Heute Morgen war alles anders. Die Sonne schien mir auf die Haut, doch ihre Wärme erreichte mich nicht. Umgeben von einer Schicht aus dichtem Eis ging ich die Straße entlang. Menschen kamen mir entgegen, doch sie trugen keine Gesichter. Ich wagte es nicht, ihnen in ihr Antlitz zu sehen, aus Angst, deine Züge könnten sich in ihren spiegeln. Gleichzeitig nährte mich die Hoffnung: Solange ich sie nicht ansah, könnten sie du sein. Egal wie lächerlich es klingt: dies war ein Gedanke, der mich bei Verstand hielt.

Krampfhaft hänge ich an jeder Erinnerung, während ich gleichzeitig schon das Gefühl habe zu vergessen, wie deine Stimme klingt. Wie dein Lachen sich anfühlt. Wie tief die See deiner Augen war.

Ich weiß nicht genau, warum es ausgerechnet heute so weit ist; aber als ich aufgestanden bin, beschloss ich zu der Kreuzung zu gehen. Seit fast drei Monaten habe ich sie gemieden, bin Umwege gelaufen oder gefahren. Habe mich bemüht, nicht zu sehr an dieses Ereignis zu denken, das ein Loch in mein Leben gerissen hat. Doch heute ist es soweit. Heute Morgen wusste ich es mit solch einer Gewissheit, dass ich nicht einmal die Zeit aufgebracht habe zu frühstücken. Die Blumen halte ich fest in meiner Hand. Es wird Zeit für einen Abschied, der längst überfällig ist. Einen Abschied, den mir ein Autofahrer genommen hat.

Warum ist er zu schnell gefahren?

Warum hat er dich nicht gesehen?

Warum bist du einfach weitergegangen?

Die Erinnerung frisst sich durch alles, was von dir noch übrig ist. Dein Gesicht war fast vollkommen mit dem Schal verdeckt, und doch erreichte mich dein strahlendes Lächeln auf der anderen Seite der Straße. Deine Hand, eingehüllt in einen Fäustling, streckte sich in die Luft, um mir zuzuwinken. Doch dann kam das Auto und der Fahrer sah dich nicht. Der Fahrer fuhr zu schnell. Ich konnte sehen, wie dein Lächeln starb.

Die Tränen trocknen auf meinen Wangen, die Sonne will mich trösten, doch es gibt keinen Trost für das, was ich empfinde. Jeder hat versucht mich zu trösten und ist bisher gescheitert. Während Mama mir ständig irgendwelche schlauen Bücher hinlegt, versucht meine Schwester mich nach draußen zu holen, etwas mit mir zu unternehmen. Meine Freunde haben aufgegeben, mich einzuladen. Ich sitze ja doch lieber in unserer Wohnung und starre die Wände an.

Die Wände, die früher deine Worte aufnahmen, dein Lachen laut klingen ließen und jetzt stillschweigend meine Trauer einfach hinnehmen. Es ist befreiend, nichts sagen zu müssen. Die Wände fragen mich nicht, wie es mir geht. Sie fragen mich nicht, ob sie etwas für mich tun könnten. Und wenn ich sie anschreie, dass alles, was ich will, nur ist, dass du wieder da bist, dann schauen sie mich nicht mitleidig an. Stoisch tragen sie weiterhin deine Bilder an sich, drängen mich nicht dazu sie abzunehmen. Drängen mich nicht dazu, dich zu vergessen, so wie alle anderen es tun.

Je näher ich der Kreuzung komme, desto langsamer werden meine Schritte. Immer wieder bleibe ich stehen, zögere. Ich weiß, dass deine Eltern ein Kreuz an die Stelle gestellt haben, deine Freunde Blumen, aber ich konnte nicht zurückkommen. Ich konnte die Schuld nicht ertragen.

Hast du meinetwegen nicht auf die Straße geachtet?

Hättest du mir nicht gewunken, wärest du dann noch am Leben? Wenn ich zu spät gekommen wäre – wie immer –, hättest du dann auf der anderen Straßenseite auf mich gewartet?

In den vergangenen Wochen glichen meine Gefühle einem Turm, der immer wieder zusammenbricht. Ich errichtete ihn aus Trauer, Schuld und Angst, bis ihn die Wut wieder zum Einstürzen brachte. Ein ewiger Kreislauf, der mich an unsere Kindergartenzeit erinnerte. Das erste Mal, als du mich angelächelt hast, war, als ein anderes Kind meinen Turm umgestoßen und mich damit zum Weinen gebracht hatte.

Was würdest du jetzt tun, da ich meinen Turm selbst zum Einstürzen bringe?

Die Autos fahren an mir vorbei. Teilweise zu schnell. Am liebsten würde ich die Fahrer von ihren Sitzen ziehen, ihnen die Erinnerungen an deine letzten Sekunden zeigen, damit sie verstehen, was passiert ist. Damit sie sehen, wie es ist, wenn eine Person ein letztes Mal lächelt, bevor sie für immer die Augen schließt. Dieses Bild wird mich für immer verfolgen. Selbst wenn ich dich irgendwann vergessen sollte und nicht mehr auf Anhieb weiß, wie deine Stimme klingt, dann werde ich noch immer dieses Bild von dir haben. Dein Lächeln, umringt von fließendem Blut, gemischt mit meinen Tränen, die auf dich fielen, als wäre ich nur eine Regenwolke, die über dich hinwegzieht. Ich konnte nichts sagen. Mich nicht entschuldigen, dass ich diesmal pünktlich war. Wäre ich doch unpünktlich gewesen…

Bist du böse auf mich?

Wenn du noch hier wärest, würdest du mir verzeihen?

Darf ich weiterleben? Weiter lachen?

Weiter ich sein? Auch ohne dich?

Die Erkenntnis, dass ich die Strass entlang zu weit gelaufen bin, trifft mich so plötzlich, wie das Auto angefahren kam, das dich damals traf. Ich drehe mich um und sehe das Kreuz. Dein Name, dein Geburtsdatum und der Tag des Unfalls hämmern sich in mein Gehirn. Es stehen rote Blumen um das Kreuz, was das Ganze nur noch schlimmer macht. Sie erinnern an das Blut.

Ich atme ein, ich atme aus, bis ich die Kraft habe, die letzten Schritte zu deinem Andenken zu machen. Dein Grab konnte ich besuchen. Aber diesen Ort hier? Ich stehe genau dort, wo du gestanden hast, bevor du auf die Straße getreten bist. Ich kann genau sehen, an welchem Platz ich war, um dir zuzuwinken.

Wieso bist du nicht mehr bei mir?

Wieso hat dich der Fahrer nicht gesehen?

Bist du böse auf mich?

Die Blumen in meinen Händen lassen ihre Köpfe hängen, zu sehr hielt ich sie umklammert. Trotzdem knie ich mich hin und lege sie zu den anderen. Es sind gelbe Tulpen, deine Lieblingsblumen und die einzigen, die hier herausstechen. Ich möchte dich so vieles fragen, dich um so vieles bitten, aber stattdessen sitze ich nur hier und warte. Warte, dass die Trauer versiegt. Warte, dass die Gefühle verschwinden. Warte, dass du zurückkommst.

Doch alles, was passiert, ist, dass die Sonne untergeht und meine Kälte sich mit der Nacht vermischt, bevor deine Eltern kommen und mich in ihr Auto setzen, um mich nach Hause zu fahren.

Darf ich wieder ich sein, auch ohne dich? Es tut mir leid. Ich vermisse dich.