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Die Ausstellung „Gesichter einer Stadt“

Fotografien von Henner Kaiser

Aus dem Nähkästchen eines Fotografen mit Leidenschaft

Versuch der Wiedergabe eines Gesprächs zwischen einem interessierten Dilettanten mit einem Perfektionisten.

„Henner, schon Deine Bilder aus dem Westen der USA haben mich beeindruckt, nun hast Du wieder die Schwarzweiß-Fotografie verwendet…“

„Fotografie ist Schreiben mit Licht, der Kontrast von Licht und Schatten ist durch die Reduktion auf Schwarz und Weiß besonders. Für die Portraits habe ich nur natürliches Licht eingesetzt. Zwischen 10 und 12 Uhr habe ich hier an meinem großen Westfenster das perfekte Licht. Mit den dichten Vorhängen kann ich die Lichtmenge exakt nach meinen Vorstellungen dosieren. Ein wenig habe ich mich auch von den Rembrandt´schen Selbstportraits inspirieren lassen.“

„Warum kein Blitz?“

„Ich besitze zwar eine gute Blitzanlage, habe aber bei diesem Projekt bewusst darauf verzichtet. Die zu fotografierende Person sollte sich entspannen können. Deshalb habe ich auch ein 90er-Objektiv verwendet, um Distanz zu schaffen. Zu viel Technik schüchtert ein.“

„Wie wurden die Heppenheimer Bürger für die Serie ausgewählt und wie wurden sie auf diese Portraits vorbereitet?“

„Die Idee für diese Ausstellung hatte Ulrich Lange, der scheidende Leiter des Heppenheimer Museums für Stadtgeschichte. Die 66 Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts stehen ja nur stellvertretend für die Heppenheimer Bürger – es hätten auch andere sein können. Ich habe die Personen angesprochen und ihnen ähnliche Arbeiten aus meinem Fundus gezeigt. Wenn sie einverstanden waren, mussten sie natürlich schriftlich einer Veröffentlichung zustimmen.“

„Haben die Leute die Fotos vor dem Ausdruck gesehen?“

„Ja, aber nur auf dem Display der Kamera, also das Rohbild. Sie wussten also nicht, wie das fertige Portrait aussehen wird.“

„Das jeweilige Ergebnis ist ja sehr markant, das heißt die Gesichter zeugen auch vom Alter. Es sind keine geschönten Bilder, also eher nicht für Bewerbungsschreiben geeignet.“

„Nein, die Gesichter sollen die Persönlichkeit widerspiegeln, Falten  gehören zum Leben.
Durch den Lichteinfallswinkel und die Lichtmenge konnte ich das bewusst steuern. Dabei habe ich die Augen immer im Fokus gehabt, also auch technisch gesehen. Die Augen sind ja das Wichtigste, das Ohr interessiert weniger. Das Objektiv in Augenhöhe, wobei ich bei einigen Aufnahmen etwas variiert habe, also auch ganz leicht von unten fotografiert habe.
Ich benutze nur die manuellen Einstellungen der Kamera, ich möchte den Fokusbereich, die Tiefenschärfe, die Belichtung unter meiner Kontrolle haben.“

„Die Bilder sind ja nicht inszeniert  ….“

„Nein, nach einer Aufwärmzeit bei der Session habe ich den Personen nichts vorgegeben. Sie sollten keine Maske aufsetzen, sie durften so in die Linse schauen, wie es ihrem Wesen entspricht. Nehmen wir zum Beispiel den bekannten Politiker, dem der Schalk anzusehen ist, oder die Dame, die offensichtlich gern lacht.“

„Wie wurden die Fotografien bearbeitet?“

„Ich mache grundsätzlich keine Retusche. Die Bilder werden in der digitalen Dunkelkammer entwickelt, also die Helligkeitswerte und der Kontrastumfang nach meinen Vorstellungen angepasst. Auch so, dass das Druckergebnis zusammen mit dem speziellen Fine Art Papier stimmt.“

„Die Digitalfotografie und auch die digitale Nachbearbeitung sind doch schon ein großer Fortschritt…“

„Aber ja, ich habe ja viele Jahre analog fotografiert und auch selbst Abzüge in der Dunkelkammer gemacht. Man hat viel experimentiert. Nach meiner Lehrerausbildung habe ich an verschiedenen Schulen Fotolabore eingerichtet und Foto-AGs geleitet. Selbst habe ich mehrere Seminare bei namhaften Fotografen besucht.
Angefangen hat meine Fotografierleidenschaft schon als Jugendlicher. Mit 14 habe ich meine erste Kamera gekauft – von meinem mühsam ersparten Geld aus Schülerjobs. Es ist eine Voigtländer, damals schon ein sehr gutes Gerät mit einem Schnittbildentfernungsmesser. Man musste den ermittelten Entfernungswert von Hand auf den Einstellring am Objektiv übertragen. Das hat funktioniert!“

„Durch die digitalen Pocketkameras und in neuster Zeit auch die wirklich fototauglichen Smartphones ist ja das Fotografieren sozusagen demokratisiert worden. Wie siehst Du das?“

„Sieht man von den täglich Milliarden Schnappschüssen ab, die dann im Speicherorkus oder im Internet verschwinden, kann man in der Digitalisierung auch eine Chance sehen. Auf dem Gebrauchtmarkt kann der ambitionierte Laie eine gute Ausrüstung zu moderaten Preisen erwerben. Die Technik ist auch nicht das Auschlaggebende – es kommt darauf an, ein Auge für das Motiv zu entwickeln.
Wenn ich zum Beispiel in die Normandie reise, informiere ich mich im voraus über die Architektur der gotischen Kathedralen. Ich habe dann ein Wissen, worauf es beim Fotografieren ankommt.“

„Henner, danke für Deine Zeit. Es war – wie immer – für mich sehr spannend. Wir alle hoffen auf Dein nächstes Projekt!“

 

Thomas Klinger

Die Ausstellung in Heppenheim läuft im Amtshof noch bis zum 23. August.
Nicht versäumen!

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