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Cliffs of Moher – Gastbeitrag von Susanne Kastlmeier

Es war der 29. Februar 1996. Am Horizont berührte der rot-orangene Sonnenball die Wasseroberfläche und der Himmel fing an sich rot einzufärben. Tina und ich saßen an dem Rand der Klippen, beide mit einer Flasche Wein in der Hand und blickten gebannt über die Weite des Meeres.
Es war ein Moment, in dem ein Traum in Erfüllung gegangen war, ein Traum, der etwa zwei Jahre zuvor geboren wurde. Damals waren wir gerade 18, es waren Sommerferien und es war das erste Mal, dass wir die „grüne Insel“ besuchten, in die wir beide uns sofort verliebten.
Insgesamt waren wir vier Mädels, jung und – zumindest Tina und ich – rastlos und auf der Suche nach der großen Freiheit. Noch ein Jahr Schule lag vor uns und nach diesem Urlaub war uns klar, dass wir danach ein Jahr als Au-Pair in Irland verbringen wollten.
Wir hatten uns in diesem Urlaub Fahrräder gemietet und radelten an der Westküste entlang, schliefen in Hostels und B&Bs, aßen Chips mit Currysoße und tranken Bulmers Cider und auch unser erstes Pint Guinness im Pub. Wir lernten die irische Pub-Musik kennen und sahen Sternenhimmel so klar und leuchtend, wie ich sie in Deutschland nie gesehen hatte. Der Himmel schien tatsächlich näher an der Erde zu sein, das Gras grüner und der Regen weicher.
Damals besuchten wir die „Cliffs of Moher“ zusammen mit hunderten Touristen und obgleich es von Menschen wimmelte, waren wir fasziniert. Ganz vorsichtig taten wir es anderen nach, legten uns auf den Bauch und robbten uns langsam an den Rand vor, um in die Tiefe zu blicken. Die Wellen schlugen sanft an die Klippen und Möwen flogen kreischend ihre Bahnen über uns. Später tanzte Tina im Wind, umarmte die Welt und sagte zu mir: „Hier will ich mal meinen Geburtstag feiern!“ Ich sah sie misstrauisch an, denn ihr Geburtstag war im Februar, da war es kalt und außerdem gab es den 29. nur alle 4 Jahre.
Und dennoch. Knapp zwei Jahre später erfüllte sich ihr Traum. Den Traum als Au-Pair hatten wir schon ausgeträumt. Die Realität in einer irischen Familie sah anders aus, als wir uns das ausgemalt hatten. Fünf Kinder im Alter von 2-10 Jahren waren für mich wahrscheinlich genau 5 zu viel und Tinas Gastfamilie zeichnete sich durch eine schwere Ehe-krise aus. Unseren Irlandtraum hatten wir uns dennoch weiter bewahrt, die Chance genutzt und in Westport im Old Mill Holiday-Hostel angefangen zu arbeiten. Der Traum von Abenteuer und Freiheit ging weiter.
Am 29. Februar stellten wir uns mit Wein und Essen ausgerüstet an die Straße und „hitchten“ zu den Cliffs of Moher. Es war menschenleer, der Wind wehte stark und blähte unsere Jacken auf und die salzige Meerluft legte sich auf unsere Gesichter. Wir aßen unser Picknick, öffneten die Flaschen mit Wein und tanzten im Wind. Den Sonnenuntergang betrachteten wir schweigend. Nur einmal sahen wir uns an und in diesem Blick lag das Glück einer erfüllten Sehnsucht, tiefe Dankbarkeit und die Unendlichkeit des Augenblicks. Wir fühlten uns tief verbunden miteinander und mit der ganzen Welt um uns herum.
Kurze Zeit später mussten wir aufbrechen, es wurde schließlich schon dunkel. Wir waren zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich angetrunken und im Nachhinein empfinde ich es als verantwortungslos und gefährlich, dass wir im Dunkeln noch versucht hatten, wieder zurück zu trampen. Aber das Schicksal war uns positiv geneigt an jenem Tag. Schon bald hielt ein Auto an. Tina stieg vorne ein und redete mit dem Autofahrer. Ich saß hinten, lehnten den Kopf an die Fensterscheibe und schloss die Augen.
Wenn ich heute mit Tina telefoniere, kommen wir immer wieder auf diesen Tag zu sprechen. „Weißt Du noch?….“, fragt die eine. „Ja“, seufzt die andere und dann entsteht eine Pause, in der wir beide stumm in den Telefonhörer lächeln. Wir brauchen keine Worte für das Bild, das dann vor unseren Augen erscheint. Und auch wenn wir inzwischen ein paar hundert Kilometer voneinander entfernt wohnen, fühle ich mich in diesem Moment so nah zu ihr, wie wir es an jenem Tag in Irland waren.

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