Hinter den vibrierenden Fensterscheiben tobt stürmischer Januarwind, der in sich auch Schneeflocken trägt. Draußen ist es klirrend kalt. Ich genieße das Dunkel und die Wärme im Zimmer. Meine Geborgenheit, halblaut begleitet von Rock-Dinosauriern namens Pink Floyd. Das schrille Telefonklingeln reißt mich jäh aus meiner Idylle.
„Ja?“
„Hallo, großer Denker!“ höre ich eine rostige, heisere Stimme. Das ist Temo, mein Freund. Seit Jahren arbeitslos und von seiner Frau verlassen. Ehemaliger Künstler. Außer mir auch noch mit Alkohol befreundet. Aber er behauptet, er arbeite weiter und bald ist sein „Lebenswerk“ fertig. Dieses „bald“ dauert schon ewig und keiner von uns hat sein “laufendes Projekt“ gesehen.
„Na, bist du grad beim Dichten, mein verkanntes Genie?“ Ich brauch nicht zu fragen, ob er ein bisschen angesäuselt ist: Die Stimme und der Tonfall sind zu eindeutig.
„Hör mal, würdest du bei mir vorbeikommen?“
„Weißt du nicht mehr, wo ich wohne? Bei diesem Scheißwetter fast eine Stunde durch die Stadt und dabei dreimal umsteigen!“
„Voriges Jahr hast du auch nicht woanders gewohnt, aber du hast mir damals über den Winter hinweg geholfen. Das vergesse ich nie… wirklich.“ Der letzte Satz klingt wie Entschuldigung und Dankbarkeit zugleich.
„Na, kommst du?“ drängt er weiter, aber ohne jede Hoffnung in der Stimme.
„Also, Temo: Kann ich wirklich nicht. Nicht etwa, dass ich…“
„Ach komm! Lass doch den Scheiß! Ist schon in Ordnung, mein lebendiger Klassiker. Ciao.“
…Wir töteten dich langsam, schonungslos, lächelnd oder laut lachend, sogar auf die Schulter klopfend. Nach jedem Besuch bei dir glaubten wir deinen Kummer, den du dauernd in dich hineingefressen hast, zumindest für ein paar Tage lang ein wenig abgebaut zu haben.
Dann töteten wir dich weiter:
Mit billigem Wodka, hausgemachtem Schnaps, billigen Weinen und billigem Bier, manchmal mit kleinen Geldgeschenken. Dies tötete dich und deinen Stolz mehr als der Alkohol, denn du wusstest, dass wir auch nicht selten knapp bei Kasse waren.
Da hocktest du tagelang in deiner ungeheizten Wohnung vor deinem uralten Fernseher: anfangs fröstelnd, später – die Kälte kaum wahrnehmend und immer auf uns wartend. In leiser Hoffnung, dass jemand von uns wieder mal bei dir aufkreuzt.
Und das taten wir auch. Einzeln, zu zweit, zu dritt oder alle zusammen… Tranken mit dir, munterten dich plump auf und schämten uns heimlich dafür. Irgendwo in uns, in einem kleinsten Herzwinkel, lebte eine quälende Scham, die wir mit Alkohol zu betäubten versuchten. Und dann, nach dem Abschied, auf dem Nachhauseweg, mit dem Gefühl der ehrenhaft erfüllten Freundespflicht sprach jemand die x-mal gesprochenen Routine-Worte:
„Ist aber wirklich total runter, der Mann…“
Und darauf ein Anderer, abwinkend:
„Ach, komm! War doch zeitlebens immer so!“
Eine Erwiderung:
„Ja, aber jetzt ist es extrem. Echt…“
Dazu ein weiterer Anderer, wer weiß zum wievielten Mal:
„Wenn er nur geheiratet hätte…“
Und sofort ein skeptischer Einwand:
„Bist du verrückt? Er und das Eheleben? Den Fehler wiederholt er nicht mehr!“
„Warum eigentlich nicht? Wieso zu spät?“ protestierte jemand schwach, ohne dabei an seinen Optimismus selbst zu glauben.
