„Hätt´st dir halt ´ne andere Mutter ausgesucht! Wir suchen uns unsere Eltern doch selber aus, hätt´st ja nich mich nehmen müssen!“ Die Frau, die mich mit 17 Jahren zur Welt gebracht hatte, verzog ihr Gesicht zu einem schrägen Grinsen. Ich war 18 und diese Aussage hörte ich nicht zum ersten Mal. Ich wusste, dass sie glaubte, was sie von sich gab. Und ich wusste, mit ihr reden konnte man nicht.

Die ersten 18 Jahre meines Lebens waren … nun, dafür fehlen mir auch heute noch die passenden Worte. Nach meiner Geburt hatte mich meine Mutter so schwer vernachlässigt, dass ich fast gestorben wäre, doch ich wurde gerettet. „Gerettet“ – das ist ein schönes Wort, ein tröstliches. Es feiert das Überleben, das I n-Sicherheit-Sein. Es verleiht die Hoffnung, dass es besser wird, dass die schlimme Zeit vorbei ist. Doch wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, dann sage ich es lieber so: Ich überlebte.

Die zwei Jahre, die folgten, verbrachte ich bei meinen Großeltern – bis meine Großmutter starb. Mein Großvater war überfordert mit den eigenen noch jugendlichen Töchtern und dem dreijährigen Enkelkind – und so kam es, wie es kommen musste: Eines Tages fuhr eine fremde Frau in einer verrosteten roten Ente vor, sprach kurz mit meinem Großvater, verfrachtete mich ohne Erklärung ins Auto und startete den Wagen. Ich weiß noch, wie mein Großvater in der Tür zum einzigen Zuhause stand, das ich kannte, und sich die Hände an seiner Bäckersschürze abwischte, während er mir nachsah und in der Heckscheibe kleiner und kleiner wurde.

Aus der fremden Frau, die meine Mutter war, war in den Jahren, die ich bei meinen Großeltern leben durfte, kein neuer Mensch geworden.
Sie ließ mich meine Kindheit hindurch ganze Tage und Nächte allein. Wenn ich, wie so oft, von einem Albtraum schweißgebadet aufwachte, schrie und weinte, kam Niemand. Nein, „Niemand“ ist nicht falsch geschrieben. Diese Leere, dieser „Niemand“, wurde fast zu Jemand, jemand, der immer da war, wenn meine Mutter es nicht war. Zuerst versuchte ich diesem „Niemand“ zu entgehen, suchte bei Kuscheltieren Trost und Zuwendung und weinte so lange weiter, bis schließlich nichts mehr in mir war – keine Verzweiflung, keine Sehnsucht, keine Hoffnung. Wieder überlebte ich – und lernte, dass Stofftiere eben doch nur Dinge waren, in ihnen kein Leben, keine Wärme, keine Fähigkeit zur Bindung. Ich war allein.
Zu essen bekam ich nur, wenn meine Mutter für sich kochte. Den Rest der Zeit musste ich mich selbst versorgen – auch, wenn das bedeutete, „ihre Sachen zu klauen“, wie sie das nannte. Nachdem sie mich dessen zum ersten Mal beschuldigt hatte, nahm ich nur noch geschnittenes Brot aus der Plastikpackung und einen möglichst kleinen Löffel Gelee aus dem Marmeladenglas, weil ich hoffte, meine Mutter würde die Scheiben nicht zählen und das Glas nicht wiegen. Zur nächtlichen Einsamkeit gesellte sich die Angst, die sich mir tagsüber an die Fersen heftete.
Meine Mutter schlug mich, schrie mich an, benutzte Schimpfwörter statt meines Namens, lachte mich aus. Einmal warf sie einen Topf mit kochendem Essen von der heißen Herdplatte nach mir, ein anderes Mal zerrte sie mich in ihr Zimmer, schubste mich herum und brüllte mich nieder.

Fürs Leben habe ich von meiner Mutter wenig gelernt – fürs Überleben viel. Heute, fast 30 Jahre später, erzähle ich nur noch selten von dem Schlimmen. Ich habe aufgeräumt, habe das Bedürfnis nicht mehr. Und doch war es mir wichtig, hier und heute noch einmal zurückzuschauen in mein Gestern und Vorgestern. Denn an diesem Abend, an dem mir meine Mutter abermals sagte, ich hätte sie mir ja nicht aussuchen müssen, veränderte sich der Lauf der Welt.

Damals lebten wir in einer klitzekleinen Wohnung. Darin konnte ich den Blicken meiner Mutter nicht entgehen, egal wie sehr ich es auch versuchte. Und so wunderte es mich nicht, als ich an diesem Abend auf dem Weg in die Küche plötzlich von meiner Mutter am Arm gepackt wurde. Sie riss mich herum und schrie mich an: „Ich hab dir schon tausendmal gesagt, du sollst meine Sachen in Ruhe lassen!“ Bevor ich wusste, wie mir geschah, schoss eine Hand auf mein Gesicht zu. Und da passierte es: Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich wütend! Diesmal wendete ich meinen Blick nicht ab, ich hielt dem ihren stand! Diesmal fiel ich nicht in mich zusammen, ich richtete mich auf! Eine Kraft, die ich nicht kannte und die doch aus den Tiefen meiner selbst zu kommen schien, schoss hinein in jede Faser, jede Zelle meines Seins. Mir war, als würden sich meine Schutzmauern, die beim Anblick meiner Mutter zu bröckeln begonnen hatten, wieder zusammensetzen, jedes Staubkorn, jedes Steinchen den Weg zurückfinden an seinen ureigensten Platz.
Plötzlich schnellte mein Arm nach oben. Ich bekam das Handgelenk meiner Mutter im Flug zu fassen. Meine Finger umklammerten es, gaben keinen Millimeter nach. Und für den Bruchteil einer Sekunde stand die Erde still.
Ich atmete tief und gleichmäßig, blinzelte nicht. Das linke Augenlid meiner Mutter zuckte, ihre Pupillen weiteten sich. Dann verzerrte sich ihr Gesicht. Sie zitterte.
Ich lockerte meinen Griff, gab ihr Handgelenk frei. Ihr Arm fiel leblos nach unten, baumelte an ihrer Schulter.
Ich hob meine Hand und holte aus. Meine Mutter kniff die Augen zusammen, drehte den Kopf zur Seite, duckte sich. Als nichts geschah, öffnete sie die Augen einen Spalt breit und sah sich um, meine Hand noch immer neben ihrem Gesicht in der Luft. Sie atmete flach.
„Wenn du mich noch einmal schlägst“, sagte ich mit klarer, fester Stimme und betonte dabei jedes Wort, als wäre es ein eigenständiger Satz. „Wenn du mich noch einmal schlägst, schlag ich zurück.“ Meine Mutter schluckte. „Hast du das verstanden?“ Sie nickte.

Woher diese Kraft so plötzlich kam? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber eines wurde mir an diesem Abend glasklar: Meine Mutter konnte ich mir zwar nicht aussuchen, aber die Welt anhalten, das konnte ich! Und sie in neue Bahnen lenken! Und seitdem gehört mein Leben mir!

