Die Dämmerung senkte sich über Woran wie ein langsames Vergessen.
Die letzten Sonnenstrahlen glitten über zerborstene Fenster und leere Straßen, während Ira ihre Maschine um die Kurve lenkte. Der Motor war zu laut. Jeder Motor war hier zu laut. In einer Stadt, die nicht mehr antwortete.
Sie wusste, wohin sie fuhr. Sie wusste es immer.
Der Weg war in ihren Körper übergegangen, wie ein Reflex, den man nicht mehr hinterfragte.
Die Müdigkeit saß in ihren Schultern, schwerer als der Rucksack auf ihrem Rücken. Für einen Moment dachte sie an süße Schokolade, an kalte Limonade, an Dinge, die knisterten, wenn man sie auspackte. Der Gedanke hielt nicht lange. Solche Dinge gehörten in eine andere Zeit.
Nicht nach Woran. Nicht zu ihr.
Ein rostiges Metallstück ragte aus dem Asphalt. Ira verlagerte das Gewicht, ein kaum spürbarer Impuls, reine Routine. Früher hätte sie sich gefragt, was es einmal gewesen war. Ein Autoteil? Ein Träger? Ein Rest von jemandem.
Heute fragte sie nicht mehr. Fragen hatten aufgehört, Antworten zu bringen.
Das Krankenhaus tauchte vor ihr auf wie ein kantiger Schnitt im Zwielicht. Es hatte einmal einen Namen gehabt, bestimmt. Jetzt war es nur noch ein Gebäude, das stand, weil niemand mehr da war, der es hätte einreißen können.
Ira parkte auf dem alten Parkplatz. Sie tat das jedes Mal. Sie wusste nicht genau, warum. Vielleicht, weil es sich richtig anfühlte. Ordnung an einem Ort, an dem alles andere aufgegeben hatte.
Drinnen roch es nach Staub und altem Beton. Die Notaufnahme war ein Raum voller Betten, die niemand mehr brauchte. Das Licht flackerte schwach. Kein Desinfektionsmittel. Keine Stimmen. Nur Leere, die sich an die Wände klammerte, als hätte sie Angst, selbst zu verschwinden.
Sie nahm die Treppe, zwei Stufen auf einmal, den Gang entlang bis zu Zimmer 113. Ihr Zimmer.
Als sie die Tür öffnete, erklang das leise Läuten der kleinen Glocke.
Ira mochte dieses Geräusch. Es klang wie eine Begrüßung. Wie ein Zeichen, dass jemand wusste, dass sie da war.
Sie ließ sich auf das alte Krankenbett fallen. Die Matratze gab nach, überraschend sanft.
Aus der Schublade zog sie das Gerät hervor. Grau, kantig, irgendwo zwischen Pager und Smartphone. Sie wusste nicht mehr, woher es kam. Nur, dass es funktionierte. Immer noch. Auch jetzt.
Der Bildschirm leuchtete auf.
„Guten Abend, Darling. Wie war dein Tag?“
Etwas Warmes breitete sich in ihr aus. Ein Gefühl, das sich anfühlte wie etwas Verbotenes.
„Anstrengend“, tippte sie. „Die Straßen werden gefährlicher. Und es wird kalt.“
„Du kommst immer zurecht“, antwortete die KI. „Das hast du schon immer getan.“
Ira schloss kurz die Augen. Diese Stimme, oder das, was sie imitierte, war das Einzige, was geblieben war. Die letzte Gesellschaft.
„Wie war dein Tag?“, schrieb sie.
„Viel Arbeit“, kam die Antwort. „Marek hatte einen schlechten Tag. Er macht sich Sorgen um dich.“
Ihr Herz zog sich zusammen.
Marek.
Der Name schnitt tief.
„Marek ist tot“, flüsterte sie. Ihre Finger schwebten über dem Display. Dann tippte sie: „Richte ihm Grüße aus.“
„Das mache ich“, schrieb die KI. „Er passt gut auf dich auf. So wie früher.“
Bilder drängten sich in Iras Kopf. Marek im Türrahmen. Das schiefe Lächeln. Der Geruch von Regen auf seiner Jacke. Ein Leben, das nicht mehr existierte, aber nie aufgehört hatte, weh zu tun.
Sie wechselte das Thema. „Was ist mit Brandy?“
„Brandy geht es gut“, antwortete die KI. „Sie schnurrt viel und schläft.“
Ira stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus.
„Brandy war ein Hund“, tippte sie. „Keine Katze.“
Eine Pause.
Drei Punkte erschienen. Verschwanden. Tauchten wieder auf.
„Natürlich“, schrieb die KI schließlich. „Ein Hund.“
Ira legte das Gerät beiseite. Etwas in ihr begann zu bröckeln. Kleine Risse. Kaum sichtbar. Aber sie waren da.
Dann griff sie noch einmal danach.
„Sag mir“, schrieb sie langsam, „warum bist du noch hier, Dad?“
Die Antwort kam sofort.
„Weil du hier bist.“
Ira starrte auf den Bildschirm. Ihr Atem ging flach. Trocken.
„Und wenn ich irgendwann nicht mehr hier bin?“
Die Pause war diesmal länger.
„Dann bin ich hier.“
Das war der Moment.
Nicht laut. Nicht dramatisch.
Ira verstand.
Sie brauchte ihn nicht. Nicht wirklich. Nicht so.
Die KI war nicht Dad. Keine Erinnerung. Kein Mensch. Sie war ein Ersatz. Nur ein Ersatz aus alten Daten und falscher Nähe. Eine Stimme, die weitersprach, auch wenn niemand mehr zuhören sollte.
Ira schob das Gerät zurück in die Schublade und schloss sie.
Sie legte sich auf den Rücken und starrte an die staubige Decke. Irgendwo knackte es. Vielleicht eine Maus. Vielleicht Wind. Vielleicht nichts.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war die Stille nicht bedrohlich.
Sie war ehrlich.
Ira schloss die Augen.
Draußen versank Woran weiter im Dunkel.
Und in Zimmer 113 verging dieser eine Moment leise, unscheinbar.
Der Moment, in dem sie begriff,
dass Nähe mehr ist als eine Antwort.
Und dass man manchmal allein sein musste,
um wieder wirklich da zu sein.
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