4.5
(2)

Co

Warum?
Wie konnte ich so blöd sein?
Immer wieder …
Aber …
Vielleicht hast du es ja gar nicht getan. Vielleicht gibt es eine ganz harmlose Erklärung.
Es ist schon so spät, aber ich kann nicht einschlafen.
Ja, ich weiß, wir waren auch früher schon an diesem Punkt, aber da hattest du nicht so viel Geld in der Tasche.
Mein Geld … nein, das Geld, das dem Arzt gehört, dem Elektriker, der Bank …
Aber Nein! So was ist ja undenkbar! Bestimmt hast du alles überwiesen. Bestimmt! Bestimmt!
Ich war so froh, dass du das übernehmen wolltest, dass ich nicht noch mal in die Stadt musste. Ich bin so müde, so erschöpft, und da sind noch die Kinder …
Weshalb kann ich dann nicht einschlafen, verdammt, weshalb?
Weil … ich traue dir nicht. Ich traue dir nicht. Das kannst du nicht von mir verlangen.
Was sagst du?
In einer Partnerschaft muss man vertrauen?
Da muss ich lachen, mein Lieber, da kann ich nur bitterlich lachen.
Partnerschaft!
Darunter verstehe ich etwas anderes. Du lebst, als wärst du Junggeselle, genießt aber die Vorteile des Familienlebens.
Wer verdient das Geld?
Wer hält uns über Wasser?
Du bestimmt nicht!
Und deine ewigen Weibergeschichten noch dazu!
Aber weißt du was? Die sind mein geringstes Problem. Du kannst auswärts bumsen, soviel du willst, solange du …
Ach, Scheiße!
Wie komisch sich Weinen ohne Tränen anfühlt.
Wo soll ich bloß zum zweiten Mal das Geld für die Rechnungen auftreiben, falls du die Überweisungen nicht …
Nein! Ich weigere mich, das auch nur in Erwägung zu ziehen.
Schlaf endlich ein!
Nein, ich meine mich, nicht dich. Du kannst meinetwegen machen, was du willst, von mir aus auch verrecken.
Oh, Gott, nein! So was darf ich nicht mal denken! Verzeih mir, ver … nein, und noch mal nein! Einmal muss ich mich auskotzen, einmal wenigstens, sonst ersticke ich.
Ich weiß nicht, wie du es immer machst. Du manipulierst mich, hörst du? Du machst etwas, und ich werde butterweich in deinen Händen. Und du formst mich nach deinem Willen, zu deinem Vorteil, und was mir bleibt, ist Selbstverachtung.
Gott! Jetzt hab ich es gesagt: Selbstverachtung! Ich verachte mich für das, was du tust, nein, für das, was ich zulasse.
Was für eine Scheiße!
Wieder keine Tränen! Ich kann nicht mehr weinen.
Diesmal werde ich alles auskotzen, diesmal musst du es dir anhören. Jetzt ist endgültig Schluss mit dem Elend. Warte bloß, du wirst schon sehen, ich …

Oh Gott! Der Schlüssel! Er kommt!

Ich lege mich auf die Seite, ziehe mir die Decke über den Kopf. Der Herzschlag donnert in meinen Ohren, als er sich neben mich legt.
Er wird etwas sagen. Er wird sagen: Entschuldige, ich hab mich vertrödelt. Aber die Überweisungen sind raus.
Er wird …
Was ist das? Ich gefriere im Augenblick zu Eis.
Er weint! Er weint leise, unterdrückt, um mich nicht zu wecken. Zu wecken! Ach Gott!
Ich drehe mich um, schaue ihn ruhig an. Jetzt bin ich ruhig, denn ich habe die Antwort auf meine angstvolle Frage erhalten, als er zu weinen begann.
„Ich wollte die Verluste der vergangenen Woche zurückgewinnen“, sagt er leise, „ich wollte dir alles wiederbringen. Ich wollte es ehrlich …“
Ein erneutes wildes Schluchzen.

Ich strecke die Hand aus und streichle ihm tröstend übers Haar. Ich weiß, dass das falsch ist, grundfalsch, aber ich tue es dennoch. Ich heiße die einzelne Träne willkommen, die mir über die Wange rollt, und meine Geste treibt das Hamsterrad an, aus dem es kein Entrinnen gibt, für eine erneute Runde der Verzweiflung und der Mitschuld.
Ich weiß das alles, aber ich kann nicht anders, denn ich liebe ihn.

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