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Hase und Bär – Gastbeitrag von Petra Schaberger

Ich lebte viele Jahre in der Karlsruher Südstadt, einem Sammelbecken schräger Typen, einem wirklichem Prekariat.

Die Toleranz der Bewohner dem Anderssein gegenüber war geradezu spektakulär.

Meine kleine Tochter Anna und ich wohnten dort in einer damals noch bezahlbaren 3-Zimmer-Altbauwohnung mit schönen hohen Decken. Weihnachten nahte und das mit dem Wunschzettel war für mich ein Balanceakt zwischen dem Gefühl unbedingt alles erfüllen zu wollen, aber nicht zu können. Meine Tochter wünschte sich einen Bären zu Weihnachten und ich bekam von einer Freundin den Tipp in der Stadt gäbe es einen sicher 1 m großen, sehr weichen Bären kaufen. Sie glaubte auch noch zu wissen, teuer sei er nicht gewesen. Ich bummelte durch die Stadt und dieser Bär war klasse. Gekauft. Als ich an der Kasse bezahlte, war es der Verkäuferin unmöglich dieses Kuscheltier in eine Tüte  zu packen. So klemmte ich ihn mir unter den Arm und trat auf die Fußgängerzone hinaus, ging zur Haltestelle rüber und stieg in die ‚6‘  Richtung Tivoli. Eng wie in einer Sardinenbüchse war es. Ich hielt den Bär jetzt wie ein Kind auf dem Arm, mit der anderen Hand hielt ich mich fest. An der nächsten Haltestelle wurde ein Platz frei und ich musste den Bären – so groß wie ein Schulkind – auf meinem Schoß unterbringen. Ich sah absolut lächerlich aus, wie eine dieser verrückten Frauen, die noch Puppenwagen vor sich herschoben. Ich senkte den Blick und nur ab und an schaute ich hoch. Plötzlich wurde mir klar. Die Fahrgäste – allesamt als Südstädtler zu erkennen – hatten mich als „eine der ihren“ vollkommen integriert.

Zu Hause setzte ich den Bären mit einer Schleife auf das Sofa im verschlossenen Wohnzimmer. Dann ging ich in die Küche und bereitete uns das traditionelle Weihnachtshuhn vor. Plötzlich ein Schrei und eine beängstigendes „Mamaaa!“

Ich trat in den Flur und dort kniete meine Tochter vor Merlin, ihrem Hasen, der regungslos im Käfig lag.

Ehrlich gesagt empfand ich das von Merlin sehr rücksichtslos direkt am Heilig Abend zu versterben und fühlte wie der Stresspegel in mir stieg. Tröstend nahm ich sie in den Arm und überlegte, was ich jetzt tun könnte. Draußen war es sehr kalt und das Haus hatte nur einen Hinterhof ohne Garten. Also ging ich ins Wohnzimmer um zu telefonieren. Dabei hatte ich vergessen die Tür zuzumachen. Das Weinen war verstummt und mir fiel das gar nicht mal auf. Ich rief eine Freundin an, Erzieherin in unserem Kindergarten. Sie gab mir den Schlüssel und so konnte ich den Hasen an der Mauer im Kindergarten – wo viele Meerschweinchen, Vögel, Hamster auch schon ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten – begraben. Andächtig, pietätvoll, mit einem Gebet, Kreuz und Kerze und Anna war dabei.

Nur eines wunderte mich. Sie war zwar still, aber richtig unglücklich wirkte sie nicht.

Sehr viel später gestand Anna mir, dass sie durch die offene Tür den Bären gesehen hatte und gar nicht mehr traurig sein konnte.

So nahm der Bär den Platz des Hasen ein.

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