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Eine schöne Bescherung von Rosemai M. Schmidt

Robbi war ein Boxer. Eigentlich wollten mein Vater und mein Bruder einen Neufundländer vom Züchter mitbringen, doch als sie zurückkamen, brachten sie den winzigen Boxerrüden mit. Ein jämmerlich zitterndes, krankes Bündel, mit dem sie zuallererst zum Tierarzt mussten.
„Wir konnten nicht an ihm vorbei“, entschuldigten sich beide, „alle Hunde waren so schön. Ganz hinten in einem Eckchen kauerte der Kleine. Niemand hat ihn beachtet und er war so allein.“
So erbarmten sie sich und nahmen sich des Welpen an.
Ein Boxer war das Letzte, was ich mir ausgesucht hätte. Das Schwänzchen des armen Würmchens war schon kupiert. Heute macht man so etwas ja glücklicherweise nicht mehr. Aber den Ohren war dieses Schicksal erspart geblieben. Die Spitzen hingen herab, was dem Hundegesicht etwas Rührendes gab. Der flehende Blick der riesigen braunen Augen schien zu sagen: „Bitte habt mich wenigstens ein bisschen lieb.“
Kurz: Es dauerte keine zwei Tage und die Familie war rettungslos verliebt in den kleinen Kerl. Mein Bruder war ihm geradezu verfallen und da Robbi sein Hund war, was er ziemlich schnell raus hatte, folgte er ihm auf Schritt und Tritt. Im Bett schlafen war tabu, kein Wunder, denn meine Mutter war Krankenschwester und stand auf Kriegsfuß mit Keimen und Co.
Ebenso klar war, dass die beiden Welpen – mein Bruder war sieben Jahre alt – nicht nur das Bett, sondern auch Butterbrot und Wurstzipfel teilten … wenn niemand hinschaute.
So sehr meinem Bruder familiäre Pflichten wie Müll rausbringen widerstrebten, so eifrig war er dabei, wenn Robbi Gassi musste. Beim ersten Mal kam er zurück und fragte meinen Vater ganz verwirrt, warum Robbi zum Pippi machen denn hinsitze. Er sei doch offensichtlich ein Rüde und müsse doch das Bein heben.
Er wurde darüber aufgeklärt, dass junge Rüden das so machten. Wenn Robbi erwachsen sei, werde er auch das Bein heben.
Von da ab beobachtete mein Bruder seinen Liebling ganz genau. Und jedes Mal, wenn er vom Spaziergang zurückkam, vermeldete er bedauernd: „Immer noch nicht.“ Robbi setzte sich weiter zum Pinkeln hin und wuchs währenddessen zu einem sehr starken aber ungemein gutmütigen Familienhund heran.

Als Weihnachten herankam, überlegte mein Bruder wochenlang, was Robbi zu Weihnachten bekommen sollte, ob man das Geschenk auch einpacken könne und wenn ja, womit, denn er würde doch sicher kein Goldpapier vertragen. Er machte uns ganz wuschig damit. Und wir zogen ihn damit auf, dass wir ihn fragten, was er denn von Robbi bekommen würde und ob das nicht vielleicht ein Hundehäufchen sein könnte. Er nannte uns doof und meinte, Hunde könnten doch nichts schenken und außerdem wäre Robbi ja selber ein Geschenk.

So kam Weihnachten heran. Die Geschenke lagen unter dem Weihnachtsbaum, auch die Schinkenwurst für Robbi, die Tür war zu und wir warteten, die Instrumente in der Hand auf das Glöckchen. Als es erklang öffnete sich die große Flügeltür und wir sahen den Baum zum ersten Mal. Und auch diesmal war es ‘der schönste Baum, den wir je hatten’. Robbi stand wie erstarrt und konnte das Lichterwunder nicht fassen.
Wir stellten uns zum Musizieren bereit, mein Bruder mit dem Cello, meine Schwester mit der Geige und ich mit der Flöte. Und gerade als wir beginnen wollten zu spielen, erholte sich der Hund, ging vorsichtig zum Weihnachtsbaum, hob das Bein und bescherte den liebevoll angeordneten Geschenken unter dem Baum eine Weihnachtsdusche.
„Er ist erwachsen, er ist erwachsen“, rief mein Bruder begeistert, rannte zu Robbi und belohnte ihn mit Streicheleinheiten für das schönste Weihnachtsgeschenk, das er bekommen hatte.

Mit dem Spielen war es in diesem Jahr nichts. Die Geschenke waren glücklicherweise eingepackt, so dass sich der Schaden in Grenzen hielt. Und seither weiß ich, dass uns Tiere sehr wohl beschenken können.

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