Warum Jörn Clingelmann die Kamellen nicht mehr schmeckten
von Bernd Debus
„Kamelle, oder du bist tot!“ Jörn Clingelmann sah sich erschrocken um und wäre fast von der Laufplanke in der obersten Etage des Prunkwagens der Colonia abgerutscht.
Vor ihm stand ein Knirps im Cowboy-Kostüm und zielte mit einem Spielzeugrevolver auf ihn. Zehn oder elf Jahre alt, schätzte Clingelmann.
Noch zwei Stunden bis zum Zug. Clingelmann hatte jetzt keine Zeit für Kinder.
„Wie kommst du denn hier hoch?“, fragte er. „Und außerdem, du hast hier nichts verloren. Abzug! Aber dalli!“
Der Junge reagierte nicht auf diese Ansage. Jedenfalls nicht so, wie Clingelmann sich das vorgestellt hatte. „Flossen hoch, Opa!“ sagte er. „Oder es kracht!“
Die Anrede ‚Opa‘ ging Clingelmann quer. Er war gerade vor drei Wochen fünfundvierzig geworden und seine Tochter würde sich mit den Enkelkindern hoffentlich noch etwas Zeit lassen. Sah er wirklich so alt aus? Er fuhr sich durch das schon etwas schüttere Haar.
Die Sonne ging hinter ihm auf und schien durch das offene Hallentor. Er fühlte die Wärme auf seinem Rücken. Die Hand des Cowboys, die den Revolver hielt, zitterte.
„Jetzt mal nicht so aufgeregt“, versuchte Clingelmann den Kleinen zu beruhigen. „Ich bring dich an der Security am Tor vorbei und nachher holst du dir deine Kamellen beim Zug ab. – Okay?“
„Kamelle! Jetzt! Sofort!“, verlangte der Junge und nahm seine linke Hand zur Hilfe, um den Revolver zu stützen.
Clingelmann wusste, wie anstrengend es schon war, eine kleine, kurzläufige Pistole längere Zeit am ausgestreckten Arm zu halten. Das regelmäßige Schießtraining gehörte zu seinem Job bei der Kripo. Der Revolver des Jungen war aber bestimmt doppelt so lang wie die Walther der Polizei. Konnte ein Plastikteil wirklich so schwer sein, dass der Junge zwei Hände brauchte, um das Spielzeug zu halten?
Noch eindreiviertel Stunde bis zum Zug.
Die Sonne war ein paar Grad höher gestiegen und beleuchtete jetzt, statt Clingelmanns Rücken, den kleinen Cowboy. Der Kamellenmeister der Colonia betrachtete die mattsilberne Waffe des Kindes. Vorbild war wohl eine ‚Smith & Wesson No 3‘ aus der Zeit des Wilden Westens gewesen. Ein wahres Monstrum von Revolver. Kaliber 44, wenn er sich richtig erinnerte. Ganz sicher war er nicht. Die gängigen Waffentypen hatte er gelernt zu unterscheiden. Aber bei Antiquitäten wurde es schwierig.
„Was ist jetzt?“, meldete sich der Cowboy wieder. „Rück endlich die Kamellen raus!“
Clingelmann betrachtete den Revolver des Jungen etwas genauer. So bei Sonnenlicht betrachtet, sah der gar nicht mehr nach Plastik aus. Links und rechts des Laufes konnte er jeweils in zwei der Kammern sehen. Darin steckten Patronen. – Patronen in einem Spielzeugrevolver?
„Kann ich deinen Revolver mal ansehen?“ Clingelmann bemühte sich um einen möglichst gelassenen Tonfall.
„Nöö“, sagte der Junge. „Das ist meiner. Hab ich ganz alleine gefunden. Bei mein Opa auf ‚em Dachboden.“
Dann sah Clingelmann mit Entsetzen, wie der Cowboy versuchte den Abzug zu drücken. Aber der rührte sich nicht. Waffenkunde. Kapitel: ungewöhnliche Waffen. Bei Trommelrevolvern erst den Hahn spannen, dann kann man abdrücken. Und noch ein Wissensfetzen: Revolver funktionieren auch bei seltenem Gebrauch und nach jahrzehntelanger Lagerung noch zuverlässig.
Die Erkenntnis kam plötzlich. Scheiße, das Ding ist echt. Clingelmann! Aufwachen!! Du schaust hier gerade in den Lauf eines antiken Revolvers aus der Zeit des Wilden Westens. Das Teil ist geladen und du lebst nur noch, weil der kleine Hosenscheißer keine Ahnung von Waffen hat.
Der Junge betrachtete verwirrt den Abzugsmechanismus und versucht noch einige Male den gekrümmten Hebel nach hinten zu drücken. Wie lange würde er wohl brauchen, um den Trick mit dem Hahn zu entdecken?
Clingelmann beschloss, das nicht abzuwarten. Er fasste in den Sack mit Kamellen, zog eine Handvoll heraus und warf sie mit voller Kraft in Richtung des Jungen. Nächster Griff in den Kamellensack. Zweite Salve. Ein überraschter Schrei. Als der Sack leer war, blickte Clingelmann auf. Der Junge war verschwunden. Am Boden lugte der Lauf des Revolvers unter unzähligen Kamellen hervor.
Der Kamellenmeister der Colonia blickte traurig auf das Chaos. Dann hob er den Revolver auf. Kein Wunder, dass die Hände des Jungen vor Anstrengung gezittert hatten. Die Waffe wog bestimmt mehr als ein Kilo. Clingelmann spannte den Hahn und zielte auf die Hallendecke. Ein scharfer Knall und das Blechdach hatte ein kleines, rundes Loch.
Er taumelte gegen die hölzerne Brüstung des Prunkwagens. Heilige Scheiße. Was ein Rückschlag. Clingelmann öffnete die Verriegelung oberhalb des Hahns und kippte den Lauf nach vorne. Der Hülsenauszieher warf die Patronen und die eine leere Hülse aus. Er steckte die Munition in seine Hosentasche und ließ den Revolver unter dem Wams des Kostüms verschwinden.
Dann nahm sich Clingelmann eine Kamelle, wickelte sie mit zitternden Fingern aus dem Papier und steckte sie sich in den Mund. Aber obwohl er stolz darauf war, die besten Kamellen im Kölner Karneval zu werfen. Heute schmeckte sie ihm nicht.
Noch anderthalb Stunden bis zum Zug.
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