereien für den Hund und sich zu verdienen. Paule konnte winken, oder umfallen und sich totstellen, wenn der Junge mit dem Finger auf ihn zeigte und „Vorsicht, Feind!“ rief. Dann klatschten die Zuschauer und steckten dem dürren Jungen etwas zu Essen zu.
Bei einer Vorstellung auf dem Marktplatz kam gerade der Bauer aus dem Wirtshaus. Er schimpfte, torkelte und zog bereits beim Gehen seinen Gürtel aus der Hose. Paule packte er am Nacken und schlug auf den Jungen ein, während das Kind versuchte, seinen kleinen Freund aus der Hand des Bauers zu befreien.
Manchmal weinte der alte Mann, wenn er auf der Bank saß und Faxe seine Hand leckte. Paule hatte er nicht retten können. Der landete im Regenfass. Oft lächelte der alte Mann die Dame an, weil er glücklich war, wie gut es der kleine Hund bei ihr zu haben schien.
Abends traf er die Frau und Faxe noch einmal, und die Dame fragte sich manchmal, ob er die ganze Zeit dort sitzen geblieben war. An manchen Tagen wusste der alte Mann das auch nicht so genau.
Im Herbst lockten die Bäume mit leuchtenden Farben. Wie Konfetti warf der Wind die losen Blätter in den Schoß des alten Mannes. Den ganzen Sommer über hatten sie sich aneinander gewöhnt: die Frau, der Hund und der alte Mann. Gesprochen wurde kaum, nur Faxe mit liebkosenden Händen und Taschen voller Kekse beglückt.
An diesem Tag wartete der alte Mann vergeblich auf die ältere Dame. Er schloss weitere Knöpfe seines Mantels und spähte den Weg entlang, auf dem die beiden ansonsten jeden Tag flanierten.
Im Unterholz gruben Vögel unter den Blättern nach Nahrung und illusionierten den alten Mann, Faxe wäre dort auf Mäusejagd. Er stand auf, streifte sich die Blätter von Schultern und Schoß, stemmte die Arme auf seine Hüften und bog seinen Rücken vor und zurück. Er hatte das Gefühl, heimlich greis geworden zu sein. Hanna hätte ihn gewarnt, hier nicht in der Kälte herumzusitzen, hätte Apfelkuchen gebacken, Tee gekocht und ihm seinen Nacken massiert.
Die Knie knackten und mit steifen Beinen folgte er dem Weg, den sonst Faxe und sein Frauchen beschritten.
Zuerst war es noch ein breiter Kiesweg, gesäumt von säuberlich angelegten Rhododendron-Büschen, bis der Untergrund erdig und die Wegesränder überwuchert waren. Ein Eichelhäher kündigte sein Eindringen an und der alte Mann schaute konzentriert zu Boden, um nicht über vorwitzige Wurzeln zu stolpern.
Es raschelte im Gebüsch. Er lehnte sich vor, kniff die Augen zusammen und versuchte etwas im Unterholz zu erkennen. Äste knackten und er sah etwas Helles sich bewegen. Faxe! Der alte Mann verließ hastig den Weg und kämpfte sich durch die Dornenranken, die ihn an seinen Hosenbeinen packten. Eicheln zerbrachen unter seinen Füßen und auch so manches Schneckenhaus. Er schürfte sich die Hände an Rinden auf, an denen er Halt suchte. Er wollte nach dem kleinen Hund pfeifen, der scheinbar aufgeregt einer Wildtierspur folgte. Aber der Mund war trocken und verklebte die Töne. Er versuchte zu rufen, aber der kalte Herbstwind klaute die Silben von seinen Lippen und er wusste nichts anders zu tun, als dem Hund zu folgen. Sein Fuß landete in ein Kaninchenloch, sein Bein knickte weg und er fiel auf seine greisen Knie. Sekundenlang wurde es dunkel um ihn.
Als er die Augen wieder öffnete, schlabberte der Foxterrier sein Gesicht ab. Faxe! Nein. Paule! Der alte Mann weinte und lachte, der Hund leckte ihm die Tränen aus dem Gesicht und peitschte mit seinem wedelnden Schwanz an seine bärtigen Wangen. Er umarmte das Tier, das sich an ihn schmiegte. „Vorsicht, Feind!“ rief er ohne Stimme, und der Hund kippte zur Seite.

