Aus Langeweile hatte meine Mutter mal wieder Freunde eingeladen, um sie zu bekochen und sich anschließend dafür bewundern zu lassen, wie gut ihr alles gelungen war. Mein Vater hatte Weinschläuche und Schnapsflaschen hoch geschleppt und den großen Tisch aus Tapezierböcken aufgebaut.
Lustlos hatten meine Schwester und ich die großen Laken auf den Holzplatten ausgebreitet und den Tisch mit dem goldgeränderten Geschirr gedeckt.
Mein Vater hatte auf handfeste Art klar gemacht, dass wir mindestens bis zehn Uhr anwesend sein mussten.
Es klingelte.
„Helga, Herbert, wie schön, dass Ihr da seid!“, flötete meine Mutter beim Öffnen der Tür und mich überlief ein kalter Schauer.
Dass sie die beiden überhaupt eingeladen hatte – nach dem, was ich ihr erzählt hatte! Aber da hatte sie mir ja schon zu verstehen gegeben, dass wir uns nichts anmerken lassen dürften, damit die Leute nicht zu fragen oder gar zu tratschen anfingen.
Widerwillig gab ich Herbert die vom Krieg gezeichnete, ziemlich schlaffe Hand.
Mein Vater nahm die Jacken, hängte sie an die Garderobe und wir gingen ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch hatte meine Mutter wie gewöhnlich die Tischkärtchen verteilt. Herbert und Helga setzten sich auf die ihnen zugewiesenen Stammplätze am Fenster. Suchend ging ich um den Tisch herum und blieb wie angewurzelt stehen, als ich meinen Namen neben Herberts las. Das konnte nicht ihr Ernst sein. Herbert lächelte mich an und zog meinen Stuhl umständlich zurück.
Ich suchte hilflos den Blick meiner Mutter, die ins Gespräch mit Helga vertieft war. „Wieso setzt du dich nicht, Spätzchen?“, fragte sie auffordernd. Wie ich es hasste, wenn sie mich so nannte! Aber das war im Moment egal. Ich schaute unsicher auf das Tischkärtchen, dann zu meiner Mutter, die mich mit einem kaum sichtbaren Nicken dazu aufforderte, jetzt endlich Platz zu nehmen, wo sie es vorgesehen hatte. Wie immer. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Damit niemand Fragen stellte.
Aber ich blieb stehen und wollte mein Kärtchen nehmen, um es zu tauschen. Helga blickte irritiert und in den Augen meiner Mutter blitzte es.
„Was stehst du da wie bestellt und nicht abgeholt?“, fragte dann auch mein Vater und ich setzte mich. Ich rückte nicht näher an den Tisch heran, doch Herbert stand auf und schob meinen Stuhl gespielt galant, wenn auch wegen der Hand unbeholfen, weiter nach vorne.
Jetzt hatten sie mich alle genau dort, wo sie mich haben wollten.
Als es klingelte, liefen meine Eltern in den Flur, Helga unterhielt sich mit meiner Schwester, die links von ihr saß und Herberts deformierte Hand landete unter dem langen Tischtuch auf meinem Knie. Er sagte nichts, schaute teilnahmslos in den Flur und ich schaute zur Seite, unfähig, etwas dagegen zu tun. Mein Körper steif, den Würgereiz unterdrückend, der in mir aufstieg, als ich mich daran erinnerte, wie er in einem unbeobachteten Moment erst seine Lippen auf meine gedrückt und dann seine Zunge tief in meinen Mund geschoben hatte.
Meine Mutter kam mit den nächsten Gästen ins Wohnzimmer und stellte die Weinkaraffe vor mir ab. „Bedienst du bitte mal mit dem Wein?“, verlangte sie.
Ich stand auf. Herberts Hand glitt überraschend schnell auf seinen eigenen Oberschenkel. Am liebsten hätte ich mich nie wieder hingesetzt, aber meine Tante, die rechts von mir saß, zog mich schließlich zurück auf den Stuhl.
Sofort kam die Hand zurück. Es war sechs Uhr abends. Noch eine gefühlte Ewigkeit.
Während ich mich mit meiner Tante über das unvermeidliche Thema Schule unterhielt, bewegte die Hand sich auf meinem Oberschenkel. Zwei Gespräche zur selben Zeit. Eins oberhalb des Tischtuches und eines darunter.
