Lilo sieht mich und lächelt – das ist der Moment, auf den ich mich jedes Mal freue.

„Hi Patrick.“ Sie kommt zu mir herüber. „Schön, dich zu sehen.“

„Lügnerin.“ Ich zupfe an ihren Haaren. „Neue Frisur?“

„Ja, gefällt sie dir?“ Lilo dreht sich einmal um sich selber.

„Absolut. Das Silber bringt das Blau deiner Augen perfekt zur Geltung.“

Die Lametta-Perücke knistert leise, als sie lacht und dabei den Kopf bewegt. „Weißt du, was das Beste ist?“

„Dass du sie Weihnachten an den Tannenbaum hängen kannst?“

„Quatsch“, sie sieht mich tadelnd an. „Der Besitzer vom Secondhandshop versucht, mir noch eine in Gold zu besorgen.“

„Hervorragend.“ Ich grinse und führe sie zu ihrem Stuhl. „Wenn´s einer tragen kann, dann du.“

„Ganz mein Reden.“ Sie streift ihre Schuhe ab und setzt sich. „Wenn schon Schicksal, dann wenigstens mit Style.“

Chic-sal, sozusagen?“ Zufrieden bemerke ich, dass sich ihr Gesicht aufhellt.

„Exakt.“ Lilo krempelt ihren Ärmel hoch. „In Gold dann sogar Chic-sal de luxe.“

Ich lache und ziehe mir den kleinen Hocker heran. „Sänger hoffen auf die Goldene Platte, du auf die Goldene Matte.“

„Ha, ha“, äfft sie, aber ihre Augen leuchten.

„Ok.“ Ich streiche über ihren Arm. „Kann es losgehen?“

Lilo schluckt, nickt aber.

 

Jetzt kommt der Moment, den ich jedes Mal hasse: Ich ziehe Handschuhe an, desinfiziere die Haut über ihrer Vene und lege den Zugang. Wie immer lässt Lilo das Prozedere wortlos über sich ergehen, aber ich spüre, dass es ihr heute schwerfällt: Sie hat die Augen geschlossen und beißt auf ihrer Unterlippe herum.

„Hey?“ Ich ziehe die Handschuhe aus und zupfe wieder an einem der Lamettafäden. „Was geht dir durch den Kopf?“

„Nichts.“

„Komm schon, Lilo: Raus damit.“

Sie öffnet die Augen und fragt leise: „Meinst du, du könntest heute noch mal den Steward spielen? So wie beim ersten Mal, als ich hier war?“

„Für dich? Immer.“ Ich räuspere mich und sage in bester Flugbegleiter-Manier: „Herzlich Willkommen an Board der Screw-Cancer-Airlines. Da bei einer ambulanten Chemotherapie jederzeit Turbulenzen auftreten können, bleiben Sie bitte so lange auf Ihrem Stuhl sitzen, bis die Infusion vollständig durchgelaufen ist. Die Spuckschale befindet sich zu Ihrer Linken“, ich mache eine entsprechende Handbewegung, „Tee und Bonbons zu Ihrer Rechten. Ich bin jederzeit Ihr Ansprech-, bei Bedarf auch gerne Ihr Anbrechpartner.“

„Danke, Patrick.“ Sie lächelt, aber in ihren Augen schillern jetzt Tränen.

„Was ist los, Lilo?“ Ich greife nach ihrer Hand.

„Meine Freunde tragen sowas zu Karneval oder Uni-Partys.“ Sie reißt die Perücke herunter und streicht über ihren kahlen Kopf. „Dieses Chic-sal ist ätzend. Es ist ungemütlich und kratzt.“

„Ich weiß.“ Mein Herz bricht für diese liebenswerte, junge Frau. „Aber ich weiß noch etwas, Lilo: Kratzen ist immer noch besser als abkratzen. Meinst du nicht auch?“

„Doch.“ Sie seufzt, lächelt dann entschlossen und setzt die Perücke wieder auf.

Es war ein ganz normaler Samstag im Mai, als dieses Wesen plötzlich Einzug nahm. Obwohl der Nachmittag bereits anbrach, war ich erst aufgewacht und hatte mich vom Bett, ohne Umwege, direkt auf das Sofa im Wohnzimmer begeben. Dort lag ich nun, fühlte durch den dünnen Pyjamastoff das kalte Leder, den Blick nach oben auf die Zimmerdecke gerichtet. Mein Puls war viel schneller als sonst, mein Körper kribbelte. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, das Atmen fiel mir schwer. Die Gedanken kreisten um die Vergangenheit, um das Jetzt, um die Zukunft – und alles schien aussichtslos. Mein Leben lief perfekt, aber ich wusste nicht weiter. Hatte Angst, wollte weinen und schreien, es kam allerdings nichts. Was war geschehen? Gestern Abend war ich mit Freundinnen unterwegs gewesen. Ich hatte mich nicht gut gefühlt, war unerwartet traurig geworden und deshalb früh nach Hause gegangen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass der Dämon an jenem Abend sein Ziel – meinen Kopf – erreicht hatte. Ich hätte ihn kommen sehen müssen, doch war in meinem perfektionistischen Leben kein Platz für Aufmerksamkeit gewesen. Ich durfte schließlich nicht müde sein, abschalten oder entspannen. Ich war noch jung, musste Energie in meine Zukunft investieren, feiern, leben und sollte keine Gelegenheit verpassen – so konnte er sich unbemerkt anschleichen.

„Mama, du musst kommen, irgendwas stimmt nicht mit mir“, hauchte ich in mein Handy, nachdem ich mich nach Stunden aufgerafft und die Kurzwahltaste gedrückt hatte.

An diesem und dem darauffolgenden Tag konnte ich nichts mehr essen. Das lähmende Gefühl fesselte mich ans Bett. Sicher die Hormone, dachte ich, stand nicht meine Periode bevor? Nach und nach realisierte ich jedoch, dass ich das Opfer eines Dämons geworden war, den ich ab sofort immer besser kennenlernen würde – denn nun hatte er meine ganze Aufmerksamkeit gewonnen.

Der Frühling verging, es wurde Sommer. Morgens kam die Sonne zum Fenster herein und ich sollte eigentlich geweckt werden – eigentlich. Der Dämon nahm mir stattdessen das Licht, außerdem den Atem und die Tränen. Wie gerne hätte ich geweint, doch ich fühlte nichts. Und das seit vielen Wochen.

„Depressionen sind heilbar!“ Mir gingen die Worte von Doktor Fröhlich durch den Kopf, den ich nun regelmäßig besuchte. Ich wusste, er konnte den Dämon nicht töten, dafür konnte er mir sagen, wie Dämonen zu zähmen waren.

Ich traf eine Freundin, hörte aber nur diesem Biest in meinem Kopf zu. Sie erzählte mir von ihrer Arbeit, der Dämon flüsterte: „Nachher bist du wieder allein.“

Er wusste genau, wie er mir Angst machen konnte. Alleinsein bedeutete Lähmung. Im schlimmsten Fall eine Panikattacke. Nicht einmal das Stück Schoko-Sahne-Torte, das vor mir stand, nährte meine Seele. Für mich war es wie die ganze Welt um mich herum: einfach nur dunkel. In etwa so, als würde man sich die Schoko-Sahne-Torte in schwarz-weiß vorstellen. Da verlor sie ganz schnell ihren Reiz. Ich versuchte zuzuhören, wenn mit mir geredet wurde, der Dämon redete lauter. Ich sollte ihn nicht beachten, mich stattdessen auf das Außenleben fokussieren, wie mir Doktor Fröhlich geraten hatte.

Manchmal gelang es mir. Dann konzentrierte ich mich zum Beispiel auf eine schöne Blume, analysierte die Menschen in der Bahn oder lenkte meinen Blick einfach nur auf einen Punkt in meinem Zimmer. Ich entdeckte das Schreiben für mich, tauchte ein in Fantasiewelten. Dort war ich stark, schon längst der Held, kannte keinen Dämon. Dort musste ich aber auch nicht erwachsen sein, musste nicht funktionieren, hatte keine Pflichten – und doch funktionierte ich dort mehr als in der Realität. Ich konnte beobachten, wie der Dämon sich anfing zu langweilen, wenn er keinen Zuhörer hatte. Dann verstummte er plötzlich. Manchmal akzeptierte ich, dass er in mir sein Unwesen trieb. Ich merkte, dass Annahme eine weitere effektive Methode war, die den Dämon ruhigstellte. Womöglich, weil so kein Kampf zwischen uns zustande kommen konnte.

Es kamen Tage, an denen sich die Gefühlslosigkeit in Wut umwandelte. Man sollte meinen, Wut sei ein negatives Gefühl, doch wenn ein Mix aus Trauer und Gefühllosigkeit plötzlich in Wut umschlägt, ist das ein ziemlicher Erfolg. Vielleicht war diese Wut stark genug, den Dämon zu verjagen? Mir erschien es jedenfalls effektiver, ihn anzuschreien, als mich von ihm unterdrücken zu lassen.

