Computer-Anfänge im Osten
BASIC on Paper (Wandtafel?)

Von Constanze Junker

In Westeuropa gab es Anfang der 80er Jahre längst Computer, sogar schon für den privaten Gebrauch. Wir im Osten hatten davon gehört, die Kommilitonen, die in ihren Heimatorten Westfernsehen schauen konnten, sogar schon welche gesehen.
Auch in der DDR wurde in diesen Jahren begonnen, diverse Unternehmungen für die Entwicklung solcher Gerätschaften in Angriff zu nehmen. Die sahen zuerst einmal so aus, dass bei Verfügbarkeit von Devisen planvoll Computer aus dem kapitalistischen Ausland, also der Bundesrepublik Deutschland, beschafft wurden. Immer wieder stand das Eintreffen einer solchen Zauber-Maschine kurz bevor…
Die Grundlagen der Digitalisierung und deren mögliche Anwendung zum Wohle der sozialistischen Volkswirtschaft hatten wir in der Zwischenzeit längst verinnerlichen dürfen. Einen Computer sahen wir nicht. Um bei dessen Ankunft gut gerüstet und einsatzbereit zu sein, wurde für das Sommersemester 1986 ein Computerkurs angesetzt: Programmieren mit BASIC. Als Dozent trat der Biostatistiker auf, der uns im Herbstsemester die Herstellung von Statistiken beizubringen versucht hatte. (Übrigens eine sehr nützliche Fähigkeit für spätere Aufgaben im wirklichen Leben…).
Große Freude also, als wir den Vorlesungsplan sahen – oh, der Computer muss da sein! (Es gab fünf Seminargruppen mit jeweils etwa 15 bis 20 Studenten, sechs Sektionsstandorte und Fachbereiche und einen ganzen Schwarm von Doktoren, Doktoranden und wissenschaftlichen Mitarbeitern, nicht gezählt die Laborleute.) Erwartungsvoll betraten wir den Hörsaal, setzten uns auf die Bänke und sahen uns um. So etwas, das wie ein Computer aussah, war nicht zu entdecken, auch kein Karton oder Schranktisch. Vielleicht würde ja der Dozent den Rechner erst mitbringen, damit der immer unter seiner Aufsicht war und keiner von uns daran herumspielen konnte.
„Guten Tag meine Damen und Herren, öffnen Sie Ihre Horcher, zücken Sie Stifte und Blocks und schreiben Sie mit!“ Unter dem Arm trug der Mann nur einen Aktenordner, in gewohnt schneidigem Tonfall kommandierte Dr. S. seine Studenten und begann tatsächlich, irgendwelche Wortkombinationen mit Kreide an die Wandtafel zu schreiben. Er erklärte wortreich, was die Maschine machen würde, wenn man das und das per Tastatur eingeben und mit <ENTER> bestätigen würde. Auch das, was sie nicht tun würde und das, was sie im nächsten Schritt als Information benötigen würde, um irgendwann – ja, was eigentlich?
Silben, Klammern, Zeichen – wir beschrieben viele Blätter, immer mit dem diffusen Bild vor Augen, das alles automatisiert im Wechselspiel mit einer Maschine auf einem Bildschirm sehen zu können …
Die nächste Etappe, zwei Jahre später: endlich war ein Computer da! Ein Commodore 64, wenn ich nicht irre. Besser gesagt, dann hatte ich endlich Zugang zu dem Raum, in dem das Gerät aufgebaut war. Aber viel größer als vielleicht Freude über diese Sensation waren Unsicherheit und die Angst davor, etwas kaputt zu machen. Aber das ging schnell vorbei.
Für die Sektion Fischereibiologie war dort ein Programm in Arbeit, mit dem Wachstumsparameter nach Eingabe gemessener Maße und Massen berechnet werden konnten – in Korrelation mit der verfügbaren Biomasse im Herkunftsgewässer, dem Alter und dem Parasitenbefall der Tiere. Es wurde „FiNa“ genannt, das kommt von Fischnahrung, weil das Ziel eine Rentabilitätsberechnung für geplante Fisch-Besatzmaßnahmen in Küstengewässern war.
Weil meine Diplomarbeit ein Teil dieser Ermittlungen war, Fischart Hecht, durfte ich dabei mitmachen, durfte also an den Computer! Tage- und Nächtelang saß ich, saßen wir vor dem Rechner. Ich musste den Status der Programmentwurfs kennenlernen, meine Wandtafel-Basic-Kenntnisse revitalisieren und vor allem lernen, wie zu reagieren ist, wenn sich die schöne Befehlsfolge an immer anderen Stellen verhakte. Error! Der Rechner machte meistens nicht, was geplant war und dann waren auch noch die erfassten Daten nicht mehr auffindbar.
Zurück in den Computerraum: Irgendwann schlossen sich die Goto-Schleifen da, wo sie sollten, wir konnten Daten eingeben und eines Tages, nachdem der Rechner endlich – nach ungezählten Wiederholungen stundenlanger nächtlicher Dateneingabe  – machte, was er sollte  – ja, eines Tages sahen wir tatsächlich Ergebnisse auf dem Bildschirm. Juhu, geschafft! (Nächtlich, weil 1. die Chance, an die Maschine zu kommen, größer war und 2. das Stromnetz aufgrund fehlender anderer Verbraucher im Labor etc. weniger wacklig war, was eine Verminderung der Störanfälligkeit des Computers zur Folge hatte.)
Und nun? Wie sollte das, was wir da auf dem Bildschirm sahen, aus dem Rechner herausgeholt werden? Ein Drucker war nach unserem Wissensstand erst für den kommenden Fünfjahrplan avisiert. Die rettende Idee hatte unser Foto-Genie: Stativ vor den Bildschirm, Spiegelreflexkamera und verschiedene Aufnahmeversuche mit und ohne Blitzlicht. Was jedoch auf dem Bildschirm deutlich als grüne Schriftzeichen auf grauem Hintergrund zu erkennen war, zeigte sich auf den Schwarz-Weiß-Fotos nachher verschwommen und sehr schlecht lesbar. Versuche mit Dia-Film waren wenig sinnvoll, weil damit eine Reproduktion für die mindestens sechs Exemplare der Diplomarbeit völlig ausgeschlossen war. Da war der Staatsschutz davor, man brauchte übrigens auch für die sechsfache Vervielfältigung eigener Zeichnungen und Diagramme eine Genehmigung und es gab in Rostock auch nur ein Foto-Haus mit der Berechtigung als Kopier-Anstalt für solche Arbeiten …)
Immerhin konnte ich die S-W-Fotos wenigstens noch zu Vergleichs- und Kontrollzwecken nutzen. Denn als ich die Ergebnisse stolz meinem Mentoren-Prof präsentierte, lehnte er die Verwendung der Computerberechnungen als „nicht wissenschaftlich begründbar“ ab  – als hätte es nicht schon genug Schwierigkeiten mit der Beschaffung der Daten und ihrer Verarbeitung gegeben.
Ich führte also alle Berechnungen noch einmal durch – zum Glück hatte ich mir von der West-Opa-Abiturprämie im Intershop einen Scientific Calculator . (1983: von Sony, mit Solarzellen! – die funktionieren heute noch! 99 Westmark hatte das Teil gekostet, das Modell hatte ich gewählt, obwohl der 30 Westmark teurer war als der Batteriebetriebene. Aber woher sollte ich in der DDR auf Dauer solche Batterien bekommen. Und womit bezahlen?)
Nach tagelanger Rechnerei zeichnete ich die Tabellen und Abbildungen auf Pergament, beschaffte mir eine Kopier-Erlaubnis für dieses Projekt und ließ die Sachen in einer Kopier-Anstalt vervielfältigen.
Meinen ersten Entwurf dieser Diplomarbeit gab mir mein Betreuer Dr. W. mit der Bemerkung zurück: „Sie sollen eine Diplomarbeit schreiben, keinen Roman. Bitte auf die Hälfte kürzen.“ Also alles noch einmal handschriftlich ausarbeiten …
Die Kladde der Diplomarbeit schrieb dann Ursula, die jüngere Tochter unserer ehemaligen Vermieterin für mich mit fünf Durchschlägen ins Reine. Sie hatte das 1. gelernt und 2. auf ihrer Arbeitsstelle Zugang zu einer dafür dimensionierten Schreibmaschine. Das war nicht ganz so einfach, Papier musste beschafft werden und meine Schrift war schwer lesbar. Außerdem musste zwischendurch genügend Platz für Tabellen und Abbildungen auf den – nach Fortschritt der Arbeit zu nummerierenden! – Seiten gelassen werden.
Gebunden wurde das dann wieder in der vorgenannten Kopieranstalt, die Reproduktionen klebte ich danach einfach an die vorgesehenen Stellen – verteilt, geprüft, verteidigt, fertig. 🙂

