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Gastbeitrag von Rosa Ananitschev

– Auf dem Weg

„Der Mensch mag sich wenden, wohin er will, stets wird er auf jenen Weg wieder zurückkehren, den ihm die Natur einmal vorgezeichnet hat.“ – Johann Wolfgang von Goethe
Wie oft stehen wir Menschen vor einer Entscheidung, die unser Schicksal beeinflusst und dem eigenen Leben eine völlig andere Richtung gibt, oder aber uns – fast ohne eigenes Zutun – nur ein paar Schritte weiter auf dem Weg geleitet, den wir ohnehin schon eingeschlagen haben.
Auch in meinem Leben gab es kleinere, auf den ersten Blick, kaum bedeutsame Wendungen, und es gab solche, die mir viel abverlangten, alles aufwirbelten und die Zukunfts-Karten neu mischten. Die größten solcher Umgestaltungen sind 1992 und 1997 geschehen. Der ersten Jahreszahl ist ein grundlegender Umbruch zuzuordnen – die Ausreise nach Deutschland, der zweiten – ein nicht weniger gravierender Schnitt für mich, wenn auch anderer Art – mein Comingout.
Über beides habe ich schon oft genug geschrieben und werde mich jetzt nicht wiederholen. Diesmal möchte ich mein Augenmerk auf das Jahr 1971 richten, als ich siebzehn Jahre alt war. Ich stand vor meinem ersten größeren Wendepunkt …
Es war ein ereignisreiches Jahr. Ich lebte noch im Dorf, in dem ich auch geboren wurde. Ende Mai bestand ich das Abitur, gestand gleich darauf (in einem Brief) meine Liebe dem nun ehemaligen 24-jährigen Physiklehrer. Sie wurde auf recht abenteuerliche Weise letztendlich – als ich nicht mehr daran glaubte – doch erwidert. Im August starb meine Mutter, nach langwieriger schwerer Krankheit. Sie war die letzten Monate ans Bett gefesselt und ich hatte mich um sie gekümmert so gut ich konnte. Nach der Beerdigung als sich alles wieder normalisierte, stand ich vor einem großen Fragezeichen. „Was mache ich jetzt? Wohin mit mir?“ Was auch immer, wie auch immer – ich wollte weg, so schnell wie möglich! Ich musste weg!
An dieser Stelle ist ein kleiner Exkurs nach Russland, in die damalige Zeit, erforderlich. Die wenigen meiner Leserinnen und Leser wissen, dass die in Kolchosen (kollektiven Wirtschaften – wörtlich übersetzt) arbeitenden Bauern bis 1966 für ihre Arbeit nicht mit Geld, sondern am Ende des Jahres in Naturalien bezahlt wurden, je nachdem wie viele Arbeitstage man ihnen aufschrieb. Das notwendige Kleingeld – zum Beispiel für Kleidung oder Schulsachen für Kinder – bekamen sie, indem sie auf dem Markt Produkte aus dem eigenen Hof verkauften (Kartoffeln, Gemüse, Obst, Eier). Auch besaßen sie keine Pässe, die wurden ihnen erst 1974 angeordnet. (Sklaverei auf Sowjetisch, würde ich sagen). Also hatte ich 1971 ebenso keinen Ausweis. Ohne diesen konnte ich jedoch aus dem Dorf nicht weggehen.
Mein Vater setzte sich für mich bei der Kolchosleitung ein und so bekam ich eine Bescheinigung, die besagte, dass es mir erlaubt sei, das Dorf zu verlassen und einen Pass zu beantragen. Erst dann durfte ich aus meinem Geburtsort wegziehen. Weit ging es aber nicht, nur in das zwölf Kilometer entfernte Städtchen Moskalenki, wo ich Abitur gemacht hatte und wo mein neugewonnener Freund als Lehrer arbeitete. Meine Schwester Aneta nahm mich in ihrem winzigen Häuschen auf. Nun musste ich für mich sorgen, ich konnte ja nicht einfach auf Anetas Kosten leben. Sie selbst arbeitete zu dieser Zeit in der Textilfabrik des Ortes als Näherin. Es ist naheliegend, dass sie mir den gleichen Job verschafft hatte.
So fing mein erwachsenes Leben an – mit einer Arbeit, die ich selbst nie gewählt hätte. Das war allerdings nicht das Schlimmste, obwohl ich für Heimarbeiten überhaupt kein Faible hatte. Ich arbeitete in zwei Schichten – eine Woche früh, die andere spät … Aber auch das war nicht das Schlimmste. Viel schlimmer war für mich das Gefühl dabei! Das Gefühl, eingesperrt und genötigt zu sein, diese Arbeit zu verrichten. Sie war nicht einmal schwer, obgleich ziemlich monoton; ich saß an einer Industrienähmaschine und nähte die schon zugeschnittenen Arbeitshosen-Teile zusammen – eine Akkordarbeit, und je mehr ich davon fertigstellte, desto höher war der Verdienst. Nein, sie war nicht schwer, sie war nicht kompliziert, aber sie weckte zum ersten Mal in meinem Leben dieses kaum erträgliche Gefühl, gefangen zu sein, ein Gefühl, das mich später in ähnlichen Situationen immer wieder heimsuchen wird. Es war jeden Tag aufs Neue eine Qual, den ständigen Drang zum Ausbrechen und Wegrennen ertragen zu müssen und nichts dagegen tun zu können. Ich hielt es aus, ich musste es aushalten, denn ich brauchte das Geld.
So ganz nebenbei gesagt (nein, überhaupt nicht nebenbei – es war damals eine Katastrophe für mich!), den Geldbeutel mit meinem gerade ausgezahlten ersten Arbeitslohn hatte ich beim Einkaufen im Lebensmittelladen auf der Theke liegen lassen. Obwohl ich es gleich nach dem Verlassen des Geschäfts bemerkt hatte und zurückging, war er nicht mehr da und die Verkäuferin bestritt es, ihn je gesehen zu haben. Sie gab nicht einmal zu, dass sie mich gerade eben bedient hatte. Mir war klar, dass sie das Geld an sich genommen hatte; beweisen konnte ich es nicht. Pech und Kummer für mich – Freude für sie, die mit einem Mal um 70 Rubel reicher wurde …


• Nähfabrik Nr. 1 in Moskalenki (spätere Aufnahme)

Bis Februar 1972 – ein halbes Jahr – hielt ich es aus, dann gestand ich meinem Liebsten, wie grauenhaft der Job für mich war. Er sagte sofort, ich solle kündigen und bot mir an, zusammenzuziehen. Wir fanden eine kleine Unterkunft bei einem älteren Ehepaar (auch sie brauchten wohl ihr Kleingeld 😉), bestehend aus einem Raum. All-inclusive sozusagen. Zum Heizen und Kochen hatten wir einen Kohleofen in demselben Zimmer. Nicht besonders gemütlich, aber Hauptsache, wir zwei waren zusammen und ich war frei!
Ein paar Monate später begann ich mit meiner Fernausbildung im Technikum für Bibliothekswesen und bekam die Möglichkeit, erste Erfahrungen in diesem (meinem!) Beruf zu sammeln – in der Bibliothek der Schule, wo ich vor einem Jahr noch selbst Schülerin war. Aber das sind wieder andere Wendepunkte und andere Geschichten.

Blog von Rosa Ananitschev: https://rosasblog54.wordpress.com/

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