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Gastbeitrag von Irina Peter – Flugversuch

„Ptaschetschka“, sagte er, „sei nicht traurig, Deutschland ist viel besser als Kasachstan: kurze Winter, volle Läden, gute Straßen und du wirst endlich unter Deutschen leben.“ Die Hände ihres Großvaters fühlten sich auf ihren Schultern wie aus Daunen an. Seit einigen Wochen kam er ihr noch kleiner und dünner vor. Sanft wischte er ihr eine Träne mit seinem rechten Daumen ab, von dem nur ein kurzer Stumpf übrig war. Den Rest hatte Großvater als junger Mann beim Sägen verloren. Er flog in das eisige Wasser eines sibirischen Flusses und verschwand für immer in seinen schwarzen Fluten.

„Komm doch mit, Opa, wer wird dir denn bei der Kartoffelernte helfen? Fast alle Nachbarn sind schon weg. Wer fährt dich in die Stadt, wenn du krank wirst?“, sie wusste, dass jedes Argument an seinen langen, haarigen Ohren abprallen würde.

„Sie haben mich hierhergebracht, von hier sollen sie mich auch wegbringen, mit den Füßen voran“, sie konnte jedes seiner Worte mitsprechen. „Ich werde neben Oma beerdigt und neben deiner Mama, meine Heimat ist bei ihnen. Ich kann sie doch in dieser verfluchten Steppe nicht allein lassen.“

Wieder rollten Tränen über ihr Gesicht. Er holte ein gefaltetes Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche und gab es seiner Enkelin. Noch bevor Annetta es auf ihre Augen drückte, nahm sie den Geruch von Holzspänen wahr. Großvater arbeitete schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr in der Sägerei der Kolchose. Der Duft nach frisch gehobeltem Holz war aber so tief in seine Haut und Kleidung gedrungen, dass sie ihn selbst dann wahrnahm, wenn sie nur an ihren Großvater dachte.

Er schob sie zur Verandatür und zog das Laken zur Seite, das Fliegen von außen belauerten. Warme, trockene Luft streichelte ihr Gesicht und trug den Geruch nach frisch gemähtem Weizen in die Sommerküche. „Vergiss den nicht“, er hielt ihr einen hellbraunen Lederkoffer entgegen, der kaum größer war als ein Rucksack. „Und nimm die Piroggen mit, sonst verhungerst du noch bis Deutschland.“ „Die machen auch eine zehnköpfige Familie satt, Opa“, sie verdrehte die Augen und packte den schweren Beutel in ihre Handtasche. „Und zieh die Jacke an, im Flugzeug frierst du bestimmt.“ Umständlich half er ihr in den dunkelgrünen Herbstmantel. „Aber Opa, ist doch viel zu warm.“ Wie gewohnt ignorierte er ihre Widerworte: „Und jetzt geh schon, schau nicht zurück!“

Die Halle des Zelinograder Flughafens war an diesem Abend voller Menschen. Eltern, die ihren Kindern hinterherrannten. Omas, die über schlecht erzogene Kinder schimpfen. Junge Erwachsene, die sich leise über die Omas lustig machten. Sie alle hatten dasselbe Ziel: Moskau und dann weiter nach Deutschland. Wie sehr hatte Annetta sich diesen Moment herbeigesehnt. Ihre Großeltern sollten jetzt neben ihr in der Schlange vor der Passkontrolle stehen. Doch allein die Vorstellung, mit über 70 in einem fremden Land ganz von vorne anzufangen, war zu groß für das kleine Herz ihrer Großmutter. Vor drei Wochen dann hatte es beschlossen, seine Arbeit ganz einzustellen, bevor es vor Eindrücken und Gefühlen platzen könnte.

Am Kontrollschalter musterte eine junge Kasachin kurz das Visum in Annettas Ausweis und reichte es ihr kommentarlos zurück. „Haben Sie kein Gepäck?“, fragte sie Annetta. „Nur diesen Koffer“, sie zeigte neben sich. „Der darf aber nicht mehr als zehn Kilo haben“, die Frau in Uniform deutete auf eine Waage. Annetta gehorchte, wollte ihn mit einer Hand hochheben, nahm dann die zweite zur Hilfe. Alles erschien ihr in diesem Augenblick unverhältnismäßig schwer: der Koffer, den Großvater vorhin noch mühelos getragen hatte, der Mantel auf ihren Schultern. Selbst das Licht der Neonröhren drückte wie eine schwere Männerhand auf ihren Kopf. „Neuneinhalb. Gut, nehmen Sie ihn als Handgepäck mit“, entschied die Kasachin.

