„Zwei gute Karten“ von Carmen Schmidt
Dieser Morgen war sonnig und klar. Dora Jansen blinzelte verschlafen in die Wintersonne, als sie die Sonntagszeitung aus dem Briefkasten nahm. Sie fühlte sich verkatert, mit Kopfschmerzen und leichtem Schwindelgefühl.
Bis in die frühen Morgenstunden hatte das Ehepaar Jansen mit seinen Freunden die fertige Renovierung des Bauernhofes gefeiert.
Es war ein herrliches Fest gewesen. Tagelang hatte Dora vorher in der Küche die Vorbereitungen für das Buffet getroffen. Sie backte und kochte für ihr Leben gerne, was man ihrer rundlichen Figur ansah. Verlockende Essensdüfte zogen in Schwaden durch das ganze Haus. Es duftete nach gebratenen Hackbällchen, verschiedenen Fischsorten, Currygerichten, würzigen Suppen, Saucen und dem unwiderstehlichen Aroma von geschmolzener Schokolade.
Rolf Jansen zog es immer wieder in die Küche. „Darf ich mal probieren?“ fragte er fast flehentlich. „Untersteh dich“, Dora schwang drohend ihren Kochlöffel. „Dann bleibt für unsere Gäste nur ein kleiner Rest.“ Sie lächelte und sah ihn dabei an. „Wie gut er wieder aussieht“, dachte sie liebevoll und rührte eifrig in der Tomatencremesuppe. Ihr Ehemann war groß, stattlich, mit breiten Schultern, an die sich Dora gerne anlehnte.
Die gesunde Gesichtsfarbe verdankte er seinen Hobbies Fußball und Angeln. Seit einigen Jahren plagten ihn
Schmerzen in den Knien. Aktiv spielen konnte er nicht mehr,
aber er unterstützte seine Mannschaft bei jedem Heimspiel und sah oft beim Training zu. Seine dritte Leidenschaft war gutes Essen. „Du kochst phantastisch. Wie das riecht! Wir beide müssen am Sonntag ordentlich Rad fahren, damit wir nicht ganz aus dem Leim gehen.“ Dora nickte. Sie schien von innen zu leuchten. Für ihre Freunde zu kochen bedeutete für sie doppelte Freude.
Das Ehepaar Jansen hatte sich viel Mühe mit den Vorbereitungen gegeben. Die Türen waren ausgehängt, so dass die Gäste frei von einem Raum zum nächsten schlendern konnten. Das üppige Buffet war auf einem langen Holztisch in der Küche aufgebaut. Alle langten kräftig zu, luden sich immer wieder die Teller voll. In allen Räumen standen Zimmerpalmen und Orangenbäumchen in Kübeln, auf den Tischen bunte Blumensträuße. Sofas und Sessel umrahmten eine freigeräumte Tanzfläche auf der Diele. Rolf hatte seine Musikanlage aufgebaut und spielte den DJ. Schnell legten die ersten Tanzwütigen los. „Wir müssen die angefutterten Kalorien wieder loswerden“, rief einer. Alle lachten. Die Fröhlichkeit der Tanzenden schwappte wie eine Welle in die anderen Räume, steckte alle an. Bald war das ganze Haus erfüllt von Gelächter. Endlich konnte Dora wieder das Tanzbein schwingen. Sie hätte gerne öfter getanzt, doch Rolf liebte die Gemütlichkeit zu Hause über alles. Als Belohnung für die Strapazen der Renovierung gönnte er sich einen großen Flachbildschirm. Für Dora sprang dabei ein rotes Designersofa mit passenden Sesseln heraus.
Die meisten ihrer Gäste kannten sich schon lange, doch ihr alter Freund Hermann Oppermann war zum ersten Mal mit seiner jungen Freundin erschienen.
Alle beobachteten das ungleiche Pärchen verstohlen. Die beiden blieben bis zum Schluss. „Ihr könnt gerne unsere Räder nehmen. Wir haben sie vorhin an den Zaun gekettet für den Fall, dass jemand nicht mehr Auto fahren möchte“. Hermann wollte schon ablehnen, da sah er das freudige Aufblitzen in den Augen seiner Freundin: „Toll, dann können wir noch eine Fahrrad-Nachttour machen.“ Innerlich seufzte der ältere Mann. So eine junge Freundin strengte doch sehr an. Erst musste er mit ihr bis zum Umfallen tanzen, dann auch noch nachts Rad fahren. „Na gut, dann bringen wir sie morgen zurück“, sagte er. Eigentlich sehnte sich nur nach seinem gemütlichen Bett, und zwar alleine.
Doch er hatte Glück: die Räder waren verschwunden.
Nur zwei aufgebrochene Kettenschlösser baumelten noch am Zaun. „So ein Mist“, schimpfte Rolf. „Dann muss ich morgen als Erstes Anzeige erstatten.“ Der nette Abend endete mit einem Missklang.
Am nächsten Morgen kniff Dora die Augen zusammen, riss sie auf und blickte ungläubig zum Gartenzaun. „Rolf“, rief sie aufgeregt. „Komm schnell her. Unsere Räder sind wieder da.“
Rolf rannte in Pantoffeln und Bademantel zum Zaun. „Tatsächlich, das sind sie. Und da steckt ein Brief im Fahrradkorb.“ Dora fischte ihn heraus und las laut vor:
„Liebe Jansens, bitte entschuldigen Sie, dass wir Ihre Räder ausgeliehen haben. Meine Freundin musste unbedingt den letzten Bus zum Hauptbahnhof erwischen. Das war zu Fuß nicht mehr zu schaffen. Sonst hätte es Ärger mit ihren Eltern gegeben. Deshalb haben wir Ihre Räder genommen. Ich habe sie heute Nacht noch zurückgebracht.
