3.7
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Spuk im Keller
von Antje Raabe-Pieper

Vorsichtig stellt Emi den Suppenteller auf den Küchentisch. Sie kämpft mit den Tränen. Heute musste sie in die neue Schule gehen. Ihre beste Freundin Jule ist weggezogen und Mama meinte: „Ein guter Zeitpunkt, in eine nahe Schule zu wechseln, Dann hätten wir einen gemeinsamen Weg zur Schule und zu meiner Arbeit.“

Emi rührt lustlos im Essen. Ihr Magen ist wie zugeschnürt, Tränen tropfen in die Suppe.

Die neue Lehrerin ist eigentlich nett, doch nicht so nett wie ihr alter Lehrer! Neben der blöden Lea muss sie sitzen! Die schielte Emi böse an. „Hallo“, hatte Emi geflüstert. Aber Lea gab keinen Piep von sich. Dann zischte sie: „Das ist Katrins Platz!“ Die Lehrerin hatte es gehört. „Lea! Katrin ist fort!“ „Du stinkst!“, fauchte Lea und drehte Emi den Rücken zu. Emi schnupperte entsetzt an ihrem T-Shirt.

Emi schiebt den vollen Teller beiseite. Die Zeit scheint stehen zu bleiben. Noch vier Stunden, bis Mama kommt. Solange ins Kellerversteck? Das erinnert sie zu sehr an Jule. Wie oft hatten sie sich dort hingeschlichen!

Wieder kämpft Emi mit den Tränen. „Lea werde ich‘s zeigen!“, ruft sie aus. „Mit dem Kellerversteck werde ich richtig angeben!“

Abends fragt Mama sofort nach der neuen Schule. Emi zuckt

mit den Schultern.

„Du hast ja nichts gegessen!“ Mama schüttelt besorgt den Kopf. Emi erwidert nichts. „Stinke ich, Mama?“, fragt sie plötzlich.

Mama sieht sie überrascht an. „Das ist nicht dein Ernst!“

Emi wirft sich schluchzend in Mamas Arme, erzählt von der gehässigen Lea. Mama streichelt sie sanft. „Du riechst wunderbar, meine Emi! Lea und du – ihr habt beide eine Freundin verloren. Das braucht Zeit, den Verlust zu überwinden.“

Emi grübelt. Vermutlich …

Am nächsten Tag keine Änderung: Lea dreht Emi den Rücken zu, stumm wie ein Fisch. Zur großen Pause fasst Emi sich ein Herz, zupft Lea am Ärmel. „Du hast Katrin verloren! Meine Freundin ist auch weg. Jule und ich hatten immer so viel Spaß in unserem tollen Kellerversteck.“

Lea dreht sich um. „Kellerversteck?“

„Ja, so ‘n richtig gemütlicher Mini-Raum, ganz hinten, wo keiner einen sieht. Ein Sofa und ein Tisch sind da.“

Emi erzählt von den spannenden Stunden, wie sie und Jule lauschten, wenn jemand in den Keller kam.

„Unheimlich! Keine Angst …?“

„Nö!“, lügt Emi. Anfangs hatte sie schon Angst. Aber das Versteck war so verlockend. Zur Vorsicht hatte sie einen langen Stock neben das Sofa gestellt. Man weiß ja nie.

Eines Tages entdeckten Jule und sie einen Schlüssel unter dem Tisch. Wozu passte der? Sie probierten ihn an der Tür am Kellerende aus. Tatsächlich, ein Fluchtweg direkt zur Straße! „Kannst ja gucken.“

„Morgen nach der Schule?“, fragt Lea.

„Du kannst es ja ansehen“ schlägt Emi vor. Ich werd’s dir zeigen, denkt sie im Stillen, du blöde Kuh!

Mama freut sich, als Emi ihr von Leas bevorstehendem Besuch erzählt. „Eine neue Freundin! Wie schön, Emi!“

Freundin? Die wird bestimmt nie meine Freundin!

Am nächsten Tag stürmen die beiden Mädchen sofort nach der Schule los.

Lea ist ungeduldig. „Was denn jetzt?“

„Erst essen, dann …“, grient Emi.

Lea seufzt, leert hastig ihren Teller. Emi dagegen lässt sich viel Zeit beim Essen. Dich ärgere ich ordentlich, du affige Nudel!

„Okay!“, sie steht auf. „Wir müssen aber leise sein.“

Sie schleichen die Treppe hinunter. „Pst!“, flüstert Emi immer wieder, wenn Lea neugierig etwas fragt.

