Was bleibt?
Der Geruch hängt noch in den Räumen. Eine Mischung aus Haarwasser, Einreibemittel und Hustenbonbons. Eingezogen in das Holz, die Wände, die Möbel. So lange der Geruch da ist, bist auch Du noch nicht weg. Noch nicht ganz.
Das ganze Haus ist ruhig. Ganz still.
Das war aber oft auch so, wenn Du da warst. Aber dann wusste ich doch, dass Du in der Küche auf der Eckbank liegst und schläfst.
Deine Orgel im Dachgeschoss ist stumm. Staub liegt auf den Tasten, auf der Sitzbank. Keiner spielt mehr auf ihr. Oder kauft Ritter Sport ‚Rum-Traube-Nuss‘ für uns, die wir zwar nie mochten, aber Dich immer im Glauben gelassen haben, dass wir uns trotzdem freuen, wenn du uns an den Kellerschrank geschickt hast, um sie uns dort zu holen.
Alles ist voller Staub. Wobei ich nicht weiss, wie alt er ist.
Es ist verlassen, das Haus. Dein Haus. Es ist ein leeres Sammelsurium. Die Gegenstände darin sind nur noch Objekte, die mit einer Erinnerung verknüpft, aber dennoch merkwürdig leer sind. Weil Du sie erst mit Sinn gefüllt hast. Jetzt wirken sie seltsam absurd und skurril. Der kupferblecherne Teller mit Pferdekopf an der holzvertäfelten Küchenwand. Die zur Antenne umfunktionierte Gabel am alten Radio. Nie in Frage gestellt, solange Du da warst. Jetzt ihres Sinnes beraubt und eine leere Absurdität aus einer anderen Zeit. Einer vergangenen. Einer, die keiner mehr versteht.
Ein Bild, an die Wand gepinnt mit einer Reißzwecke. Zu welchem Zweck? Zwei Gesichter. Wer ist das? Wen kann ich fragen? Wer kann mir antworten?
Die Bilder sind in ihren Rahmen verrutscht. Manche lose, ohne Halt.
Die Stecker des grünen Wählscheibentelefons sind gezogen. Es ruft niemand mehr an. 4222. Die Nummer führt ins Leere.
Jemand hat die Birnen aus den Lampen gedreht. Ihres Zwecks beraubt. Hier gibt es kein Licht mehr.
Die Uhren stehen still. Jede zu einer anderen Zeit. Genau wie deine Eisenbahn im Dachgeschoss.
Der Geist des Kuckucks in der Uhr ist auch fort. Die Figuren eingefroren mit starrem Lächeln auf ihren Gesichtern. Nichts bewegt sich.
Dein Stock steht in der Ecke. Neben dem Kohleneimer. Der ist schon lange leer. Keiner geht und füllt ihn. Keiner geht mehr.
An der Garderobe hängt keine Jacke.
Einzig der Wasserhahn tropft noch unermüdlich in diese staubige Stille hinein. Als wolle er wie ein seltsamer Herzschlag an etwas erinnern.
Gleichförmig-mechanisch.
Da ist ein heller rechteckiger Fleck an der Wand.
Das bleibt, wenn man etwas wegnimmt, was lange, was immer da war?
Stille. Und ein heller Fleck.
Gastbloggerin: Barbara Nagel www.vaen-design.com
Sie ist die Erste, die die Einladung für dieses Jahr als Gastbloggerin zu 12 Monate – 12 Themen zu schreiben.
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