Sie hatte immer angenommen, dass sie weinen würde, sobald das Flugzeug abhebt und den Kontakt zum kasachischen Boden verliert. Nie hatte Annetta ihr Geburtsland verlassen, jeden Tag ihres 22 Jahre alten Lebens hier verbracht. Doch im vergangenen Jahr hatte sie so viele Stunden wartend in irgendwelchen Behörden verbracht – mal fehlte da der richtige Stempel, mal dort die passende Schachtel Pralinen –, dass sie in diesem Augenblick nur traurig war, weil Großvater nun niemanden mehr haben würde, der ihn besucht. Froh aber darüber, diesem Land, das die Perestrojka gerade ins Chaos gestürzt hatte, davonfliegen zu können.

Neben ihr saß eine ältere Frau mit geblümtem Kopftuch und altmodischer Brille auf der Nase. Konzentriert blickte sie in ein Buch auf ihrem Schoß und bewegte lautlos ihre Lippen zu den gedruckten Worten. „Eine Bibel, auf Deutsch“, stellte Annetta fest, und dachte an das Gesangbuch ihrer Großmutter, das im Koffer im Fach über ihr lag. Gebunden in grünes Leder hielt es hunderte von vergilbten Seiten zusammen, auf jeder schmiegten sich wohlgeformte Buchstaben aneinander, die Annetta kaum lesen konnte. „Das ist Sütterlin, so habe ich in der Schule in der Ukraine schreiben gelernt“, hatte Großmutter ihr erklärt, als sie ihr das Buch zum ersten Mal, wenige Monate vor ihrem Tod, gezeigt hatte.

Leise hatte sie dann angefangen, ein paar Zeilen daraus zu singen: „Eine Heimat für den Christen ist bereit im Himmelreich, eine Heimat voller Wonne, nichts kommt dieser Heimat gleich.“ „Dieses Lied habt ihr bei Mamas Beerdigung gesungen, oder?“, Annetta fuhr ganz vorsichtig mit den Fingerkuppen über die Seite, als könnte sie unter dem Gewicht ihrer kleinen Hände reissen. „Dass du dich daran noch erinnerst, du warst gerade neun“, Großmutter strich ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr.

Zu gern hätte Annetta jetzt das Fotoalbum, das sich ebenfalls in ihrem Handgepäck befand, herausgeholt, um ihre Mutter zu sehen. Lachend unter einer Birke im Garten ihrer Großeltern, ernst blickend im Standesamt neben ihrem Vater am Tag ihrer Hochzeit. Die Ehe hielt nur wenige Jahre, an den Vater hatte Annetta kaum Erinnerungen. Aus Angst, eines Tages auch seinen Namen zu vergessen, hatte sie diesen mit einem Bleistift unter das Bild des Brautpaars geschrieben. Namen und Daten trugen auch die Gruppenbilder einige Seiten vorher: „Gottliebsdorf, Ukraine, 1932“, stand unter einem und dann „Wolf Eduard, Steinke Richard, Sonnenberg Emilia..“, sie kannte jeden Namen mittlerweile auswendig, war jedes Gesicht mit ihren Großeltern durchgegangen als sie im Mai angefangen hatten, für das Leben in Deutschland zu packen.

Dabei hatten ihre Großeltern immer wieder von ihrer Heimat erzählt, ihrem Wolhynchen, wie sie sagten. „Warum seid ihr nach dem Krieg nicht zurück in die Ukraine?“, wollte Annetta wissen. „Wir konnten nicht. Opa war da noch im Gulag, außerdem standen wir Deutschen bis 56 unter Kommandantur und durften ohne Erlaubnis nicht mal das Dorf verlassen.“ Annetta hatte jedes Mal viele Fragen: wollte wissen, warum ihre Großeltern nach Kasachstan gebracht worden waren und von wem.

