Manchmal wollen Enkel die Kinderfotos von den Großeltern sehen. Dabei sitzt man entweder gemeinsam am Tisch oder auf dem Sofa, tippt auf Personen und sagt so was wie: „Das ist Onkel Fritz, mein Bruder, der war da 8 Jahre alt”, während man bei den Gruppenbildern die Kinder gern mit Fragen neckt:“Na, wo bin ich da?“, worauf die Enkel dann ein wenig ratend, aber durchaus eifrig als Antwort auf andere Kinder auf dem Foto tippen.

Ich erinnere mich an ein Erlebnis als ich mit meiner Schulfreundin bei Oma K. war. Auch wir durften in ihrem Fotoalbum blättern, aber ich hätte als Kind nicht sagen können, wo “unsere” Oma als Kind mit auf dem Bild war. Kein Wunder, denn fremd sehen alle diese Kinder aus, mit anderer Kleidung, stehen ganz still, die wenigstens trauen sich zu lächeln. Es kam wie es kommen musste, wir fragten:”Oma, hattest Du keine Jeans?“ Oma K. lachte und erzählte, dass sie als kleines Mädchen nur Kleider trug, die jeden Tag mit einer Kittelschürze geschützt wurde. Als sie dann langsam in Gedanken zurückwanderte, fiel ihr noch ganz andere Sachen ein. Sie ist damals auf dem Land auf einem Bauernhof groß geworden und ihre Mutter war die Magd dort. Da hatte man nicht viel Geld, eher viel Arbeit. Sie erklärte, dass sie früher nicht soviel Kleider hatten, es gab keine Kaufhäuser, wo man die hätte kaufen können, die wurden für einen genäht, oder man trug die Kleider der älteren Geschwister auf. Ein neues Kleid war teuer, denn man musste den Stoff, das Garn und die Borten kaufen und fuhr dazu in die nächst größere Stadt, und wenn man Glück hatte, dann bekam man eine schöne Verzierung, oder hübsche Knöpfe. Die Reißverschlüsse setzen sich erst seit 1925 bis 1935 bei den Textilien durch und waren so noch nicht ganz im Alltag angekommen. Jedenfalls nicht bei ihren Eltern.

Überhaupt hatte sie meist nur zwei oder drei Kleider, ein besseres für sogenannte ‚gute Anlässe‘, was man früher abgekürzt ‚nur für gut“ bezeichnete.
Das hing meist ganz hinten im Schrank oder lag in der Truhe, während sie ein altes, zu kurzes, oft geflicktes Kleidchen nur trug, wenn Mutter Waschtag hatte. Man wusch die Kleidung nicht so oft wie früher – man bürstete, lüftete die Kleider vor dem Fenster aus, und wegen eines einzigen kleinen Flecks, hätte die Mutter das Kleid nicht in die Wäsche getan. Mit Waschbenzin tupfte sie vorsichtig den Fleck weg, oder hat den Fleck mit Gallseife behandelt und ausgewaschen. Kurz und krumm, man passte auf die Kleider auf und trug Schürzen.
Die meisten Jungen freuten sich, wenn sie Lederhosen bekamen, weil die nicht so schnell Löcher bekamen und man sich den Ärger mit der Mutter ersparte. Und außerdem: an einer guten speckigen Lederhose konnte man sich auch wunderbar die Hände abwischen, es gab keine Flecken. Ja, seufzt die Oma K., ich habe öfter meinen Bruder Fritz beneidet.

Wenn man Glück hat, dann fragen die Kinder weiter, wie das dann im Winter war. Wahrscheinlich wird die Oma wieder seufzen und Unglaubliches erzählen. Dass es damals keine Strumpfhosen gab und man als Mädchen Röcke oder Kleider aus dickem Stoff an hatte. Man trug selbstgestrickte Wollhosen und lange Strümpfe, die mit Knöpfen an der Hose festgemacht wurden, aber gefroren hat man dann manchmal schon und diese ‚Dinger‘ waren oft kratzig und rutschten. Auch kleine Jungen hatten sogenannte Leibchen an, an denen die Knöpfe der langen Strümpfe festgeknöpft waren. Später hatten sie einfach nur lange Unterhosen und Kniestrümpfe. Nein, schloss Oma K. damals: “Gut, dass es heute Jeans für Mädchen gibt.”

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