Späte Versöhnung
von Sophie Miebach
Der Berliner Verkehr war auch an diesem Morgen gnadenlos gewesen, also waren meine Nerven bereits strapaziert, als ich in die Seitenstraße einbog. Ich sah das Haus schon von Weitem. Es ragte immer noch so unerbittlich und kalt in den Himmel, wie vor fünf Jahren. Dieses Haus hatte sich bis zum Ende kein bisschen verändert, genau wie sie, dachte ich mit einem belustigten Schnaufen. Ich fuhr langsamer und fing an, einen Parkplatz zu suchen. Wie immer eine nervenaufreibende Angelegenheit, doch ich widmete mich dieser Herausforderung mit voller Aufmerksamkeit, um nicht über den eigentlichen Grund meines Kommens nachdenken zu müssen. Leise fluchend fuhr ich ein paar Mal um den Block, bis ich eine Parklücke fand, in die ich meinen alten Seat quetschen konnte. Ich stieg aus und atmete ein, der Smog der Großstadt mischte sich mit der kalten Novemberluft. Es waren nur etwa drei Minuten Fußweg bis zu dem Haus gewesen, in dem ich meine Kindheit verbracht hatte. Während des Gehens wünschte ich mir, nie anzukommen, doch schließlich stand ich doch vor dem Betonklotz, den ich einst Heimat genannt hatte. Auf der mindestens zwanzig Jahre alten Haustür befand sich kaum noch Farbe. Aus irgendeinem Grund konnte ich mich noch genau an den strahlenden Grünton der Tür bei unserem Einzug erinnern. Ich wusste noch genau, wie nach und nach die Farbe angefangen hatte abzubröckeln. Niemand hatte sich je die Mühe gemacht, sie neu zu streichen. Als ich den Hausschlüssel ins Schloss steckte, strich ich mit der Hand über die Tür, als würde ich einen alten Freund begrüßen. In dem schummrigen Hausflur stank es noch entsetzlicher als ich es in Erinnerung hatte. Ich bemühte mich, flach zu atmen, während ich die Wohnung am Ende des Ganges aufschloss. Ich trat ein und all die Erinnerungen prasselten auf mich nieder, als würden sich dreizehn Jahre meines Lebens im Schnelldurchlauf vor meinem inneren Auge abspielen. Zuerst war da der Tag als ich und meine Mutter eingezogen waren. Für mich hatte jede Ecke der noch leeren Wohnung nach einem Neuanfang geschrien. Ich war so lebenshungrig gewesen mit meinen fünf Jahren und hatte meiner Mutter bedingungslos geglaubt, als sie mir versprach, dass ohne meinen Vater alles besser werden würde. Ich ging ganz langsam durch den Flur. Aus jeder Ecke krochen Erinnerungen. Lebendige, atmende und vor allem schmerzhafte Erinnerungen. Das hier war mal meine Welt gewesen. Meine und ihre. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, wie froh ich war, all das hier hinter mir gelassen zu haben. Und sofort schämte ich mich für ihn (dafür?). Es war nicht alles schlecht gewesen. Ich kramte verzweifelt nach guten Momenten zwischen ihr und mir. Wieso fielen mir jetzt nur die vielen schlechten ein? Wie sie immer abends auf der alten Coach geschlafen hatte, wenn sie es vor lauter Alkohol nicht mal mehr ins Bett geschafft hatte oder sie mich anbrüllte, ich solle nicht so laut spielen, da sie mal wieder einen ihrer Kater hatte. Ich ging ins Wohnzimmer und sah die alte verschlissene Couch. Das Mobiliar hatte sich kaum verändert, genau wie der Staub lagen auch all die alten Erinnerungen auf ihm. Mich hätte die Ähnlichkeit zu früher nicht überraschen sollen. Wir hatten, doch damals schon kein Geld gehabt, das hatte sich bestimmt nicht geändert. Nein, ich korrigierte mich innerlich, wir hatten schon Geld gehabt, das war nur ausnahmslos in Alkohol