Ich erinnere mich genau an diesen einen Moment, als ich spazieren ging, es muss ungefähr im November gewesen sein. Kalt war es geworden, aber die Sonne strahlte. Es sollte einer dieser kraftspendenden meditativen Spaziergänge werden. Den Dämon würde ich ignorieren, meinen Blick auf die Bäume lenken, welche gerade ihre bunten Blätter verloren und auf jene, die schon komplett kahl waren und den Beginn des Winters aufzeigten. Dennoch wusste ich, es würde nicht funktionieren – ein schwarzes Tuch lag über der Welt und machte sie für mich farblos. „Trainiere, gib nicht auf“, sagte Doktor Fröhlich und deshalb hatte ich meine wenigen, übrig gebliebenen Energiereserven angezapft und war nach draußen gegangen. Aufgeben würde ich garantiert nicht. Ich lief vorbei an den Wohnhäusern, mein Weg bahnte sich in Richtung See, dorthin, wo das Dorf endete und mich ein kleiner Feldweg im Nirgendwo von dem Nachbardorf trennte. Heute war etwas anders, das merkte ich bereits nach wenigen Metern. Roch die Luft heute nicht viel frischer? Wirkte nicht alles irgendwie … lebendiger? Ich lief und lief und plötzlich passierte etwas, was ich bis heute nicht vergessen habe. Auf einmal spürte ich, wie mich die Strahlen der Sonne trafen, sie kamen gebündelt von oben, breiteten sich aus und umfingen mich mit ihrer Wärme. Ich lächelte, nicht so, wie ich es die letzten Monate gemacht hatte, um den Leuten zu zeigen, dass es mir gut ging. Das Lächeln kam von Herzen und es fühlte sich richtig an. Und zudem so, als würde es plötzlich die Welt wieder zum Leben erwecken, nachdem diese seit Monaten geruht hatte. War der Dämon besiegt?

Heute, einige Jahre später, kann ich sagen: Nein, zu dem damaligen Zeitpunkt war der Dämon nicht besiegt – er kam wenige Stunden später zurück. Allerdings hatte ich das erste Mal so richtig die Kontrolle über ihn gehabt und dadurch Hoffnung geschöpft, ihn irgendwann zähmen zu können. Das ist mir gelungen, nach etlichen Kämpfen mit diesem Ding – mal hatte er die Oberhand, mal ich. Zweitere Phasen wurden immer häufiger. Seit bestimmt vier Jahren hat er sich nicht mehr gemeldet. Vielleicht sind wir sogar zu einem eingespielten Team geworden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mich jemals wieder provozieren wird. Und wenn ich mich täusche, weiß ich jetzt, wie ich mir mein Licht zurückhole!

A wie Anklopfen. Ich merke, wie mein Handgelenk die gewünschte Bewegung ausführt, ohne dass meine Fingerknöchel die Tür berühren. Die Übelkeit schießt meinen Körper empor und ich lasse die Hand fallen. Die Stimmen hinter der Tür klingen verschmiert und zermatscht. Ich kann ihren Sinn nicht erkennen, verstehe nur die Hälfte und halte mir die Ohren zu, als würde mich die Stille hier rausbringen. Aber ich bin noch da. Reglos starre ich auf die Wände, die mich umgeben. Eierschalengelb. Oder weiß, oder braun. In jedem Falle eierschalig. Mir fehlen die Farben, um sie beschreiben zu können und die Worte, um sie zu sehen. Mein Gehirn ist eine Schlange, die sich selbst verknotet hat, und blind vor Panik versucht zu fliehen. Doch ich kann nicht fliehen und so bleibt die Schlange, wo sie ist, windet sich still und leidet leise. Sie vermisst die Tänzer genauso wie ich. Vermisst ihre Pirouetten, ihre Sprünge, ihren Tanz. Fast tut sie mir leid, dabei will ich sie hassen. Dabei muss ich sie hassen. Ich versuche, ruhig zu atmen, versuche überhaupt zu atmen, obwohl ich jedes Mal aufpassen muss, dass nur Luft meinem Körper entweicht und keine Flüssigkeiten, die er versucht loszuwerden. A wie Atmen. Die Vase neben der Tür, vor der ich stehe, erinnert mich an die Tassen. Alles erinnert mich an die Tassen. Bei dem Gedanken spüre ich, wie die Schlange ihr Maul öffnet und ihre Reißzähne in den eigenen Körper bohrt. Auch sie muss an die Tassen denken und daran, was mit ihnen passiert ist. A wie Aufstoßen. Ich schlucke die Säure wieder hinunter, streiche mir über die Lippen, obwohl nichts sie verlassen hat. Keine Säure, kein Wort, keine Luft.

Meine erste Tasse Alkohol habe ich heimlich getrunken. Mehr aus Verzweiflung als aus Neugier, mehr aus Unwissen als aus Rebellion und mehr aus Dummheit als aus irgendetwas sonst. A wie Alkohol. Es war keiner da, der mich hätte aufhalten können, der den Alkohol hätte verstecken können. Und so öffnete ich die erste Bierflasche meines Lebens und schüttete den Inhalt in eine pinke Tasse mit Blumenmuster. Ich brauchte die Tasse. Eine unschuldige Verkleidung der Sünde, ein niedliches Kostüm, das seinen Träger verbirgt, ihn seiner Würde beraubt, ihn harmlos macht. In pinken Tassen mit Blumenmuster war das Bier bloß ein widerlicher Kakao. Ich habe keinen Schluck davon genossen, habe es hastig hinuntergekippt, das Gesicht dabei verzogen und die letzten Schlucke wieder ausgespuckt. A wie Ausspucken.
In der zweiten Tasse war kein Bier. Allerdings weiß ich auch nicht, was es stattdessen war. Jemand hatte es umgefüllt und mit Ananassaft verdünnt. Und jemand hatte die Flüssigkeit unter all den anderen Flaschen auf der Anrichte stehen lassen, war gegangen, hatte mich allein gelassen. A wie Allein. Jemand war zu einem Niemand geworden und niemand konnte mich von meinem Vorhaben abhalten. Die zweite Tasse Alkohol hat besser geschmeckt. Süß, ungefährlich, gut. Es war der Abend, der meine Gedanken zu Tänzern machte. Tänzer, die in grazilen Drehungen um mich schwebten, Bewegungen so flüssig wie der Alkohol, der in der Tasse schwappte, als wiege auch er sich zu einem stummen Takt. Und ich tanzte mit ihnen, ließ mich von ihnen führen und staunte über die Farben, die uns umgaben und die ebenfalls zu tanzen schienen. Es war jener Abend, an dem ich mich in die Tänzer verliebte. Und als sie mich gemeinsam mit dem Alkohol wieder verließen, den ich erbrach, ward die Schlange geboren.
Die Schlange war kein Tänzer, besaß keine Arme, die sie in die Lüfte strecken konnte, keine Flügel, die sie in ebenjene tragen würden, und auch keine Beine, die ihr das Fliegen auf dem Boden ermöglicht hätten. Doch der Wille der Schlange übertraf den meinen und so lenkte sie mich von der Stunde ihrer Geburt an. S wie Schlange. S wie Sucht. A wie Abhängig.
An meine dritte Tasse Alkohol kann ich mich nicht erinnern. Von der vierten weiß ich, dass sie mit Bier gefüllt war. Genauso wie die fünfte, die sechste und die siebte. Die Achte enthielt eine Mischung der Reste, die ich fand.
Die Schlange war gierig, ich war gehorsam und wir beide liebten die Tänzer. Nach Tasse elf hörte ich auf zu zählen und begann zu überschlagen. Ab Tasse zwanzig trank ich zwei pro Abend, brauchte mehr, um der Schlange zu geben, was sie wollte, mehr, um die Tänzer zu wecken. Sie waren nachtaktive Geschöpfe, die mich in ihren Armen wogen wie ein kleines Kind, die mich an den Händen nahmen und in ihre Welt voller Farbe zogen. Tänzer, die nach dem Leben gierten, genauso hungrig waren wie ich und niemals genug bekamen. Sie sogen die Farben in sich auf, ließen sich von der Melodie durch die Welt führen. Sie brachten mich zum Weinen, offenbarten mir den bittersüßen Geschmack der Trauer und lehrten mich das Lied des Lachens. Ich holte sie Abend um Abend zurück, brachte ihnen nach neunundneunzig Tassen bei, auch am Tage zu tanzen, zeigte ihnen die Schönheit des Sonnenaufgangs, lehrte sie unter dessen orangerotem Licht zu tanzen wie in der Dunkelheit der Nacht. Einhundertsiebzig Tassen vergingen, einhundertachtzig Tassen folgten. Einhundertneunzig Tassen jagten zweihundert nach. Ich hörte auf zu zählen, ich begann wieder bei null. Und ich fürchtete mich. Dreihundert Tassen zerbarsten an Wänden. Ihre Scherben spiegelten die Grimasse der Angst. Zweihundert weitere zersplittern am Boden. Ihre Scherben spiegelten die Fratze der Panik. Und ich tanzte weiter. Tanzte im orangeroten Licht des Sonnenaufgangs, tanzte durch die heiße Luft der Mittagshitze, tanzte in die Abenddämmerung hinein und aus der Finsternis der Nacht hinaus. Fünfhundert Tassen und die Tänzer verließen mich nicht mehr, sechshundert Tassen und ich hörte nicht mehr auf zu tanzen, siebenhundert Tassen und das Tanzen tat mir weh. Eine letzte Tasse zerbrach an der Wand. In den Scherben spiegelte sich nichts, denn ich konnte nichts mehr erkennen.