Die Tropfen der Traubensaftschorle rannen langsam über ihre Haare in den Nacken, vorne über die Stirn und die Wangen, bis sie ihren Hals erreichten und sich dann ganz vorsichtig am Oberkörper verteilten. Er ließ die 1,5-Liter-PET-Flasche mit einer Ruhe über ihr auslaufen, als hätte er im Detail geplant, wie sie durch diese Handlung mit all seiner tiefen, aufgestauten Verachtung bedeckt werden sollte. Jeder einzelne dieser Tropfen flüsterte ihr ganz leise Botschaften ins Ohr. Auf eine paradoxe Art gleichzeitig sanft und doch vernichtend: „Siehst du, zu welchem Verhalten DU mich gebracht hast mit deiner Widerspenstigkeit?“ „Wenn deine Freunde dich wirklich kennen würden, würde dich keiner mehr mögen“ „Sogar deine Mutter findet, dass du nichts kannst“ „Du Schlampe“ „Du Parasit“ Zwischen diesen sehr laut in ihrem Kopf vernehmbaren Botschaften meldeten sich andere Stimmen zu Wort, die aus einer anderen  Richtung zu kommen schienen: „Noch nicht mal ein Mittagessen kann ich kochen“ „Irgendwie hat er recht. Egal, was ich mache, ich mache dabei Fehler“ „Kein einziges Zimmer ist aufgeräumt – eine absolute Schande für eine Hausfrau und Mutter“
Langsam wurde es ruhiger. Die Tropfen klebten an ihrem Körper und ebenso die damit angekommenen Aussagen. Was genau geschah, als sie dieser unwirklichen und doch fühlbaren Starre des Mit-sich-Geschehen-Lassens wieder entkam, konnte sie nicht mehr sagen. Sie erinnerte sich nicht mehr. Wahrscheinlich war es der Übergang von einer Art Trance –  als würde man sich in einem Traum befinden – hin zu einem Zustand, der dem eines körperlichen Schocks nach einem Autounfall gleicht. Der Körper müsste wehtun und Signale senden, zeigen, was gerade gebrochen oder verletzt wurde, wo eine Wunde blutet und versorgt werden müsste. Aber der Körper fühlt einfach nicht. Gar nichts. Und so auch nach diesem Moment das Innere. „Nichts“ ist das beste Wort, um zu beschreiben, wie es sich anfühlt. Es mussten weder Rettungswagen noch Notarzt geholt werden. Es hatte einen ja niemand geschlagen oder getreten. Es gab keine blauen Flecken oder gebrochenen Rippen. Andererseits… dass etwas gebrochen war, fühlte sie. Sie konnte es nur nicht benennen. Sie konnte rein gar nichts mehr benennen. Wie sie einschlief und am nächsten Morgen wieder aufstand, die Kinder für den Kindergarten fertig machte, Mittagessen kochte, das nur allzu oft als „Fraß“ bezeichnet wurde, weiß sie nicht mehr. Auch, ob es noch Monate oder Jahre der Beleidigungen, des Schreiens waren, kann sie im Nachhinein nicht sagen. Auch nicht, wie sie das eine Jahr – war es vor oder nach der „Traubensaftschorle“ – überlebte, in dem die Verachtung eine Stufe weiter ging. Auch dann noch keine gebrochene Rippen – aber blaue Flecken. Oder eine Ecke, in die sie hinein gestoßen wurde und aus der sie nur mit Beteuerungen ihrer Schuld wieder herauskam. Oder eine zerrissene Jacke, nachdem sie mal wieder angeblich dreist gelogen hatte.
Dann irgendwann der Start in den letzten gemeinsamen Urlaub. Die Kinder freuten sich – der erste bewusste Flug für ihren Sohn Ben. Er war vier Jahre alt in diesem Frühling. Leni kam diesen Sommer in die Schule, einige Monate nach dem Urlaub. Auch wenn alles nach außen hin ruhig wirkte und sie eine normale Familie zu sein schienen, wusste sie doch, dass sie unter strengen Regeln in ihr All-Inclusive-Hotel reisten. Sie hatte vorher mehrmals mit der Gästebetreuung des Hotels geschrieben, damit sichergestellt war, dass sie dort Alternativen zu Milch- und Glutenprodukten hatten. Fleisch und Fisch würden sie sowieso meiden. Nein, sie hatten keine Unverträglichkeiten, sondern der Vater der Kinder hatte durch sorgfältige Recherche herausgefunden, was wirklich gut für sie alle war. Widerspruch war dabei natürlich nicht geduldet. Wie sie –  angekommen im Normalo-5-Sterne-Pauschaltouristen-Paradies – herausfinden durfte, waren auch ein großer Teil der gluten- und milchfreien Speisen tabu. „Mama, dürfen wir das essen?“ „Da musst du den Papa fragen.“ Sie „genossen“ also, was ihnen erlaubt wurde.
Dass sie Lenis Schulanfang als getrenntes Paar erleben würden, war Traum und Albtraum in einem. Er sagte, er sei verzweifelt, er könne nicht mehr mit einer Frau wie ihr zusammenleben, und dass diese Familie wegen ihr zerbrach. Und konstatierte ihr mehrere psychische Störungen, bezahlte ihr Beratungs-Sitzungen bei einem selbsternannten – mit ihm gut befreundeten – „Hobby“-Psychologen. Aber ER ging in diesem Sommer. Er GING. Es war wieder eine Zeit des Fast-nicht-Fühlens, der vorangegangenen weiteren verbalen Zerstörung ihres Ichs, ihrer Berechtigung und ihrer Fähigkeiten als Mutter. Und des Zerbrechens einer Familie, die sie unbedingt als Familie mit vier Personen behalten wollte. Wollte, dass sie aufwachte aus dem bösen Traum und auf einmal alles heile und schön und einfach so NORMAL wäre; wie bei den „anderen“. Und doch fing sie auch an zu spüren, dass ein Funken Hoffnung in der Luft lag. Sie fing vielleicht überhaupt wieder an zu fühlen. Weil Fühlen wieder Sinn machte. Eine Freundin schenkte ihr den aus Holz ausgesägten Begriff „Mut“, der bis heute in ihrer Küche steht. Damit konnte sie in der ersten Zeit nicht viel anfangen. Sie fand, sie war nicht mutig, nur eine, die überleben wollte. Frei und alleine mit ihren Kindern zusammen sein wollte. Irgendwie wollte, dass irgendetwas besser wurde. Es war dieses Wieder-Anfangen-zu-fühlen, was sie Schritt für Schritt immer lebendiger machte. Wieder fühlen zu WOLLEN, weil fühlen sich eben jetzt wieder lohnte. Manchmal fragte sie sich, wenn sie ihre selbstbewussten und durch die Trennung selbständig gewordenen Kinder beobachte: Was ist es, was du ihnen überhaupt geben kannst? Ist das nicht alles Fake? Haben sie nicht alles, was sie können, von ihrem Papa? Dann kommen wieder die Stimmen, die mit der Traubensaftschorle in ihren Körper eindrangen: „Wer bist du denn überhaupt?“ „Sogar deine Mutter denkt, dass man dir helfen muss. Du schaffst auch wirklich gar nichts alleine.“

„Mama, darf ich mit der Anna backen?“ Leni, jetzt schon 11 Jahre alt, reißt mich aus meinem Flashback in die  Vergangenheit. „Ja, klar könnt ihr backen. Räumt nur danach alles wieder in die Spüle“ Denke mir dabei: Was auch immer das Ergebnis ist, es ist gut – manchmal ein grandioses Kunstwerk kreativer Backkunst, manchmal ist es einfach für die Tonne, wie die Kinder lachend selbst schon hin und wieder feststellten. Das ist egal. Alles ist erlaubt. Wir sind frei. Ich realisiere, dass ich aufgewacht bin. Dass es „sie“ nicht mehr so richtig gibt. „Ich“ habe weitergelebt, weitergefühlt, war die ganze Zeit wirklich und im realen Leben Bezugsperson für meine Kinder – trotz allem.
Vielleicht ist er dieser Spruch am Ende doch wahr: Das Mutigste, was ich je getan habe, war weiterzuleben, obwohl ich sterben wollte.

Vor dreizehn Tagen hatte ich den Schritt gewagt, meinen Eltern ihren tatsächlichen Sohn zu präsentieren. Mich, wie ich war und in Zukunft leben wollte. Das einstudierte Bündel genormter Erwartungshaltungen hatte ich – aus Angst vor Ablehnung – schon viel zu lange getragen. Nun war es mir zu schwer geworden, und ich hatte damit begonnen, es abzulegen.

Seit diesem Tag fühlte es sich an, als gäbe es in unserem Haus nicht mehr genügend Luft zum Atmen. Oder als würde sie mir nicht länger zugestanden. Meine Eltern und ich, wir saßen im selben Boot, in dieser jämmerlichen Nussschale von Familie. Ich hatte das Rudern übernommen und war dabei über Bord gegangen. Als winkender Nichtschwimmer. Jetzt war es an ihnen, das Steuer zu übernehmen, mich einzusammeln, den Kurs zu korrigieren und das Riff zu umschiffen.

Nie zuvor hatte ich mich so verletzlich gefühlt. Dabei war ich groß, stark; in meiner Klasse eilte mir ein gewisser Ruf voraus, den ich mir durch vereinzelte Schlägereien hart erarbeitet hatte.

Ich ließ meinen Bleistift sinken und blickte auf. Die Atmosphäre im Klassenzimmer hatte sich in den letzten Sekunden merklich verändert. Als sei ein kalter, schneidender Luftzug hindurch gefegt. Das blutüberströmte Vampirmädchen, das ich noch eben in mein Heft gekritzelt hatte, entließ mich aus seinem Bann.

„Echt, du bist lesbisch?“ Das war Ahmad. Ein Macho wie aus dem Lexikon. In seiner Frage schwang Ekel mit. Er schaute in Leylas Richtung, mied aber ihren Blick.

Leyla war vor Kurzem neu in unsere Klasse gekommen, ein toughes Mädchen: zerrissene Jeans, schwarzgefärbte Haare, Nasenpiercing. Ständig trug sie Pullover irgendwelcher Bands, von denen noch nie jemand gehört hatte. Sie war selbstbewusst, ein bisschen wie Super Girl. Bloß sympathischer. Und ja, sie war lesbisch. Für die Aufmerksamen hatte sie daraus von Beginn an kein Geheimnis gemacht. Der kleine regenbogenfarbene Aufkleber auf ihrer Federmappe, ihr Armband: Wie Brotkrümel hatte sie die Botschaft an alle gesendet, die zuhören wollten, ohne dass sie es hatte aussprechen müssen. Für sie gab es auch gar nichts, was unbedingt hätte ausgesprochen werden müssen. Man kommt schließlich auch nicht neu in eine Klasse und outet sich als Hetero.

Ahmad sah das anders und viele standen hinter ihm. Auch die schweigende Masse stand ihm nicht im Weg.

