Nicht einfach lieben
von Finlay Weber
K.
Ich weiß nicht, was sie heute macht, wo sie lebt und ob es ihr gut geht. Letzteres hoffe ich – und wünsche ihr, dass sie sich im Laufe der Jahre mit dem Leben versöhnt hat. Sie war schon immer eine von den Guten, bloß einfach war sie noch nie gewesen.
Ich könnte etliche Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit wachrufen. Doch wenn ich an sie denke, fallen mir fast unausweichlich diese Dinge ein, diese Reminiszenzen, von außen betrachtet so banal, von innen so prägend: ihre langen roten Haare, ihr schwarzes Nachtkleid sowie die gemeinsamen Sommertage und -nächte im Bett meines Jugendzimmers, die damals viel zu schnell vergingen, letztlich aber noch heute unvergessen sind und für mindestens ein Leben ewig bleiben. Neben diesen wiederkehrenden Momentaufnahmen eines Sommers finden, Irrlichtern gleich, zahllose Streitereien regelmäßig Eingang in meine wachgerufene Erinnerung. Streitereien, die damals die Welt für uns bedeuteten, auch wenn sie für Außenstehende wohl schon immer lächerlich waren. Aber so ist es schließlich mit vielem, das einem am Herzen liegt – aus der Distanz erscheinen Leidenschaften seltsam bizarr bis liebenswert schrullig, bestenfalls banal.
An ihre Stimme kann ich mich dagegen nicht mehr erinnern. Schade, sie musste mit Sicherheit eine schöne gehabt haben, und ihre Worte klängen in meiner Erinnerung wahrscheinlich noch gewichtiger, wenn sie eine Klangfärbung hätten.
Doch das alles ist schon Jahre her, fast zwei Dekaden. Das ist einfach keine Zeitspanne, die Stimmen in Erinnerungen überdauern. Vielleicht geht es anderen Menschen da anders; ich habe niemals jemanden danach gefragt. Die Geister meiner Vergangenheit sprechen jedenfalls mit Synchronstimmen, sowohl Tonhöhe als auch Intonation und Rhythmus verblassen mit den Jahren. Nicht nur bei ihr. So ist es immer.
Damals verbrachte K. die gesamten Sommerferien bei mir. Meine Eltern hätten mich wahrscheinlich nach spätestens einer Woche aus elterlicher Sehnsucht für ein paar Tage zuhause angekettet, ihrer Mutter und deren neuem Freund dagegen schien ihre Abwesenheit nicht ungelegen zu kommen. Ihr Vater war ein Fremder, jeder Gartenzwerg hätte seine Rolle besser gespielt. Ihre Mutter war frisch und rücksichtslos verliebt. Geschwister hatte sie keine.
Rückblickend erscheint mir die Fürsorge meiner Eltern eher wie eine seltsame Art Luxusproblem, aber damals war Freiheit alles – das zumindest bildeten wir uns ein. Und das machte uns zu zwei viel zu jungen, im Rhythmus unserer Zungenküsse tickenden Zeitbomben.
Unsere Sommertage zogen rasend vorbei, und wenn ich auch nicht mehr alles weiß, so doch mit Sicherheit, dass sie gefüllt mit Liebe waren; randvoll, vielleicht überbordend.
Die Nächte verbrachten wir voller Nähe. Fiebrig, aneinander gekettet, mit- und ineinander verschmolzen.
Ihre roten Haare. Auf blasser Haut.
Ihr schwarzes Nachtkleid. Über frischem Schweiß.
Den ganzen Sommer. Ein scheues Herantasten.
Traumarchitektin und Traumtänzer, was für ein Paar! Erst Händchenhalten, Küsse und mehr, dann Querelen und Dispute. Als und über frische Wunden.
Wir wurden süchtig nach uns, nach dem Geschmack und der Berührung unserer Körper. Wir waren Pioniere. Und wir lernten schnell, dass der Sex nach einem Streit noch etwas intensiver war.
Die Sonne ging auf, und wir blieben liegen, wurden zu Forschern. Die Sonne ging unter, und wir lagen noch immer, waren Standbildentdecker und Wiederholungstäter. Also stritten wir, was das Zeug hielt – und belohnten uns mit versöhnlicher Nähe.
Der Sommer zog vorbei. Allmählich schäumte unsere Liebe über, Dispute wurden zu Desastern, Querelen zu Qualen.
Aus den ersten scheu geflüsterten Liebesschwüren (»Weißt du, ich glaube, ich liebe dich …«) wurden erst dünne Bande und schließlich dicke Fesseln.
Freunde klopften an – und wurden nicht hereingelassen. Wir blieben liegen. Freunde fuhren zur See, grillten, lachten, tranken Bier, kniehoch in der Brandung. Wir blieben liegen. Sie feierten Geburtstage, schufen Anekdoten für die Ewigkeit. Wir blieben liegen. Sie machten sich Sorgen um uns. Doch wir blieben liegen, küssten uns – voller Verwunderung darüber, dass unsere Küsse bitter schmeckten. Aus Standbildentdeckern wurden trotzige Standbildrebellen.
»Liebst du mich?«
Ich nickte.
»Für immer?«
Ich nickte wieder und küsste sie.
»Über alles?«
Ich schluckte, bevor ich nickte. Ein Kratzen, als ich sagte: »Für immer. Über alles.«
»Für immer nur mich?«
Ich antwortete nicht, ich war jung.
Meine fehlende Antwort hatte sich in ihre Arme geritzt, als ich sie Stunden später fand. Weinend und blutend im angrenzenden Wald.
»Für immer nur mich?«, wiederholte sie.
»Für immer nur dich«, sagte ich und fühlte mich auf einmal nicht mehr ganz so jung; als sei ich in zwei Stunden um Jahre gealtert.
Was war aus uns geworden – zwei Mentalrucksacktouristen auf ihrer Bettroute durch einen Sommer der Jugend. Ein Kammerspiel für verletzende und verletzliche Klammeraffen?
Wir hatten gelernt, wie intensiv Versöhnungssex sein kann. Wie er manchmal Verlustängste und Kratzer heilt. Also stritten, versöhnten und liebten wir uns.
Doch schließlich erreichten wir unseren letzten Akt. Als der Herbst kam, blieb der Streit, der versöhnende Sex aber blieb aus. Und wir blieben hinter uns zurück.
Ich trug meine Narben wie Trophäen; unseren Sommer goss ich in Bernstein. Was auch immer K. heute macht – die Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit währt ewig.
Habe es beim Frühstück gelesen und an meine Frau gedacht, wie schön es doch ist wenn der Partner wieder zu Hause ist.
Joah, das stimmt :).
Danke fürs Lesen.
Eine schöne Art zu schreiben. Verträumt, fließend, irgendwie romantisch, aber auch ehrlich. Wie das so ist im Leben! Gefällt mir! Dafür gab’s jetzt 5 Sterne von der Konkurrenz 😉
Hallo Jessica,
dankeschön! 🙂 Ich habe deine Geschichte irgendwann zu Beginn schon gelesen und auch Sternchen verschenkt. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht mehr, ob es vier oder fünf waren, aber ich mochte deine Geschichte jedenfalls xD.
Als Konkurrenz würde ich unsere Texte eigentlich gar nicht sehen, wenn ich mir die Klickzahlen der „führenden“ Texte anschaue ;D.