Vor allem interessierte sie sich für ihre Urgroßmutter Martha. Sie hatte die neunköpfige Familie in den ersten besonders schwierigen Jahren in der Verbannung dank ihrer Fertigkeiten als Näherin ernährt. „Ihre Nähmaschine hat Onkel Sascha, aber schau mal, Netta, das hier war ihr Werkzeug, das hatte sie sogar noch aus der Ukraine mitgebracht“, Großmutter hatte aus einem Schrank im Schlafzimmer ein Lederetui geholt, das Scheren, Nadeln und andere Nähutensilien enthielt. Annetta platzierte es vorsichtig auf den Stapel mit den Dingen, die mit nach Deutschland sollten. Das Etui lag nun zwischen Fotoalbum, Gesangbuch und einem Kleid, das Urgroßmutter Martha für ihre Mutter genäht hatte, in ihrem Koffer. Es war ein weißes Kleid aus dicker Baumwolle. Die Blumenstickereien am Kragen und Saum fand Annetta als Kind besonders schön und fühlte sich im damals viel zu großen Kleid wie eine Blumenfee.

Als das Flugzeug in Moskau landete, hatte Annetta gerade von einem Vogel geträumt, der gegen eine Fensterscheibe klopft. „Du bekommst eine Nachricht“, hätte ihre Großmutter gesagt, „so ein Quatsch“, ihr Großvater entgegnet, „das ist russischer Aberglaube, du bist Deutsche, vergiss das nicht.“ Annetta wollte gerade am Griff ihres Koffers ziehen, als ihn ein junger Mann hinter ihr wortlos aus dem Fach hob und ihr entgegenhielt. „Ganz schön schwer“, sagte er mit einem Lächeln, das auf jeder Wange ein Grübchen enthüllte. „Wie bei Opa“, dachte Annetta, bedankte sich und lief zum Flugzeugausgang. Müde umklammerte sie den Koffer vor ihrer Brust, der sich hier in Russland noch schwerer anfühlte als fünf Stunden zuvor.

In der riesigen Wartehalle des internationalen Flughafens Scheremetjevo war kein einziger Sitzplatz frei. Sie stellte sich am Gate nach Frankfurt neben ein junges Paar. Die Frau saß auf einem Koffer, die Köpfe zwei schlafender Kinder auf den Oberschenkeln. Ob die Kleinen wohl schon Deutsch könnten? Würde sie selbst die Menschen in Deutschland verstehen mit dem bisschen Deutsch, das ihre Großeltern ihr beigebracht hatten? Wann könnte sie Großvater wieder besuchen? Plötzlich wirbelten Fragen durch ihren Kopf, drückten gegen ihre Schläfen, hinterließen nur einzelne Worte ohne richtigen Sinn. „Sie wollen doch auch nach Frankfurt“, die Frau, die eben noch auf dem Koffer saß, stand plötzlich vor ihr, an jeder Hand ein verschlafen blickendes Kind. Wortlos folgte Annetta ihr, den Koffer hinter sich ziehend, ihn zu tragen schaffte sie nicht mehr. Kaum hatte sich das Flugzeug über Moskau mit seinem scheinbar nicht enden wollenden Lichtermeer erhoben, fiel sie in einen traumlosen Schlaf.

In Frankfurt staunte sie, wie schnell sich die Schlangen vor den Passkontrollen bewegten, wie freundlich der Grenzbeamte klang, obwohl sie kaum ein Wort verstand und wie glänzend der Boden war. Draußen standen Busse, um die Deutschen aus Russland, Kasachstan und anderen Ländern der gerade zerfallenden Sowjetunion in Auffanglager zu bringen. Als habe man monatelang nur auf sie gewartet, nannte Annetta ihren Namen im Bus nach Friedland und durfte mitfahren.

Sie setzte sich in die letzte Reihe und starrte vier Stunden ununterbrochen aus dem Fenster. Nichts wollte sie verpassen von diesem Deutschland mit seinen Autos, die alle sehr neu und sehr sauber aussahen, seinen Feldern, die Gott persönlich mit einem Lineal in Stücke geteilt zu haben schien und seiner unfassbaren Sauberkeit. Hier würde sie den kleinen Reisigbesen, den Großvater ihr in den Koffer gedrückt hatte, sicherlich nicht brauchen. Langsam radierte die aufsteigende Sonne das Rot vom Horizont, weiße Sonnenstrahlen kitzelten ihre Nase.

Wie sehr hatte Annetta die Sonnenaufgänge am Fluss geliebt, neben ihrem Großvater sitzend, der eine selbst gedrehte Zigarette nach der anderen rauchte. Ganz leise musste sie sein, um die Fische nicht zu verjagen.