Meine Mutter stellte schließlich den letzten Topf auf den Tisch, wünschte einen guten Appetit und setzte sich mir gegenüber hin.
Alle probierten brav und sogleich begann das Lob, das meine Mutter mit gespielter Bescheidenheit entgegennahm. Der Griff der Hand um meinen Oberschenkel wurde fester als es beim Begrüßungshandschlag möglich gewesen war.
Ich starrte meine Mutter an. Ungläubig, dass sie mir dies antat. Sie war die einzige, der ich mich anvertraut hatte. Ich hatte mir Hilfe erhofft. Stattdessen servierte sie mich hier unter den goldgeränderten Tellern erneut diesem alten Mann. Nur um jedem zu demonstrieren, dass alles in bester Ordnung sei.
„Nimm noch etwas Fleisch.“ Sie legte mir eine weitere Scheibe auf. Als hätte ich die noch herunterwürgen können.
Es schien, als hätte ich Watte in den Ohren, als würde mein Körper taub. Und zugleich wurden meine Gedanken ganz laut.
Ich würde ihm nicht entkommen. Die Fassade war wichtiger. Da saßen fast dreißig Leute mit mir am Tisch und sahen nicht, was passierte. Was schon etliche Male passiert war. Ihre Gesichter erhitzte Fratzen, sich bewegende, kreischende, mahlende Münder.
War der Winkel seines Armes tatsächlich nicht zu erkennen? Wunderte sich niemand, dass er sein Fleisch nicht selbst schnitt, sondern es sich von Helga portionieren ließ? Machte er das zuhause auch nie, wenn sie alleine waren? Fiel niemandem auf, wie still ich war? Wie schweigsam er war? Dass ich keinen Bissen herunter bekam? Oder wollte es nur keiner sehen? Fürchteten sie sich alle vor den Konsequenzen? Wussten sie selbst nicht, was sie tun sollten?
Wer von ihnen spielte hier welche Rolle? Gab es auch jemanden, der ehrlich war? Und fand bei jedem Treffen dasselbe Schauspiel statt oder änderte sich das Drehbuch?
Ein soziales Netz sollte einen doch auffangen, ich aber war darin fest geklebt.
Ich hatte Monate lang mit meiner Scham gekämpft, meine Angst dagegen aufgewogen, meinen Ekel. Schließlich hatte ich es nicht mehr ausgehalten und mich durchgerungen, mit meiner Mutter zu sprechen.
Ich solle bloß niemandem davon erzählen, hatte sie mir geraten. Was würden die Leute sonst über uns denken? Meine Freundinnen fänden das sicher abstoßend. Und wenn wir ihn anzeigten, stünde das vielleicht sogar in der Zeitung und würde sich überall verbreiten, wir könnten uns nicht mehr auf die Straße trauen. Und wie würde es Helga damit gehen? Sie war schließlich wie eine Oma für mich, das konnte ich ihr doch nicht antun. Und so schlimm war es ja auch nicht. Ein paar Küsse und ein wenig anfassen lassen, mehr nicht. Und vor allem durfte ich Papa nichts davon erzählen, ich wusste doch, wie er war. Vielleicht würde er etwas Unüberlegtes tun und ins Gefängnis kommen und wovon sollten wir dann leben?
Vor Enttäuschung hätte ich am liebsten geweint, aber ich nickte stattdessen verständig. Sie war dann von meiner Bettkante aufgestanden und hatte das Abendessen vorbereitet.
Und nun saß ich hier wieder neben ihm. Viel hatte ich nach dem Gespräch nicht erwartet. Aber wieso hatte sie mich nicht wenigstens am anderen Ende des Tisches platzieren können? Wieso fiel es ihr leichter, mir das anzutun als diesen Mann vor die Stirn zu stoßen, den so genannten Freunden gegenüber die Wahrheit zu sagen oder wenigstens eine Notlüge aufzutischen?
Alle lachten, prosteten sich zu, die Gespräche schwollen an, die Hand wurde schneller, zog meine Hand in seinen Schoß. Ich leerte mein Glas Wein und dann noch eines. Mich beachtete ja sowieso niemand. Außer dem Mann neben mir.