Die Wände sind eierschalengelb. Oder weiß, oder braun. In jedem Falle eierschalig. Das Klopfen ist lauter als das Schreien der Schlange. Die matschigen Stimmen verstummen. Mir wird geöffnet. Der Flur dreht sich linksrum, mein Magen rechtsrum, mein Kopf mal so, mal so. Mir ist schlecht. Ein Mann steht vor mir. Er ist alt, doch er hat den Körper eines Tänzers.

„Tut mir leid, aber wir befinden uns mitten in einer Sitzung“, sagt er.

„Ich weiß. Ich will teilnehmen“, sage ich.

„Das ist das Treffen der Anonymen Alkoholiker“, sagt er.

„Ich weiß. Ich will teilnehmen“, sage ich.

Er schaut mich lange an. Sein Urteil fällt und stürzt auf die Schlange. Ihre Schreie zerfetzten meine Ohren, meinen Kopf, mich.

„Wie alt sind sie denn, wenn ich fragen darf?“

Ich jage dem Wort für einige Zeit nach, ehe ich es fangen kann.

„Vierzehn“, sage ich.

Das Leben beginnt und ich steh mitten drin
Es ist kalt. Der Wind fährt mir durch alle Glieder. Ich sitze auf einer alten Mauer und betrachte den nebelüberzogenen Wald vor mir. Er sieht unwirklich aus und jagt mir Angst ein. Meine Beine baumeln in der Luft, während ich in meine Jackentasche greife und meinen Tabak hervorziehe. Geschickt drehe ich mir eine Zigarette. Ich muss sie gegen den Wind abschirmen, um sie anzubekommen. Schließlich springe ich von der Mauer. Es ist spät. Die Schule geht weiter. Sehr langsam schlendere ich zurück. Ich hasse dieses Gebäude. Es erstreckt sich vor mir in all seiner Hässlichkeit. Schlammgrüne Wände und versiffte Türen. Ein einziger Betonklotz. Aber was ich noch mehr hasse, sind die Schüler. Seit drei Wochen bin ich jetzt hier. Drei Wochen zu lang. Ich werde gemobbt. Ich hätte nicht gedacht, dass mir so etwas mal passiert. Eigentlich bin ich nämlich jemand, der mobbt. Eigentlich bin ich der Böse. Und die ganze Scheiße tut mir leid. Wirklich. Man versteht wohl immer erst später, was man da überhaupt angerichtet hat. Ich schmeiße meinen Zigarettenstummel auf den Boden und trete ihn aus, bevor ich mir meine Kapuze tief ins Gesicht ziehe. Als ob das was bringen würde. Ich mache es trotzdem, weil es mir ein Gefühl der Sicherheit gibt. Es ist ja nicht so, dass ich offensichtlich das Opfer bin. Nein, die machen das total geschickt. Hier mal ein Bein stellen, da mal das Tablett runterhauen. Und wenn du das petzt, geht’s dir noch schlimmer als davor. Also ertrage ich es. Irgendwie habe ich das ja auch verdient, denke ich mir. Schließlich habe ich jahrelang kleinen Knirpsen das Pausenbrot abgenommen oder mich über sie lustig gemacht. Ich war kein guter Mensch. Ich bin kein guter Mensch. Deshalb akzeptiere ich meine Strafe.

Ich durchquere das große Eingangstor. Meine Füße laufen wie von selbst. Automatisch tragen sie mich in Richtung Klassenzimmer. Plötzlich rammt mir jemand seinen Ellenbogen mit voller Wucht in die Rippengegend. Ich keuche auf. Ein Lachen erklingt, gefolgt vom Gejohle anderer. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer das war. Gekrümmt laufe ich weiter. „Feigling!“ ertönt ein lachender Ruf von hinten. Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Wut schießt in mir hoch. Ich schließe die Augen, bleibe kurz stehen. Schnell versuche ich meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen. Nicht aufregen, denke ich mir. Das ist es nicht wert. Ich weiß ja, wie die ticken. Sobald ich mich wehre, bin ich noch mehr dran. Das ist eine ganze Clique, die zusammenhält. Ich frage mich, wann ich so ein Weichei geworden bin. Eigentlich kenne ich die Antwort. Meine Freunde sind nicht mehr da. Niemand, der hinter mir steht, der mich puscht. Jeder Mobber lebt von der Aufmerksamkeit und der Angst anderer. Ich habe das alles verloren. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.

Am nächsten Tag lassen die mich größtenteils in Ruhe. Ich ziehe meine Bahnen über den Pausenhof. Einer aus meiner Klasse winkt mich zu sich. Er fragt, wie es mir geht. Ob ich mich gut eingelebt habe. Ich nicke, aber ich weiß, dass er mir das nicht abkauft. Sein Blick ist zu forsch. Seufzend erzähle ich ihm alles. Er erwidert nur, dass das irgendwann aufhört. Wenn sie das Interesse verlieren. Ich muss lachen. Nein, das werden sie nicht. Erst, wenn sie ein anderes Opfer finden. Dennoch bin ich verwundert, da sie mich heute noch kein einziges Mal gemobbt haben. Nach der Pause komme ich ohne besondere Zwischenfälle in mein Klassenzimmer. Verwirrt setze ich mich auf meinen Platz und streife mir die Kapuze vom Kopf. Meine Sitznachbarin sieht mich amüsiert an. Sie meint, sie habe mich noch nie ohne Kapuze gesehen. Ich lächle, und sie lächelt zurück. Auch die Lehrer sind erfreut. Ich passe das erste Mal seit drei Wochen im Unterricht auf. Wenn nicht sogar das erste Mal in meinem Leben. Es ist zäh, aber irgendwie ist es schön etwas zu tun zu haben. Die Schule geht zu Ende und ich kann es nicht fassen einen ganzen Tag ohne Mobbing überstanden zu haben.

Als ich den darauffolgenden Morgen auf das schlammgrüne Gebäude zusteuere, erkenne ich den Grund. Vier meiner ehemaligen Feinde stehen um ein etwa zwölfjähriges Mädchen herum. Sie schubsen sie hin und her, nehmen ihre Tasche und schmeißen den Inhalt auf den Boden. Das Mädchen lässt alles stumm über sich ergehen. Meine Hände ballen sich erneut zu Fäusten. Ich will mein Verhalten nicht schönreden . Das, was ich getan habe, war schrecklich. Aber ich habe immer eine Regel gehabt: Ich werde keine Mädchen verletzen. Die vier Jungs packen sie am Arm und ihr laufen stumm die Tränen hinunter. Der Anführer spuckt ihr vor die Füße und sagt irgendetwas. Bei mir brennt eine Sicherung durch. Ich gehe auf die Jungs zu. Niemand sieht mich kommen. Keiner rechnet damit. Erst, als ich direkt vor ihnen stehe, sehen sie zu mir auf. Sie lachen. Was ich Freak denn jetzt will. Die Worte prallen an mir ab. Das Mädchen sieht mich ängstlich an. Auch ein paar andere Schüler sind stehen geblieben. Ich schlage nicht zu, ich sage nichts. Ich strecke meine Hand aus und halte sie dem Mädchen hin. Zögernd greift sie zu. Die Jungs stehen verwirrt daneben. Ich drehe mich um, und das Mädchen folgt mir. Hand in Hand gehen wir davon. Langsam. Ich spüre die Blicke in meinem Rücken. Niemand kommt uns hinterher. Das Mädchen fragt, was mit ihrem Rucksack sei. Ich antworte, dass ich mich darum kümmern werde. Sie bleibt plötzlich stehen und umarmt mich. Sie reicht mir nur bis zum Bauch. Ich lächle.

