Faßination deutscher Sprache / Gerhard Benigni

Dass ich das noch erleben darf, dass das dass am Anfang und das dass nach dem Beistrich in einem Satz richtig geschrieben sind, fehlen Lektor Hanno Patzer aufgrund fehlender Fehler beinahe die Worte. Das dass, das man früher mit scharfem ß geschrieben hat, ist nach Beistrichen der häufigste Fehler, setzt er in Gedanken bewusst ironisch

Unverhofft kommt oft / Marion Mink

Aufreizend, als hätte er eine mit Diamanten verzierte Kette in der Hand, wedelte Jürgen mit dem Autoschlüssel vor den Augen seiner Ehefrau. Gabi zog schmallippig die linke Augenbraue hoch. Gleichzeitig tippte sie mit der Fußspitze hektisch auf und ab. „Warum hältst du mir verführerisch den Autoschlüssel vor die Nase? Oder sind das erste Anzeichen einer

Johann Seidl / Sagen Sie o.k., wenn Sie die Bedingungen akzeptieren

Angefangen hat es, als der Kühlschrank kein Bier mehr bestellte. Dachte mir: Shit, der smartCooler® ist kaputt. Aber da war das rote, blinkende Info–Hologramm über dem Flaschenhalter: »Ihre Leberwerte sowie das Urinscreening geben digitalHealth Anlass zu Besorgnis. Der Konsum von alkoholhaltigen Getränken wird eingeschränkt. Sie können die Tür erst schließen, wenn Sie der Maßnahme zustimmen.

Im Schutz der Kirche / Petra Fröhlen

Wir kannten ihn schon, als wir noch Kinder waren. Er war mit unserem Dorf verwachsen; kein Tag verging, an dem er nicht über unseren Marktplatz den Hügel hoch zur Kirche St. Gertraud geeilt wäre, unter buschigen Augenbrauen auf seinen Weg starrend, den Mund zusammengepresst. Wenn wir ihm so nahe kamen, dass wir den muffigen Geruch,

Mein größter Tag / Andrea Lydia Stenzel

Ich wurde stutzig, als ich sah, wie Bertha zum Schrank ging und das Geschirr mit dem Goldrand herausholte, was sie nur zu besonderen Gelegenheiten tat, Tassen, Teller, Kaffeekanne, Sahnekännchen und Zuckerdose, alles ganz vorsichtig, als fürchte sie, etwas zu zerbrechen. Wozu denn so viele Umstände, wollte ich rufen. Doch es hatte mir die Sprache verschlagen.

Das blühende Leben / Leander Milbrecht

Gestern hatte Ralf seinen Bruder nach Hause geholt. Als er nun, das Tablett in den Händen balancierend, durch den holzvertäfelten Flur schritt, kam ihm das Haus bereits verändert vor. Es war noch immer dunkel, groß und voller Staub. Doch es war Leben zurückgekehrt. Wenn auch nur für kurze Zeit. Die wehenden Vorhänge begrüßten ihn. Langsam

Alf G. Hauser / Fast Food

„Immerhin“, sagt mein Mann, ohne von seiner Zeitung aufzublicken. „Unsere Frau Merkel macht sich Sorgen.“ „Ich auch“, seufze ich. „Wieso?“, fragt die Stimme hinter der Zeitung. „Was hast du mit den Türken zu schaffen?“ „Mit den Türken nicht, aber mit den Schotten.“ „Die heißen Briten, mein Schatz. Die treten aus der EU aus, nicht die

Endlich abheben / Viola Rosa Semper

Endlich abheben In ihrer Arbeit verlor Nina oft die Zeit. Die Stunden, Minuten und Sekunden purzelten dann einfach so aus ihrem Kopf heraus, flogen eine Weile durch die Gegend. Mehr als nur einmal hatte Stefan dann das Pflegeheim nach ihr abgesucht. Ein Wunder eigentlich, dass trotz der schweren Aufgaben, die die Pflegerin zu erledigen hatte,

Andreas Perner / Der Besuch

Seine Mutter reichte ihm das Kuvert. Er öffnete es. Es war ein Trauerbillett, umrahmt mit einem schwarzen Rand. Ein Zwanzig-Euro-Schein war darin. Irritiert las er: Du hast all mein Mitgefühl! Dann nahm er verwundert den Zwanziger heraus. "Was soll denn das?“ „Ja, und der Hunderter? Wo ist denn der Hunderter?“, fragte sie erschrocken. Er wedelte

Gespräch mit Verleger / Sören Heim

– „Komm in den totgesagten park“, hat der Verleger gesagt. „Na, das fängt ja schon mal fulminant an“, hat er gesagt. „Da hat man richtig so … wie heißt das noch? … Na, Bilder im Kopf. Ja“, hat er gesagt, „aus Ihnen wird mal was ganz Großes. Aber ehrlich, dann „Der reinen wolken unverhofftes blau