Er versuchte, sich an irgendeine Passage aus dem Koran zu erinnern. Christina, Leylas rechte Sitznachbarin, bediente sich an der Bibel und rückte etwas von ihr ab. Gott sollte ihr keine Komplizenschaft unterstellen können. Zwei Wochen lang hatte sie den Aufkleber vor ihrer Nase gehabt und ignoriert – wie konnte sie diesem Detail plötzlich solche Bedeutung beimessen?

Erst versuchte Leyla noch, sich der Diskussion zu stellen. Dieser Diskussion, die mit jedem weiteren Beitrag den Deckmantel der sensationslüsternen Neugierde abstreifte und zunehmend feindlich wurde. Ein richtiger Mindfuck. Für sie. Und für mich. Dann begann sie zu schluchzen, Stimmen prasselten von allen Seiten auf sie ein. Selbst die größte Stärke ist begrenzt, jeder hat sein Kryptonit.

Ich sah ihr an, dass sie am liebsten aufgestanden wäre und den Raum verlassen hätte. Doch sie blieb sitzen. Wie ich. Ich wollte ihr so gerne helfen. Doch hatte ich bisher noch nie auch nur ein einziges Wort mit ihr gewechselt. Ich war ein stiller Bewunderer, aber kein Beistand.

Sophie, Leylas linke Sitznachbarin, reichte ihr ein Taschentuch und streichelte kurz über ihren Arm.

„Scheiße, und mit der habe ich nach Sport geduscht“, warf Natascha in den Raum, so als hätte Leyla diesen tatsächlich verlassen.

Unser Lehrer stand Leyla zur Seite und übernahm wieder die Gesprächsleitung. Er war ein liberaler Typ, der sich dem täglichen Chaos unserer Klasse meistens mit stoischer Gelassenheit stellte, jedoch wichtige Grenzen aufzeigte und unsinnige überwand. Doch manchmal ist ein Lehrer eben nur Lehrer und seine Worte finden kein Gehör, wie rational oder vernünftig sie auch sein mögen.

Er wandte sich Steven zu, der durch einen weiteren, beinahe geflüsterten Kommentar in seine Schusslinie geraten war.

Ich kannte Steven seit der Grundschule und wir waren so etwas wie beste Freunde. Doch manchmal war er einfach ein riesiges Arschloch und ein noch größerer Idiot. Wie jetzt gerade: „Meinetwegen können die Homos machen, was sie wollen. Solange sie mich nicht anschwulen. Sind ja trotzdem Menschen. Ich mein, ich find das eklig, aber ich bin ja tolerant, ich schlag die nicht gleich oder so. Aber wehe, die kommen mir zu nah …“

Unser Lehrer versuchte, die Stimmung etwas zu entspannen: „Steven, du hast also Angst, dass alle Schwulen auf der Straße über dich herfallen könnten. Wie oft passiert dir das denn bei Mädchen?“

„Hä?“

„Du traust dich ja auch raus, obwohl es da draußen Mädchen geben könnte, die auf dich stehen. Hältst du dich wirklich für so attraktiv, dass du dir darüber Gedanken machen musst?“ Ein paar Lacher, aber keine Entspannung. „In Ordnung, ich versuche es mal anders. Aber bevor du antwortest, überlege dir bitte genau, was du sagst. Stell dir vor, dein bester Freund wäre schwul – Wie könnte er sich dir da anvertrauen? Und meinst du wirklich, das würde etwas daran ändern, dass ihr seit Jahren beste Freunde seid?“

„Ja, dann wäre er ein anderer Mensch und ich würde ihm die Freundschaft kündigen …“

Unser Lehrer schüttelte resigniert den Kopf und versuchte, sein Anliegen durch ein persönliches Beispiel zu verdeutlichen. In seiner Clique gab es zwei Mädchen, die ihre Beziehung selbst vor den engsten Freunden mehrere Jahre geheim gehalten hatten. Als sie den Mut fanden, fanden ihn auch drei weitere, was am Ende den halben Freundeskreis ausmachte.

Nach diesem Beispiel wiederholte unser Lehrer seine Frage. Und Steven wiederholte seine Antwort.

In mir rumorte es, meine Hände zitterten. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Für diese klägliche Nussschale von Familie. Für Leyla, die Tapfere. Für alles, was vernünftig war. Und am meisten … für mich!

Ich stand auf. Und laut, ganz ohne Räuspern sagte ich: „Ich bin übrigens schwul.“

Ich wunderte mich selbst, wie groß ich war. Wie stark ich war. Ich war ein Fels in der Brandung.

Leyla lächelte. Steven errötete.

Die feindseligen Stimmen verstummten.

Es wird wieder passieren. Ich spüre es. Ich weiß es. Ich weiß es ganz genau. Sie ist weg. Und wir sind allein. Er und ich. Wie jedes Mal. Er wird es wieder tun. Wie jedes Mal. Und ich kann nichts dagegen tun. Mich nicht wehren. Sonst gibt es wieder Schmerzen. Schmerzen, die ich verdient habe. Weil ich kein braves Mädchen war. Er kommt zu mir und ich möchte etwas sagen, ich möchte schreien, nach Hilfe schreien, nach meiner Mama schreien, doch ich kann nicht. Denn sie ist nicht da. Hat mich allein gelassen mit ihm. Ich möchte wegrennen, doch ich darf nicht. Er ist schneller, er holt mich ein. Und dann gibt’s wieder Schmerzen. Ich möchte flehen, dass er es nicht tut, möchte sagen, dass ich das nicht möchte, aber das bringt nichts. Denn mein Willen hat keinen Wert. Ich bin egal, ich bin nur ein Spielzeug, das er haben möchte. Ich bin nur da, um benutzt zu werden.
Und plötzlich ist er da und er ist überall. Überall Hände, Hände dort, wo ich sie nicht haben möchte, Hände, Hände, überall Hände. T-Shirt und Strumpfhose scheinen verschwunden zu sein, denn plötzlich ist es kalt und er ist überall. Ich habe Angst, ich wage kaum zu atmen, bitte hör auf, bitte, bitte hör auf, aber er tut‘s nicht. Alles in mir verkrampft, ich bin ohnmächtig. Ich kann nichts tun, nichts dagegen tun, überall sind Hände, ich nehme kaum noch wahr wo, ich spüre sie überall, als wäre er überall gleichzeitig. Er ist über mir, er will immer mehr. Immer und immer und immer mehr. Und es reicht ihm nicht, an mir dran zu sein. Es reicht ihm nicht, alles an mir anzufassen, alles an mir zu besitzen, nein, er will auch in mich hinein. In mich eindringen, um mir alles zu nehmen, was je mir gehört hat. Ich gehöre ihm. Mein Gehirn packt alles in einen Nebel, doch es reicht nicht, um all das nicht mitzubekommen. Wie er sich auszieht, wie er in mich hinein dringt. Wie er auf mir liegt, mich mit seinem ganzen Gewicht gegen den kratzigen Teppich drückt. Wie er mir befiehlt, zu tun, was er will. Ich bin kein Mensch. Ich bin ein Spielzeug. Sein Spielzeug. Und ich muss tun, was er sagt. Sonst gibt es Schmerzen. Und noch Schlimmeres. Ich muss tun, was er sagt, immer und immer wieder. Dinge, die ich nicht tun will. Dinge, die ich nicht zulassen will. Aber das ist egal. Was ich will, war schon immer egal. Es tut weh, so weh, dass ich schreien will, aber das darf ich nicht. Ich möchte weinen, aber das ist auch nicht erlaubt. Keinen Mucks machen, keinen einzigen Mucks. Ganz leise sein. Und aushalten. Irgendwie. Der Nebel wird dichter, der Nebel will mich beschützen, aber er ist nicht stark genug, er ist stärker. Er wird immer stärker sein.
Und irgendwann ist es vorbei. Er lässt mich los, seine Hände verlassen meinen Körper, er ist weg. Weg. Endlich weg. Vorbei. Endlich vorbei. Er geht raus. Ich liege da und kann mich nicht rühren. Alles verkrampft, alles tut weh. Mein Herz schlägt so laut, dass ich Angst habe, dass man es durch die geschlossene Tür hört, und er reinkommt und mich schlägt. Aber er hört es nicht. Langsam kann ich mich wieder bewegen. Es ist vorbei. Aber nur für heute. Nicht für immer. Ich wünsche mir jedes Mal, dass es für immer vorbei ist. Aber das wünsche ich mir schon ganz lange. Meine Mama sagt, wenn man eine Wimper verliert, dann darf man sie wegpusten und sich was wünschen. Ich wünsche mir jedes Mal, dass das aufhört. Dass er aufhört. Aber es hört nicht auf. Ich hoffe, es funktioniert bei der nächsten Wimper.
Später holt mich Mama ab. Es ist schon spät, und ich muss ins Bett. Ich würde gerne sagen, was er macht, aber das darf ich nicht, sagt er. Weil er sonst Mama und Papa und Oma wehtut. Und mir auch. Und er sagt, dass ich das verdient habe. Weil ich ein böses Mädchen bin. Vielleicht hört es auf, wenn ich ein besseres Mädchen bin. Oder vielleicht nach der nächsten Wunschwimper.
Wie man sich denken kann, hat all das nichts geholfen. Kein Hoffen, kein Bangen, keine Wunschwimpern. Es ging weiter so. Jahrelang. Und keiner hat es gesehen. Keiner wollte es sehen. Nach einigen Jahren sind wir umgezogen, und damit hatte diese Hölle endlich ein Ende. Vorerst. Mein Gehirn blendete es komplett aus. An nichts konnte ich mich erinnern. Es war einfach zu viel, zu viel für ein kleines Kind, das all das nicht versteht. Deshalb ließ mich mein Gehirn vergessen, damit ich nicht zugrunde ging daran. Doch irgendwann hörte mein Kopf auf, sich davor zu verschließen, und ließ die Erinnerungen wieder rein. In mein Bewusstsein. Sie kommen überfallartig auf mich, wie ein riesiger Tsunami, der mich überrollt und ertränkt. Ich falle um, mein Körper zuckt und krampft, was das Zeug hält, und ich sehe all das wieder. Was er getan hat. Was er an mir getan hat. Was er in mir getan hat. Was er gezwungen hat, mich zu tun. Es ist, als würde es immer und immer wieder passieren, wobei es schon lange vorbei ist. Die Erinnerungen suchen mich heim bis heute. Er schickt mich jeden Tag durch die Hölle, obwohl ich ihn seit Jahren nicht gesehen habe. Das ist das Schlimme an einem Trauma: Es lässt dich nicht los. Es lässt dich nicht vergessen. Es sucht dich heim und erinnert dich immer wieder an diese Hölle. Diese Hölle ist ein Teil von dir und wird es immer bleiben, und damit musst du dich arrangieren – für den Rest deines Lebens. Man sagt nicht umsonst, egal was die Täter für eine Strafe bekommen – die Opfer haben lebenslänglich.
Er hat keine Strafe bekommen. Ich habe mich nicht getraut. Zu groß ist die Angst, die Angst vor ihm, vor den Erinnerungen, der Polizei, den Befragungen und davor, ob man mir überhaupt glaubt. Ich versuche vorerst, überhaupt mit mir selbst klarzukommen. Ich wollte so oft all dem ein Ende setzen, springen, den Strick schnüren, die Tabletten nehmen, um all das nicht mehr sehen zu müssen, nicht mehr fühlen zu müssen. Doch das Leben wollte mich nicht loslassen, ich überlebte jedes Mal.
Und ich gab ihm noch eine Chance. Ich habe endlich adäquate Hilfe bekommen. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, die mich lieben, so wie ich bin, mit all meinen Macken und Problemen. Ich habe mir etwas aufgebaut, was langsam annähernd einem Leben gleicht. Ich muss immer noch jeden Tag kämpfen, gegen die Erinnerungen, die mich einholen, die Flashbacks, die Krampfanfälle, die unaushaltbaren Gefühle und Gedanken, und oft schleicht sich der Gedanke ein, dass es einfacher wäre, alles einfach zu beenden. Aber nein. Das will ich nicht. Ich bin dabei, die schönen Seiten des Lebens kennenzulernen. Ich möchte Zeit mit Menschen verbringen, die ich liebe und die mir das Gefühl geben, ein Mensch zu sein. Ich möchte lachen, Spaß haben und endlich das Gefühl haben, frei zu sein. Sterben wäre einfacher, ja, aber dann hätte er gewonnen, er hätte mich vernichtet. Aber das wird er nicht schaffen. Er wird nicht gewinnen. Denn ich will leben.