Der alte Mann drehte sich auf den Hosenboden, der Foxterrier sprang auf seinen Schoß und stupste mit seiner langen Schnauze an seine Jackentasche, in der er die Belohnung wähnte. Das erste Mal seit Hannas Tod konnte der Mann wieder lachen. Er rappelte sich auf, hielt dem Hund seine Hand hin, die dieser berührte, als wolle er sich ebenfalls vergewissern, dass sein bester Freund real sei.
Sie fanden den Weg zurück zum Pfad. Die Dornenranken betteten ihre Arme jetzt unauffällig am Wegesrand. Die Vögel hatten den feuchten Boden verlassen. Statt Laub-Gestöber hörte er ihren fröhlichen Gesang in den Baumkronen. Und auch der Himmel schenkte dem ungleichen Paar ein strahlendes Lächeln.
Auf der Lichtung glitzerten Spinnenweben in der Abendsonne und die letzten Insekten des Jahres summten über verwelkte Blumen. Blätter wehten sanft von den Bäumen durch den schweren Duft des Waldbodens und der alte Mann fühlte sich frei.
Der Hund sprang zu ihm auf die Bank und er küsste Paule auf die Ohren und presste sein Gesicht an sein Fell.
Eine zarte Hand berührte seine Schulter. Er sah auf und lächelte.
Sie setzte sich zu ihm und legte ihren Arm um ihn.
Er spürte ihre vertraute Wärme und zog genüsslich ihren Duft ein. Sie roch immer noch nach schöner Frau. Und nach Knödeln und Kohlrouladen.

Es war spät geworden, der Besuch wollte einfach nicht gehen. Faxe tat ihr leid, quengelte er doch bereits seit Stunden, er wolle endlich im Wald herumtollen.
Die ältere Dame hatte vergessen, einen Mantel mitzunehmen und ließ den Foxterrier von der Leine, um sich mit reibenden Händen zu wärmen. Faxe lief kläffend vor und sie verlor ihn aus den Augen. Als sie die Lichtung erreichte, versuchte sie sein Hinterteil aus einem der Kaninchenlöcher herausragen zu sehen.
Ihr Herz schlug Krawall und beruhigte sich erst wieder, als sie Faxe auf dem Schoß des alten Mannes liegen sah, der auf der Holzbank saß, auf denen Liebespaare ihre Initialen eingeritzt hatten und ein Witzbold ein Datum in der Zukunft. Der Hund winselte, leckte die faltige Hand des Alten, reckte sich und berührte auch den lächelnden Mund. Sie setzte sich neben den Mann wie bei ihrer ersten Begegnung und streichelte kurz über seinen geneigten Rücken. Sein Körper war eiskalt; das fühlte sie selbst durch den groben Stoff des Mantels hindurch.
Und sie fragte sich, wie lange er schon tot sei.

Hanna gab ihm einen langen Kuss, lächelte und stand auf. Sie streckte ihm ihre zarte Hand entgegen und sagte, „Komm, mein Liebster, es ist Zeit.“
Seine Beine fühlten sich geschmeidig an und der Mann setzte Paule vorsichtig am Boden ab. „Jetzt kann ich es dir zeigen!“, rief er aufgeregt und zielte mit einem Finger auf den Hund. „Vorsicht, Feind!“ Der Hund plumpste auf die Seite. Hanna lachte vor Entzücken und der Mann beugte sich hinunter und küsste seinen Hund auf die Nase. Er umarmte seine Frau und beide verließen aneinander geschmiegt mit Paule an ihrer Seite die Lichtung in der Abenddämmerung.

 

Maiken Brathe findet Ihr hier: https://www.facebook.com/maiken.brathe

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