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Ein Weihnachtswunsch – Gastbeitrag von Bernd Debus

Sie küssten sich, während  ihre Hände auf  seinem Rücken lagen…

Das Telefon klingelte.

Max stöhnte, nahm die Finger von der Tastatur, hob den Hörer ab und sagte geistesabwesend: „Ja!“

„Max, bist du das?“ Die Stimme von Lisas Mutter klang irritiert.

„Guten Tag Katrin. Ja mir geht es gut. Nein, du störst nicht. Aber du hast mich gerade aus einer Liebesszene gerissen.“

„Tut mir Leid. Meinst du dein Liebespaar kann warten?“ Katrins Stimme klang leicht amüsiert. „Sorry, ich bin im Stress. Aber deswegen ruf ich nicht an.“

„Sondern …?“

„Lisa hat ein Problem.“

Max schaltete den Bildschirm aus, lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück und platzierte die Füße auf den Schreibtisch. „Leg los!“

„Ihre Lehrerin hat mich angerufen. Lisa hat einen Jungen verprügelt.“

„Na und? Er wird’s wohl verdient haben. Ich hab mich auch in der Schule geprügelt, als ich zwölf war.“

„Meine Tochter prügelt sich nicht! Jedenfalls hat sie das noch nie getan. Ich versteh das überhaupt nicht. Ihre Lehrerin wollte, dass ich komme. Oder Georg. Aber es ist zwei Wochen vor Weihnachten. Ich kann hier nicht weg. Gabi ist krank und ich muss alleine die Stellung halten. Und alle Welt will momentan Bücher kaufen.“ Katrin seufzte. „Und dein Bruderherz ist auf einem Termin und hat sein Handy abgeschaltet. Könntest du das übernehmen?“

Max nahm die Füße vom Schreibtisch und suchte nach seinen Schuhen.

„Wo finde ich Lisa?“

„In der Eingangshalle ihrer Schule. Ihr habt um zwei Uhr einen Termin bei der Schulleiterin.“

„Ist jemand bei ihr? Eine Freundin?“

Katrin seufzte. „Du weißt doch, dass sie keine Freundin hat. Noch so ein Problem.“

Max hörte im Hintergrund das Dingdong, das immer erklang, wenn jemand die Tür der Buchhandlung öffnete.

Er sah auf seine Uhr. „Bis zwei ist es noch eine Stunde. Ich fahr jetzt gleich hin. Vielleicht kann sie mir bis dahin ja erzählen, was los war.“

„Danke“, sagte Lisas Mutter. Max brummte etwas in den Hörer und legte auf.

***

Er brauchte dann doch länger, weil er erst den Schnee vom Auto fegen musste, bevor er losfahren konnte. Und dann fand er an der Schule, die mitten in einem Wohngebiet lag, keinen Parkplatz. Als er das Schultor erreichte, hatte er große Ähnlichkeit mit einem Schneemann. Max fegte sich, so gut es ging, die Flocken von den Schultern, von der Vorderseite seine Jacke und aus den Haaren. Dann drückte er die schwere Holztür auf.

Er fand Lisa, wie verabredet, auf einer Bank in der Eingangshalle. Der riesige Raum war ansonsten verlassen. Unter der Decke hing ein Adventskranz von der Größe eines Wagenrades, an dem zwei Glühbirnen als Kerzenersatz leuchteten. Es roch nach Tannengrün und Putzmittel.

Lisa hatte den Kopf in die Hände gestützt und starrte auf den Fußboden. Erst als sich Max neben sie setzte, blickte sie auf.

„Grün steht dir gut“, sagte er. „Vor allem im Gesicht.“

Lisa streckte ihm die Zunge raus.

„Was war los?“

Sie schwieg.

„Ich werd’s spätestens erfahren, wenn ich mit eurer Direx rede. Aber ich würde lieber vorher deine Version hören.“

Keine Antwort.

„Lisa!“

„Wie gefährlich ist das, wenn man einem Jungen hierhin tritt?“ Sie zeigte dabei zwischen ihre Beine.

„Das kommt ganz darauf an, wie feste der Tritt ist und welche Schuhe derjenige an hat, der tritt. Aber man muss gar nicht feste treten, damit es richtig weh tut…“ Max sah Lisa an, aber die wich seinem Blick aus. „Du hast doch nicht etwa …?“

„Doch, ich hab.“ Lisa schniefte. „Was mach ich denn bloß, wenn der jetzt wirklich verletzt ist?“

Max seufzte. „Weißt du, ob er einen Arzt brauchte?“

Lisa schüttelte den Kopf. „Glaub ich nicht. Er hat nicht geblutet oder so.“

„Dann bin ich ja beruhigt.“ Max gab sich keine Mühe, den Sarkasmus in seiner Stimme zu verbergen. „Sag mal, was hast du dir denn bei der Nummer gedacht?“

Lisa lehnte sich nach hinten, zog die Beine an und umklammerte ihre Knie mit den Händen. „Du hast mir mal gesagt, dass man so was tun darf, wenn ein Mann oder Junge etwas wirklich Schlimmes macht.“

Max nickte.