A wie Anklopfen. Ich merke, wie mein Handgelenk die gewünschte Bewegung ausführt, ohne dass meine Fingerknöchel die Tür berühren. Die Übelkeit schießt meinen Körper empor und ich lasse die Hand fallen. Die Stimmen hinter der Tür klingen verschmiert und zermatscht. Ich kann ihren Sinn nicht erkennen, verstehe nur die Hälfte und halte mir die Ohren zu, als würde mich die Stille hier rausbringen. Aber ich bin noch da. Reglos starre ich auf die Wände, die mich umgeben. Eierschalengelb. Oder weiß, oder braun. In jedem Falle eierschalig. Mir fehlen die Farben, um sie beschreiben zu können und die Worte, um sie zu sehen. Mein Gehirn ist eine Schlange, die sich selbst verknotet hat, und blind vor Panik versucht zu fliehen. Doch ich kann nicht fliehen und so bleibt die Schlange, wo sie ist, windet sich still und leidet leise. Sie vermisst die Tänzer genauso wie ich. Vermisst ihre Pirouetten, ihre Sprünge, ihren Tanz. Fast tut sie mir leid, dabei will ich sie hassen. Dabei muss ich sie hassen. Ich versuche, ruhig zu atmen, versuche überhaupt zu atmen, obwohl ich jedes Mal aufpassen muss, dass nur Luft meinem Körper entweicht und keine Flüssigkeiten, die er versucht loszuwerden. A wie Atmen. Die Vase neben der Tür, vor der ich stehe, erinnert mich an die Tassen. Alles erinnert mich an die Tassen. Bei dem Gedanken spüre ich, wie die Schlange ihr Maul öffnet und ihre Reißzähne in den eigenen Körper bohrt. Auch sie muss an die Tassen denken und daran, was mit ihnen passiert ist. A wie Aufstoßen. Ich schlucke die Säure wieder hinunter, streiche mir über die Lippen, obwohl nichts sie verlassen hat. Keine Säure, kein Wort, keine Luft.

Meine erste Tasse Alkohol habe ich heimlich getrunken. Mehr aus Verzweiflung als aus Neugier, mehr aus Unwissen als aus Rebellion und mehr aus Dummheit als aus irgendetwas sonst. A wie Alkohol. Es war keiner da, der mich hätte aufhalten können, der den Alkohol hätte verstecken können. Und so öffnete ich die erste Bierflasche meines Lebens und schüttete den Inhalt in eine pinke Tasse mit Blumenmuster. Ich brauchte die Tasse. Eine unschuldige Verkleidung der Sünde, ein niedliches Kostüm, das seinen Träger verbirgt, ihn seiner Würde beraubt, ihn harmlos macht. In pinken Tassen mit Blumenmuster war das Bier bloß ein widerlicher Kakao. Ich habe keinen Schluck davon genossen, habe es hastig hinuntergekippt, das Gesicht dabei verzogen und die letzten Schlucke wieder ausgespuckt. A wie Ausspucken.
In der zweiten Tasse war kein Bier. Allerdings weiß ich auch nicht, was es stattdessen war. Jemand hatte es umgefüllt und mit Ananassaft verdünnt. Und jemand hatte die Flüssigkeit unter all den anderen Flaschen auf der Anrichte stehen lassen, war gegangen, hatte mich allein gelassen. A wie Allein. Jemand war zu einem Niemand geworden und niemand konnte mich von meinem Vorhaben abhalten. Die zweite Tasse Alkohol hat besser geschmeckt. Süß, ungefährlich, gut. Es war der Abend, der meine Gedanken zu Tänzern machte. Tänzer, die in grazilen Drehungen um mich schwebten, Bewegungen so flüssig wie der Alkohol, der in der Tasse schwappte, als wiege auch er sich zu einem stummen Takt. Und ich tanzte mit ihnen, ließ mich von ihnen führen und staunte über die Farben, die uns umgaben und die ebenfalls zu tanzen schienen. Es war jener Abend, an dem ich mich in die Tänzer verliebte. Und als sie mich gemeinsam mit dem Alkohol wieder verließen, den ich erbrach, ward die Schlange geboren.
Die Schlange war kein Tänzer, besaß keine Arme, die sie in die Lüfte strecken konnte, keine Flügel, die sie in ebenjene tragen würden, und auch keine Beine, die ihr das Fliegen auf dem Boden ermöglicht hätten. Doch der Wille der Schlange übertraf den meinen und so lenkte sie mich von der Stunde ihrer Geburt an. S wie Schlange. S wie Sucht. A wie Abhängig.
An meine dritte Tasse Alkohol kann ich mich nicht erinnern. Von der vierten weiß ich, dass sie mit Bier gefüllt war. Genauso wie die fünfte, die sechste und die siebte. Die Achte enthielt eine Mischung der Reste, die ich fand.
Die Schlange war gierig, ich war gehorsam und wir beide liebten die Tänzer. Nach Tasse elf hörte ich auf zu zählen und begann zu überschlagen. Ab Tasse zwanzig trank ich zwei pro Abend, brauchte mehr, um der Schlange zu geben, was sie wollte, mehr, um die Tänzer zu wecken. Sie waren nachtaktive Geschöpfe, die mich in ihren Armen wogen wie ein kleines Kind, die mich an den Händen nahmen und in ihre Welt voller Farbe zogen. Tänzer, die nach dem Leben gierten, genauso hungrig waren wie ich und niemals genug bekamen. Sie sogen die Farben in sich auf, ließen sich von der Melodie durch die Welt führen. Sie brachten mich zum Weinen, offenbarten mir den bittersüßen Geschmack der Trauer und lehrten mich das Lied des Lachens. Ich holte sie Abend um Abend zurück, brachte ihnen nach neunundneunzig Tassen bei, auch am Tage zu tanzen, zeigte ihnen die Schönheit des Sonnenaufgangs, lehrte sie unter dessen orangerotem Licht zu tanzen wie in der Dunkelheit der Nacht. Einhundertsiebzig Tassen vergingen, einhundertachtzig Tassen folgten. Einhundertneunzig Tassen jagten zweihundert nach. Ich hörte auf zu zählen, ich begann wieder bei null. Und ich fürchtete mich. Dreihundert Tassen zerbarsten an Wänden. Ihre Scherben spiegelten die Grimasse der Angst. Zweihundert weitere zersplittern am Boden. Ihre Scherben spiegelten die Fratze der Panik. Und ich tanzte weiter. Tanzte im orangeroten Licht des Sonnenaufgangs, tanzte durch die heiße Luft der Mittagshitze, tanzte in die Abenddämmerung hinein und aus der Finsternis der Nacht hinaus. Fünfhundert Tassen und die Tänzer verließen mich nicht mehr, sechshundert Tassen und ich hörte nicht mehr auf zu tanzen, siebenhundert Tassen und das Tanzen tat mir weh. Eine letzte Tasse zerbrach an der Wand. In den Scherben spiegelte sich nichts, denn ich konnte nichts mehr erkennen.