In Friedland folgte sie den Menschen aus ihrem Bus. Zwei Stunden später war sie im Aufnahmelager angemeldet und betrat das ihr zugewiesene Zimmer im Haus Nummer 2. Fünf zweistöckige Betten aus beige lackiertem Metall, Holzschränke mit zehn abschließbaren Fächern, ein Tisch und einige Stühle füllten den hellen Raum. Vier der Betten waren bereits bezogen, auf einem lag eine Puppe. Ihre Zimmernachbarn mussten gerade beim Frühstück im großen Backsteingebäude sein, an dem sie vorbeigelaufen war. Sie zog ihren Koffer neben ein freies Bett am Fenster und setzte sich auf die weiche Matratze.

Ihr Magen erinnerte sie plötzlich daran, dass sie seit der Suppe in Großvaters Haus nichts gegessen hatte. Annetta holte eine Pirogge aus dem Beutel in ihrer Handtasche und biss hinein. Der Geschmack malte sofort ihre Großmutter vor ihr geistiges Auge. Wie schnell sie doch immer die zerstampften Kartoffeln in den Piroggenteig wickelte. Großmutter musste dabei nicht einmal auf ihre Hände schauen. Annetta konnte das heiße Fett plötzlich riechen, in denen die Piroggen schwammen und die Stimmen ihrer Großeltern hören, die über das und jenes stritten, aber nie laut wurden. „Ich möchte nach Hause“, dachte sie, schob die angebissene Pirogge zurück in den Beutel und ließ die Tränen frei, die sie nun fast 17 Stunden unterdrückt hatte. Annetta griff in die Taschen ihres Mantels, in der Hoffnung, dort ein Taschentuch zu finden und fühlte ein Papierstück. Als sie das linierte Blatt auseinanderfaltete, erkannte sie sofort die Handschrift ihres Großvaters.

„Ptaschetschka, ich hoffe, sie haben dir keine Probleme bereitet und du bist gut in Deutschland angekommen. Egal wie schwer sich dein kleines Vogelherz in diesem Augenblick anfühlen mag: Es ist richtig, dass du gegangen bist. In diesem trockenen Steppenboden hättest du nicht wachsen können. Er nimmt nur auf, deine Mama, deine Oma und bald mich, gibt aber nichts zurück. Du hast die traurigen Geschichten aus der Ukraine und Sibirien immer sehr gemocht. Trotzdem: Hör auf deinen alten Großvater, und beschwere dich nicht mit der Vergangenheit. Sie kettet dich nur an etwas, das es schon lange und zum Glück nicht mehr gibt. Deshalb passe ich hier auf die Erinnerungen auf, bis du eine gute Flughöhe erreicht hast. Mit diesem Ballast würdest du nämlich kaum vom Boden kommen. Ich weiss, dass du uns sehr liebst. Aber lass in deinem Herzen auch Platz für Neues.

Heute Morgen steckte eine Feder in deinem Haar, meine Ptaschetschka. Als Mädchen warst du wirklich wie ein kleiner Vogel. Deshalb hat das ukrainische Wort dafür immer so gut zu dir gepasst. Mal warst du am Fluss, mal auf einem Baum, nie stillsitzend, immer neugierig und unbeschwert. Jedenfalls dachte ich, diese Feder und diese Eigenschaft gehören zu dir, auch wenn du das als Erwachsene vielleicht vergessen hast. Sei leicht, meine Ptaschetschka, nutze die Kraft des Windes. Und vertrau auf dein Herz. Es wird dich immer dorthin führen, wo dein Zuhause ist.“

Eine Träne tropfte auf das lateinische J mit seinem Punkt dahinter, mit dem Großvater Jonat immer unterschrieben hatte. Sie kniete sich neben ihren Koffer und öffnete ihn langsam. Das Fotoalbum, das handgenähte Kleid, das Gesangbuch, das Nähetui und der Besen – nicht sie hatten den Koffer so schwer gemacht.

Es war die weiße Feder, die auf den Gegenständen ruhte.

Es war das Leichte, das sie zu tragen verlernt hatte.

Großvater hatte Recht.

„Auch angekommen?“, hörte sie eine ihr bekannte Stimme neben sich und blickte in ein Gesicht mit zwei Grübchen.

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