geflossen. Dieser verdammte Alkohol hatte mir meine Mutter und meine Kindheit gleichermaßen geraubt. Ich ging in die Küche und blickte auf den mit Flecken übersäten Holztisch. Wie oft hatte ich hier alleine Hausaufgaben machen müssen, obwohl ich ihre Hilfe gebraucht hätte, wie oft hatte ich Hunger gehabt, aber der Tisch war leer gewesen und sie in irgendeiner Kneipe. Meine Mutter war eine verdammte Alkoholikerin gewesen. „Mutter“, so hatte ich sie lange nicht genannt, vielleicht weil sie nie eine für mich war. Ich atmete tief durch und erinnerte mich, wieso ich eigentlich gekommen war. Die wenigen entfernten Verwandten hatten mich beauftragt, nachzusehen, ob sich in der Wohnung irgendetwas Wertvolles finden ließ, bevor am nächsten Montag die Wohnung entrümpelt werden und meine ganze Vergangenheit im Müll versinken würde. Ich hatte nicht herkommen wollen, doch ich wusste tief im Inneren, ich hätte es bereut, wenn ich nicht gekommen wäre. Ich bereute so viel. Ich erinnerte mich noch genau an das letzte Mal als wir uns gesehen hatten. An dem Tag war ich von hier ausgezogen, das Wenige was ich besaß hatte ich mitgenommen und ein neues Leben angefangen. Sie hatte mich mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung angeschrien und gesagt, ich wäre mit meinen achtzehn Jahren noch zu jung und hätte keinen blassen Schimmer, wie grausam die Welt da draußen sei. Ich war ausgerastet und hatte ihr so viel Schlimmes an den Kopf geworfen. Ich war mir sicher gewesen, ohne sie besser dran zu sein, und ich war mir auch sicher gewesen, ich würde sie keinen einzigen Tag vermissen. Jetzt war sie tot. Wir hatten nie eine Aussprache gehabt. Nie verziehen. Nie vergeben. Ich ging in ihr Schlafzimmer und trat zum Nachttisch, auf dem ein Bild mit dem Rücken zu mir stand. Ich drehte es um. Mein lachendes siebenjähriges Ich strahlte mir entgegen. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Wieso war ich nie über meinen Schatten gesprungen und hatte meinen verdammten Stolz heruntergeschluckt? Wir waren im Streit auseinander gegangen und nun war die Versöhnung nicht mehr möglich. War sie in dem Glauben gestorben, ich würde genau das denken? Ein heftiger Schluchzer ergriff meinen Körper. Sie war doch auch nicht besser gewesen, hatte an dem Tag auch Sachen gesagt, die Wunden hinterlassen hatten. Ich war mir sicher, sie hatte auch nicht alles so gemeint. Trotzdem hatte ich mich nie um eine Aussprache bemüht, genau deswegen war sie allein gestorben. Sie hatte am Ende niemanden gehabt. So etwas hatte sie nicht verdient. Jeder verdient Vergebung für seine Sünden. Sie war nicht perfekt gewesen, bei Weitem nicht, doch irgendwie war sie immer noch meine Mutter. Sie hatte auf ihre eigene Art immer versucht, sich um mich zu kümmern und mich zu beschützen. Dafür hätte ich ihr danken sollen, aber das hatte ich nicht, weil mein Stolz zu groß gewesen war. Es gab so viel, was ich ihr noch gern gesagt hätte, so viele unausgesprochene Geschichten, die ich ihr erzählen wollte. All das würde nie möglich sein. Die Zeit hatte mir meine Möglichkeiten und meine Mutter geraubt. Ich saß lange in der Wohnung und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. Am späten Nachmittag zog ich dann die Wohnungstür hinter mir zu, in der Hand das Bild vom Nachttisch. „Ich verzeihe dir und ich hoffe du verzeihst mir auch.“, flüsterte ich beim Verlassen des Hauses.
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