Die Wände sind eierschalengelb. Oder weiß, oder braun. In jedem Falle eierschalig. Das Klopfen ist lauter als das Schreien der Schlange. Die matschigen Stimmen verstummen. Mir wird geöffnet. Der Flur dreht sich linksrum, mein Magen rechtsrum, mein Kopf mal so, mal so. Mir ist schlecht. Ein Mann steht vor mir. Er ist alt, doch er hat den Körper eines Tänzers.

„Tut mir leid, aber wir befinden uns mitten in einer Sitzung“, sagt er.

„Ich weiß. Ich will teilnehmen“, sage ich.

„Das ist das Treffen der Anonymen Alkoholiker“, sagt er.

„Ich weiß. Ich will teilnehmen“, sage ich.

Er schaut mich lange an. Sein Urteil fällt und stürzt auf die Schlange. Ihre Schreie zerfetzten meine Ohren, meinen Kopf, mich.

„Wie alt sind sie denn, wenn ich fragen darf?“

Ich jage dem Wort für einige Zeit nach, ehe ich es fangen kann.

„Vierzehn“, sage ich.

Hübsch ist sie, groß und schlank, Modelmaße, die Beine gefühlt endlos. Der Teint ist ebenmäßig, das ganze Jahr über leicht gebräunt. Es ist ihr Erscheinungsbild, das die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht und doch ist es nicht ihr genormter, kommerziell umworbener Typus, der sie unvergesslich macht. Es ist diese ganz besondere, taffe Art, die charakteristische Kreativität, welche ihr eine unverblümte Schlagfertigkeit und Wortgewandtheit ermöglicht. Scheinbar perfekt, unbekümmert und sorglos.

Erst kürzlich hat er seinen Dreiundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Die ganze Dorfgemeinde lobt allgemein seine Sportlichkeit, noch so fit in dem Alter, das finden sie fantastisch! Wie er morgens um acht, direkt nach dem Frühstück, mit dem Elektrobike seine tägliche Runde an der frischen Luft dreht, mindestens fünf Kilometer legt er dabei zurück. Oftmals dehnt er die Fahrt noch in das nächstgelegene Dorf aus, um im Supermarkt Einkäufe zu erledigen. Schon seit Jahren verfolgt er den gleichen Speiseplan. Und donnerstags wird gebacken, Vollkornbrot.

Hier im Ort kennt man sich, man grüßt sich auf der Straße. Sein Haus hat vier Stockwerke und einen Wintergarten. Seit der ersten Knieoperation seiner Frau vor sechs Jahren hält diese sich fast ausschließlich im Erdgeschoss auf. Im Untergeschoss befindet sich eine selbstgezimmerte Sauna. Gerne schwitzt er hier im 15-Minuten-Takt, um anschließend im Kneipbecken des Nebenraumes unterzutauchen. Diesen Vorgang wiederholt er täglich mehrmals, die revitalisierende Wirkung erfreut ihn.

In der Schule war sie stets beliebt, die Ausbildung zur Kindergartenpädagogin förderte die soziale Veranlagung. Sie hatte viele Freundinnen, manche naiv oder faul, doch fast ausschließlich immer gut gelaunt. Oberflächliche Erzählungen in den Pausen als begleitende Routine bis zum Abschluss vor ein paar Jahren. Dieses letzte Zeugnis war ein Erfolg.  Nun, mit ihren vierundzwanzig Jahren, blickt sie mit Stolz, jedoch ohne Wehmut zurück. Den gewünschten Job im auserwählten privaten Kindergarten hat sie bekommen und begeistert die Kinder mit ihrer unerschöpflichen, gut durchdachten Auswahl an Spielen.

Niemand kann ahnen, wie gebrochen sie innerlich einmal gewesen ist. Er war es, der sie gebrochen hatte. Er hatte ihr die Kindheit genommen.

Die Wochenenden, die sie stets bei den Großeltern verbringen sollte, waren dazu prädestiniert, ihren Puls zwei Tage lang vor Angst rasant ansteigen zu lassen. Niemand konnte wissen, dass die Verweigerung, den Großvater bei seiner täglichen Radtour zu begleiten, zur Bestrafung führen würde. Ein Schlag ins Gesicht, der die Wange der damals Fünfjährigen bereits zum Glühen brachte. Das vertraute Gefühl der salzigen Tränen, die in Strömen die Wangen nässten, das eigene durchdringliche Schluchzen, dass er unterband. Die zornigen Worte, die er ihr entgegenschleuderte, die Fragen, warum sie bloß seinen Lebensstil nicht teilte und das darauffolgende Auflachen, mit dem er sein verachtendes Unverständnis für sie ausdrückte.

Niemand konnte ahnen, dass er, als sie sechs Jahre alt war, das erste Mal in der Sauna ihre Beine auseinander gedrückt hatte. Sieh hin, hatte er gesagt, als er sie anfasste. Wie die Angst sie packte. Wie sie den Mund hielt, wie die Verzweiflung die Lippen zusammenschnürte und sie still leiden lies. Er sagte ihr, sie müsse ihn ebenfalls anfassen. Niemand konnte nachvollziehen, dass sie den unerträglichen Zwang verspürte, alles über sich ergehen lassen zu müssen. Weil er beliebt war, weil er ihr Großvater war, weil niemand etwas gesagt hatte. Weil ihre Eltern es befürworteten, wenn er sie mit in die Sauna nach unten nahm, weil sie nichts Unangenehmes daran zu sehen schienen. Monatlich tätigte er Überweisungen auf ihr Konto, variierend je nach Folgsamkeit. Bestrafung und Belohnung.

Es hatte vier Jahre gedauert, bis sie zusammengebrochen war. Bitte, ich will nicht hinfahren. Bitte, Mama.

So brach der Kontakt ab. Die Überweisungen endeten, das Taschengeld sei ja ohnehin hoch genug. Bei darauffolgenden Besuchen, nun höchstens zweimal im Jahr, sperrte er sich im Arbeitszimmer ein. Sie weinte, Unverständnis und Furcht vor der ganzen Welt fanden zu diesem Zeitpunkt den Platz in der Kindesseele.

Oft schreckte sie die darauffolgenden Jahre nachts hoch, die Albträume kamen und gingen.

Es gab auch bessere Phasen. Beziehungen, die tiefer gingen als oberflächliches Gerede, baute sie nur schwer auf. Die Umarmungen der Freundinnen in der Schule ertrug sie, ihren ersten Kuss ließ sie über sich ergehen. Oft zuckte sie vor Berührungen weg, Unverständnis ihrer Mitmenschen führte bei vielen zur Entfremdung.

Die Zeit und der eigene Wille halfen ihr zu lernen, damit umzugehen.

Und so steht sie mit ihren vierundzwanzig Jahren vor ihrer Gruppe im Kindergarten, als David zu einem Mädchen sagt, wenn ich dich nicht nackt sehen darf, sperr ich dich im Klo ein. Als er auf die Kleine zugeht und ihr zwischen die Beine greift. Als diese nicht weiß, was sie sagen soll, sie nur flehend ansieht.

Jedes Kind bekommt nun ein Blatt Papier. Darauf ist der Umriss eines Menschen skizziert. Grün angemalt werden die Bereiche, an denen man berührt werden möchte, rot werden die Zonen markiert, an denen man nicht angefasst werden darf. Die „Tabu-Zonen“. Die „Stopp-Zonen“. Hier darf man das Stopp auch ganz laut rufen, wo man sich doch sonst oftmals so ruhig verhalten soll. Die Kinder dürfen Bilderbücher zum Thema gemeinsam durchblättern.