Als Entschuldigung schenken wir Ihnen zwei Logenkarten für die Premiere des neuen „Tatorts“ am Samstagabend. Wir wünschen Ihnen viel Spaß dabei.“
„Ach Rolf, das ist doch eigentlich süß, eine junge Liebe. Wir waren so lange nicht im Kino. So gute Karten und dann noch „Tatort“. Lass uns hingehen“. Rolf brummelte vor sich hin. „Das kann ich später auch im Fernsehen gucken. Aber meinetwegen. Ist ja sowieso Fußball-Winterpause. Da können wir auch ins Kino gehen.“
Doras Augen strahlten. „Endlich unternehmen wir was Schönes an einem Samstagabend.“ Sie gab Rolf einen dicken Kuss und überlegte, was sie wohl anziehen könnte. Eine Premiere war schließlich etwas Besonderes. Vielleicht sogar ein langes Kleid?
Am Samstagabend fuhren die beiden wie geplant ins Kino. Dora staunte. Wie lange waren sie nicht hier gewesen, hatten ihre Abende zu Hause vor dem Fernseher verbracht. Schon in der Eingangshalle umfing sie die besondere Atmosphäre einer Premiere. Gut gekleidete Menschen standen mit einem Glas Sekt in der Hand im Foyer und diskutierten über den Film, den sie gleich sehen würden. Sogar einige prominente Schauspieler posierten vor einer Bilderwand für die Fotografen. Sie lächelten unentwegt, auch, als die Autogrammjäger sie fest umzingelten. Dora erkannte die beiden „Tatort“ Darsteller aus Bremen sofort.
Aus der Nähe sieht der Kommissar noch besser aus als im Fernsehen. Aber die Kommissarin hat sich liften lassen, das sieht man doch. Naja, die muss ja auch was tun für ihr Aussehen. Ist bestimmt nicht leicht zu altern, wenn man Schauspielerin ist. Da haben wir Normalfrauen es doch leichter.
Sie genoss jede Minute des Abends. Als sie neben Rolf auf dem ausgerollten roten Teppich in den ersten Stock ging, fühlte sie sich selber wie ein Filmstar. Sie merkte, wie sich ihr Gang veränderte. Dora ging nicht einfach, sie schritt an Rolfs Arm zum Kinosaal. Typischer Popcornduft wehte ihnen entgegen. Rolf überreichte ihr eine große Tüte Popcorn und eine Cola im Plastikbecher. „Wie damals als Teenager“, lächelte er. Dora strahlte ihn glücklich an.
Er ließ sich von ihrer Freude anstecken und hielt während der ganzen Vorstellung ihre Hand. Wider Erwarten gefiel ihm der Film sogar. Hinterher ließ er sich dazu überreden, mit seiner Frau schick essen zu gehen. Gut gelaunt kam das Ehepaar Jansen gegen Mitternacht zurück.
Das war ein gelungener Ausflug ins Nachtleben gewesen. Rolf stutzte. „Was ist das denn? Das Licht in der Auffahrt geht nicht an. Da haben die Elektriker wohl gepfuscht. Gut, dass ich die Rechnung noch nicht bezahlt habe.“
Er fuhr mit Schwung vor die Garage und hielt Dora die Tür auf. „Bitte sehr, die Dame. Du kannst schon vorgehen, ich bringe nur den Wagen ins Bett, dann komme ich nach.“ Dora kicherte. Sie kramte in ihrer Handtasche nach den Schlüsseln und steckte sie ins Schloss. „Warum klemmt das heute so komisch? Und die Dielenbeleuchtung geht auch nicht.“ Ein ungutes Gefühl beschlich sie, ihr Magen verklumpte sich zu einem dicken Knoten. Unwillkürlich hielt sie die Luft an und ging vorsichtig zur Wohnzimmertür. Als Rolf das Haus erreichte, hörte er den Schrei seiner Frau. Er rannte zum Wohnzimmer, wo sie noch immer wie festgenagelt in der Tür stand. Beide starrten fassungslos in die totale Leere. Der neue Flachbildschirm, die Stereoanlage, die Möbel – alles weg.
Vor Rolfs Augen drehte sich plötzlich alles. Ganz langsam, wie in Zeitlupe, wurden seine Knie weich wie Pudding und knickten ein. Dann fiel er ins Schwarze.
Dora fasste sich schneller. „Dann muss ich wohl Anzeige erstatten“, sagte sie und schnappte sich ihr Handy.
Die Polizei ließ nicht lange auf sich warten. Kommissar Hansen nahm ihre Aussage auf. Die Spurensicherung untersuchte gründlich alle Räume.
Rolf kam wieder zu sich, sah sich erstaunt um. „Was ist passiert?“ fragte er. „Die Fahrraddiebe haben uns
ausgeräumt, während wir im Kino waren“, erklärte Dora und strich ihm liebevoll über den Kopf. „Keine Sorge, die schnappen wir bald“, Kommissar Hansen versuchte zu trösten.
Rolf grinste: „Bestimmt. Dora, ich wollte dir eigentlich erst morgen meine Überraschung zeigen. Nun muss ich es jetzt erzählen. Wir sind seit gestern Besitzer einer Überwachungskamera. Das ist jetzt unser zweites Auge, mit dem wir besser sehen. Ich habe sie heimlich installiert und ausprobiert. Bevor wir ins Kino fuhren, habe ich sie eingeschaltet. Diesmal haben wir die guten Karten.“
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