Bildquelle: Bild oben: Universität Rostock / Thomas Haberstroh und
Bild unten: Bundesarchiv

ADN-ZB Hiekel 8.5.89 Dresden: Erste Softwarebibliothek- An der Stadt- und Bezirksbibliothek Dresden wurde eine Softwarebibliothek eingerichtet, die in ihrer Art bisher einmalig in der DDR ist. Sie stellt zur öffentlichen Nutzung Software für Klein- und Heimcomputer bereit. Man kann sich dort mit der Computertechnik vertraut machen. Die Bibliothekarin Daniela Sitte-Zöllner erarbeitet hier ein Informationsprogramm für Nutzer der Bibliothek. Ab 6.Mai stehen auf Kassette gespeicherte Programme, Informationen und Daten für die präsente Ausleihe und ab Oktober für die Vergabe "außer Haus" zur Verfügung. Bisher umfaßt die Bibliothek 850 Programme, darunter Text- und Datenverarbeitung, Grafiklehr-, Dienst- und Hilfsprogramme und eine Vielzahl von Spielen.

ADN-ZB Hiekel 8.5.89 Dresden: Erste Softwarebibliothek- An der Stadt- und Bezirksbibliothek Dresden wurde eine Softwarebibliothek eingerichtet, die in ihrer Art bisher einmalig in der DDR ist. Sie stellt zur öffentlichen Nutzung Software für Klein- und Heimcomputer bereit. Man kann sich dort mit der Computertechnik vertraut machen. Die Bibliothekarin Daniela Sitte-Zöllner erarbeitet hier ein Informationsprogramm für Nutzer der Bibliothek. Ab 6.Mai stehen auf Kassette gespeicherte Programme, Informationen und Daten für die präsente Ausleihe und ab Oktober für die Vergabe “außer Haus” zur Verfügung. Bisher umfaßt die Bibliothek 850 Programme, darunter Text- und Datenverarbeitung, Grafiklehr-, Dienst- und Hilfsprogramme und eine Vielzahl von Spielen.

Wieviele Sterne möchtest Du für diesen Beitrag vergeben ?

Klicke bitte auf einen Stern, um zu bewerten.

Durchschnittliche Bewertung / 5. Menge der Abstimmungen

Dies ist die erste Bewertung