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Sonntagmorgen – Gastbeitrag von Bernd Debus

Remember this moment. The smell and the sensation of the warm sun and the water splashing on your backs. Friends. All this will change. Years will go by, the days will get shorter and you’ll find it harder to find magical moments. Don’t be in a hurry to grow up. Believe me: one day the memory of this moment could save your lives.”

Vorwort des catalanischen Spielfilms ‘Héroes’

„Drei, zwei, eins“, zählte Sara. Ein winziger, hellroter Strich erschien über den Weiden am anderen Kanalufer. Der Schnee, der während der Nacht wieder gefroren war, begann zu glitzern wie ein Meer aus tausenden Diamanten.

Aus dem Strich über den Bäumen wurde ein Halbrund. Tiefrot jetzt, mit gelben, wabernden Rändern. Sara tastete nach ihrer Tasse und suchte dann blind mit ihren Fingerspitzen den Henkel, um ja keine Sekunde zu verpassen.

Erst das Plong, mit dem Jan das Obstmesser auf die hölzerne Tischplatte legte, durchbrach die andächtige Stille, die in der Küche herrschte.

„Du hast extra das Küchenfenster geputzt“, bemerkte Jan und lächelte dabei.

„Du kannst gerne die anderen übernehmen“, sagte Sara und löffelte ihr Müsli, ohne den Blick von der Landschaft zu nehmen, die sich vor dem Fenster ausbreitete.

Die Sonne war jetzt komplett über dem Horizont und Sara spürte durch die Glasscheibe ihre Wärme. Nebenan polterten Füße die Treppe hinunter. Kichern und Giggeln war zu hören. Dann plötzlich Stille.

Sara wendete den Kopf. Mina stand mit ihrer Freundin Zoe in der halb geöffneten Küchentür. Beide Mädchen hatten noch ihre Schlafanzüge an. Zoe schien verlegen. „Oh“, sagte Mina, „ihr seid schon auf!“

„Kommt rein und macht die Tür zu“, sagte Sara. „Es wird kalt.“

Jan stand auf. „Hunger?“, fragte er die Mädchen.

„Hmmm“, machte Mina. Zoe schwieg.

„Pfannkuchen mit finnischer Blaubeermarmelade?“, schlug Jan vor.

Mina nickte begeistert. „Für dich auch?“, fragte sie Zoe. „Du kannst aber auch was anderes haben. Ich meine, wenn du keine Pfannkuchen magst oder keine Blaubeermarmelade.“

Zoe schwieg und sah sich in der Küche um. Die weiß getünchten Holzwände, das große Fenster zum Garten, die Möbel, in denen schon Saras Oma gewohnt hatte und die voller Macken und Kratzer waren. Sara, die ihre Füße auf einem Stuhl liegen hatte. Das Durcheinander auf dem Tisch. Der bollernde Ofen in der Ecke neben der Tür. Die Aschereste auf den Fußbodenfliesen. Jan mit einer Tüte Mehl in der Hand vor der Anrichte.

„Was ist?“, fragte Mina. „Stimmt was nicht?“

„Es ist schön hier“, sagte Zoe. Sie sagte es so leise, dass Mina die Worte kaum verstehen konnte.

Mina sah sich in der Küche um. Schön? Na ja. Chaotisch passte besser. Und nicht besonders sauber. Aber vielleicht hatte Zoe das auch ganz anders gemeint. Mina wusste, dass sich Zoes Eltern die meiste Zeit stritten. Dass sich Zoe nicht auf die Weihnachtsferien freute, die in der nächsten Woche beginnen würden, weil sie dann den ganzen Tag zu Hause war.

„Was ist jetzt mit Frühstück?“, wollte Mina wissen.

„Ja“, sagte Zoe und stand immer noch mitten in der Küche.

Jan rührte den Teig an und bald füllte der Duft nach Pfannkuchen den Raum. „Wer will den ersten?“, fragte er.

Er musste noch zweimal neuen Teig anrühren, denn Zoe verputzte einen Pfannkuchen mit Blaubeermarmelade nach dem anderen.

„Habt ihr nachher Lust auf Sauna?“, fragte Sara. „Jan hat den Ofen schon angeheizt. Wenn wir hier fertig sind, müsste die Temperatur gerade richtig sein.“

„Mmmmh“, machte Mina, weil sie gerade den Mund voll hatte.

„Mal sehen, ob du dich auf die oberste Bank traust.“ Sara grinste.

Mina schluckte. „Warum sollte ich mich nicht trauen?“ fragte sie.

„Na ja, deine Haut hatte letzte Woche schon etwas Ähnlichkeit mit einem frisch gekochten Krebs.“

„Das war nur dein blöder Aufguss“, konterte Mina. „Das nächste Mal lauf ich nicht raus. Da bin ich unten am Ofen und du darfst dich oben abkochen lassen. Wetten, dass du das auch nicht aushältst?“

„Um was?“

Mina überlegte. „Ich krieg deinen Nachtisch.“

„Okay“, sagte Sara und schlug ein.

„Alle satt?“, wollte Jan wissen.

„Jaa“, seufzte Zoe und lächelte zum ersten Mal. „So leckere Pfannkuchen habe ich noch nie gegessen.“

„Du kannst immer vorbeikommen, wenn du Hunger auf Pfannkuchen hast“, sagte Sara, „oder einfach nur so, wenn du Mina besuchen möchtest.“

Zoe schwieg.

„Wie wäre es mit den Ferien?“, fragte Mina.

„Wie, mit den Ferien?“, wollte Jan wissen.

„Ob sie mich in den Ferien besuchen darf?“, erklärte Mina.

„Warum nicht. Es ist ja nicht gerade weit, vom Nachbarhaus hier rüber“, sagte Jan.

Mina stemmte die Ellenbogen auf die Tischplatte und sah Jan jetzt streng an, weil der mal wieder nichts kapierte. „Nein“, sagte sie, „nicht nur kurz besuchen. Ich meine, ob sie die ganzen Ferien bei mir wohnen darf?“

Sara und Jan blickten sich an. Sara nickte fast unmerklich und Jan sagte: „Klar, warum nicht. Wenn deine Eltern nichts dagegen haben.” – “Möchtest du das denn?“, fragte er Zoe.

Doch die antwortete nicht, stand stattdessen auf und rannte aus der Küche.

Mina fand Zoe in dem winzigen Badezimmer im oberen Stock. Sie stand im Schlafanzug unter der Dusche und ließ das Wasser über sich laufen. Mina sah trotzdem, dass sie weinte. Sie zog ihre Klamotten aus und stellte sich neben die Freundin unter den warmen Wasserregen.

Zoe rührte sich nicht. Stand einfach nur da. Mina legte schließlich von hinten die Arme um Zoes Körper.

Die beiden blieben lange so stehen und Mina spürte das Beben in Zoes Brust, bis es schließlich nachließ und dann ganz verebbte.

Sie stellte das Wasser ab und griff nach einem Handtuch. Dann begann sie Zoes patschnasse Schlafanzugjacke aufzuknöpfen. Zoe versuchte halbherzig Minas Hände abzuwehren, gab es aber schließlich auf.

„Komm“, sagte Mina, „lass dir helfen.“

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