Immerzu roch es nach Pferd. Mittlerweile störte es ihn nicht mehr. Bauernhofdüfte waren sowieso nichts Ungewöhnliches. Doch die Zeit auf dem heimischen Hof war lange her. Damals hielten ihn nicht die Pferde warm. Jetzt waren sie in der Nacht seine Familie. Das Haus der polnischen Bauernfamilie durfte er nicht betreten.
Vor fünf Jahren, im Alter von zehn, hatte Richard das letzte Mal Schuhe getragen. Als die Russen kamen, packte seine Mutter schnell. Ungewissheit, Trauer und Angst hatten ihn wahnsinnig gemacht, als sie mit wenig Hausrat gingen. Sie waren nicht die Einzigen. Im Schutz des Menschenzugs fühlte er sich wohler. Als die Front näher rückte, verloren sie sich in einer Massenpanik. Weit waren sie nicht gekommen.
Seitdem war er hier gestrandet – ein ganzes Drittel seines kurzen Lebens. An seinem ersten Tag sagten sie: „Der Hitlerjunge hatte jetzt lange genug Speck und Butter – soll er mal zeigen, was er arbeiten kann.“
Wenigstens wusste er schon, wie man auf einem Hof anpackte. Meistens lief es gut, manchmal schlief er hungrig ein. Sie zogen ihre Familie vor. Irgendwie verstand er es.
Am Anfang stand der Krieg. Der war an allem schuld. Als er vier war, wurden sie von polnischen Deutschen zu Reichsdeutschen. Noch immer sah er, wie der dürre Mann in viel zu großer Uniform vom Hof stakste. Hatte er damals Stolz für den kostümierten Mann empfunden?
Er sagte sich, wenn sein Vater zurückkehrte, würde es wieder normal. Seine große Schwester ging mit ihrem polnischen Verlobten weg. Jahre waren vergangen, seit er seine Mutter gesehen hatte. Hoffnung sah er nicht mehr.
War er der einzige Überlebende – Vati totgeschossen, Mutter und Schwester erfroren oder verhungert? Doch diese Bilder verdrängte er.
Allein war er zum Hof seiner Eltern zurückgekehrt. Dort erwarteten ihn nur die schnatternden Gänse. Er bettelte am Straßenrand. Einer der Polen nahm ihn mit. Für Arbeit sollte er nun Essen bekommen.
Von Zeit zu Zeit kam ein kleiner Laster vom Roten Kreuz. Er wusste, dass sie immer nach ihm fragten. Ob seine große Schwester ihn suchte? Mit ihrer deutschen Familie wollte sie wohl nichts mehr zu tun haben.
Er räkelte sich im Stroh zwischen den Pferden. Weiter hinten raschelte es. Das war das Schöne hier: Zwischen den Pferden ließen einen die Nager in Ruhe. Sein Magen knurrte. Hoffentlich gab es heute Essen.
Bald musste er aufstehen. Das weite Tor zur Scheune wurde aufgeschoben. Es krachte immer wieder durch den Wind gegen die Wand. Als das Licht ihn traf, war er hellwach.
Niemand musste ihm noch sagen, was zu tun war. Früher hatte er Schläge bekommen, wenn er nicht sputete. Aber er vernachlässigte seine Pflichten nie, und auch ihr Hass war weniger geworden.
Am Pferderücken drückte er sich hoch und streckte sich. Er rieb sich mit seinen dreckigen Fingern das Gesicht und schnalzte mit der Zunge. Die Pferde standen nach und nach auf, kannten den Ablauf. Immer wieder streichelte er sie zur Beruhigung.
Er schnalzte noch einmal, und die Pferde trabten langsam hinaus. Auf einem Pfad zwischen den Häusern ging es vom Hof. Den nassen, kalten Erdboden fühlte er nicht mehr unter seinen nackten Sohlen.
Am Himmel rasten unheilvoll graue Wolken, und es sah nach Regen aus. Lärm von Gänsen und Hühnern, Gerede hallte von den anderen Höfen herüber. Er verstand ein wenig, hatte Polnisch aber nie richtig gelernt. Seine Schulzeit war lange vorbei.
In der Ferne wiegten sich die Pappeln im eisigen Wind, der auch an seiner alten Jacke riss. Er hatte einmal eine Grippe gehabt. Das war das einzige Mal gewesen, dass er im Haus hatte schlafen dürfen.
Als sie an der Wiese ankamen, öffnete er das Gatter, und die Pferde eilten auf ihr Reich. Einige grasten sofort. Andere hüpften und spielten. Ihre Freude war auch immer seine Freude. Er kannte den Leithengst gut, sah ihm an, wenn er einen schlechten Tag hatte.
Einige Zeit blieb er immer noch hier bei den Pferden und setzte sich ins Gras. Manchmal kam jemand vorbei und brachte ihm etwas zu essen, das war aber selten.
Der Leithengst trabte nun zu ihm herüber, sein braunes Fell glänzte. Er wieherte leise und senkte seinen Kopf zu Richard hinab. Er hob die Hand und streichelte seine Stirn, flüsterte: „Was ist denn?“
Und der Hengst antwortete: „Es ist Zeit, sich zu verabschieden.“ Überrascht riss Richard die Augen auf.
Der Hengst sprach weiter: „Lange Jahre hast du dich gut um uns gekümmert, dafür bin ich dankbar. Doch nun kommt eine Zeit des Reisens. Geh zurück auf den Hof und sieh, wer dort auf dich wartet, bevor die anderen sie wegschicken. Dir ist es erlaubt, weiterzuleben. Du wirst dieses Land verlassen und niemals zurückkehren, deine Heimat woanders finden und dort ein langes Leben mit schwierigen und glücklichen Momenten leben.“
Der Hengst trabte zurück zur Herde. Richard musste lachen. War das wirklich passiert?
Neugierig war er nun trotzdem. Er winkte den Pferden zum Abschied. Eiligen Schrittes lief er zurück zum Hof. Konnte die Einbildung eine Vorahnung sein?
Zurück auf dem Hof sah er, wie das Bauernpaar mit einer Frau diskutierte. Auch der weiße Laster des Roten Kreuzes war da.
Für einen Moment blieb er stehen, beobachtete die Situation. Trotz zusätzlicher Falten erkannte er die Frau. Die Bauern blickten etwas missbilligend zu ihm herüber. Sein Herz raste bereits – ihre Blicke nahm er nicht mehr wahr. All die Hoffnung, die er verloren hatte, als er damals im Haus seiner Eltern so lange wartete, kam zurück. Sie deuteten auf ihn, doch es erschien ihm nicht mehr notwendig. Ein unsichtbares Band legte sich um die Frau und ihn. Er rannte los, noch ehe sie sich zu ihm umgewandt hatte. Tränen liefen ihm über die Wangen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie pessimistisch er geworden war. Kurz bevor er auf sie zustürzte, erkannte auch die Frau ihn, und ihr Gesicht zeigte Erleichterung. Dann lagen sie sich in den Armen. Vielleicht hatte sie ihn nicht sofort erkannt. Sie hatte ein Kind verloren und einen jungen Mann wiedergefunden.
Das polnische Paar stand zuerst noch etwas verschüchtert daneben. Dann schlug der Mann Richard auf die Schulter und sagte: „Tschetsch“, und sie gingen ins Haus.