„Ist es schlimm, wenn ein Junge versucht ein Mädchen auszuziehen, obwohl die das gar nicht will?“ Lisa merkte, dass sie Rot geworden war.

Max blickte jetzt sehr ernst. „In dem Fall war der Tritt verdient. Hat er dich danach in Ruhe gelassen?“

Lisa schüttelte den Kopf. „Nicht mich. Er hat es bei einem Mädchen aus meiner Klasse getan. Und es war echt unfair, weil seine zwei Freunde … die sind total stark und die haben sie festgehalten, während er an ihr rumgefummelt hat.“

„Und daraufhin hast du ihm …“, Max räusperte sich, „… in die Eier getreten?“

„Mhmmm“, machte Lisa.

„Hattest du keine Angst, dass die auf dich losgehen? Immerhin waren sie zu dritt.“

Lisa schüttelte den Kopf. „Da hab ich gar nicht drüber nachgedacht. Ich fand einfach, dass kein Junge so was darf und dann ist mir eingefallen, was du mir mal gesagt hast. Weißt du noch? Als ich dich gefragt habe, wie ich mich wehren soll, wenn mir jemand was tun will.“

Max nickte. „Ja, ich erinnere mich. Das war mutig von dir. Immerhin hätten die zwei anderen sich anschließend dich vorknöpfen können.“

Lisa kicherte. „Die feigen Hunde sind einfach weggelaufen. Tolle Freunde.“

„Und was war mit dem Mädchen?“

„Die musste ganz schnell zu ihrer nächsten Stunde. Und ich auch.“

„Mit anderen Worten, ihr seid abgehauen und habt ihn da liegen lassen.“

Lisa schwieg und blickte schuldbewusst zu Boden.

Max überlegte, was er dazu sagen sollte. Andererseits sah Lisa aus wie das personifizierte schlechte Gewissen. Da musste er nicht noch einen drauf setzen.

Sie lauschten gemeinsam den fernen Geräuschen der Schule. Von irgendwo kam Musik und Stimmengemurmel. Ab und zu schlug eine Tür und der große Zeiger der Schuluhr wanderte jede Minute mit einem lauten Klack weiter in Richtung Zwölf. Beide waren so in Gedanken versunken, dass sie die Bewegung in der Vorhalle gar nicht wahrnahmen.

„Lisa, was machst du denn noch hier?“ Die Frage kam von einem Mädchen, das etwa in ihrem Alter sein musste und die einen Gitarrenkoffer trug.

Lisa sah erschrocken auf und zuckte dann mit den Schultern. „Hallo Mel. Die Direx will mich sehen. Wegen der Sache heute Morgen.“

„Oh!“, sagte das Mädchen. „Dann warte ich mit dir. Außerdem will ich auch die Direx sehen.“ Sie setzte sich neben Lisa auf die Bank.

„Hattest du noch Gitarre?“

„Wir üben für das Weihnachtskonzert. Musik-Müller hat nur rumgemeckert. Aber ich wollte ihm nicht erklären, warum ich heute andauernd daneben gegriffen hab.“

„Geht ihn auch nichts an.“ Lisa machte eine Pause. „Was willst denn du bei der Direx?“

„Erstens dafür sorgen, dass du nicht noch Ärger kriegst, weil du mir geholfen hast. Und zweitens …“, das Mädchen suchte in ihrer Schultasche und zog dann ein Smartphone mit mattschwarzem Gehäuse heraus, „… zweitens will ich ihr das hier geben.“

„Dein Phone? Wieso das denn?“

„Nicht mein Phone. Das ist Sebastians Handy. Er hat es fallen gelassen, als du ihn ….“ Sie stockte und warf einen Seitenblick auf Max, der so tat, als würde er nicht zuhören. Sie stupste Lisa an und tuschelte dann in ihr Ohr: „Wer ist das? Dein Vater?“

Lisa kicherte und tuschelte zurück: „Das ist mein Onkel. Er weiß, was passiert ist.“ Dann wandte sie sich an Max: „Das ist Melanie. Sie ist das Mädchen, wegen dem ich dem Jungen … na du weißt schon.“

Neben ihnen öffnete sich ein Tür und eine Frau sah über ihre Lesebrille hinweg Max an: „Kommen Sie dann bitte rein.“ Lisa schluckte. Melanie stand mit ihr auf und legte ihr beruhigend den Arm um die Schulter.

