4.8
(8)

Die Entscheidung
von Rosa Ananitschev

Sarah und Lara sind aufgeregt. Sie stehen kurz vor einer neuen Phase ihres Lebens. Sie wollen sich trauen lassen.
Die Leiterin des Standesamtes holt das Blanko-Formular auf den Bildschirm, wirft einen Blick in die vor ihr ausgebreiteten Dokumente, lächelt und fragt: „Wen soll ich zuerst eintragen? Normalerweise ist dies der Name des Mannes. In einem Fall, wie dem Ihren nehmen wir der Einfachheit halber stets den Namen der älteren Person. Also?“ Abwartend hält sie die Finger über der Tastatur bereit und zwinkert den beiden zu.

Die Frauen sind einen Moment sprachlos und schauen einander mit großen Augen an.
„Wann genau bist du geboren?“, flüstert Sarah in Laras Ohr.
„Keine Ahnung“, flüstert Lara zurück. „Und du?“
Sarahs Miene gleicht einem Fragezeichen. Dann sagt sie verlegen zur Standesbeamtin: „Dürfen wir uns kurz beraten?“
Die Beamtin erwidert freundlich: „Ja natürlich. Nehmen Sie sich so viel Zeit wie Sie brauchen. Im Flur wartet ja keiner mehr.“ Sie lässt sich nicht anmerken, dass sie sich im Stillen köstlich amüsiert.
Draußen stürzt Sarah sich ungeduldig auf Lara. „Warum weißt du es denn nicht?“
„Nun, meine Eltern leben nicht mehr und ich selbst kann mich nicht erinnern. Ist ja auch kaum verwunderlich“, antwortet Lara sarkastisch.
Sarah seufzt. „Ich kann meine Eltern aus dem gleichen Grund nicht mehr zu meiner Geburt befragen.“
Lara überlegt: „Meine älteste Schwester könnte mir vielleicht helfen, die ist ja nicht tot, aber du weißt, dafür bin ich es für sie – oder jedenfalls so gut wie. In welchem Krankenhaus bist du eigentlich zur Welt gekommen?“
Sarah hebt die Schultern. „Hat mich nie interessiert. Und wo wurdest du geboren?“
„Zu Hause. Meine Tante war die Hebamme. Aber das bringt uns nicht weiter. Also bleibt nur eine Lösung – Freiwillige vor!“
Schweigen. Keine der Frauen verliert ein Wort.
„Möchtest du nicht freundlicherweise den Mann spielen, Lara?“ Sarahs Stimme ist zuckersüß. „Du hattest doch schon einmal einen Mann und weißt, wie die so sind.“
„Ich? Bist du verrückt? Ich werde niemals ein Mann sein! Mit dieser Spezies habe ich für alle Zeit abgeschlossen!“
Sarah reagiert zunehmend frustriert. „Das ist doch alles albern! Ich gehe jetzt da ‘rein und sage das Ganze ab!“

 

Auf dem Weg nach Hause sitzt Sarah am Steuer des Wagens. Sie zuckt zusammen, als Lara aufschreit: „Ha! Ich hab‘s! Du bist der Mann! Du fährst gut Auto und das können ja angeblich nur Männer.“
„Unsinn! Du fährst genauso gut wie ich“, wehrt Sarah ab.
Lara gibt nicht auf. „Du verdienst mehr, und wer das Geld nach Hause bringt, hat die Hosen an!“
Sarah grient hinterhältig. „Dein Job ist aber sicherer und angesehener als meiner – du bist Beamtin!“
„Du bist größer als ich!“
„Und du trägst größere Schuhe!“
Beiden gehen die Argumente aus und sie verfallen wiederum in Schweigen.

Noch immer wortlos betreten sie ihre Wohnung. Lara lässt sich in den Sessel fallen, Sarah geht in die Küche und kommt gleich darauf mit einer Flasche Champagner in der einen und zwei Sektgläsern in der anderen Hand zurück.
Lara hebt unwillig die Augenbrauen. „Warum denn das? Den Champagner wollten wir doch zur Feier des Tages trinken.“
„Tun wir doch auch! Ist das nicht zum Feiern – wir können uns nicht trauen lassen, weil wir uns nicht entscheiden können, wessen Name zuerst genannt werden soll?“ Zornig lässt sie den Korken knallen, schenkt ein und knurrt: „Prost!“
Sie trinken beide einen Schluck.
Sarah setzt sich auf die Couch und wendet sich von ihrer Freundin ab. Lara schaut düster vor sich hin. Minuten vergehen.
Endlich äußert sich Sarah versöhnlich: „Du willst kein Mann sein, ich möchte kein Mann sein. Können wir denn nicht einfach Frauen bleiben wie bisher?“
Laras Miene hellt sich auf. „Jawohl! Ich will unbedingt Frau bleiben!“ Und lachend fügt sie hinzu: „Und das mit Frau!“
Sarah und Lara fallen einander in die Arme und küssen sich. Dann drehen sie sich zu mir um. „Dich brauchen wir jetzt nicht mehr. Schreib deinen verdammten Schluss-Satz unter diesen idiotischen Text und verschwinde …“

 

Ich bin fassungslos. Immer das Gleiche – als Autor strengt man sich an, zerbricht sich den Kopf – und endlich hat man sie, die Figuren der Geschichte! Man hat sie erschaffen, ihnen Leben eingehaucht, sie glücklich machen wollen … und was tun sie? Sie entziehen sich der Gewalt ihres Schöpfers und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand.
Ich bin machtlos, ich kann nichts mehr für die zwei tun.
Was bleibt mir anderes übrig, als die abschließenden Worte zu tippen?
Und so endet die Story über Sarah und Lara – beide geboren am 13. März 1973. Sie lassen sich doch nicht trauen, wie von mir vorgesehen, weil sie nicht wissen, wer von ihnen das Licht der Welt zuerst erblickte. Mein Fehler – ich hätte beachten müssen, dass in den russischen Geburtsurkunden lediglich der Tag der Geburt – ohne Uhrzeit! – eingetragen wird.
Das Ganze war wohl doch keine so gute Idee …
Da ist aber noch ein Gedanke, der mich nicht loslässt: Wie haben die beiden sich überhaupt kennengelernt?

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