Sigrid nahm die Stufen etwas schneller. Heiko war ganz dicht hinter ihr. Himmelsleiter nannten die Kinder diesen Weg, weil die Treppe so steil war. Die kürzeste Strecke von der Schule oben auf dem Berg hinunter ins Dorf.
Jetzt kam das Stück mit den Weißdornbüschen. Noch schneller! Heiko würde keinen Verdacht schöpfen. Alle aus den unteren Klassen hatten Angst vor Heiko.
Sigrid war an den Büschen vorbei, rannte noch ein paar Stufen weiter, stoppte dann und drehte sich um.
Heiko war unter einem Knäuel von Kindern verschwunden. Alle packten mit an und zogen das zappelnde Bündel durch Brombeerranken und Brennnesseln zu der alten Winzerhütte, ganz am Ende des Brachlandes.
Ralf, Simon, Guido und Michael hielten ihn vor der Tür am Boden fest. Sigrid betrachtete den Jungen. Das er älter und stärker war, half ihm jetzt gar nichts mehr. Dann blickte sie zu den anderen. „Macht schon!“, sagte sie.
Eine Minute später half sie, Heikos Kleidung in eine SPAR-Tüte zu stopfen. Die Unterhose fasste sie nur mit den Fingerspitzen an. Die war wahrscheinlich vor einem Jahr das letzte Mal gewaschen worden. Was für ein Schwein.
„Ihr geht nach Hause. Ich kümmere mich um die Klamotten.“ Als sie zurück zur Himmelsleiter lief, hörte sie Heikos Fäuste, die gegen die verriegelte Tür trommelten.
Sigrid war das einzige Schlüsselkind in der Klasse. Niemand würde etwas merken, wenn sie später als gewöhnlich nach Hause kam. Genug Zeit, ans andere Ende des Dorfes zu laufen und die Tüte bei Heikos Zuhause vor die Tür zu legen. Sein Vater war um diese Zeit schon in der Dorfschänke. Eine Mutter gab es nicht.
Daheim im Kühlschrank fand Sigrid eine Bratwurst und Kartoffeln, die ihre Mutter schon in Scheiben geschnitten hatte. Den Salat übersah sie.
Hausaufgaben hatte sie heute nur in Deutsch. Sie brauchte keine halbe Stunde. Dann war sie draußen. Aber die Straße war kinderleer. Die Bank vor der Kirche auch. Auf dem Spielplatz baumelte die Schaukel verlassen im Wind. Die Tüte lag immer noch vor Heikos Haustür.
Auf dem Rückweg bog sie vor der Kirche nicht nach rechts ab, sondern ging geradeaus zur Himmelsleiter.
Die letzten Meter vor der alten Winzerhütte versuchte sie kein Geräusch zu machen, schlich sich an wie ein Indianerjunge aus ihren Büchern. Sigrid legte ein Ohr an die Tür.
Sie hörte ein Schluchzen, jemand zog die Nase hoch, wimmerte.
Sie fuhr sich mit dem Finger durch die Ohrmuschel, presste ihren Kopf noch fester an der Tür.
Heiko weinte. Der große, starke Heiko weinte, wie ein Erstklässler, der gerade Prügel von ihm bezogen hatte.
Auf den letzten Stufen der Himmelsleiter wurde Sigrid immer langsamer. Blieb schließlich ganz stehen, setzte sich dann wieder in Bewegung. Geradeaus. Nicht nach links. Nicht nachhause.
An der Dorfschänke stellte sie sich auf die Zehenspitzen und spähte durch die Glasscheibe in der oberen Türhälfte. Heikos Vater saß noch am Tresen.
Als sie mit der SPAR-Tüte zurückkam, war es in der Hütte völlig still. Sigrid zog den Riegel zur Seite. Heiko hockte in der hintersten Ecke, die Knie an den Bauch gezogen. Er blickte erst auf, als sie direkt vor ihm stand. Es war unübersehbar, dass er geweint hatte. Dort, wo die Tränen geflossen waren, hatten sie helle Streifen in seinem Gesicht hinterlassen.
Sie packte die SPAR-Tüte aus, legte Hose, Unterhose, T-Shirt, Strümpfe und Schuhe vor dem Jungen auf den Boden.
An der Tür machte sie noch mal kehrt. Heiko hatte sich nicht gerührt, kein Wort gesagt. Sigrid zog ein Stofftaschentuch aus ihrer Hosentasche und drückte es ihm in die Hand. „Geh Dir damit mal durchs Gesicht. – Muss ja nicht jeder sehen“, sagte sie. Dann ließ sie ihn allein.