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Es wird wieder passieren. Ich spüre es. Ich weiß es. Ich weiß es ganz genau. Sie ist weg. Und wir sind allein. Er und ich. Wie jedes Mal. Er wird es wieder tun. Wie jedes Mal. Und ich kann nichts dagegen tun. Mich nicht wehren. Sonst gibt es wieder Schmerzen. Schmerzen, die ich verdient habe. Weil ich kein braves Mädchen war. Er kommt zu mir und ich möchte etwas sagen, ich möchte schreien, nach Hilfe schreien, nach meiner Mama schreien, doch ich kann nicht. Denn sie ist nicht da. Hat mich allein gelassen mit ihm. Ich möchte wegrennen, doch ich darf nicht. Er ist schneller, er holt mich ein. Und dann gibt’s wieder Schmerzen. Ich möchte flehen, dass er es nicht tut, möchte sagen, dass ich das nicht möchte, aber das bringt nichts. Denn mein Willen hat keinen Wert. Ich bin egal, ich bin nur ein Spielzeug, das er haben möchte. Ich bin nur da, um benutzt zu werden.
Und plötzlich ist er da und er ist überall. Überall Hände, Hände dort, wo ich sie nicht haben möchte, Hände, Hände, überall Hände. T-Shirt und Strumpfhose scheinen verschwunden zu sein, denn plötzlich ist es kalt und er ist überall. Ich habe Angst, ich wage kaum zu atmen, bitte hör auf, bitte, bitte hör auf, aber er tut‘s nicht. Alles in mir verkrampft, ich bin ohnmächtig. Ich kann nichts tun, nichts dagegen tun, überall sind Hände, ich nehme kaum noch wahr wo, ich spüre sie überall, als wäre er überall gleichzeitig. Er ist über mir, er will immer mehr. Immer und immer und immer mehr. Und es reicht ihm nicht, an mir dran zu sein. Es reicht ihm nicht, alles an mir anzufassen, alles an mir zu besitzen, nein, er will auch in mich hinein. In mich eindringen, um mir alles zu nehmen, was je mir gehört hat. Ich gehöre ihm. Mein Gehirn packt alles in einen Nebel, doch es reicht nicht, um all das nicht mitzubekommen. Wie er sich auszieht, wie er in mich hinein dringt. Wie er auf mir liegt, mich mit seinem ganzen Gewicht gegen den kratzigen Teppich drückt. Wie er mir befiehlt, zu tun, was er will. Ich bin kein Mensch. Ich bin ein Spielzeug. Sein Spielzeug. Und ich muss tun, was er sagt. Sonst gibt es Schmerzen. Und noch Schlimmeres. Ich muss tun, was er sagt, immer und immer wieder. Dinge, die ich nicht tun will. Dinge, die ich nicht zulassen will. Aber das ist egal. Was ich will, war schon immer egal. Es tut weh, so weh, dass ich schreien will, aber das darf ich nicht. Ich möchte weinen, aber das ist auch nicht erlaubt. Keinen Mucks machen, keinen einzigen Mucks. Ganz leise sein. Und aushalten. Irgendwie. Der Nebel wird dichter, der Nebel will mich beschützen, aber er ist nicht stark genug, er ist stärker. Er wird immer stärker sein.
Und irgendwann ist es vorbei. Er lässt mich los, seine Hände verlassen meinen Körper, er ist weg. Weg. Endlich weg. Vorbei. Endlich vorbei. Er geht raus. Ich liege da und kann mich nicht rühren. Alles verkrampft, alles tut weh. Mein Herz schlägt so laut, dass ich Angst habe, dass man es durch die geschlossene Tür hört, und er reinkommt und mich schlägt. Aber er hört es nicht. Langsam kann ich mich wieder bewegen. Es ist vorbei. Aber nur für heute. Nicht für immer. Ich wünsche mir jedes Mal, dass es für immer vorbei ist. Aber das wünsche ich mir schon ganz lange. Meine Mama sagt, wenn man eine Wimper verliert, dann darf man sie wegpusten und sich was wünschen. Ich wünsche mir jedes Mal, dass das aufhört. Dass er aufhört. Aber es hört nicht auf. Ich hoffe, es funktioniert bei der nächsten Wimper.
Später holt mich Mama ab. Es ist schon spät, und ich muss ins Bett. Ich würde gerne sagen, was er macht, aber das darf ich nicht, sagt er. Weil er sonst Mama und Papa und Oma wehtut. Und mir auch. Und er sagt, dass ich das verdient habe. Weil ich ein böses Mädchen bin. Vielleicht hört es auf, wenn ich ein besseres Mädchen bin. Oder vielleicht nach der nächsten Wunschwimper.
Wie man sich denken kann, hat all das nichts geholfen. Kein Hoffen, kein Bangen, keine Wunschwimpern. Es ging weiter so. Jahrelang. Und keiner hat es gesehen. Keiner wollte es sehen. Nach einigen Jahren sind wir umgezogen, und damit hatte diese Hölle endlich ein Ende. Vorerst. Mein Gehirn blendete es komplett aus. An nichts konnte ich mich erinnern. Es war einfach zu viel, zu viel für ein kleines Kind, das all das nicht versteht. Deshalb ließ mich mein Gehirn vergessen, damit ich nicht zugrunde ging daran. Doch irgendwann hörte mein Kopf auf, sich davor zu verschließen, und ließ die Erinnerungen wieder rein. In mein Bewusstsein. Sie kommen überfallartig auf mich, wie ein riesiger Tsunami, der mich überrollt und ertränkt. Ich falle um, mein Körper zuckt und krampft, was das Zeug hält, und ich sehe all das wieder. Was er getan hat. Was er an mir getan hat. Was er in mir getan hat. Was er gezwungen hat, mich zu tun. Es ist, als würde es immer und immer wieder passieren, wobei es schon lange vorbei ist. Die Erinnerungen suchen mich heim bis heute. Er schickt mich jeden Tag durch die Hölle, obwohl ich ihn seit Jahren nicht gesehen habe. Das ist das Schlimme an einem Trauma: Es lässt dich nicht los. Es lässt dich nicht vergessen. Es sucht dich heim und erinnert dich immer wieder an diese Hölle. Diese Hölle ist ein Teil von dir und wird es immer bleiben, und damit musst du dich arrangieren – für den Rest deines Lebens. Man sagt nicht umsonst, egal was die Täter für eine Strafe bekommen – die Opfer haben lebenslänglich.
Er hat keine Strafe bekommen. Ich habe mich nicht getraut. Zu groß ist die Angst, die Angst vor ihm, vor den Erinnerungen, der Polizei, den Befragungen und davor, ob man mir überhaupt glaubt. Ich versuche vorerst, überhaupt mit mir selbst klarzukommen. Ich wollte so oft all dem ein Ende setzen, springen, den Strick schnüren, die Tabletten nehmen, um all das nicht mehr sehen zu müssen, nicht mehr fühlen zu müssen. Doch das Leben wollte mich nicht loslassen, ich überlebte jedes Mal.
Und ich gab ihm noch eine Chance. Ich habe endlich adäquate Hilfe bekommen. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, die mich lieben, so wie ich bin, mit all meinen Macken und Problemen. Ich habe mir etwas aufgebaut, was langsam annähernd einem Leben gleicht. Ich muss immer noch jeden Tag kämpfen, gegen die Erinnerungen, die mich einholen, die Flashbacks, die Krampfanfälle, die unaushaltbaren Gefühle und Gedanken, und oft schleicht sich der Gedanke ein, dass es einfacher wäre, alles einfach zu beenden. Aber nein. Das will ich nicht. Ich bin dabei, die schönen Seiten des Lebens kennenzulernen. Ich möchte Zeit mit Menschen verbringen, die ich liebe und die mir das Gefühl geben, ein Mensch zu sein. Ich möchte lachen, Spaß haben und endlich das Gefühl haben, frei zu sein. Sterben wäre einfacher, ja, aber dann hätte er gewonnen, er hätte mich vernichtet. Aber das wird er nicht schaffen. Er wird nicht gewinnen. Denn ich will leben.

„Hätt´st dir halt ´ne andere Mutter ausgesucht! Wir suchen uns unsere Eltern doch selber aus, hätt´st ja nich mich nehmen müssen!“ Die Frau, die mich mit 17 Jahren zur Welt gebracht hatte, verzog ihr Gesicht zu einem schrägen Grinsen. Ich war 18 und diese Aussage hörte ich nicht zum ersten Mal. Ich wusste, dass sie glaubte, was sie von sich gab. Und ich wusste, mit ihr reden konnte man nicht.

Die ersten 18 Jahre meines Lebens waren … nun, dafür fehlen mir auch heute noch die passenden Worte. Nach meiner Geburt hatte mich meine Mutter so schwer vernachlässigt, dass ich fast gestorben wäre, doch ich wurde gerettet. „Gerettet“ – das ist ein schönes Wort, ein tröstliches. Es feiert das Überleben, das I n-Sicherheit-Sein. Es verleiht die Hoffnung, dass es besser wird, dass die schlimme Zeit vorbei ist. Doch wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, dann sage ich es lieber so: Ich überlebte.