Der empörte Anruf einer Mutter, warum ihr Kind mit so vielen Fragen heimkäme, unverschämt sei das.

Als ausgebildete Pädagogin weiß sie, auch damit umzugehen. Ihren Einfluss auf die nächste Generation wird sie zweifellos nutzen.

Sie ist meine Heldin, die meiner Kinder und deren Kinder. Sie ist die Heldin des kleinen Mädchens, das sich nicht traut „Stopp“ zu sagen und die des Jungens, der die Tragweite seines unüberlegten Handelns noch nicht begreifen kann.

Lilo sieht mich und lächelt – das ist der Moment, auf den ich mich jedes Mal freue.

„Hi Patrick.“ Sie kommt zu mir herüber. „Schön, dich zu sehen.“

„Lügnerin.“ Ich zupfe an ihren Haaren. „Neue Frisur?“

„Ja, gefällt sie dir?“ Lilo dreht sich einmal um sich selber.

„Absolut. Das Silber bringt das Blau deiner Augen perfekt zur Geltung.“

Die Lametta-Perücke knistert leise, als sie lacht und dabei den Kopf bewegt. „Weißt du, was das Beste ist?“

„Dass du sie Weihnachten an den Tannenbaum hängen kannst?“

„Quatsch“, sie sieht mich tadelnd an. „Der Besitzer vom Secondhandshop versucht, mir noch eine in Gold zu besorgen.“

„Hervorragend.“ Ich grinse und führe sie zu ihrem Stuhl. „Wenn´s einer tragen kann, dann du.“

„Ganz mein Reden.“ Sie streift ihre Schuhe ab und setzt sich. „Wenn schon Schicksal, dann wenigstens mit Style.“

Chic-sal, sozusagen?“ Zufrieden bemerke ich, dass sich ihr Gesicht aufhellt.

„Exakt.“ Lilo krempelt ihren Ärmel hoch. „In Gold dann sogar Chic-sal de luxe.“

Ich lache und ziehe mir den kleinen Hocker heran. „Sänger hoffen auf die Goldene Platte, du auf die Goldene Matte.“

„Ha, ha“, äfft sie, aber ihre Augen leuchten.

„Ok.“ Ich streiche über ihren Arm. „Kann es losgehen?“

Lilo schluckt, nickt aber.

 

Jetzt kommt der Moment, den ich jedes Mal hasse: Ich ziehe Handschuhe an, desinfiziere die Haut über ihrer Vene und lege den Zugang. Wie immer lässt Lilo das Prozedere wortlos über sich ergehen, aber ich spüre, dass es ihr heute schwerfällt: Sie hat die Augen geschlossen und beißt auf ihrer Unterlippe herum.

„Hey?“ Ich ziehe die Handschuhe aus und zupfe wieder an einem der Lamettafäden. „Was geht dir durch den Kopf?“

„Nichts.“

„Komm schon, Lilo: Raus damit.“

Sie öffnet die Augen und fragt leise: „Meinst du, du könntest heute noch mal den Steward spielen? So wie beim ersten Mal, als ich hier war?“

„Für dich? Immer.“ Ich räuspere mich und sage in bester Flugbegleiter-Manier: „Herzlich Willkommen an Board der Screw-Cancer-Airlines. Da bei einer ambulanten Chemotherapie jederzeit Turbulenzen auftreten können, bleiben Sie bitte so lange auf Ihrem Stuhl sitzen, bis die Infusion vollständig durchgelaufen ist. Die Spuckschale befindet sich zu Ihrer Linken“, ich mache eine entsprechende Handbewegung, „Tee und Bonbons zu Ihrer Rechten. Ich bin jederzeit Ihr Ansprech-, bei Bedarf auch gerne Ihr Anbrechpartner.“

„Danke, Patrick.“ Sie lächelt, aber in ihren Augen schillern jetzt Tränen.

„Was ist los, Lilo?“ Ich greife nach ihrer Hand.

„Meine Freunde tragen sowas zu Karneval oder Uni-Partys.“ Sie reißt die Perücke herunter und streicht über ihren kahlen Kopf. „Dieses Chic-sal ist ätzend. Es ist ungemütlich und kratzt.“

„Ich weiß.“ Mein Herz bricht für diese liebenswerte, junge Frau. „Aber ich weiß noch etwas, Lilo: Kratzen ist immer noch besser als abkratzen. Meinst du nicht auch?“

„Doch.“ Sie seufzt, lächelt dann entschlossen und setzt die Perücke wieder auf.

Freiheit ist Gerechtigkeit.

„Die Angeklagte wird freigesprochen. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.“
Monas Beine zittern, ihre Finger umklammern die hölzerne Anklagebank, damit sie nicht umfällt. Der Richter erzählt jede Menge über Haustyrannen und Notstand. Juristisches Geschwätz, das sie nicht versteht.
„Herzlichen Glückwunsch, Frau Ruß. Sie sind jetzt frei.“
Die Worte von Herrn Spieker, ihrem Verteidiger, klingen mitleidig. Mona nickt mechanisch. Frei. Als sie auf ihre Hände schaut, meint sie, das Blut zwischen ihren weiß hervorstehenden Fingerknöcheln noch zu sehen.

Freiheit ist der Mut der Verzweiflung.

Monas Finger umklammern das Heft des Messers.
Ich bringe dich um. Dieses Mal bringe ich dich wirklich um! Seine Worte hallen durch ihren Kopf. Ihr ist schlecht und ihr zugeschwollenes linkes Auge pocht unangenehm.
„Diesmal nicht“, murmelt sie. Er schnarcht und dreht den Kopf zur Seite. Mona schaut ihn fest an und sticht zu. Mehrmals. Das Laken sieht aus, als sei sein billiger Rotwein darauf ausgekippt. Sie erbricht sich zitternd neben das Bett.

Freiheit ist ein Neuanfang.

Presselichter flammen auf. Mörderin. Mörderin. Mörderin. „Verzweifelte Frau tötet nach jahrelanger Misshandlung ihren schlafenden Mann – und wird freigesprochen.“ Der Reporter zitiert den reißerischen Titel, bevor er ihr das Mikrofon unter die Nase hält.
Herr Spieker schiebt sich zwischen Mona und die Presseaasgeier und bringt sie zu einem Nebenausgang.
„Passen Sie auf sich auf“, sagt er. Mona sieht ihm hinterher und hat keine Ahnung, wohin sie gehen soll. Was sie machen soll. Wie sie auf sich aufpassen soll. Sie lächelt, ganz vorsichtig, als sie nach draußen schleicht, und die Sonne über ihrem neuen Leben lacht.

Freiheit ist eine Bürde.

Mona lächelt die Verkäuferin versteinert an.
„Ich möchte nicht neugierig sein, Frau Ruß, aber…“
Mona will die Hände auf die Ohren pressen, um die Worte nicht mehr zu hören. Frau Weiler möchte nicht neugierig sein. Ebenso wenig wie Frau Müller, die Friseurin und Herr Polka, der Metzger oder Janet, die Fitnesstrainerin. Mona sieht die Neugierde in ihren Blicken, den Ekel, die Faszination.

Freiheit ist eine Illusion.

„Du bist Abschaum.“ Tritt. „Ein Niemand.“ Tritt. „Eine billige Hure.“ Tritt. „Ein nutzloses Dreckstück.“
Ted schwenkt die zerbrochene Weinflasche über ihr. Mona kauert in der Ecke.
„Du wirst mich nie los, nie! Außer du verreckst“, lacht er. Fußtritt. Lachen. Fußtritt.
„Aber selbst dafür bist du zu blöd.“ Rettende Schwärze.

Freiheit ist die bittere Pille der Flucht.

Mona verlässt die Party, auf der sie nur ihrer Freundin Silke zuliebe ist. Silke, die fröhlich lacht und ihr ein Sektglas in die Hand drückt.
„Gut, dass du ihn endlich los bist.“
Silke, die ihren so attraktiven Kollegen aus dem Tennisclub vorstellt und dabei zwinkert. „Hab‘ doch mal Spaß.“, „Lach‘ doch mal.“ „Leb‘ doch endlich.“ Als ob das ginge.
Mona ist so wütend, dass der Kokon der Gleichgültigkeit ein bisschen aufbricht. Nicht viel. Aber so weit, dass die kalte Luft, die vom Rhein weht, hineinkriecht und sie ruft.

Freiheit ist die Verlockung des Loslassens.

