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Ein Moment – Gastbeitrag von Joana Peter

“Ein Moment, den ich gerne in der Zeit eingefroren und für immer behalten hätte, trug sich vor nicht allzu langer Zeit zu.

Er ist gleichermaßen traurig und schön zugleich, und so manch einer der sich mit dem Thema Demenz auseinander setzen muss, findet sich vielleicht darin wieder.

Ich besuchte meine Großmutter, die nun im stolzen Alter von 90 Jahren an Demenz erkrankt ist.

Was als vermeintliche liebenswürdige Schusseligkeit des Alters wegen begann, wurde recht schnell zu einer Demenz wie sie im Buche steht.

Ihren Sohn – meinen Vater – erkennt sie mehr, meinen Namen hingegen weiß sie noch, ebenso erinnert sie sich an wichtige Momente aus unserer gemeinsamen Zeit, die mir nun so viele Jahre später umso mehr am Herzen liegen.

Jeder Anruf ist eine Herausforderung – wird sie sich an mich erinnern?

Geht es ihr gut, oder fühlt sie sich einsam weil sie sich an die Besuche nicht mehr erinnern kann?

Vermisst sie ihre Reisen um die Welt, ist ihr bewusst dass nun genau der Fall eingetreten ist, vor dem sie immer die größte Angst hatte?

Schon seit Langem habe ich keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern, auch das weiß sie nicht mehr. In all der Herzlosigkeit war sie schon immer die eine Ausnahme, die mich noch an das Gute in Menschen hatte glauben lassen, die Fürsorge die jedes gesunde Kinderherz brauchte.

Bei meinem Besuch sprach ich mit ihr darüber. Sie hatte einen guten Tag, erinnerte sich an Vieles, ich konnte mit ihr über komplizierte Dinge sprechen, wohl wissend dass sie sich morgen schon nicht mehr würde erinnern können.

Über die zerbrochene Familie, das ungesehene Leid in all den Jahren – und eine Diagnose, die nach uber zwanzig Jahren erklärte, weshalb ich aufgegeben wurde als ich gerade einmal fünf Jahre alt war.

Sie verstand.

Ich hatte immer Angst vor dem Gespräch, denn selbst für Ärzte ist es kein einfaches Thema, und in meiner Familie zählten seit jeher nur Leistungen und der äußere Eindruck.

Aber trotz ihrer Erkrankung, trotz ihres Alters, trotz allem zeigte sie mir, dass es so in Ordnung ist.

Ob ich trotzdem glücklich sei, fragte sie mich.

Ja, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Dass sie mich, hätte sie es nur damals schon gewusst, bei sich aufgenommen und selbst großgezogen hätte, sagte sie.

Mir fehlten die Worte.

Sie weiß nichts mehr von diesem Gespräch.

Dass ich anders bin, irgendwie kaputt, aber trotzdem in Ordnung, das merkt sie sicherlich trotz allem.

Diesen einen Moment des unerwarteten Verständnisses würde ich gern in der Zeit anhalten, wieder und wieder erleben können, und vor allem dieses Gefühl an andere weitergeben können.”

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