Niemand ist zu sehen. Am Ende des Flurs breitet sich gedämpftes Tageslicht aus.

Lea bleibt wie angewurzelt stehen. „Wow!“, ruft sie aus. „Pst!“, zischt Emi.

„Gemütlich hier!“ Lea wirft sich aufs Sofa.

„Ich will dir nur kurz das Versteck zeigen. Gleich …“ Weiter kommt Emi nicht. Jemand schließt den Keller auf, knipst das Licht an.

„Frau Möller von nebenan, flüstert Emi. Frau Möller sucht irgendwas, kehrt dann zurück zum Ausgang.

Augenblicke später wird die Kellertür erneut aufgeschlossen. Das Licht geht wieder an. Lea blickt fragend.

„Keine Ahnung, wer …“

Die Mädchen lauschen angestrengt. Es raschelt und knistert. Plötzlich geht das Licht aus. Sie halten den Atem an, rücken dichter zusammen. Emi hat eine Taschenlampe in der Hand, Lea den Stock – bereit, sich zu wehren.

Nichts rührt sich.

Das Licht flackert auf. Verängstigt die Mädchen sich an. Ein unheimlicher Schatten huscht über den Boden.

„U-ah! U-ah!“ erklingt es dumpf. Emi und Lea sind starr vor Entsetzen, halten Stock und Taschenlampe fest umklammert.

„U-ah! U-ah! Chi-chi!“ Das drohende Etwas gibt erneut schreckliche Geräusche von sich. Schatten von wirrem Haar auf einem riesigen Schädel und einer langen Nase kriechen vorwärts.

Die Mädchen zittern wie Espenlaub. „Ein Gespenst!“, flüstert Lea. Emi hält ihr rasch den Mund zu. Jäh erlischt die Flamme. Der pechschwarze Gang droht mit seinem schauerlichen Geheimnis. Emis Zähne klappern, Lea krallt die Finger in Emis Arm.

Wieder geht das Licht an. Der gespenstische Schatten wächst.

Etwas wie ein wallender Mantel fegt den Boden entlang. Emi schluckt, starrt auf die Tür zur Straße. Der Schlüssel! Sie hat ihn vergessen!

Der ekelhafte Schatten dringt fast bis zum Versteck vor.

„Uu-aah!“, heult es noch grausiger. „Schsch … uu-aah … grrr“ Die Laute erfüllen den ganzen Keller. Ein rhythmisches „Krchk … krchk … krchk …“, als streife etwas Hartes an den Latten entlang, kommt noch hinzu. Ein Stab mit scharfer Spitze taucht auf. Die grauenhafte Erscheinung schlägt damit in heftigem Takt auf den Boden. „Tack-tack-uu-aa-tack“, der Schatten wirbelt herum, keucht.

Lea springt auf, lugt vorsichtig um die Ecke, den Stock in der zitternden Hand. Ihre Knie schlottern. „Komm raus, du komischer Kauz! Glaubst du, wir haben Angst vor dir?“, brüllt sie. Emi ist fassungslos.

Dann ein dumpfer Plumps. Ein langgezogenes „Aauuu! … Mist!“ ist aus dem Gang zu hören. Irgendjemand rappelt sich stöhnend auf. Emi eilt zu Lea, klammert sich an sie.

„Mein Versteck!“ Emi und die unheimliche Gestalt rufen es zugleich aus.

Über den schwarzen Umhang stolpernd, eine wirre Perücke auf dem Kopf, eine lange Plastikpike in der Faust, die lächerliche Pappnase noch immer auf, schmerzverzerrt sein Knie reibend, steht er da: Tim aus dem zweiten Stock!

Lea fängt sich als Erste, lacht laut. Emi jedoch faucht den Jungen an: „Uns so zu erschrecken!“

„Ihr mich!“ kontert Tim giftig.

„Blödmann! Was machst du hier?“

„Na, das Zeug ausprobieren für unsere Schulfeier.“ Tim zeigt auf seine Verkleidung. Emi schüttelt den Kopf. „Idiot!“

Lea grinst. „Auch dein geheimer Platz, Gruselmann?“

„Klar, ich bin hier oft. Hab‘ euch noch nie gesehen.“ Er streckt Lea die Hand entgegen. „Tim.“

„Lea. Ich bin Emis neue Freundin.“

Emi ist im ersten Moment sprachlos. „Bist du mutig!“, sagt sie dann schüchtern und umarmt Lea. „Und meine neue Freundin“, fügt sie glücklich hinzu.

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