Die zwei Jahre, die folgten, verbrachte ich bei meinen Großeltern – bis meine Großmutter starb. Mein Großvater war überfordert mit den eigenen noch jugendlichen Töchtern und dem dreijährigen Enkelkind – und so kam es, wie es kommen musste: Eines Tages fuhr eine fremde Frau in einer verrosteten roten Ente vor, sprach kurz mit meinem Großvater, verfrachtete mich ohne Erklärung ins Auto und startete den Wagen. Ich weiß noch, wie mein Großvater in der Tür zum einzigen Zuhause stand, das ich kannte, und sich die Hände an seiner Bäckersschürze abwischte, während er mir nachsah und in der Heckscheibe kleiner und kleiner wurde.

Aus der fremden Frau, die meine Mutter war, war in den Jahren, die ich bei meinen Großeltern leben durfte, kein neuer Mensch geworden.
Sie ließ mich meine Kindheit hindurch ganze Tage und Nächte allein. Wenn ich, wie so oft, von einem Albtraum schweißgebadet aufwachte, schrie und weinte, kam Niemand. Nein, „Niemand“ ist nicht falsch geschrieben. Diese Leere, dieser „Niemand“, wurde fast zu Jemand, jemand, der immer da war, wenn meine Mutter es nicht war. Zuerst versuchte ich diesem „Niemand“ zu entgehen, suchte bei Kuscheltieren Trost und Zuwendung und weinte so lange weiter, bis schließlich nichts mehr in mir war – keine Verzweiflung, keine Sehnsucht, keine Hoffnung. Wieder überlebte ich – und lernte, dass Stofftiere eben doch nur Dinge waren, in ihnen kein Leben, keine Wärme, keine Fähigkeit zur Bindung. Ich war allein.
Zu essen bekam ich nur, wenn meine Mutter für sich kochte. Den Rest der Zeit musste ich mich selbst versorgen – auch, wenn das bedeutete, „ihre Sachen zu klauen“, wie sie das nannte. Nachdem sie mich dessen zum ersten Mal beschuldigt hatte, nahm ich nur noch geschnittenes Brot aus der Plastikpackung und einen möglichst kleinen Löffel Gelee aus dem Marmeladenglas, weil ich hoffte, meine Mutter würde die Scheiben nicht zählen und das Glas nicht wiegen. Zur nächtlichen Einsamkeit gesellte sich die Angst, die sich mir tagsüber an die Fersen heftete.
Meine Mutter schlug mich, schrie mich an, benutzte Schimpfwörter statt meines Namens, lachte mich aus. Einmal warf sie einen Topf mit kochendem Essen von der heißen Herdplatte nach mir, ein anderes Mal zerrte sie mich in ihr Zimmer, schubste mich herum und brüllte mich nieder.

Fürs Leben habe ich von meiner Mutter wenig gelernt – fürs Überleben viel. Heute, fast 30 Jahre später, erzähle ich nur noch selten von dem Schlimmen. Ich habe aufgeräumt, habe das Bedürfnis nicht mehr. Und doch war es mir wichtig, hier und heute noch einmal zurückzuschauen in mein Gestern und Vorgestern. Denn an diesem Abend, an dem mir meine Mutter abermals sagte, ich hätte sie mir ja nicht aussuchen müssen, veränderte sich der Lauf der Welt.

Damals lebten wir in einer klitzekleinen Wohnung. Darin konnte ich den Blicken meiner Mutter nicht entgehen, egal wie sehr ich es auch versuchte. Und so wunderte es mich nicht, als ich an diesem Abend auf dem Weg in die Küche plötzlich von meiner Mutter am Arm gepackt wurde. Sie riss mich herum und schrie mich an: „Ich hab dir schon tausendmal gesagt, du sollst meine Sachen in Ruhe lassen!“ Bevor ich wusste, wie mir geschah, schoss eine Hand auf mein Gesicht zu. Und da passierte es: Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich wütend! Diesmal wendete ich meinen Blick nicht ab, ich hielt dem ihren stand! Diesmal fiel ich nicht in mich zusammen, ich richtete mich auf! Eine Kraft, die ich nicht kannte und die doch aus den Tiefen meiner selbst zu kommen schien, schoss hinein in jede Faser, jede Zelle meines Seins. Mir war, als würden sich meine Schutzmauern, die beim Anblick meiner Mutter zu bröckeln begonnen hatten, wieder zusammensetzen, jedes Staubkorn, jedes Steinchen den Weg zurückfinden an seinen ureigensten Platz.
Plötzlich schnellte mein Arm nach oben. Ich bekam das Handgelenk meiner Mutter im Flug zu fassen. Meine Finger umklammerten es, gaben keinen Millimeter nach. Und für den Bruchteil einer Sekunde stand die Erde still.
Ich atmete tief und gleichmäßig, blinzelte nicht. Das linke Augenlid meiner Mutter zuckte, ihre Pupillen weiteten sich. Dann verzerrte sich ihr Gesicht. Sie zitterte.
Ich lockerte meinen Griff, gab ihr Handgelenk frei. Ihr Arm fiel leblos nach unten, baumelte an ihrer Schulter.
Ich hob meine Hand und holte aus. Meine Mutter kniff die Augen zusammen, drehte den Kopf zur Seite, duckte sich. Als nichts geschah, öffnete sie die Augen einen Spalt breit und sah sich um, meine Hand noch immer neben ihrem Gesicht in der Luft. Sie atmete flach.
„Wenn du mich noch einmal schlägst“, sagte ich mit klarer, fester Stimme und betonte dabei jedes Wort, als wäre es ein eigenständiger Satz. „Wenn du mich noch einmal schlägst, schlag ich zurück.“ Meine Mutter schluckte. „Hast du das verstanden?“ Sie nickte.

Woher diese Kraft so plötzlich kam? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber eines wurde mir an diesem Abend glasklar: Meine Mutter konnte ich mir zwar nicht aussuchen, aber die Welt anhalten, das konnte ich! Und sie in neue Bahnen lenken! Und seitdem gehört mein Leben mir!

Es schneit. Sanft segeln die winzigen Flocken durch die kalte Luft, werden hin und her geworfen und immer wieder aufgewirbelt, bis sie schließlich auf dem feuchten Boden auftreffen, wo sie ihren letzten Atemzug hauchen, bevor sie mit der Asche Ihresgleichen zu einem dünnen Wasserfilm zusammenschmelzen.

Wie wir, denkt er. Ob sie wohl Angst haben?

Ein hartes Ruckeln lässt ihn die Frage vergessen, als der Lkw durch ein Schlagloch brettert.

„Au! Können die nicht vorsichtiger fahren, Mann?“

Das ist der Glatzkopf mit den schwieligen Händen.

„Ich glaube kaum, dass es sie kümmert, wenn wir hier grün und blau geschüttelt werden.“

Der sarkastische Kommentar kommt von dem Jungen ganz hinten, der immer noch seine Mütze umklammert hält.

Von vorne ist ein Schluchzen zu hören: „Ich will nach Hause! Ich will doch nur wieder nach Hause…“

Konrad wendet sich wieder dem Schlitz in der Plane zu. Das Spiel des Schnees zu betrachten beruhigt ihn auf bizarre Weise. Weil er weiß, dass Oskar dasselbe getan hätte. Und wohin sie auch fahren, er kann nur hoffen, dass er Oskar nie wieder sieht. Denn das würde bedeuten, dass sie ihn auch haben, und allein der Gedanke daran bringt ihn beinahe um den Verstand. Sein Oskar in der Hand dieser…

Schneeflocken. Schnee und Oskar und die Stille.

Eine einsame Träne rollt seine Wange hinunter und tropft in den Staub.

„Schwuchtel, he?“

Der Uniformierte mit dem gehässigen Grinsen greift in einen Korb und drückt Konrad ein blau-weiß gestreiftes Bündel an die nackte Brust. Seine Kleidung musste er im Lkw lassen, nur die Unterhose durfte er behalten.

„Da rein und anziehen. Und dass du mir bloß deine Finger bei dir behältst, du ekelhaftes Schwein!“

Unwillkürlich zuckt Konrad zusammen. Dann folgt er dem ausgestreckten Arm des Mannes durch eine Tür in einen Raum, in dem die restlichen Jungen und Männer bereits fertig angezogen sind. Zitternd steigt er in die gestreifte Hose und zieht sich dann das dünne, schlabbrige Hemd über den Kopf, auf dessen linker Brust ein rosa Dreieck aufgestickt ist, gleich neben einer sechsstelligen Nummer.

„Scheiße, bist du etwa schwul???“

Der Mann neben ihm weicht ein Stück zurück und hält schützend seine Arme vor sich, als befürchte er, Konrad könne ihn anstecken.

„Das ist echt eklig, Mann! Du bist widerwärtig. Halt dich bloß fern von mir!“

Konrad fühlt sich, als hätte man ihm in den Bauch geboxt. Sein Mund steht offen, doch es kommt kein Ton heraus.

