Danach von Cleo A. Wiertz

„Gehen Sie endlich nach Hause!“ Der Arzt klang gereizt. Er war jung, unerfahren. Sich seiner Brutalität nicht bewusst.

Sie verstand nicht, warum er sie plötzlich fortschicken wollte. Seit zwei Tagen war sie auf der Intensivstation. Sie hatte mit ihrem Mann stundenlang in der Notaufnahme warten müssen, bis ein Arzt für ihn Zeit gehabt hatte. Er war grau im Gesicht gewesen vor Schmerzen. Nach einer kurzen Untersuchung, deren Ergebnis nicht präzisiert worden war, hatte man ihn in dieses Zimmer geschafft. Man hatte ihm ein Schmerzmittel gegeben, ihm einen Katheter gelegt. Die EKG-Überwachung lief. In all den Stunden hatte niemand das Wort an sie gerichtet, es war, als ob sie nicht da sei.

Im Zimmer war ein Bett gewesen, sonst nichts. Sie hatte auf der Bettkante gesessen, um ihrem Mann die Hand halten zu können. Nachdem sie fünf Stunden so gesessen hatte, hatte ihr ein Pfleger einen Stuhl gebracht. Seitdem hatte sie in diesem Stuhl neben dem Bett gesessen. Von Zeit zu Zeit war sie auf die Toilette gegangen. Von Zeit zu Zeit hatte sie einen Schluck Wasser getrunken. Von Zeit zu Zeit war ihr Mann eingedöst, und auch sie war ein paar Minuten weggedämmert. In Abständen war er aufgewacht, verwirrt, und hatte fortgewollt. Sie hatte ihn beschwichtigt, ihn angefleht, geduldig zu sein. Sie hatte ihn im Bett gehalten, mit Worten und mit der Kraft ihrer Arme.

Jetzt warf man sie hinaus. Der Arzt ließ nicht locker. „Fahren Sie nach Hause und ruhen Sie sich aus.“ Sie war sehr müde, aber sie wollte nicht gehen. „Gehen Sie endlich!“ Der Arzt schrie sie fast an. „Sie behindern unsere Arbeit.“ Wieso? wollte sie fragen, aber sie blieb stumm. Er schob sie aus dem Zimmer. „Es besteht keine unmittelbare Gefahr. Sollte sich sein Zustand verschlechtern, rufen wir Sie selbstverständlich sofort an.“

Sie fuhr nach Hause. Es war fast Mitternacht, die Straßen waren leer, sie kam schnell auf die Umgehungsstraße. Daheim fiel sie ins Bett, das Telefon neben sich.

Der Anruf kam um zwei Uhr morgens. „Wir möchten Ihnen mitteilen, dass Ihr Mann verstorben ist.“ Eine trockene, verlegene Stimme – die des Arztes, der sie wenige Stunden zuvor aus dem Krankenzimmer verwiesen hatte.  „Bitte kommen Sie jetzt nicht“, fügte er noch hinzu. „Kommen Sie morgen früh.“ Sie hörte ihn kaum. Was sie hörte, wie eine mächtige Glocke in ihren Inneren, war „Zu spät! Zu spät! Zu spät!“ Sie legte auf.

Am Morgen und in den nächsten Tagen tat sie wie in einem Nebel alles, was notwendig war. Im Organisieren war sie immer gut gewesen, die jetzige Situation machte da keine Ausnahme. Sie rief den Bestattungsunternehmer an, die Angehörigen, die Bank, den Notar, die Zeitung, die Friedhofsverwaltung. Sie brachte die Totenfeier hinter sich, die Urnenbeisetzung, die Abwicklung des Nachlasses. Sie sprach mit den Freunden und den Kollegen ihres Mannes, freundlich, aufmerksam, mechanisch. Sie ging wieder zur Arbeit.

Nur die Stimme in ihrem Inneren konnte sie nicht zum Schweigen bringen: „Ich habe ihn alleingelassen.“ Diese Schuld schien ihr bergehoch. Nur einen Satz hätte sie ihm sagen wollen, einen einzigen Satz. Den Satz, der die Entfremdung und die Missverständnisse der letzten Jahre zwischen ihnen ausgelöscht hätte, der sie zurückgeführt hätte in die alte, nein, in eine neue Verbundenheit. Dass das nicht möglich gewesen war, dass sie das versäumt hatte, war nie mehr gutzumachen. Sie war schuldig, unwiderruflich. Und diesem Schuldspruch, ihrem eigenen, würde sie ausgeliefert sein für den Rest ihres Lebens.

 

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