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Alte Freunde

Nach all den langen Jahren der spirituellen Praxis war Peter Neiß endlich erleuchtet worden. Innerlich sowie äußerlich hatte sich der Mittvierziger komplett verändert. „Ich bin runderneuert“, sagte Neiß gern, „denn ich habe Frieden und Freiheit gefunden.“ Die Umgebung, in der er lebte, war Neiß fremd geworden. Er ging zwar seiner Berufstätigkeit nach, betrachtete die Welt aber mit völlig anderen Augen. Es war ihm zumute, als würde ein helles, warmes Licht durch seinen Körper strömen.

Wie war es zu diesem Wendepunkt gekommen? Neiß hatte eine schwere Krise durchmachen müssen. Beinahe hätte er aufgegeben, wäre an den Depressionen gestorben. Doch heute war er ein starker Mann geworden, ein Überlebender. Aus den tiefen Tälern der zwanghaften Traurigkeit war Neiß empor gehoben worden, durch eine undefinierbare Kraft. Neiß nannte dies einen Fingerzeig Gottes, der hinter dieser wundersamen Wandlung des einst Todtraurigen stecken musste.

Alles hatte sich verändert, und doch war es sich gleichgeblieben. Seine Freunde erkannte Neiß nicht mehr wieder, sie erschienen ihm rau und grobschlächtig. Die Worte seines besten Freundes verletzten ihn allzu sehr. Roh kam ihm dessen Gebaren nun vor. Seine menschenverachtenden Worte und die sarkastischen Äußerungen bohrten sich in Neißens Herz wie ein frisch angespitzter Giftpfeil.

Was konnte er nun tun?, fragte sich Neiß. Sollte er sich von all den alten Verbündeten, die einst wie Brüder oder eng Vertraute gewesen waren, abwenden, um neue Gefährten zu suchen? Oder sollte er die Freunde zurechtweisen? Das wäre überheblich sowie anmaßend gewesen. Stattdessen entschied sich Neiß dafür, mit gutem Beispiel voranzugehen und die Freunde, die ihm jetzt wie vulgäre Tiere vorkamen, indirekt zu beeinflussen.

Einst hatten sie ihn zum Lachen gebracht, die alten Freunde. Heute bemerkte Neiß indes, wie nervtötend laut sie waren und wie dreckig ihre Witze. A bad mouth betrays a bad mind, diesen Satz hatte Neiß in einem Song gehört, und ihn erst jetzt richtig verstanden. Natürlich haben böswillig geäußerte Worte eine Wirkung auf die Umwelt und auf die Person selbst. Außerdem beschmutzt man seine Seele, wenn man schlecht über andere redet, dachte Neiß.

Er fühlte sich schuldig, denn er wollte sich nicht über seine Freunde erheben oder sie verurteilen. Aber vielleicht war jetzt ein Punkt in seinem Leben erreicht, wo er sich umorientieren sollte. Wenn er den alten Freunden von seiner neuentdeckten Liebe zur Natur und zum Kosmos erzählen würde, dann lachten sie ihn ganz gewiss aus.

Neiß sah sich einem Dilemma gegenübergestellt. Einerseits spürte er die frische Kraft der kosmischen Liebe in sich aufsteigen und nahm auch wahr, dass seine Sinne geschärft waren. Andererseits konnte er keine Liebe mehr für seine Mitmenschen empfinden. Die Sünde der Einsamkeit ist eine kalte Sünde, hatte Neiß bei Agatha Christi gelesen. Sein Herz quoll an einem Tag über vor Liebe und Mitgefühl für alle fühlenden Kreaturen, und am nächsten Morgen hatte Neiß schlechte Laune, migräneartige Kopfschmerzen plagten ihn.

Die schwerwiegenden Depressionen schien er überwunden zu haben, mutmaßte Neiß. Seine Seele hatte sich erneuert, war aus einem tosenden Ozean aufgetaucht, wo sie gründlich gewaschen worden war. Es machte ihn über alle Maßen traurig, dass er seine alten Freunde nicht mehr wiedererkannte. Sein Herz war eingefroren und er empfand Abneigung und Abscheu, den Menschen gegenüber. Dabei wollte er die Menschen lieben, seine tief empfundene Liebe mit den Freunden teilen. Doch er stieß nur auf Ignoranz. Wie stumpf diese Typen geworden sind, dachte Neiß, um dann sofort gedanklich umzuschwenken. Nein, es liegt an mir, denn ich bin es schließlich, der keine Liebe mehr empfinden kann.

Neiß unternahm viele Versuche, um seine sozialen Kontakte zu verändern; er besuchte den Kirchenchor, machte Yoga, ging zu Zen-Meditationen und einer Selbsthilfegruppe für an Depressionen Erkrankte, doch auch all diese Unternehmungen trugen nicht dazu bei, sein gefrorenes Herz wieder zu erwärmen.

Was ist das für eine Art von Erleuchtung, die mit Hass und Verachtung einhergeht?, fragte sich Neiß. Er hatte gelesen, dass man das Ego oder das Selbst überwinden müsse, um wahrlich erleuchtet zu werden. Auch gehöre zur Erleuchtung, dass man die Trennung von anderen nicht mehr wahrnähme und den individuellen Charakter abstreifte. So sehr er sich auch bemühte, nie vermochte es Neiß, alles in Allem aufgehen zu sehen.

War der Wendepunkt gar kein echter Wechsel gewesen? War er einer Schimäre aufgesessen? Nein, tief in seinem Inneren pulsierte ein neuer Geist, der Neiß erstrahlen ließ. Er wusste, dass es bis zur wahren Erleuchtung noch ein langer Weg sein würde und auch, dass er nur temporär erleuchtet worden war. Eine kosmische Kraft hatte ihm gewissermaßen eine Kostprobe verabreicht, eine Kostprobe der endgültigen Erlösung.

Echte Freiheit ist die Freiheit von Angst, dachte Neiß, nahm die blecherne Brotdose, die mit gesüßtem Tee gefüllte Thermoskanne und ging zur Arbeit.

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