Was habe ich ihm nur getan? Wie kann er denn…?

„Lass ihn bloß in Ruhe!“, braust eine piepsige Stimme neben Konrad plötzlich auf. „Ja, ich meine dich!“

Da steht doch tatsächlich ein kleiner Junge – höchstens zwölf oder dreizehn – in einer riesigen gestreiften Leinenhose und bietet einem erwachsenen Mann die Stirn.

„So wie ich das sehe, sind wir hier alle gleichermaßen die Gelackmeierten. Also halt dich zurück mit deinen blöden Sprüchen!“

Konrad ist schon wieder sprachlos. Der Junge erinnert ihn an Oskar. Oskar weiß auch immer, was man wann sagen sollte.

Fast als wäre er sein Sohn. Unser Sohn.

Eine Glocke läutet, und die Hintertür wird geöffnet.

„D..danke“, stammelt Konrad, während die anderen Männer nach draußen strömen.

„Nicht der Rede wert“, sagt der Junge, während er sein Hemd überstreift. Konrad schluckt. Auf dem Stoff prangt ein rosafarbenes Dreieck.

Deshalb also.

Mit großen Augen und geröteten Backen streckt der Junge ihm die Hand hin.

„Ich bin Toddi.“

Liebes Tagebuch…

Schrecklich. Es ist schrecklich. Harte Arbeit, schlechtes Essen und schlaflose Nächte, zusammengepfercht in winzigen Baracken. Ich muss die Hände über der Decke halten, sonst schellt es eine. Die anderen Häftlinge meiden mich, keiner möchte neben mir schlafen. Außer Toddi natürlich. Der Knirps hat es noch schwerer. Ich übernehme seine Arbeit, wenn ich es kann. Auch wenn ich dafür Prügel einstecke. Gestern haben sie ihn gezwungen sich vor allen auszuziehen, und dann haben sie ihn windelweich geprügelt, weil er um etwas Wasser gebeten hat. Ich dachte, das war es nun, aber der Kleine ist zäh. Wer weiß, vielleicht schafft er es ja irgendwann hier heraus. Solange er nur seinen Mut nicht verliert.

Liebes Tagebuch…

Ich muss immerzu an Oskar denken. Er fehlt mir. Und mit jeder Wagenladung, die eintrifft, steigt meine Angst, er könnte unter den Neuankömmlingen sein. Ich würde alles dafür geben, jetzt bei ihm zu sein. Sein Gesicht zu sehen, seine Stimme zu hören. Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Ich liebe dich, Oskar.

Liebes Tagebuch…

Toddi ist fort. Gestern war er noch da und heute Morgen…

Er ist nicht der Einzige. Viele wurden weggeschafft. Einige versuchen sich einzureden, sie wären noch am Leben. Aber ich weiß es besser. Jetzt wird es nicht mehr lange dauern, bis ich auch dran bin. Ich habe Angst. Oh Oskar, ich habe so schreckliche Angst. Aber ich werde das hier durchstehen. Für dich und mich, und für Toddi. Möge er in Frieden ruhen.

Toddi und Konrad sind nur zwei von tausenden Homosexuellen, die während dieser Zeit dem blinden Hass zum Opfer fielen. Wir wurden diskriminiert und verachtet, und viel zu viele haben ihr Leben gegeben für einen Kampf, den wir nie austragen wollten. Doch wir haben gewonnen, und heute steht der „Rosa Winkel“ nicht länger für unsere Schande, sondern für unseren Stolz. Denn wir sind stärker als die Scham und die Schläge und die Vorurteile. Und wir haben keine Angst mehr. Denn gemeinsam erheben wir uns aus der Asche unserer Helden, und wir stehen das durch – für Konrad und Oskar und Toddi. Und für alle, die nach uns kommen. Wir sind mehr als Schnee.

Es kann natürlich sein, dass diese Geschichte anders ausgegangen ist. Dass die beiden nicht über die Gleise, dann aus der Stadt hinaus, durch Dickicht und schmutzige Straßen immer weiter südlich gelaufen sind, um dann in der Nähe von Rom gemeinsam eine Strandbar zu eröffnen. Kann sein, dass sie ihr Ende schon 1980 in den sanften Schwüngen des Schatt al-Arab, des Grenzflusses zwischen Iran und Irak, gefunden haben, hilflos und alleine. Kann sein, dass sie sich erst Jahre später gegenüberstanden, irgendwo unter glühender Sonne in irgendeiner Wüste, längst vom Hass zerfressen, und vergessen haben, was sie eigentlich wollten. Ich kann’s nicht sagen, denn ich war nicht dabeiund wirklich kennengelernt habe ich die beiden eigentlich auch nicht.

1980 war das Jahr, in dem wir zu viert das erste Mal in die Freiheit aufbrachen. 17 Jahre, Interrail-Ticket in der Tasche, Sommerferien und den Rucksack auf den Schultern. Abenteuer in überfüllten Bummelzügen ohne jeglichen Zeitdruck. Man lernte Leute im Vorübergehen kennen, tauschte sich aus, lachte zusammen. Unser Ziel war Griechenland, für uns lag das eine Ewigkeit entfernt, und die Strecke war voller Orte, die wir nicht kannten. Paris – ich habe Fotos, auf denen meine Freunde auf dem Blechdach der Notre Dame liegen, erschöpft, in der Sonne dösend. Venedig – die erste Dusche am Bahnhof nach vier Tagen und das erste Mal das Blau des Meeres. Von Venedig aus führte die Route nach Jugoslawien, vor uns lag ein Land in Unruhe. Tito war gerade gestorben, der Sozialismus zog seine eigene Barrikade, verschärfte Grenzkontrollen verursachten leichtes Kribbeln im Bauch und Unruhe vor dem, was vor uns lag. Es dämmerte längst, als der Zug Triest erreichte. Der letzte Bahnhof vor der Grenze sorgte für Unruhe, Reisende stiegen aus, beladen mit Koffern und Taschen, um am nahen Meer ihren Urlaub zu verbringen. Wir blieben in unserem Abteil, unser Ziel lag noch in weiter Ferne, also warteten wir darauf, dass es weiterging. Der Bahnhof leerte sich, die Zeit verging, dann auf einmal Rangierarbeiten auf unserem Gleis, hektisches Treiben, welches wir nicht erklären konnten. Der Zug bewegte sich und verschwand. Wir nicht. Wir blieben stehen. Unser Waggon war abgekoppelt und stand verlassen.

Es dauerte nicht lange, und es klopfte an unserer Abteiltür. Großraumwaggons gab es noch nicht, jedes Abteil bestand aus zwei Reihen mit vier sich gegenüberliegenden Sitzplätzen. Eine Schiebetür und Vorhänge zum Gang sorgten für ein wenig Abgeschiedenheit. Zwei arabisch aussehende junge Männer standen davor und fragten, ob es bei uns noch Platz für sie gebe, und ob wir wüssten, was mit diesem Zug passiert sei. Sie setzten sich zu uns und wuchteten ihre Reisetaschen auf die Gepäckablage über ihren Köpfen. Es gab keine peinliche Stille, wie man sie erlebt, wenn Fremde den Raum betreten. Wir waren neugierig, wollten wissen, wie das Leben an anderen Orten der Welt funktioniert. Die beiden waren freundlich und sympathisch, und so kamen wir bald ins Gespräch. Wir erzählten, lachten, waren stolz auf unseren Mut, die Welt zu erkunden. Dann haben wir die beiden nach ihrem Weg gefragt. Die Antwort darauf traf uns unerwartet. Tatsächlich habe ich erst viel später verstanden, wenn ‘verstehen’ ein nicht zu anmaßendes Wort dafür ist.