Mona sitzt auf dem breiten Geländer der großen Rheinbrücke. Das Wasser lockt mit süßem Vergessen. Komm schon. Du willst doch vergessen. Panta rhei. Alles fließt. Fließ fort mit mir. Sei frei. Keine Blicke mehr, keine Fragen.
„Sie sollten da runterkommen, sonst fallen Sie noch.“
Eine alte Frau mit öliger Mütze und tiefen Furchen im Gesicht zerrt an ihrem Ärmel.
„Was geht Sie das an?“, fährt Mona sie an.
„Ich weiß, wer Sie sind.“ Die Frau mustert sie. Ihr Blick ist wissender, als Mona lieb ist.
„Na toll.“ Mona dreht ihr wieder den Rücken zu.
„Glauben Sie, es ist besser, wenn einen niemand kennt?“, fragt die Frau. Ihre Stimme klingt bitter.
„Dann könnte ich wenigstens neu anfangen“, murrt Mona und sieht sie doch wieder an. Ihr Murren ist halbherzig.
„Man kann das Leben nicht zurückspulen und neu bespielen wie eine alte Kassette. Man kann es nur ändern. So wie Sie damals. Machen Sie doch was draus.“
Ihr Blick gleitet suchend über Monas Gesicht. Die kalte Luft vom Wasser lockt nicht mehr, sie lässt Mona frösteln.
„Geben Sie ihm keine Macht mehr“, sagt die Frau. Dann schlurft sie weiter.
Mona rutscht ein Stück zurück, weg vom Wasser. Sie schaut in den Himmel. Die Sterne leuchten hell in der klaren Nacht. Ab und an werden sie von einer Wolke verdeckt. Es kümmert sie nicht. Sie funkeln einfach weiter und warten, bis die Wolke vorbei zieht.

Freiheit ist der Geschmack der Hoffnung.

„Ich habe beschlossen, es noch mal zu versuchen. Das mit dem Leben. Gewinnen hat Ted nicht verdient“, beendet Mona ihre Erzählung in der Gruppe. Jedes Wort hat ihren Schutzkokon ein bisschen mehr zerrissen, und als er am Ende komplett aufbricht, fühlt sie sich nicht nackt. Sie ist erleichtert. So als hätte er sie gar nicht geschützt, sondern ihre Brust eingeschnürt.
„Das erste Mal ist es am schwersten“, meint Lisa, ein Mädchen mit Narbe auf der Wange und leuchtenden Augen, später zu ihr. „Aber dranbleiben lohnt sich. Es kann auch ziemlich gut sein, das mit dem Leben.“
Mona lächelt ganz leicht. So schmeckt also Hoffnung.

Es kann natürlich sein, dass diese Geschichte anders ausgegangen ist. Dass die beiden nicht über die Gleise, dann aus der Stadt hinaus, durch Dickicht und schmutzige Straßen immer weiter südlich gelaufen sind, um dann in der Nähe von Rom gemeinsam eine Strandbar zu eröffnen. Kann sein, dass sie ihr Ende schon 1980 in den sanften Schwüngen des Schatt al-Arab, des Grenzflusses zwischen Iran und Irak, gefunden haben, hilflos und alleine. Kann sein, dass sie sich erst Jahre später gegenüberstanden, irgendwo unter glühender Sonne in irgendeiner Wüste, längst vom Hass zerfressen, und vergessen haben, was sie eigentlich wollten. Ich kann’s nicht sagen, denn ich war nicht dabeiund wirklich kennengelernt habe ich die beiden eigentlich auch nicht.

1980 war das Jahr, in dem wir zu viert das erste Mal in die Freiheit aufbrachen. 17 Jahre, Interrail-Ticket in der Tasche, Sommerferien und den Rucksack auf den Schultern. Abenteuer in überfüllten Bummelzügen ohne jeglichen Zeitdruck. Man lernte Leute im Vorübergehen kennen, tauschte sich aus, lachte zusammen. Unser Ziel war Griechenland, für uns lag das eine Ewigkeit entfernt, und die Strecke war voller Orte, die wir nicht kannten. Paris – ich habe Fotos, auf denen meine Freunde auf dem Blechdach der Notre Dame liegen, erschöpft, in der Sonne dösend. Venedig – die erste Dusche am Bahnhof nach vier Tagen und das erste Mal das Blau des Meeres. Von Venedig aus führte die Route nach Jugoslawien, vor uns lag ein Land in Unruhe. Tito war gerade gestorben, der Sozialismus zog seine eigene Barrikade, verschärfte Grenzkontrollen verursachten leichtes Kribbeln im Bauch und Unruhe vor dem, was vor uns lag. Es dämmerte längst, als der Zug Triest erreichte. Der letzte Bahnhof vor der Grenze sorgte für Unruhe, Reisende stiegen aus, beladen mit Koffern und Taschen, um am nahen Meer ihren Urlaub zu verbringen. Wir blieben in unserem Abteil, unser Ziel lag noch in weiter Ferne, also warteten wir darauf, dass es weiterging. Der Bahnhof leerte sich, die Zeit verging, dann auf einmal Rangierarbeiten auf unserem Gleis, hektisches Treiben, welches wir nicht erklären konnten. Der Zug bewegte sich und verschwand. Wir nicht. Wir blieben stehen. Unser Waggon war abgekoppelt und stand verlassen.

Es dauerte nicht lange, und es klopfte an unserer Abteiltür. Großraumwaggons gab es noch nicht, jedes Abteil bestand aus zwei Reihen mit vier sich gegenüberliegenden Sitzplätzen. Eine Schiebetür und Vorhänge zum Gang sorgten für ein wenig Abgeschiedenheit. Zwei arabisch aussehende junge Männer standen davor und fragten, ob es bei uns noch Platz für sie gebe, und ob wir wüssten, was mit diesem Zug passiert sei. Sie setzten sich zu uns und wuchteten ihre Reisetaschen auf die Gepäckablage über ihren Köpfen. Es gab keine peinliche Stille, wie man sie erlebt, wenn Fremde den Raum betreten. Wir waren neugierig, wollten wissen, wie das Leben an anderen Orten der Welt funktioniert. Die beiden waren freundlich und sympathisch, und so kamen wir bald ins Gespräch. Wir erzählten, lachten, waren stolz auf unseren Mut, die Welt zu erkunden. Dann haben wir die beiden nach ihrem Weg gefragt. Die Antwort darauf traf uns unerwartet. Tatsächlich habe ich erst viel später verstanden, wenn ‘verstehen’ ein nicht zu anmaßendes Wort dafür ist.

Sinan (Hieß er Sinan? Der Name würde gut zu ihm passen.) studierte BWL in London. Er war 23 Jahre alt, seine Familie, auf die er sehr stolz war, hatte zusammengelegt, um ihm sein Studium zu ermöglichen. Er hatte eine britische Freundin, die Ellen hieß, und die er schon jetzt vermisste. Geboren war er in Teheran und dorthin war er nun unterwegs. Ihre Reise würde weitere vier Tage dauern, und bis Athen würden wir gemeinsam unterwegs sein. An seiner Seite saß Kaya, er kam aus Paris und studierte Medizin. Er war etwas älter als Sinan, schweigsamer, und er lebte seit zwei Jahren in Frankreich. Sein Vater war Arzt in einem Krankenhaus in Bagdad, und er hatte viele Geschwister. Auf die Frage, wie lange sie schon befreundet seien, erklärten beide, sie wären erst seit Paris gemeinsam auf Reisen. Später begannen sie leise, sich in arabischer Sprache zu unterhalten. Die Nacht war warm, das Abteil stickig, der Bahnsteig öde und verlassen, und so erwarteten wir den Morgen. Das Gespräch der beiden war ernster geworden und riss schließlich ab. Ich sah zu Sinan herüber, der mir schräg gegenüber saß. Er sah sehr bedrückt aus. ‘Everything okay?’, flüsterte ich in das Halbdunkel hinein. Jetzt war es Kaya, der leise zu sprechen begann, der uns erklärte, warum die beiden unterwegs in ihre Heimat waren, und dass es nicht freiwillig geschah. Seine Stimme brach ab, mitten im Satz, er griff nach seiner Tasche und zog ein Schreiben heraus. Sinan tat es im gleich und sie reichten uns die Papiere herüber. Wir hielten zwei offizielle Dokumente in der Hand, Stempel, Unterschriften. Beide waren in arabischer Schrift verfasst. Sie zeigten uns ihre Einberufungsbefehle. Einer trug die iranische Flagge im Briefkopf, der andere kam aus dem Irak.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, eingeschlafen zu sein, ich weiß auch nicht mehr, worüber wir in den letzten Stunden dort in diesem Zugabteil gesprochen haben. Ob ich überhaupt etwas gesagt habe, ob ich in diesem Moment ahnte, was das für die beiden bedeutete. Fakt ist, am nächsten Morgen waren sie nicht mehr da. Der Waggon wurde wieder angekoppelt, ein neuer Zug setzte sich in Bewegung, ohne dass sie darin waren.

Vier Wochen später, am 4. September 1980 begann der erste persische Golfkrieg, in dessen achtjährigem Verlauf über eine halbe Million Menschen starben. Irak und Iran standen sich erbittert gegenüber. Es folgte der zweite Golfkrieg und unzählige Scharmützel mit vielen weiteren Toten, nicht nur in der arabischen Welt.

