Der Geruch nach heißem Öl, Kühlwasser und Benzin an einem Sommertag
Er parkte hinter dem Streifenwagen am Straßenrand, dessen blinkendes Blaulicht in der grellen Nachmittagssonne kaum zu erkennen war. Die Kamera lag lose auf dem Beifahrersitz. Eigentlich hätte sie in der gepolsterten Tasche unten im Fußraum stecken sollen. Aber die Hitze machte ihn schon den ganzen Tag träge.
Die beiden Polizisten waren in den Schatten eines einsamen Apfelbaumes geflüchtet, der an der Einmündung eines Feldweges auf einem kleinen Stückchen Acker stand, das der Bauer seit Jahren beim Pflügen aussparen musste.
Der eine der Polizisten war groß und hager. Der andere klein und eher ein bisschen untersetzt. Er kannte sie beide vom Sehen. An ihre Namen konnte er sich aber nicht erinnern.
Sie hatten ihre Dienstmützen abgenommen und neben sich in das vertrocknete Gras gelegt, wo sie einem seltsamen Ensemble, bestehend aus einem aufgeblasenem PVC-Ball, einem großäugigen Delfin aus ähnlichem Material und drei Umhängetaschen Gesellschaft leisteten.
Die Taschen sahen arg mitgenommen aus. Die freundlich blickende Maus auf der einen Tasche hatte die Nasenspitze eingebüßt und durch den Papagei auf der anderen ging ein tiefer Riss, aus dem der Zipfel eines bunten Kinderhandtuches hervorlugte. In der dritten, größeren Tasche schien etwas ausgelaufen zu sein, denn sie hatte auf der einen Seite einen großen, dunklen Fleck.
Als er näher kam, stieg ihm der Geruch nach heißem Öl, Kühlwasser und Benzin in die Nase, den er nur allzu gut kannte. Vermischt mit dem erdigen Duft des Ölbinders, den die Feuerwehr großzügig über den Asphalt gestreut hatte.
In den Ästen des Apfelbaumes begann ein Amselmännchen zu singen und die drei Männer sahen nach oben und suchten nach dem Vogel.
Der große Polizist stöhnte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann lockerte er den Knoten seiner Krawatte, riss sich das beengende Kleidungsstück schließlich ganz vom Hals und stopfte es in seine Hosentasche.
„Es ist viel zu heiß heute“, sagte er mit einem entschuldigenden Blick zu dem Fotografen.
Ein leichter Wind kam auf und die sich bewegenden Blätter des Apfelbaumes malten lustig flackernde Sonnenflecke in das dürre Gras am Boden und auf dem Autowrack, das halb auf der Fahrbahn und halb im Graben lag. Die Fahrzeugfront war von dem Zusammenprall mit dem Baum bizarr verformt, so dass sich weder Marke noch Modell von der Seite erkennen ließen.
Er wartete, bis die nächste Böe die Sonnenflecken besonders schön auf dem zerknitterten, blauen Lack tanzen ließ und machte seine Bilder.
Dann sah er über das Wrack hinweg auf die drei mit weißen Tüchern bedeckten Körper daneben. Ab und zu hob der Wind eines der Tücher an und man sah einen sonnengebräunten Arm, einen Fuß in einer bunten Sandale oder einen hellblonden Haarschopf darunter hervorlugen.
„Wann kommt denn endlich der Leichenwagen?“, fragte der große Polizist. „Ich hab meinem Jungen versprochen, noch mit ihm schwimmen zu gehen.“
Der kleine Polizist zuckte mit den Schultern: „Ist wohl viel los heute.“
Der Fotograf ging um das Wrack herum und blieb vor den Toten stehen. Seine Kamera hielt er lose in der Hand. Er versuchte automatisch durch den Mund zu atmen. Er wusste, wie der Tod roch.
Wie frisch geflexter Stahl, wenn viel Blut geflossen war. Übelkeit erregend, wenn er vor Tagen gekommen war. Aber hier roch er gar nichts. Der Tod war noch zu frisch, um zu riechen.
Langsam lief er zurück zu seinem Wagen. Er legte die Kamera sorgfältig in ihr gepolstertes Nest im Beifahrerfußraum und prüfte zwei Mal, ob sein Anschnallgurt auch richtig eingerastet war.
Als er an dem Wrack vorbei fuhr, sah er in die andere Richtung und ließ seinen Blick über die wogenden Kornfelder, den tiefblauen Himmel und die kleine Straße schweifen, die sich kurvenreich durch die Felder schlängelte.
Ein Bussard auf der Jagd schrie hoch über ihm und er folgte dem Vogel mit den Augen, bis er sie zukneifen musste, weil ihn die Sonne blendete.
Eigentlich wollte er nach Redaktionsschluss noch an den See fahren. Aber die Lust darauf war ihm gerade vergangen.
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