Sinan (Hieß er Sinan? Der Name würde gut zu ihm passen.) studierte BWL in London. Er war 23 Jahre alt, seine Familie, auf die er sehr stolz war, hatte zusammengelegt, um ihm sein Studium zu ermöglichen. Er hatte eine britische Freundin, die Ellen hieß, und die er schon jetzt vermisste. Geboren war er in Teheran und dorthin war er nun unterwegs. Ihre Reise würde weitere vier Tage dauern, und bis Athen würden wir gemeinsam unterwegs sein. An seiner Seite saß Kaya, er kam aus Paris und studierte Medizin. Er war etwas älter als Sinan, schweigsamer, und er lebte seit zwei Jahren in Frankreich. Sein Vater war Arzt in einem Krankenhaus in Bagdad, und er hatte viele Geschwister. Auf die Frage, wie lange sie schon befreundet seien, erklärten beide, sie wären erst seit Paris gemeinsam auf Reisen. Später begannen sie leise, sich in arabischer Sprache zu unterhalten. Die Nacht war warm, das Abteil stickig, der Bahnsteig öde und verlassen, und so erwarteten wir den Morgen. Das Gespräch der beiden war ernster geworden und riss schließlich ab. Ich sah zu Sinan herüber, der mir schräg gegenüber saß. Er sah sehr bedrückt aus. ‘Everything okay?’, flüsterte ich in das Halbdunkel hinein. Jetzt war es Kaya, der leise zu sprechen begann, der uns erklärte, warum die beiden unterwegs in ihre Heimat waren, und dass es nicht freiwillig geschah. Seine Stimme brach ab, mitten im Satz, er griff nach seiner Tasche und zog ein Schreiben heraus. Sinan tat es im gleich und sie reichten uns die Papiere herüber. Wir hielten zwei offizielle Dokumente in der Hand, Stempel, Unterschriften. Beide waren in arabischer Schrift verfasst. Sie zeigten uns ihre Einberufungsbefehle. Einer trug die iranische Flagge im Briefkopf, der andere kam aus dem Irak.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, eingeschlafen zu sein, ich weiß auch nicht mehr, worüber wir in den letzten Stunden dort in diesem Zugabteil gesprochen haben. Ob ich überhaupt etwas gesagt habe, ob ich in diesem Moment ahnte, was das für die beiden bedeutete. Fakt ist, am nächsten Morgen waren sie nicht mehr da. Der Waggon wurde wieder angekoppelt, ein neuer Zug setzte sich in Bewegung, ohne dass sie darin waren.

Vier Wochen später, am 4. September 1980 begann der erste persische Golfkrieg, in dessen achtjährigem Verlauf über eine halbe Million Menschen starben. Irak und Iran standen sich erbittert gegenüber. Es folgte der zweite Golfkrieg und unzählige Scharmützel mit vielen weiteren Toten, nicht nur in der arabischen Welt.

Wenn ich heute über irgendeinen Krieg nachdenke, kommt mir fast wie ein Reflex diese Begegnung in den Sinn. Sie visualisiert für mich den Anfang dessen, was jeder Auseinandersetzung vorausgeht: Die Entscheidung teilzunehmen. Oder es zu lassen. Worüber haben diese beiden gesprochen auf der Fahrt in ihr ‚Abenteuer’? Wussten sie, was kommen würde? Sie waren sich der Spannungen im Land bewusst. Hatten sie Angst? Ganz bestimmt. Freund und Feind nebeneinander. Man mag sich das nicht vorstellen. Ich nicht. Meine Hoffnung ist, dass dieses Abkoppeln des Waggons für die beiden ein Zeichen war, ein Signal, welches auf einmal ‘Halt’ geschrien hat. Sie umdenken ließ. Ich wünsche mir so sehr, dass wir vier an genau dieser Stelle in ihr Schicksal eingefügt wurden, und unsere Freundschaft eine winzige Rolle spielte, bei der Entscheidung den letzten Rest Bedenken fallen zu lassen. Dass wir ihnen die Tür aufgehalten haben, sie über die Gleise und raus aus der Stadt sind, durchs Dickicht und immer den schmutzigen Straßen entlang, bis nach Rom, wo sie heute in einer Strandbar sitzen und jeden Tag dankbar sind, damals einfach ausgestiegen zu sein.

Erleichtert atmet sie auf. Seit Monaten das erste Mal wieder allein. Die anderen meinen es nur gut, das weiß sie. Trotzdem ist es belastend, nie seine Ruhe haben zu können und immer wieder die gleiche Frage beantworten zu müssen: „Wie geht es dir?“ Na wie soll es ihr schon gehen? Gut bestimmt nicht. Aber es ging ihr auch schon schlechter.
Ihr Therapeut hat ihr dazu geraten, mal wieder das Haus zu verlassen. Heute ist der erste Tag, an dem sie sich stark genug dazu fühlt. Stark und zuversichtlich.
Als sie aus der Straßenbahn steigt wird ihr bewusst, wie sehr ihr das Treiben in der Stadt gefehlt hat. Überall Menschen die Besorgungen machen, durch die Straßen und Gassen schlendern oder ihre Hunde ausführen. Ein Geschäft reiht sich ans andere, und sie kann sich kaum satt sehen an den vielen verschiedenen Farben, die ihr entgegen leuchten. Die bunten Kleider im Schaufenster, die gelben und orangefarbenen Tulpen vor dem Blumenladen, das strahlende Blau des Himmels mit den weißen Wolkentupfen und die roten Dächer, die in der Sonne glitzern. Kurz bleibt sie stehen, um alles in sich aufzunehmen und um den unverwechselbaren Geruch der Stadt einzuatmen. Es riecht nach einer undefinierbaren Mischung der verschiedensten Essensgerüche, nach dem Wasser des Flusses, der sich durch die Stadt windet, nach sonnenbeschienenem Stein und ein wenig nach Abgasen. Was für eine Wohltat, nach all den sterilen Farben und Gerüchen der letzten Monate.
Sie geht weiter und sieht schon von Weitem ihr Ziel. Eine kleine Bäckerei, in der es die besten Brötchen der Stadt gibt. Während sie auf die Bäckerei zugeht, merkt sie, wie ein nervöses Kribbeln langsam von ihrem Bauch aufsteigt. Sie kann es schaffen.
Im Laden muss sie kurz warten und währenddessen spricht sie sich weiter Mut zu. Der Duft nach frischen Backwaren und die vielen wartenden Menschen machen sie noch nervöser. Dann ist sie an der Reihe. Der Verkäufer fragt freundlich: „Was darf es bei Ihnen sein?“ „Ich…ich…“, die Worte wollen einfach nicht kommen. Erwartungsvoll blickt der Mann sie an. Noch einmal versucht sie es. Doch diesmal kommt gar nichts aus ihrem Mund. Sie spürt nur, wie der Luftstrom, der eigentlich aus ihren Worten bestehen sollte, leer an ihren Lippen vorbei strömt. Röte überzieht ihr Gesicht und sie fängt an zu schwitzen. Hinter ihr reihen sich einige Menschen und es kommen immer weitere hinzu. Der Verkäufer scheint zu erkennen, dass sie Probleme mit der Sprache hat und bedeutet ihr kurz zu warten. Als er im Hinterraum verschwindet, hört sie, wie sich hinter ihr ein mürrisches Gemurmel breit macht. Nur ein paar Sekunden später ist er wieder da und hält ihr Papier und Stift hin. Resigniert schaut sie auf ihren rechten Arm, der nutzlos an ihrer Seite hängt. Sie blickt den Verkäufer an und schüttelt den Kopf. „Was dauert da vorne denn so lang?“ „Geht das nicht schneller?“ Gereizte Stimmen dringen an ihr Ohr. Das Kribbeln hat nun von ihrem ganzen Körper Besitz ergriffen und sie fängt leicht an zu zittern. Sie tritt einige Schritte zur Seite und lässt den Mann hinter sich vor. Der Verkäufer wirft ihr einen entschuldigenden Blick zu und wendet sich seinem neuen Kunden zu. Wenn die Leute in der Schlange weniger werden , wird sie es noch einmal versuchen, spricht sie sich erneut Mut zu und wartet an der Seite. Einige Wartende werfen ihr Blicke zu, denen sie ausweicht. Sie will ihre Ungeduld, ihr Mitleid oder ihre Verachtung nicht sehen. Solche Blicke hat sie in den letzten Monaten viel zu oft auf sich gespürt. Nach einer Weile sieht sie ein, dass die Schlange einfach nicht kürzer wird. Und auch, wenn niemand im Laden wäre, wüsste sie nicht, ob sie ihre Bestellung machen könnte. Mit hängenden Schultern verlässt sie den Laden. Das Treiben der Stadt, das ihr zuvor so herrlich erschienen war, bedrängt sie nun.
Auf der Fahrt nach Hause treten ihr Tränen in die Augen. Was hat sie sich nur dabei gedacht? Die Stärke und Zuversicht vom Morgen sind wie weggewischt. Mutlosigkeit und Angst haben mit ihnen die Plätze getauscht. Was, wenn sie nie wieder zum Bäcker gehen kann? Wird sie für immer auf die Hilfe und das Verständnis anderer angewiesen sein? Wird sie immer als die hilflose Frau gesehen werden, die nicht mehr richtig sprechen kann? Sie lässt den Kopf gegen die Fensterscheibe sinken und starrt nach draußen.
Nach Hause. Verstecken. Verkriechen.
Einige Tage später sitzt sie trübsinnig am Frühstückstisch. Noch immer hat sie sich nicht von dem Rückschlag in der Bäckerei erholt.
Wie jeden Morgen gibt es Vollkornbrötchen. Ihr Mann holt sie morgens beim Bäcker um die Ecke. Nach fünfunddreißig Jahren Ehe weiß er immer noch nicht, dass sie diese nicht mag . Sie starrt auf das Brötchen in ihrer Hand. Innerlich verflucht sie ihr trauriges Schicksal, das sie zwingt, jeden Morgen diese, nach nichts riechenden und nach Pappe schmeckenden Brötchen zu essen. Jeden Morgen. Immer Vollkornbrötchen.
Doch dann wird sie wütend. Sie will nicht Opfer ihrer eigenen Sprachlosigkeit sein. Der verdammte Schlaganfall, der sie vor zwei Jahren heimgesucht hat, beherrscht sie und ihr Leben. Sie will sich nichts von ihm vorschreiben lassen. Nicht mehr. Sie lässt das Brötchen auf den Teller fallen. Dann steht sie auf und nimmt, ohne sich um den verwirrten Blick ihres Mannes zu kümmern, die Einkaufstasche vom Haken. Heute wird sie Laugenbrötchen zum Frühstück essen. Und zwar die von der besten Bäckerei der Stadt.
„Was bekommen Sie?“ Die junge Frau hinter dem Verkaufstresen lächelt sie höflich an. „Ich möchte…“, beginnt sie. Doch das Wort, das sie eben noch wusste, entgleitet ihr. Wieder einmal. Kurz sucht sie danach. Da sie aber merkt, wie sich hinter ihr langsam eine Schlange bildet, zeigt sie einfach in einen der Körbe, der voll mit Backwaren hinter der Frau steht. „Laugenbrötchen?“ Sie nickt erleichtert. „Wie viele möchten Sie?“ „Drei“, presst sie hervor und schüttelt im gleichen Moment den Kopf. „Drei?“ fragt die Verkäuferin nach und erneut schüttelt sie den Kopf. Sie hält ihr ihre linke Hand hin und spreizt die Finger. „Also vier.“ Diesmal nickt sie. Die Frau holt vier Laugenbrötchen aus dem Korb und packt sie in eine Tüte.
Als sie wieder draußen auf der Straße steht, kann sie es kaum glauben. Sie hat es tatsächlich geschafft! Die Brötchen in der Tüte duften verheißungsvoll.

