4.2
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Blütenstand Zenner

Dies soll ein Neuanfang werden, also eigentlich: „Neuanfang / Klappe / die Zweite!“
Denn meinen ersten Versuch startete ich schon vor zwei Wochen, als ich stolz die Fachschule für Sozialpädagogik betrat. Eine katholisch geführte Schule, mit einem ausgezeichneten Ruf, die es sich leisten kann, ihre Schüler gezielt auszuwählen. Ich, Hauptschüler, mit einem Realschulabschluss nach einer zweijährigen Berufsfachschule, gehöre eigentlich nicht zur Einzugsgruppe, denn es werden bevorzugt Gymnasiasten aufgenommen. Doch mit einem Abschlusszeugnis von 1,2 Notendurchschnitt möchte man auch mir eine Chance geben. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass mein Zeugnis nur bedingt Auskunft über mich ausgibt, denn gäbe es eine Note für „ins Fettnäpfchen treten!“, wäre mir eine „Eins Plus“ sicher.

„Typisch uns Marie!“, sagt Marliese meine Stiefmutter darum auch nur, als ich erzähle, dass ich die ganze Zeit in der falschen Klasse sitze. Elementar-, statt Heim-Pädagogik.
„Wie hässte datt dann wedder jeschafft?“
Diesmal hatte auch die Schule Ihren Teil dazu beigetragen, und mich falsch zugeteilt, doch es stimmt schon, dass ich immer wieder in die komischsten Situationen gerate. Mein Kopf und mein Mundwerk scheinen dabei völlig getrennt voneinander zu agieren. Noch ehe ich etwas zu Ende denken kann, habe ich schon laut etwas anderes ausgesprochen, was meistens alle zum Lachen bringt. Lehrer empfinden mich als vorlaut und frech, meine Mitschüler als lustig. Doch ich möchte weder das eine noch das andere sein. Und auch wenn es mir lieber ist, dass man über meine unbeabsichtigten Äußerungen lacht, statt die Augen zu rollen, möchte ich mich jedes Mal am liebsten in einem Erdloch verkriechen, und dieses nur noch bei Nacht verlassen.

„Reiß dich am Riemen!“, ermahne ich mich selber, als ich die neue Klasse betrete.
Das gleiche Paket an guten Absichten, auch diesmal wieder im Gepäck, das ich schon für den ersten Tag vor zwei Wochen geschnürt hatte. Vor allem mit Anweisungen wie: „Erst Denken, dann Reden!“ Oder am besten: „Gar nix sagen!“

Unsicher setze ich mich auf den noch einzigen freien Platz der Klasse. Alle anderen kennen sich schon und reden munter über die Tische miteinander. Zu mir ist man freundlich und interessiert daran, wie es zu der Verwechslung gekommen ist. Da betritt die Lehrerin das Klassenzimmer. Ihr gigantischer Busen sitzt auf einem großen runden Bauch. Der sitzt wiederum auf zwei Beinen, die im Verhältnis dünn wie Stelzen aussehen. Das graue Haar ist zu einem strengen Knoten gebunden.

„Zenner!“ Stellt sie sich vor, und schreibt ihren Namen an die Tafel.

‚Ach!‘, denke ich: ‚Die hatten die hier ja noch gar nicht! Vielleicht ja mal ein Vorteil für mich!‘
Der Biologie Unterricht startet ohne große Einführung, und mir ist schnell klar, dass es kein wirklicher Vorteil ist, sich den Aufbau einer Blume nochmal anhören zu müssen.
Es ist jedoch eine gute Gelegenheit, meine Aufmerksamkeit auf all die neuen Eindrücke der Klasse zu richten.
Ich bekomme aus dem Augenwinkel mit, dass noch etwas auf die Tafel geschrieben wird. Nun steht an der Tafel: „Blütenstand Zenner“.
Mist, denke ich … nun habe ich doch etwas verpasst!, und versuche das Geschriebene irgendwie zusammenzubekommen.
‚Blütenstand Zenner! Was soll das nur bedeuten? Blütenstand Zenner, ich komm nicht darauf …
Und ehe ich weiter darüber nachdenken kann, wie ich diese Informationslücke schließe, hebt sich, alle guten Absichten in den Wind schlagend, mein Arm zur Frage:

„Zenner?“
„Ja?“, die Lehrerin ist mir aufmerksam zugewandt, und erwartet meine Frage.
„Ist das ein anderer Name für Blütenstand?“
„Zenner ist mein Name!“ Die Empörung meiner Biologielehrerin ist unüberhörbar.
Die ganze Klasse lacht … mal wieder …
‚Erdboden tu dich auf!… Bitte!
Es hat nicht mal eine viertel Stunde gebraucht, um mich restlos zu blamieren. Ich
lache mit, so wie ich es schon immer in solchen Situationen getan habe, auch wenn mir alles andere als nach Lachen zumute ist.

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