Wenn ich heute über irgendeinen Krieg nachdenke, kommt mir fast wie ein Reflex diese Begegnung in den Sinn. Sie visualisiert für mich den Anfang dessen, was jeder Auseinandersetzung vorausgeht: Die Entscheidung teilzunehmen. Oder es zu lassen. Worüber haben diese beiden gesprochen auf der Fahrt in ihr ‚Abenteuer’? Wussten sie, was kommen würde? Sie waren sich der Spannungen im Land bewusst. Hatten sie Angst? Ganz bestimmt. Freund und Feind nebeneinander. Man mag sich das nicht vorstellen. Ich nicht. Meine Hoffnung ist, dass dieses Abkoppeln des Waggons für die beiden ein Zeichen war, ein Signal, welches auf einmal ‘Halt’ geschrien hat. Sie umdenken ließ. Ich wünsche mir so sehr, dass wir vier an genau dieser Stelle in ihr Schicksal eingefügt wurden, und unsere Freundschaft eine winzige Rolle spielte, bei der Entscheidung den letzten Rest Bedenken fallen zu lassen. Dass wir ihnen die Tür aufgehalten haben, sie über die Gleise und raus aus der Stadt sind, durchs Dickicht und immer den schmutzigen Straßen entlang, bis nach Rom, wo sie heute in einer Strandbar sitzen und jeden Tag dankbar sind, damals einfach ausgestiegen zu sein.

Es war ein ganz normaler Samstag im Mai, als dieses Wesen plötzlich Einzug nahm. Obwohl der Nachmittag bereits anbrach, war ich erst aufgewacht und hatte mich vom Bett, ohne Umwege, direkt auf das Sofa im Wohnzimmer begeben. Dort lag ich nun, fühlte durch den dünnen Pyjamastoff das kalte Leder, den Blick nach oben auf die Zimmerdecke gerichtet. Mein Puls war viel schneller als sonst, mein Körper kribbelte. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, das Atmen fiel mir schwer. Die Gedanken kreisten um die Vergangenheit, um das Jetzt, um die Zukunft – und alles schien aussichtslos. Mein Leben lief perfekt, aber ich wusste nicht weiter. Hatte Angst, wollte weinen und schreien, es kam allerdings nichts. Was war geschehen? Gestern Abend war ich mit Freundinnen unterwegs gewesen. Ich hatte mich nicht gut gefühlt, war unerwartet traurig geworden und deshalb früh nach Hause gegangen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass der Dämon an jenem Abend sein Ziel – meinen Kopf – erreicht hatte. Ich hätte ihn kommen sehen müssen, doch war in meinem perfektionistischen Leben kein Platz für Aufmerksamkeit gewesen. Ich durfte schließlich nicht müde sein, abschalten oder entspannen. Ich war noch jung, musste Energie in meine Zukunft investieren, feiern, leben und sollte keine Gelegenheit verpassen – so konnte er sich unbemerkt anschleichen.

„Mama, du musst kommen, irgendwas stimmt nicht mit mir“, hauchte ich in mein Handy, nachdem ich mich nach Stunden aufgerafft und die Kurzwahltaste gedrückt hatte.

An diesem und dem darauffolgenden Tag konnte ich nichts mehr essen. Das lähmende Gefühl fesselte mich ans Bett. Sicher die Hormone, dachte ich, stand nicht meine Periode bevor? Nach und nach realisierte ich jedoch, dass ich das Opfer eines Dämons geworden war, den ich ab sofort immer besser kennenlernen würde – denn nun hatte er meine ganze Aufmerksamkeit gewonnen.

Der Frühling verging, es wurde Sommer. Morgens kam die Sonne zum Fenster herein und ich sollte eigentlich geweckt werden – eigentlich. Der Dämon nahm mir stattdessen das Licht, außerdem den Atem und die Tränen. Wie gerne hätte ich geweint, doch ich fühlte nichts. Und das seit vielen Wochen.

„Depressionen sind heilbar!“ Mir gingen die Worte von Doktor Fröhlich durch den Kopf, den ich nun regelmäßig besuchte. Ich wusste, er konnte den Dämon nicht töten, dafür konnte er mir sagen, wie Dämonen zu zähmen waren.

Ich traf eine Freundin, hörte aber nur diesem Biest in meinem Kopf zu. Sie erzählte mir von ihrer Arbeit, der Dämon flüsterte: „Nachher bist du wieder allein.“

Er wusste genau, wie er mir Angst machen konnte. Alleinsein bedeutete Lähmung. Im schlimmsten Fall eine Panikattacke. Nicht einmal das Stück Schoko-Sahne-Torte, das vor mir stand, nährte meine Seele. Für mich war es wie die ganze Welt um mich herum: einfach nur dunkel. In etwa so, als würde man sich die Schoko-Sahne-Torte in schwarz-weiß vorstellen. Da verlor sie ganz schnell ihren Reiz. Ich versuchte zuzuhören, wenn mit mir geredet wurde, der Dämon redete lauter. Ich sollte ihn nicht beachten, mich stattdessen auf das Außenleben fokussieren, wie mir Doktor Fröhlich geraten hatte.

Manchmal gelang es mir. Dann konzentrierte ich mich zum Beispiel auf eine schöne Blume, analysierte die Menschen in der Bahn oder lenkte meinen Blick einfach nur auf einen Punkt in meinem Zimmer. Ich entdeckte das Schreiben für mich, tauchte ein in Fantasiewelten. Dort war ich stark, schon längst der Held, kannte keinen Dämon. Dort musste ich aber auch nicht erwachsen sein, musste nicht funktionieren, hatte keine Pflichten – und doch funktionierte ich dort mehr als in der Realität. Ich konnte beobachten, wie der Dämon sich anfing zu langweilen, wenn er keinen Zuhörer hatte. Dann verstummte er plötzlich. Manchmal akzeptierte ich, dass er in mir sein Unwesen trieb. Ich merkte, dass Annahme eine weitere effektive Methode war, die den Dämon ruhigstellte. Womöglich, weil so kein Kampf zwischen uns zustande kommen konnte.

Es kamen Tage, an denen sich die Gefühlslosigkeit in Wut umwandelte. Man sollte meinen, Wut sei ein negatives Gefühl, doch wenn ein Mix aus Trauer und Gefühllosigkeit plötzlich in Wut umschlägt, ist das ein ziemlicher Erfolg. Vielleicht war diese Wut stark genug, den Dämon zu verjagen? Mir erschien es jedenfalls effektiver, ihn anzuschreien, als mich von ihm unterdrücken zu lassen.

Ich erinnere mich genau an diesen einen Moment, als ich spazieren ging, es muss ungefähr im November gewesen sein. Kalt war es geworden, aber die Sonne strahlte. Es sollte einer dieser kraftspendenden meditativen Spaziergänge werden. Den Dämon würde ich ignorieren, meinen Blick auf die Bäume lenken, welche gerade ihre bunten Blätter verloren und auf jene, die schon komplett kahl waren und den Beginn des Winters aufzeigten. Dennoch wusste ich, es würde nicht funktionieren – ein schwarzes Tuch lag über der Welt und machte sie für mich farblos. „Trainiere, gib nicht auf“, sagte Doktor Fröhlich und deshalb hatte ich meine wenigen, übrig gebliebenen Energiereserven angezapft und war nach draußen gegangen. Aufgeben würde ich garantiert nicht. Ich lief vorbei an den Wohnhäusern, mein Weg bahnte sich in Richtung See, dorthin, wo das Dorf endete und mich ein kleiner Feldweg im Nirgendwo von dem Nachbardorf trennte. Heute war etwas anders, das merkte ich bereits nach wenigen Metern. Roch die Luft heute nicht viel frischer? Wirkte nicht alles irgendwie … lebendiger? Ich lief und lief und plötzlich passierte etwas, was ich bis heute nicht vergessen habe. Auf einmal spürte ich, wie mich die Strahlen der Sonne trafen, sie kamen gebündelt von oben, breiteten sich aus und umfingen mich mit ihrer Wärme. Ich lächelte, nicht so, wie ich es die letzten Monate gemacht hatte, um den Leuten zu zeigen, dass es mir gut ging. Das Lächeln kam von Herzen und es fühlte sich richtig an. Und zudem so, als würde es plötzlich die Welt wieder zum Leben erwecken, nachdem diese seit Monaten geruht hatte. War der Dämon besiegt?

Heute, einige Jahre später, kann ich sagen: Nein, zu dem damaligen Zeitpunkt war der Dämon nicht besiegt – er kam wenige Stunden später zurück. Allerdings hatte ich das erste Mal so richtig die Kontrolle über ihn gehabt und dadurch Hoffnung geschöpft, ihn irgendwann zähmen zu können. Das ist mir gelungen, nach etlichen Kämpfen mit diesem Ding – mal hatte er die Oberhand, mal ich. Zweitere Phasen wurden immer häufiger. Seit bestimmt vier Jahren hat er sich nicht mehr gemeldet. Vielleicht sind wir sogar zu einem eingespielten Team geworden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mich jemals wieder provozieren wird. Und wenn ich mich täusche, weiß ich jetzt, wie ich mir mein Licht zurückhole!