Hübsch ist sie, groß und schlank, Modelmaße, die Beine gefühlt endlos. Der Teint ist ebenmäßig, das ganze Jahr über leicht gebräunt. Es ist ihr Erscheinungsbild, das die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht und doch ist es nicht ihr genormter, kommerziell umworbener Typus, der sie unvergesslich macht. Es ist diese ganz besondere, taffe Art, die charakteristische Kreativität, welche ihr eine unverblümte Schlagfertigkeit und Wortgewandtheit ermöglicht. Scheinbar perfekt, unbekümmert und sorglos.

Erst kürzlich hat er seinen Dreiundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Die ganze Dorfgemeinde lobt allgemein seine Sportlichkeit, noch so fit in dem Alter, das finden sie fantastisch! Wie er morgens um acht, direkt nach dem Frühstück, mit dem Elektrobike seine tägliche Runde an der frischen Luft dreht, mindestens fünf Kilometer legt er dabei zurück. Oftmals dehnt er die Fahrt noch in das nächstgelegene Dorf aus, um im Supermarkt Einkäufe zu erledigen. Schon seit Jahren verfolgt er den gleichen Speiseplan. Und donnerstags wird gebacken, Vollkornbrot.

Hier im Ort kennt man sich, man grüßt sich auf der Straße. Sein Haus hat vier Stockwerke und einen Wintergarten. Seit der ersten Knieoperation seiner Frau vor sechs Jahren hält diese sich fast ausschließlich im Erdgeschoss auf. Im Untergeschoss befindet sich eine selbstgezimmerte Sauna. Gerne schwitzt er hier im 15-Minuten-Takt, um anschließend im Kneipbecken des Nebenraumes unterzutauchen. Diesen Vorgang wiederholt er täglich mehrmals, die revitalisierende Wirkung erfreut ihn.

In der Schule war sie stets beliebt, die Ausbildung zur Kindergartenpädagogin förderte die soziale Veranlagung. Sie hatte viele Freundinnen, manche naiv oder faul, doch fast ausschließlich immer gut gelaunt. Oberflächliche Erzählungen in den Pausen als begleitende Routine bis zum Abschluss vor ein paar Jahren. Dieses letzte Zeugnis war ein Erfolg.  Nun, mit ihren vierundzwanzig Jahren, blickt sie mit Stolz, jedoch ohne Wehmut zurück. Den gewünschten Job im auserwählten privaten Kindergarten hat sie bekommen und begeistert die Kinder mit ihrer unerschöpflichen, gut durchdachten Auswahl an Spielen.

Niemand kann ahnen, wie gebrochen sie innerlich einmal gewesen ist. Er war es, der sie gebrochen hatte. Er hatte ihr die Kindheit genommen.

Die Wochenenden, die sie stets bei den Großeltern verbringen sollte, waren dazu prädestiniert, ihren Puls zwei Tage lang vor Angst rasant ansteigen zu lassen. Niemand konnte wissen, dass die Verweigerung, den Großvater bei seiner täglichen Radtour zu begleiten, zur Bestrafung führen würde. Ein Schlag ins Gesicht, der die Wange der damals Fünfjährigen bereits zum Glühen brachte. Das vertraute Gefühl der salzigen Tränen, die in Strömen die Wangen nässten, das eigene durchdringliche Schluchzen, dass er unterband. Die zornigen Worte, die er ihr entgegenschleuderte, die Fragen, warum sie bloß seinen Lebensstil nicht teilte und das darauffolgende Auflachen, mit dem er sein verachtendes Unverständnis für sie ausdrückte.

Niemand konnte ahnen, dass er, als sie sechs Jahre alt war, das erste Mal in der Sauna ihre Beine auseinander gedrückt hatte. Sieh hin, hatte er gesagt, als er sie anfasste. Wie die Angst sie packte. Wie sie den Mund hielt, wie die Verzweiflung die Lippen zusammenschnürte und sie still leiden lies. Er sagte ihr, sie müsse ihn ebenfalls anfassen. Niemand konnte nachvollziehen, dass sie den unerträglichen Zwang verspürte, alles über sich ergehen lassen zu müssen. Weil er beliebt war, weil er ihr Großvater war, weil niemand etwas gesagt hatte. Weil ihre Eltern es befürworteten, wenn er sie mit in die Sauna nach unten nahm, weil sie nichts Unangenehmes daran zu sehen schienen. Monatlich tätigte er Überweisungen auf ihr Konto, variierend je nach Folgsamkeit. Bestrafung und Belohnung.

Es hatte vier Jahre gedauert, bis sie zusammengebrochen war. Bitte, ich will nicht hinfahren. Bitte, Mama.

So brach der Kontakt ab. Die Überweisungen endeten, das Taschengeld sei ja ohnehin hoch genug. Bei darauffolgenden Besuchen, nun höchstens zweimal im Jahr, sperrte er sich im Arbeitszimmer ein. Sie weinte, Unverständnis und Furcht vor der ganzen Welt fanden zu diesem Zeitpunkt den Platz in der Kindesseele.

Oft schreckte sie die darauffolgenden Jahre nachts hoch, die Albträume kamen und gingen.

Es gab auch bessere Phasen. Beziehungen, die tiefer gingen als oberflächliches Gerede, baute sie nur schwer auf. Die Umarmungen der Freundinnen in der Schule ertrug sie, ihren ersten Kuss ließ sie über sich ergehen. Oft zuckte sie vor Berührungen weg, Unverständnis ihrer Mitmenschen führte bei vielen zur Entfremdung.

Die Zeit und der eigene Wille halfen ihr zu lernen, damit umzugehen.

Und so steht sie mit ihren vierundzwanzig Jahren vor ihrer Gruppe im Kindergarten, als David zu einem Mädchen sagt, wenn ich dich nicht nackt sehen darf, sperr ich dich im Klo ein. Als er auf die Kleine zugeht und ihr zwischen die Beine greift. Als diese nicht weiß, was sie sagen soll, sie nur flehend ansieht.

Jedes Kind bekommt nun ein Blatt Papier. Darauf ist der Umriss eines Menschen skizziert. Grün angemalt werden die Bereiche, an denen man berührt werden möchte, rot werden die Zonen markiert, an denen man nicht angefasst werden darf. Die „Tabu-Zonen“. Die „Stopp-Zonen“. Hier darf man das Stopp auch ganz laut rufen, wo man sich doch sonst oftmals so ruhig verhalten soll. Die Kinder dürfen Bilderbücher zum Thema gemeinsam durchblättern.

Der empörte Anruf einer Mutter, warum ihr Kind mit so vielen Fragen heimkäme, unverschämt sei das.

Als ausgebildete Pädagogin weiß sie, auch damit umzugehen. Ihren Einfluss auf die nächste Generation wird sie zweifellos nutzen.

Sie ist meine Heldin, die meiner Kinder und deren Kinder. Sie ist die Heldin des kleinen Mädchens, das sich nicht traut „Stopp“ zu sagen und die des Jungens, der die Tragweite seines unüberlegten Handelns noch nicht begreifen kann.