***

„Es fehlte nur noch, dass sie dich abgeknutscht hätte.“ Lisa saß an dem runden Tisch in Maxs Büro und imitierte die Schulleiterin: „Ach, Sie sind der Max Westerholdt, der die Jugendbücher schreibt! Ich wusste gar nicht, dass Lisa Ihre Nichte ist. Ich habe alle Ihre Werke gelesen und wir setzen sie auch sehr erfolgreich im Unterricht ein.“ Lisa bekam einen Lachanfall und konnte sich gar nicht mehr einkriegen.

„Tja“, sagte Max. „Das ist halt mein besonderer Charme. Immerhin hab ich dir damit den Hintern gerettet. Ich glaube, die Direx hatte fest vor, dich zu grillen. So wie die am Anfang geguckt hat.“

Lisa grinste. „Nicht du hast mich gerettet, sondern Melanie. Wenn sie Sebastians Phone nicht eingesteckt hätte und wenn der nicht so frech gewesen wäre damit zu filmen, während er an ihr rumgemacht hat … Seinen Hintern kannst selbst du nicht mehr in Sicherheit bringen.“

„Da hätte ich auch kein Interesse dran“, sagte Max. „Wo wart ihr beide, du und Melanie, eigentlich hinterher so lange verschwunden? Deine Mutter war ganz entsetzt, als ich ihr gebeichtet habe, dass du nicht mit mir nach Hause gefahren bist.“

Lisa schaute zum Fenster hinaus: „Och, wir waren im Park. In diesem Pavillon am Ententeich. Wir haben nur ein bisschen geredet.“

„Drei Stunden lang? Habt ihr nicht gefroren?“

Sie zuckte mit den Schultern und sah wieder in ihr Englischbuch.

Max ließ die Tastatur klappern, blieb aber nach einer halben Seite stecken und holte sich erstmal einen Kaffee aus der Küche. Als er zurückkam, kaute Lisa auf ihrem Stift herum und starrte schon wieder aus dem Fenster, obwohl es dort gar nichts mehr zu sehen gab. Es war bereits vor zwei Stunden dunkel geworden.

Max stellte sich an die Scheibe und blickte hinaus. „Was siehst du?“, fragte er.

„Sie hat gesagt, dass wir Freundinnen sind“, sagte Lisa.

„Wer?“

„Melanie. Sie ist jetzt meine Freundin. Ich hab eine Freundin.“ Lisa quiekte und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund.

„Und, freust du dich?“

Statt einer Antwort brachte sie wieder nur einen Laut hervor, der sich anhörte, als würde man ein Meerschweinchen ein kleines bisschen zu feste knuddeln und lief dann feuerrot an.

„Was wünschst du dir eigentlich zu Weihnachten?“, fragte Max, um Lisa aus ihrer Verlegenheit zu helfen.

Die wühlte unter dem Tisch in ihrer Schultasche und zog ein Klemmbrett hervor. Sie klappte es auf und suchte darin herum. Schließlich nahm sie ein ganzes Bündel vollgekritzelter Seiten aus der Halterung und breitete sie auf dem Tisch aus. „Es muss hier sein“, murmelte sie. „Ah!“ Sie griff nach einem zusammengefalteten Blatt und gab es Max. „Ich hab alles aufgeschrieben. Aber du musst die anderen fragen, was sie mir schenken, damit nichts doppelt ist.“

Max betrachtete sie amüsiert. Lisa glühte. Aber das Glühen war jetzt mehr Golden als Rot, wenn man so was in Farben ausdrücken konnte. „Weist du was“, sagte er, „so wie ich das sehe, wird das mit deinen Englisch-Hausaufgaben heute sowieso nichts mehr. Ich schreib dir eine Entschuldigung. Aber nur ausnahmsweise. Und ich komm auch nicht weiter. Wie wär’s, wenn wir zusammen einen Film gucken?“ Er sah auf die Uhr. „Die Zeit reicht gerade noch, bis deine Eltern zu Hause sind und bis Jana von der Arbeit kommt.“

Lisa nickte und presste ganz fest die Lippen zusammen, um ja nicht noch einmal zu quieken.

***

Als Max später am Abend Lisas Wunschzettel auseinanderklappte, fiel etwas heraus. Es war ein Blatt Ringbuchpapier, so oft geknickt, dass man es unter einer Streichholzschachtel hätte verstecken können. Neugierig faltete er die Seite auseinander und strich sie mit der Handfläche glatt. Oben stand in verschnörkelter Schrift: ‚Lisas geheimer Wunschzettel’. Darunter wiederholte sich, bis das Blatt voll war, immer wieder der gleiche Satz: ‚Ich wünsche mir eine Freundin’.

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