Und so weiter. Jedes Mal, nach jedem Abschied, zuckten wir die Achseln. Hilflos und beschämt.
„Ja, aber… Was sollen wir denn machen? Können wir noch was? Ach, alles Scheiße…“
Trotzdem machte sich das Gefühl der quasi erfüllten Freundschaftspflicht in unseren Herzen wieder mal breit. Erleichtert nickten wir diesem Gefühl zu, um unsere Gewissensbisse etwas zu lindern. Und eine kurze Zeit lang tat uns der Gedanke an dich irgendwie nicht mehr so sehr weh, wie vor ein paar Stunden, wo wir dich durch unsere erfüllte Pflicht deinem Tod noch ein weiteres Stückchen entgegenbrachten.
Und am nächsten Tag pflegten wir uns um unsere Geschäfte zu kümmern. Vergaßen dich eine Zeit lang. Wir wussten, dass du sowieso warten würdest.
Eines Tages war es endlich passiert: Wir haben dich getötet (und es war nicht das Herzversagen, wie der Arzt nachher feststellte) und gleich darauf die grausame Wahrheit erkannt: Du hast uns alle als deinen größten Schmerz empfunden und dieser Schmerz hat dich umgebracht! Denn du hast uns geliebt, mit einer großen, unausgesprochenen Liebe und mit dieser Liebe hast du dich von uns verabschiedet.
Nach der Beerdigung sitzen wir in unserem Stammlokal. Alle schweigen und rauchen oder trinken wortlos, um das bedrückende Schweigen irgendwie zu überbrücken. Es scheint mir, als hätte die Zeit auch den Atem angehalten. Als wollte sie uns nur zuhören.
„Mist!“ sagt endlich jemand halblaut einfach ins Halbdunkel hinein ohne uns anzusehen, „am Vorabend hat er mich angerufen. Hat gebeten, kurz bei ihm vorbeizuschauen. Und ich, Idiot…“ Er winkt ab und schüttelt den Kopf. Mehr kann er nichts sagen und greift nach seinem Glas. Ich zucke wie bei einem leichten Stromschlag und senke den Blick, obwohl mich keiner beachtet. „Scheiße! Also, hat er auch dich angerufen?“ fragt jemand. Auf einmal reden alle durcheinander. Wie sich schnell herausstellt, muss Toni an jenem Abend fast jeden von uns angerufen haben. War es etwa irgendeine unbewusste Vorahnung und wollte er sich von uns verabschieden? Quatsch! An sowas glaube ich nicht. Auf jeden Fall – lange nicht mehr. Bin einfach zu alt und realistisch dafür.
Langsam wird es wieder still. Das Schweigen lastet auf uns und vermischt sich mit einer anderen, unsichtbaren Last, die wir nunmehr zu tragen haben.
Stumm und reglos sitze ich da, als wäre ich mit meinem Stuhl verwachsen. Werde ich es mir irgendwann verzeihen? Was wäre, wenn ich oder zumindest einer von uns an jenem Abend zu ihm gegangen wäre? Doch diese Frage erscheint mir jetzt völlig sinnlos: Du hast uns allen alles verziehen mit deinem letzten gutmütigen Lächeln – erfroren auf deinen Lippen an einem kalten Januarmorgen neben der beendeten Arbeit, deinem echt tollen, heute schon allgemein anerkannten Meisterwerk, mit dem du uns an deinem allerletzten Abend überraschen wolltest. Ja, jetzt ist klar, dass das Ganze dein heimlicher und verzweifelter Dauerkampf war, dich als einen Künstler wieder zu finden. Den langen und verdammt schwierigen Weg dazu hast du gefunden, aber es uns immer verschwiegen und dich von uns mit deinem letzten Werk verabschiedet.